(deu) Dokumentation Repression Italien (Teil I - bis Sept. 1996)

A.P. (0625179964-0001@t-online.de)
Tue, 10 Dec 1996 01:25:03 -0800


Doku über die Repression gegen AnarchistInnen in Italien (Deutsch)

bis September 1996
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Repression gegen AnarchistInnen in Italien
Banküberfälle - gekaufte ZeugInnen - pauschale Verdächtigungen und
Anklagen
(Geist der Freiheit Nr. 70, März 1996)

Mitte Februar erhielten wir von GenossInnen aus München ein längeres
Flugblatt zugeschickt, in dem es um die Verurteilung von 4 Anarchisten,
ermöglicht durch eine präparierte Zeugin, und um die allgemeine
Repression gegen anarchistische Zusammenhänge in Italien geht.
Aus Platzgründen ist es uns leider nicht möglich die gesamten 6 Seiten
abzudrucken; wir versuchen hier das Wichtigste zusammenzufassen:
Am 30.09.95 werden in Trient die vier Anarchisten Christos Stragopulos,
Antonio Budini, Carlos Tesseri und Jean Weir wegen eines Banküberfalls in
1. Instanz verurteilt; Carlos zu 6 Jahren Knast (da vorbestraft), die
anderen drei zu jeweils 5 Jahren. Eva Tzutzia, die 5. Angeklagte wird
freigesprochen.
Die Verurteilten hatten den Überfall zugegeben (Warum? d.T.) und erklärt
aus persönlicher finanzieller Not gehandelt zu haben.
Im Berufungsprozeß am 01.06.95 werden die Strafen etwas herabgesetzt: 5
Jahr für Carlos, 3 Jahre und 4 Monate für die anderen.
Während dieses Prozeßes gibt es neben der ständigen Anwesenheit vieler
AnarchistInnen bei Gericht auch Soli-Konzerte und -Veranstaltungen, Infos
durch Flugblätter und Plakate, sowie ein Feuerwerk vor dem Knast. Wegen
diesem Feuerwerk werden 28 Verfahren gegen UnterstützerInnen eingeleitet,
8 von ihnen erhalten Stadtverweis für Trient.
Im Verlauf dieses Prozeßes finden regelmäßig Hausdurchsuchungen bei
FreundInnen und GenossInnen der Beschuldigten statt, ProzeßbesucherInnen
finden mehrfach ihre vor dem Gericht abgestellten Autos mit zerstochenen
Reifen vor.
Der Justiz scheint im Nachhinein das Urteil nicht ausreichend. Also
erhebt sie Anklage gegen die vier wegen eines weiteren Überfalls auf zwei
Banken. Diese, sich gegenüberliegenden Banken wurden am 20.07.94
gleichzeitig ausgeräumt und waren bislang für die Bullen ein ungelöster
Fall ohne eine Spur von den TäterInnen.
Den vier Anarchisten wird nun vorgeschlagen mildere Urteile zu fällen,
wenn sie sich dieser Tat schuldig bekennen - was diese natürlich
ablehnten.
Der erste Verhandlungstag in diesem neuen Prozeß ist der 13.10.95. Auch
hier sind wieder von Anfang an viele GenossInnen der Beschuldigten
anwesend.
Der Prozeß wird in der Folge immer wieder ohne erkennbaren Grund nach
jeweils kurzer Verhandlungsdauer vertagt, schlüssige Beweise werden nicht
vorgelegt.
