(de) INDIEN: HINDU-NATIONALISMUS UND GEWALT

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Wed, 5 Mar 1997 11.23 GMT


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INDIEN: HINDU-NATIONALISMUS UND GEWALT

Weiss, Weichert, Hust, FischerTine (Hrsg.): Religion - Macht Gewalt. Religi"oser 'Fundamentalismus' und Hindu- MoslemKonflikte in S"udasien. IKO-Ver lag, FrankfurtlM. 1996, 240 S. 36 DM.

Indien ist im 50. Jahr der Unabh"angigkeit nicht weit von der Regierungs"ubernahme einer ,,fundamentalistischen Partei" entfernt: Die erst in den 80er Jahren gegr"undete hindu- nationalistische BJP (,,Indische Volkspartei") wurde nur durch ein breites Mitte-Links-Parteienb"undnis vorl"aufig von der Macht ferngehalten.

Wie kam es zu diesem bedrohlichen Anstieg des Hindu- Nationalismus in Indien? Die viele Inforrnationen bietenden und hervorragend recherchierten Beitr"age dieses Buches versuchen erstmals f"ur den deutschsprachigen Raum die aktuelle Diskussion um Hindu-Muslim-Gewalt zusammenzufassen und verschiedene Ursachenanalysen darzustellen. Die Einleitung der Herausgeberlnnen stellt die Beitr"age in einen historischen Zusammenhang, der das Verst"andnis des im indischen Kontext ,,Kommunalismus" genannten Ph"anomens religi"os legitimierter Gewalt- nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen libert"aren Konzept revolution"arer Kommunalpolitik von Bookchin oder Young- sehr erleichtert.

Shalini Randeria weist in ihrem grunds"atzlichen Beitrag nach, dass es sich beim Hindu-Nationalismus um eine Ideologie handelt, die mit der historischen Wirklichkeit der vielf"altigen und regional sehr unterschiedlichen religi"osen Traditionen, denen der Begriff Hinduismus "ubergest"ulpt wurde, nichts zu tun hat. Randerias Beitrag ist besonders dort erhellend, wo sie aufzeigt, wie die koloniale Politik Grossbritanniens erst die Voraussetzungen f"ur religi"os-nationalistische Ideologien schuf. Erst die britischen Volksz"ahlungen trennten nach modernen religionssoziologischen und ethnischen Kriterien auf, was vorher von den InderInnen entweder als vermischt oder ihren Alltag nicht bestimmend wahrgenommen worden war: wer Hindu und wer Muslin war, war nun pl"otzlich wichtig geworden. Aus einem Vergleich der kolonialen Zensus-Daten erhielten nationalistische Hindu Organisationen "uberhaupt erst die Perspektive, etwa anhand eines angenommenen Bev"olke Jngswachstums von Hindus und MuslimInnen auf das Aussterben der Hindus in 420 Jahren zu schliessen. ,,Wie neu die Vorstellung einer ausschliesslich religi"osen Identit"at ist, l"asst sich z.B. daraus entnehmen, dass sich bei der Volksz"ahlung von 191 1 200 000 Inder als 'Mohammedanische Hindus' bezeichneten." (S.37) Die b"urokratische Kontrolle der Kolonie verlangte eine s"auberliche, hierarchische Kategorisierung der hinduistischen Kasten. Eine Einteilung, die vorher im regionalen Kontext und im Allag der Menschen eher in fliessenden "Uberg"angen wahrgenommen wurde, legte nun Wert auf Abgrenzung, Definition der R"ander. St"andiger Streitpunkt wurde nun etwa die Frage, ob im Zensus die sogenannten ,,Unber"uhrbaren" (heute: ,,Dalits") als ,,Hindus" gez"ahlt wurden oder nicht- ,,eine Frage, die nur ein Jahrhundert fr"uher gegenstandslos gewesen w"are." (S.40) Dass sich die kolonial-modernistische Einteilung in Religionszugeh"origkeit bereits in kolonialer Zeit zweimal, Mitte der 20er Jahre nach dem Scheitern der ersten gandhianischen Nichtzusammenarbeitskampagne und nach der kolonialen Teilung des Subkontinents 1947 in kommunalistischen Gewaltorgien entlud, kann kaum "uberraschen. -------------------------------------------------------- COULD YOU TRANSLATE THIS ARTICLE FOR ENGLISH LANGUAGE READERS? ------------------------------------------------------- Doch w"are es etwas zu einfach, die Entstehung des Hindu- Nationalismus ausschliesslich der Kolonialmacht zuzuschreiben. Die folgenden, sehr differenziert argumentierenden Beitr"age von Hans Harder und Harald FischerTine zeigen, dass die Anf"ange antikolonialer Literatur (Bankimchandra Chatterjee) nicht frei von Ressentiments gegen die fr"uhere Muslim-Herrschaft im vorkolonialen Indien waren, und wie schon in kolonialer Zeit hinduistische Reformorganisationen wie etwa der ,,Arja Samaj" nationalistische Ideologien herausbildeten, die schliesslich in bisher religi"os nicht legitimierten Praktiken wie etwa dem ,,Sh"uddi"-Ritual kulminierten, mit dem niedrigkastige Hindus oder Dalits, die besonders anf"allig f"ur christliche oder muslimische Missionierungen waren, wieder rekonvertiert werden konnten.