Während sich der Prozeß also von Okt. 95 bis Anfang Jan. 96 ziemlich
langweilig über 4 ergebnislose Prozeßtage dahinschleppt, passiert in
Italien eine ganze Menge:
Am 16.11.95 werden im gesamten Land (einschließlich der Inseln Sizilien
und Sardinien) die Wohnungen von 60 AnarchistInnen von einer
Spezialeinheit der Carabinieri durchsucht. Gegen alle werden trotz
ergebnisloser Durchsuchungen willkürliche Ermittlungsverfahren, unter
andrem wegen "suversiver Vereinigung", "bewaffneter Vereinigung",
"Waffen- und Sprengstoffbesitz", etc. und in einem Fall sogar "Beihilfe
zum Mord" eingeleitet.
Nach diesen Durchsuchungen und der folgenden Repression gibt es Flugis
und Plakate in ganz Italien um die Öffentlichkeit auf die allgemeine
Repression gegen AnarchistInnen und über die Justizposse gegen die vier
Beschuldigten zu informieren. Die Presse wird auf den Prozeß aufmerksam,
fragt bei den Justizbehörden nach und verbreitet in der folgenden Zeit
unkritisch deren Vorverurteilungskampagnen. Anfang Januar verbreitet die
Regenbogenpresse die Lügen einer bis dahin unbekannten "reuigen"
Kronzeugin.
Als am 09.01.96 der Prozeß fortgesetzt wird, verkündet Staatsanwalt
Giordina frohlockend, daß Mojdeh Namsetchi, eine Ex-Freundin von Carlos
Tosseri, seit Monaten mit der Staatsanwaltschaft Rom und Trient
kooperiert.
Am 16.01.96 sagt diese Kronzeugin aus, daß sie den Überfall auf die
beiden Banken zusammen mit den Angeklagten begangen habe. Die
Staatsanwaltschaft stellt die Fragen so, daß sie fast nur mit ja oder
nein anworten muß, von Anfang an sieht diese Aussage wie ein abgekartetes
Spiel aus.
Zu ihrer Motivation erklärt sie, daß sie die "anarchistische Ideologie"
niemals als die ihre empfunden hätte und den Banküberfall aus "Liebe" zu
Carlos mitgemacht hätte.
Im Verlauf ihrer Aussagen kann sie sich im Wesentlichen nur an die Vor-
und Nachnahmen ihrer MittäterInnen erinnern, wobei sie noch 3 weitere
AnarchistInnen beschuldigt (Goido Mantelli, Roberta Nano und Emma
Sassosi) - Zur Frage, was sie in der Bank gemacht habe, erklärt sie, daß
sie darüber wegen der "emotionalen Anspannung" nichts mehr wisse. So
konnte sie absolut nichts über die Vorgänge in der Bank erzählern, auch
an das Herunterfallen einer Pistole, wobei sich ein Schuß (!) lößte kann
sie sich nicht erinnern. Sie behauptet weiterhin, sie hätten bei dem
Überfall alle blaue Arbeits-Overalls getragen - die Kameras der Bank
zeigen aber nur Menschen in Anzug und Krawatte! Dies sind nur die
krassesten Widersprüche, die gesammte Aussage strotzte vor weiteren...
Angesichts dieser wiedersprüchlichen Aussagen steht ausser Frage, daß es
sich um falsche Aussagen einer ebenso falschen Zeugin handelt.
Das Gericht scheinen diese ganzen Widersprüche allerdings nicht im
geringsten zu stören und die Presse berichtet diese Widersprüche aussen
vor lassend, nur über die belastenden Aussagen der Kronzeugin.
M. Namsetchi war, und das ist so ziemlich das einzige was an ihren
Ausführungen stimmt, eine Zeit lang mit Carlos zusammen, sie war in der
Tat nie Anarchistin; sie lebte am unteren Ende der Gesellschaft, immer
auf der verzweifelten Suche nach Geld zum Überleben. In einem Nachtlokal,
wo sie als Animierdame arbeitete, machte sich ein Marschall der
Carabinieri an sie heran, mit dem sie seither befreundet oder zusammen
ist. Durch diesen Bullen hat M. Namsetchi auch die Bekanntschaft der
Richter und Staatsanwälte des Verfahrens gemacht.
Es ist nicht das erste Mal, daß Staatsanwalt Marini oder einer seine
Kollegen versucht hat falsche ZeugInnen anzuheuern. Mehreren
AnarchistInnen hat er schon entsprechende Angebote gemacht und versucht
sie dazu zu bewegen, von ihm erfundene Sachen auszusagen. Nachdem diese
sich auf sowas nicht einließen, mußte ein/e ZeugIn außerhalb des
anarchistischen Spektrums gefunden werden, was mit M. Namsetchi auch
gelang.
Am Tag der Urteilsverkündung (31.01.96) versuchen Bullen vor dem Saal
Auseinandersetzungen zu provozieren (wohl um dannach die Öffentlichkeit
bzw. die GenossInnen der Angeklagten ausschließen zu können). Leute, die
sich nicht im Saal befinden werden aus dem Gericht geknüppelt und durch
die Straßen gejagt.
Die Verhandlung drinnen - eine Farce: Die Staatsanwaltschaft betont immer
wieder die Glaubwürdigkeit der Kronzeugin und schwafelt etwas von der
"psychologischen Erleuchtung" die sie veranlaßt hätte sich von den
"kriminellen Anarchisten" zu distanzieren. Die Verteidigung erklärt, nach
vielen, vom Gericht schlichtweg ignorierten Verweisen auf die
Unglaubwürdigkeit der Zeugin, daß es sich hier um einen reinen
politischen Schuprozeß handelt.
Um 12 Uhr Nachts werden die Angeklagten schuldig gesprochen: Carlos
erhält 7,5 Jahre, die anderen 6,5 Jahre.
Das bedeutet, daß die vier zusammen mit den Strafen aus dem Verfahren
bzl. des tatsächlich von ihnen begangenen Überfalls jeweils über 10 Jahre
abzusitzen haben.
Es ist auch abzusehen, daß mittels dieser "reuigen Zeugin" noch andere
GenossInnen beschuldigt und verurteilt werden (Was ist mit den 3 anderen
Beschuldigten ? Frage d.T. an die Soli-Gruppe in München).
Angesichts dieser Entwicklung ist die Gefahr groß, daß zukünftig in allen
Bereichen, wo Menschen den Herrschenden nicht passen, nach diesem Schema
verfahren wird. Es muß nur jemensch gefunden werden der/die auf Druck hin
oder für finazielle/soziale Zuwendungen den/die KronzeuIn macht und schon
lassen sich AnarchistInnen, KommunistInnen, AusländerInnen, BerberInnen,
etc. nach Gutdünken verfolgen, einknasten, abschieben...