STREIT UM DIE AKTUELLEN URSACHEN 'KOMMUNALISTISCHER' GEWALT

Nach der Ermordnung Gandhis 1948 durch Vinayak Godse, der Verbindungen zu gleich zwei hindu-nationalistischen Organisationen (RSS und ,,Hindu Mahasabha") hatte, wurden kommunalistische Gewaltideologien zeitweise unpopul"ar und konnten zur"uckgedr"angt werden. Erst in den 60er und 70er Jahren, vor allem in den sp"aten 80er Jahren flammte religi"os begr"undete Gewalt zwischen Hindus und MuslimInnen wieder auf und explodierte schliesslich in der Zerst"orung der Babri- Moschee in der nordindischen Stadt Ayodhya durch fanatisierte Hindus, die auf den Tr"ummern der Moschee einen Hindu- Tempel bauen wollten. Dieses Ereignis brachte die kommunalistische Gewalt und damit verbunden den parteipolitischen Aufstieg der BJP in Indien auch in die internationalen Schlagzeilen, wobei die Ursachenanalyse in der westlichen Berichterstattung zu w"unschen "ubrig liess und sich oft genug in der Behauptung eines quasi statisch-religi"osen Antagonismus zwischen Hindus und MuslimInnen ersch"opfte.

Christophe Jaffrelot und Georges Kristoffel Lieten befassen sich im vorliegenden Buch auf sehr unterschiedliche Weise mit aktuellen Ursachenanalysen. W"ahrend der b"urgerliche Politologe und als ,,Experte" geltende Jaffrelot "okonomische Ursachen (neuer Wohlstand von Muslim-H"andlern in Konkurrenz zu Hindu-H"andlern) nur f"ur die 60er Jahre zul"asst, ist f"ur den eher an materialistisch-marxistischer Analyse orientierten Lieten der "okonomisch-politische Wandel gerade die Hauptursache f"ur die aktuellen Auseinandersetzungen. So stehen in dem Buch b"urgerlich- soziologische und marxistische Erkl"arungsmuster nebeneinander und bieten einen guten Einblick in die kontroverse aktuelle Diskussion.

So vor die Wahl gestellt, muss ich mich allerdings doch eindeutig if"urir Lieten entscheiden, denn Jaffrelot hat meines Erachtens f"ur die 80er und 90er Jahre nur banale Oberfl"achenbeschreibungen zu bieten, die er dann als Ursachenanalyse ausgibt. So betont er die Bedeutung von Mobilisierungskampagnen und kulturellen Formen f"ur die Ausschreitungen, doch meine ich, dass etwa die Instrumentalisierung religi"oser Prozessionen f"ur kommunalistische Gewalt nur ein Mittel, aber in sich selbst keine Ursache des aktuellen Hindu-Nationalismus sein kann. Lietens Ansatz erscheint mir da "uberzeugender: anhand von Feldstudien in den D"orfern nahe Ayodhya weist Lieten nach, dass es eine Affinit"at zwischen Kastenund Klassenhierarchie in der dortigen Hindu-Gesellschaft gibt. Dalits und die unteren HinduKasten (OBCs - ,,Other Backward Casts") unterst"utzten demnach weder zentrale hindu-nationalistische Aussagen eines Antagonismus zum Islam noch w"ahlten sie die BJP. Der Hindu-Nationalismus entpuppt sich als Machterhaltungsstrategie der Reichen, der oberen Kasten wie der land- und geldbesitzenden Klassen - und kann daher nach Lieten keineswegs als Renaissance religi"os motivierter Gewalt gedeutet werden. Vielmehr hat die in den 80er Jahren noch von der regierenden KongressPartei eingeleitete monetaristische Liberalisierung der indischen Wirtschaft zu einer gesellschaftlichen Polarisierung und schliesslich ab Ende der 80er Jahre zum Niedergang der Kongress-Partei als einer die verschiedenen Interessen im herrschenden Rahmen bw1delnden Kraft gefiihrt. Die Interessen der Eliten und Besitzenden organisieren sich nun in der BJP, deren religi"oser Fundamentalismus als modernisierter Upper-Class-Extremismus gedeutet werden muss, w"ahrend die oft noch analphabetischen Massen nach Lieten keineswegs naiv den religi"osen Rattenf"angern folgen, sondern sich selbst organisieren oder linke Parteien w"ah!en. Immerhin haben 1996 indienweit nur 21 % die BJP gew"ahlt und nur aufgrund der vielen linken Splitterparteien und dem Verh"altniswahlrecht soviel Sitze gewonnen. Es wird f"ur die Zukunft Indiens entscheidend sein, wie sich diese Polarisierung weiter entwickelt und wer sich durchsetzt.