Wir rufen in diesem Sinne alle Menschen, für die Solidarität immer noch
keine leere Floskel ist, dazu auf, über diese Vorfälle zu berichten.
Ausführliche und aktuelle Infos:
"Die Lunte"
Haus 33
Dogmagkstr. 33
80807 München
Post an die Gefangenen:
- Jean Helena Weir, Via Campognano 40, 20090 Opera (Mi), Italien
(englisch & italienisch)
- Antonio Budini, Via Prati Nuovi 7, 27058 Voghera (PV), Italien
(italienisch)
- Christos Stratigopulos, Via Sforzesca 49, 28100 Novara, Italien
(griechisch & italienisch)
- Carlos Tesseri, Via delle Campore 32, 05100 Terni, Italien
(itanienisch)
Spendenkonto für die Gefangenen: Für Anwaltskosten und persönliche
Bedürfnisse. Ihr könnt Spenden direkt an das Konto:
Mario Anzoino, Via Baretti 9, 10125 Torino, Italien - Postbankkonto (post
office current account) Kto.Nr. 14385108,
schicken. Oder Ihr wendet euch an die Münchner Soli-Adresse. Die können
das Geld überbringen und ihr spart die teuren Überweisungsgebühren.

Freiheit für Jean Weir, Christos Stratigopolus, Antonio Budini, Charlos
Tesseri und alle anderen anarchistischen Gefangenen
(Vorabveröffentlichung GdF Nr. 73 Sep./Okt. 96)

In unserer Nr. 70 (März 96) berichteten wir über die Verurteilung von 4
AnarchistInnen zu etlichen Jahren Knast, ermöglicht durch eine
präparierte Zeugin, und über die allgemeine Repression gegen
anarchistische Zusammenhänge in Italien.
Am 07. November 1996 steht nun der Berufungsprozeß an. Für alle die die
Story noch nicht kennen hier eine kurze Zusammenfassung:

Am 30.09.95 werden in Trient die vier AnarchistInnen Christos
Stratigopulos, Antonio Budini, Carlos Tesseri und Jean Weir wegen eines
Banküberfalls in 1. Instanz verurteilt; Carlos zu 6 Jahren Knast (da
vorbestraft), die anderen drei zu jeweils 5 Jahren. Eva Tzutzia, die 5.
Angeklagte wird freigesprochen.
Die Verurteilten hatten den Überfall zugegeben und erklärt aus
persönlicher finanzieller Not gehandelt zu haben.
Im Berufungsprozeß am 01.06.96 werden die Strafen etwas herabgesetzt: 5
Jahre für Carlos, 3 Jahre und 4 Monate für die anderen.
Der Justiz scheint im Nachhinein das Urteil nicht ausreichend. Also
erhebt sie Anklage gegen die vier wegen eines weiteren Überfalls auf zwei
Banken. Diese, sich gegenüberliegenden Banken wurden am 20.07.94
gleichzeitig ausgeräumt und waren bislang für die Bullen ein ungelöster
Fall ohne eine Spur von den TäterInnen.
Während sich der Prozeß also von Okt. 95 bis Anfang Jan. 96 ziemlich
langweilig über 4 ergebnislose Prozeßtage dahinschleppt, passiert in
Italien eine ganze Menge:
Am 16.11.95 werden im gesamten Land (einschließlich der Inseln Sizilien
und Sardinien) die Wohnungen von 60 AnarchistInnen von einer
Spezialeinheit der Carabinieri durchsucht. Gegen alle werden trotz
ergebnisloser Durchsuchungen willkürliche Ermittlungsverfahren, unter
andrem wegen "subversiver Vereinigung", "bewaffneter Vereinigung",
"Waffen- und Sprengstoffbesitz", etc. und in einem Fall sogar "Beihilfe
zum Mord" eingeleitet.
Die Presse wird auf den Prozeß aufmerksam, fragt bei den Justizbehörden
nach und verbreitet in der folgenden Zeit unkritisch deren
Vorverurteilungskampagnen. Anfang Januar verbreitet die Regenbogenpresse
die Lügen einer bis dahin unbekannten "reuigen" Kronzeugin.
Als am 09.01.96 der Prozeß fortgesetzt wird, verkündet Staatsanwalt
Giordina frohlockend, daß Mojdeh Namsetchi, eine Ex-Freundin von Carlos
Tesseri, seit Monaten mit den Staatsanwaltschaften Rom und Trient
kooperiert.
Am 16.01.96 sagt diese Kronzeugin aus, daß sie den Überfall auf die
beiden Banken zusammen mit den Angeklagten begangen habe. Die
Staatsanwaltschaft stellt die Fragen so, daß sie fast nur mit ja oder
nein antworten muß, von Anfang an sieht diese Aussage wie ein
abgekartetes Spiel aus.
Zu ihrer Motivation erklärt sie, daß sie die "anarchistische Ideologie"
niemals als die ihre empfunden hätte und den Banküberfall aus "Liebe" zu
Carlos mitgemacht hätte.
Im Verlauf ihrer Aussagen kann sie sich im Wesentlichen nur an die Vor-
und Nachnahmen ihrer MittäterInnen erinnern, wobei sie noch 3 weitere
AnarchistInnen beschuldigt (Goido Mantelli, Roberta Nano und Emma
Sassosi) - Zur Frage, was sie in der Bank gemacht habe, erklärt sie, daß
sie darüber wegen der "emotionalen Anspannung" nichts mehr wisse.
Angesichts dieser widersprüchlichen Aussagen steht außer Frage, daß es
sich um falsche Aussagen einer ebenso falschen Zeugin handelt.
Das Gericht scheinen diese ganzen Widersprüche allerdings nicht im
geringsten zu stören und die Presse berichtet diese Widersprüche außen
vor lassend, nur über die belastenden Aussagen der Kronzeugin.
Es ist nicht das erste Mal, daß Staatsanwalt Marini oder einer seine
Kollegen versucht hat falsche ZeugInnen anzuheuern. Mehreren
AnarchistInnen hat er schon entsprechende Angebote gemacht und versucht
sie dazu zu bewegen, von ihm erfundene Sachen auszusagen.
Am Tag der Urteilsverkündung (31.01.96) versuchen Bullen vor dem Saal
Auseinandersetzungen zu provozieren (wohl um danach die Öffentlichkeit
bzw. die GenossInnen der Angeklagten ausschließen zu können). Leute, die
sich nicht im Saal befinden werden aus dem Gericht geknüppelt und durch
die Straßen gejagt.
Um 12 Uhr Nachts werden die Angeklagten schuldig gesprochen: Carlos
erhält 7,5 Jahre, die anderen 6,5 Jahre.
Das bedeutet, daß die vier zusammen mit den Strafen aus dem Verfahren
bzl. des tatsächlich von ihnen begangenen Überfalls jeweils über 10 Jahre
abzusitzen haben.
Es ist auch abzusehen, daß mittels dieser "reuigen Zeugin" noch andere
GenossInnen beschuldigt und verurteilt werden (Die 3 anderen
Beschuldigten haben es vorgezogen sich irgendwelchen Prozeßen zu
entziehen. d.T.)