Die vier letzten Beitr"age des Buches befassen sich mit dem politischen Islam (Jamal Malik, Christina Oesterheld, Edda Kirleis) und seiner Sicht auf den Hindu-Nationalismus in Indien und in Bangladesh (dort mit dem Schwerpunkt patriarchale Machtstrukturen im l"andlichen Raum und ihre religi"ose Legitimierung). Dabei wird deutlich, dass die MuslimInnen in Indien best"andig zwischen pan-islarnischen Loyalit"aten (entweder zu Pakistan als einem potentiellen Zufluchtsort als Opfer hindu-nationalistischer Verfolgung oder zum islamischarabischen Kulturkreis "uberhaupt) und einern Bekenntnis zum indischen S"akularismus, der der Muslim- Minderheit ihre Rechte und ihre Religionsaus"ubung garantiert, hin- und herschwanken. Auch in den Reihen der indisclhen MuslimInnen hat sich ein politischer Islam herausgebildet, der historisch-kulturelle "Uberlegenheit gegen"uber dem Hinduismus beansprucht. Der Schritt von der Iderltithitsbildung zur bewaffneten Verteidigung bzw. Vergeltung ist dann nicht mehr weit.

Als besonders aufschlussreich und gegen den herrschenden Trend argumentierend m"ochte ich abschliessend Sumanta Banerjees Beitrag "uber den Kashmir-Konflikt erw"ahnen. Banerjee erkl"art den Konflikt als Folge der willk"urlichen Zwei-Staaten-Aufteilung 1947. Die Kashmiris bildeten urspr"unglich ein ineinander verwobenes Geflecht von Hindus, MuslimInnen und den BuddhistInnen des Ladakh. h;un"achst zugestandene Autonomieregelungen wurden durch die indische Zentralregierung immer weiter zur"uckgedr"angt, seit 1990 wird der Bundesstaat Jammu & Kashmir von Delhi aus regiert. Das Rihrte zun"achst zu einer s"akularen Unabh"angigkeitsbewegung, die von indischem Milit"ar und Sicherheitskr"aften brutal unterdr"uckt wurde, wie viele Menschenrechtsgruppen berichteten. Diese Unterdr"uckung wiederum f"uhrte erst zur islamistischen Pakistan-Orientierung einiger kashmirischer Guerillas. Schliesslich griffPakistan immer direkter ein, bildete islamistische K"ampfer aus oder sandte S"oldner aus dem Afghanistan-Krieg nach Kashmir. Das wiederum rechtfertigte scheinbar die Verd"achtigung einer jeden MuslimIn in Kashmir als ,,pakistanischer Spion" durch die indische Regierung. Die Situation ist heute so verfahren, dass die urspr"unglich eigenst"andigen Autonomieforderungen der Kashmiris im religi"os aufgeladenen Antagonismus zwischen Pakistan und Indien zerrieben wurden. Ganz wichtig ist Banerjees Betonung der Brutalit"aten des indischen Milit"ars bei der Dynamik des Konflikts. Entgegen vieler Interpretationen dec indischen Staats als relativ ,,schwach" zeigt sich hier gerade die Repression durch den indischen Staat als eine Ursache kommunalistischer Gewalt. Vielleicht ist das mein einziger leichter Kritikpunkt an dem Buch, dass dieser Blickwinkel in den sonstigen Beitr"agen eher fehlt.

Lou Marin

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