Soweit die Zusammenfassung; ausführliche Infos bietet die Brochüre "Hands
up!", diese ist gegen 3.- + 1,50 Porto bei

"Die Lunte"
Haus 33
Dogmagkstr. 33
80807 München

zu bestellen, der Erlös aus dem Verkauf geht an die Gefangenen.
In der Folge wollen wir noch einige Texte aus dieser Brochüre
veröffentlichen:

Gemeinsame Erklärung der in Italien verhafteten AnarchistInnen
(11.Okt.1994):
GenossInnen,
mit diesem Brief möchten wir einige Dinge klären, die uns am Herzen
liegen.
Als erstes möchten wir uns bei all denen bedanken, die uns ihre
Solidarität ausgesprochen haben und bei denen, die es noch tun werden in
der gemeinsamen Praxis des Kampfes.
Wir sind anarchistische Menschen, die durch ihren gemeinsamen Sinn für
Freiheit motiviert werden. Unseren persönlichen Geldbedarf hätten wir nie
decken wollen, indem wir andere Menschen oder uns selbst ausbeuten. Daher
haben wir uns entschlossen, unsere Aufmerksamkeit einer Bank zu schenken,
einer Institution, deren Verantwortlichkeiten wir alle kennen.
Die Aktion, die wir durchgeführt haben, ist folgendermaßen zu betrachten:
Wir wollten uns durch persönlichen Geldmangel motiviert, das wiederholen,
was uns zuvor geraubt worden ist.
Wir haben es versucht und es hat halt nicht geklappt.
Nachdem wir am 19. September in den Bergen von Chizzola in der Umgebung
von Trient festgenommen worden waren, begann die lokale Presse den Boden
für eine Verlemdungskampagne zu bereiten: IN fetten Lettern stellte man
und als eine Bande von AnarchistInnen dar, deren Spaß darin liegt, über
Leute herzufallen. Um diese These zu untermauern, versuchen sie uns noch
die zwei Banküberfälle anzuhängen, die in diesem Dorf - Ravina di Trento
- verübt worden sind.
Fotos von uns sind in allen lokalen Zeitungen erschienen und das
regionale Fernsehen hat sie wiederholt ausgestrahlt. Die Presse hat den
Ehemann von Jean - Alfredo Bonnano, seit vielen Jahren bekannter
Anarchist - als "Ex-Mitglied der Roten Brigaden" dargestellt. Unserer
Ansicht nach sollte damit die Grundlage für eine Anklage wegen
Mitgliedschaft in einer "terroristischen Vereinigung" geschaffen werden.
Der Banküberfall soll als politische Tat dargestellt werden.
Am 24. September ist den drei Männern unter uns mitgeteilt worden, daß
sie anläßlich der Überfälle in Ravina (Trient) in U-Haft sitzen.
Am 30. September, 10 Minuten vor dem Verhandlungsbeginn, wurde dreien von
uns - namentlich Antonio, Carlos und Christos - mitgeteilt, daß ihre
Waffen beschlagnahmt worden seinen mit der Begründung, "es müsse
überprüft werden, ob diese Waffen auch in anderen kriminellen Aktionen
eingesetzt worden sind". Weiter wurde uns mitgeteilt, daß unsere
Wohnungen durchsucht worden seinen und Flugblätter, Zeitungen und
sonstiges Propagandamaterial, das auf Zugehörigkeit zu einer subversiven
Vereinigung - hauptsächlich des Antonio Budini - deuten könnte,
beschlagnahmt worden sei.
Es ist leicht zu erkennen, daß hier versucht wird, einen Berg von
Anklagen zu konstruieren, um uns alle ihre ungeklärten Fälle anzuhängen.
Sie werden auch in unserem Freundeskreis herumschnüffeln und versuchen,
weitere MitstreiterInnen in ihre Schlußfolgerungen und Anklagen mit
einzuschließen.
Wir sind davon überzeugt, daß es nötig ist, diesem Versuch der
Inkriminierung eine Kraft entgegenzusetzen, die sich nicht nur auf diesen
spezifischen Fall bezieht, sondern sich auch anderen Bereichen zuwendet.
Gute Arbeit, MitstreiterInnen

Jean Weir
Antonio Budini
Christos Stratigopulos
Carlos Tesseri

Der Riese und das Kind
Vor Jahren hatte er es sich geschworen: "Bevor ich in Rente gehe, werde
ich noch eine Gruppe von Terroristen verhaften". Die Jahre sind vergangen
und das Rentenalter kommt immer näher. So hat sich Doktor Marini
entschlossen, seine leeren Worte in die Tat umzusetzen.
Vielleicht war es ja auch dieses Vorbild Pierluigi Vigna (a.d.Ü. ein
fleißiger Richter, der auch schon unter Starallüren litt und als seine
Lebnsaufgabe die Zerschlagung der AnarchistInnen sah), der ihn an seinen
Schwur erinnerte und an diejenigen, die sich schon immer über ihn lustig
gemacht haben: Die AnarchistInnen. Er, Pierluigi Vigna, hat eine Sammlung
von Mißerfolgen vorzuweisen. Seine Versuche uns zu inkriminieren, haben
sich immer als das herausgestellt, was sie auch tatsächlich waren:
Seifenblasen. Jetzt hat er es anscheinend satt immer als der Dumme
dazustehen, und hat geschickterweise die ganzen Seifenblasen dem Marini
zugesteckt, mit einer Zeugin als Beigabe.
Schaut mal, was aus dem magischen Zylinder springt: Ein schönes Häschen,
das durch seine Verleumdermentalität die ganze Zunft der Animierdamen
beleidigt, Animierdamen sind normalerweise sehr korrekte Personen, die
von ihrer Arbeit leben.
Unserem Häschen jedoch genügte es nicht, sich in unterschiedlichsten
Clubs zu verkaufen. Sie ist vom Barhocker gestiegen und hat die obszönen
Vorschläge der Spezialeinheiten ROS-CC aus Rom und der
Trient-Toskana-Römischen Ermittler als viel reizvoller empfunden. So hat
sie also begonnen sich in einem Gerichtsaal zu verkaufen. Dies ist eine
einträgliche Geldquelle, sie gibt Schutz und die Aussicht darauf, in der
Zukunft in einem auch im Winter warmen Land zu wohnen.
Kehren wir noch einen Moment zurück zu unseren Karyatiden. Nachdem sie
das Häschen dazu überredet hatten, sich zur Verfügung zu stellen (wie
alle Zuhälter haben sie es bedroht, Schutz und Geld angeboten), haben sie
Ihm eine Rolle übergeben: Die reuige Kronzeugin.
Dieses elende Wesen muß sich nun durchbeißen und nach ihren Angaben
erklären, wie sie eine Bank überfallen hat. Die Ärmste, sie kann sich an
keine Einzelheit erinnern. Wie soll sie sich auch an eine Sache erinnern,
die nie stattgefunden hat? Sie kann sich nur an Personen erinnern, deren
Namen ihr zugeflüstert wurden. Namen von Personen, die sie nie gesehen
hat, die sie vor dem September 1994 - als vier AnarchistInnen wegen eines
Bankraubs festgenommen worden sind - nie kennengelernt hatte.
Aber ihre Angaben müssen trotz der vielen Erinnerungslücken und
sympathischen "Offenbarungen" so glaubwürdig wie möglich wirken.
Obwohl sie sich im Zusammenhang mit den beiden Banküberfällen an nichts
erinnert, erleben wir, daß sie behauptet, es hätte sich nicht um 4
Personen gehandelt (Die Angeklagten: 3 Männer, 1 Frau), sondern um acht
(4 Männer, 4 Frauen), von welchen zwei dann mit dem Fahrrad geflüchtet
seien.
Wir hoffen wirklich nicht, daß sie sich in ein paar Tagen plötzlich an
die weiteren vier oder fünf AnarchistInnen erinnert, die sich aus
strategischen Gründen entlang der Fluchtstraße aufhielten und bewaffnet
mit Eimern voller Wasser die schwitzenden Radfahrer abkühlten. Um nicht
von den Zehn AnarchistInnen zu reden, die sorgfältig die Fingerabdrücke
vom Fluchtauto wegpolierten und dann den zu Fuß flüchtenden
AnarchistInnen folgten, um ihnen den Rücken bis zum Bahnhof zu decken.
Ein enorm großer Aufwand seitens der AnarchistInnen: Frauen und Männer in
gleicher Zahl (wo bleibt sonst die Gleichberechtigung), Autos, Züge,
Räder und Mittäter zu Fuß. Danken wir dem Häschen, daß sie nicht auch an
die Kinder erinnerte, die durch die schwierige Aufgabe des Bonbon-Klauens
die Aufmerksamkeit der Bullen auf sich zogen und schließlich die eroberte
"Beute" an die Kinderbevölkerung verteilten.
Also wirklich, auf der einen Seite möchten sie uns als enorme
terroristische Organisation darstellen, auf der anderen stellen sie uns
wie eine Horde Volldeppen dar, die mit einer 19-jährigen Jugendlichen -
die nicht einmal weiß was Anarchie überhaupt bedeutet, und nicht weiß,
daß wir gegen jede Form von Autorität und Organisation sind -
Banküberfälle starten.
Wir waren an diesem Tag nicht in Ravina di Trento, wo die Banküberfälle
stattgefunden haben sollen. Das Häschen aber behauptet, wir wären doch
dagewesen, und es wäre selbst mit dabei gewesen. Es sollte uns auch
erzählen, wie das alles vor sich gegangen ist. Es soll uns alles
erzählen, was es weiß. Und wenn wir sann eingeschlafen sind, soll es
dorthin zurückkehren, von wo es kam und dafür sorgen, daß es bei unserem
Aufwachen verschwunden ist.

Antonoi Budini

Erklärung an das Gericht von Trient
Meine heutige Abwesenheit von diesem Gerichtsaal ist ein Akt des
Protestes - das einzige Mittel des aktiven Widerstands, das mir übrig
bleibt - gegen die polizeiliche und juristische Vorgehensweise des
Staates, der in der Vergangenheit und in der Gegenwart in gewalttätiger
und richtender Form schon immer gegen die revolutionären Aktivität der
AnarchistInnen der italienischen und internationalen Bewegung
kriminalisiert hat und weiterhin kriminalisiert.
Als Anarchist und Revolutionär weigere ich mich kategorisch, noch einmal
an der Farce eines Prozeßes gegen mich und meine GenossInnen
teilzunehmen, denn dieser ist nur der Durchsetztung des Zwanges zur
Anpassung in einem Staat nützlich; dies zu einem Zeitpunkt, zu dem
zahlreiche anarchistische und libertäre GenossInnen revolutionäre
Lebensentscheidungen getroffen haben und sich nur aus diesem Grund im
Staatsgefängnis befinden. Sie finden sich innerhalb und außerhalb
Italiens, werden angeklagt und kriminalisiert - und viele von ihnen zu
Jahren und Jahren Knast verurteilt. Dies auf dem Hintergrund des
Schauprozeßes, der heute das Ziel verfolgt, mich und meine GenossInnen in
dem Gericht von Trient zu inkriminieren.
Meinen angeblichen Richtern möchte ich nur folgendes mitteilen:
Der soziale und revolutionäre Kampf gegen den Staat und das kapital wird
nicht enden, bevor die Umstände der Ausbeitung und der Herrschaft der
"Mächtigen" über alle anderen nicht endgültig zerstört sind und solange
es keine Möglichkeit für die reale Gleichheit und die soziale Justiz
gibt, die über eure fiktive und falsche Demokratie die Oberhand gewinnen.
Es lebe die Freiheit, es lebe die Anarchie.

Christos Stratigopolos

Staatsgewalt hat keine Grenzen, die anarchistische Power aber auch nicht!
Seit eineinhalb Jahren verfolgen wir die absurde Geschichte der
unbegrenzten Möglichkeiten der Justiz in Italien. Den vier
AnarchistInnen, Jean Weir, Antonio Budini, Christos Stratagopolus und
Carlos Terresi, soll - anhand von absurden Konstrukten - für Jahre die
Möglichkeit genommen werden, frei Luft zu atmen.
Die Justiz, immer und überall, sorgt dafür daß Menschen, welche die
geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Gesellschft verletzen, der
Repression ausgesetzt sind. Und das war die "Schuld" der vier Gefangenen.
Sie haben sich nicht länger mit den Zwängen der Gesellschaft abfinden
können, sondern haben ihre eigenen Wege gesucht zu leben und zu
überleben.
Wir lassen uns von der Geschichte in Italien nicht entmutigen - im
Gegenteil! Das Beispiel der 4 AnarchistInnen gibt uns Kraft und
Inspiration unseren Kampf für die absolute Freiheit des Individuums in
einer herrschaftsfreien Gesellschaft fortzusetzen.
Freiheit beginnt im Bauch und im Kopf und setzt sich in Taten um - jede/r
mit seinen/ihren Mitteln und Möglichkeiten.
Wenn solidarisch sein ein subversiver Akt ist, dann sind wir alle
subversiv und solidarisieren uns mit den Gefangenen und allen kämpfenden
AnarchistInnen.

Individalistische AnarchistInnen aus Deutschland
Freunde und AnarchistInnen aus Bayern
Der Solidaritätsvirus

Soweit die Auszüge aus der Brochüre.

Post an die Gefangenen:
- Jean Helena Weir, Via Campognano 40, 20090 Opera (Mi), Italien
(englisch & italienisch)
- Antonio Budini, Via Prati Nuovi 7, 27058 Voghera (PV), Italien
(italienisch)
- Christos Stratigopulos, Via Sforzesca 49, 28100 Novara, Italien
(griechisch & italienisch)
- Carlos Tesseri, Via delle Campore 32, 05100 Terni, Italien
(italienisch)
Spendenkonto für die Gefangenen: Für Anwaltskosten und persönliche
Bedürfnisse. Ihr könnt Spenden direkt an das Konto:
Rote Hilfe - Stichwort Italien KontoNr.: 22016-803 - Postbank München
(BLZ 700 100),
schicken. Oder Ihr wendet euch an die Münchner Soli-Adresse. Die können
das Geld überbringen und ihr spart die teuren Überweisungsgebühren.