(deu) italien 13/12/96

A.P. (0625179964-0001@t-online.de)
Sun, 08 Dec 1996 00:04:52 -0800


hallo genossInnen, freundInnen, etc...,

anbei die neusten infos zu italien mit der bitte um weiterverbreitung.
derzeit kommen wir leider nicht dazu etwas zu übersetzen; für eine
übersetzung ins englische (natürlich auch in alle anderen sprachen) wären
wir sehr dankbar.
an dieser stelle noch was: seit einiger zeit mailen wir jede menge infos
zu italien raus, wir erhalten allerdings ziemlich wenig antworten - wenn
es auch nur kurze antworten sind, meldet euch doch mal öffters...

grüzze und bis denn

a.p.

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(Geist der Freiheit, A-Flugschrift, 16. Dezember 1996)

Jean Weir, Christos Stratigopolus, Antonio Budini, und Charlos Tesseri
erneut verurteilt!

Kurzinfo zum Berufungsprozeß am 13.12.1996 in Trento
(Ausführliche Berichterstattung folgt in den nächsten Tagen)

Kurze Zusammenfassung der Vorgeschichte:

Am 01.06.96 werden in Trient die vier AnarchistInnen Christos
Stratigopulos, Antonio Budini, Carlos Tesseri und Jean Weir wegen eines
Banküberfalls im Berufungsprozeß zu 5 Jahren (Carlos) und 3 Jahre und 4
Monate (für die anderen) verurteilt.
Der Justiz scheint im Nachhinein das Urteil nicht ausreichend. Also
erhebt sie Anklage gegen die vier wegen eines weiteren Überfalls auf zwei
Banken.
Am 16.11.95 werden im gesamten Land (einschließlich der Inseln Sizilien
und Sardinien) die Wohnungen von 60 AnarchistInnen von einer
Spezialeinheit der Carabinieri durchsucht. Gegen alle werden trotz
ergebnisloser Durchsuchungen willkürliche Ermittlungsverfahren, unter
andrem wegen "subversiver Vereinigung", "bewaffneter Vereinigung",
"Waffen- und Sprengstoffbesitz", etc. und in einem Fall sogar "Beihilfe
zum Mord" eingeleitet.
Am 16.01.96 sagt die Kronzeugin Mojdeh Namsetchi, eine Ex-Freundin von
Carlos, aus, daß sie den Überfall auf die beiden Banken zusammen mit den
Angeklagten begangen habe. Die Staatsanwaltschaft stellt die Fragen so,
daß sie fast nur mit ja oder nein antworten muß, von Anfang an sieht
diese Aussage wie ein abgekartetes Spiel aus. Es steht außer Frage, daß
es sich hierbei um falsche Aussagen einer ebenso falschen Zeugin handelt.
Das Gericht scheinen diese ganzen Widersprüche allerdings nicht im
geringsten zu stören. Am 31.01.96 werden die Angeklagten schuldig
gesprochen: Carlos erhält 7,5 Jahre, die anderen 6,5 Jahre.
In der Nacht vom 16. zum 17.09.96 fand eine der unglaublichsten
Repressionswellen gegen einen Teil der anarchistischen Szene Italiens
statt: 60 Hausdurchsuchungen, 70 Ermittlungsverfahren, 20 Haftbefehle,
zusätzlich noch 9 gegen die sowieso schon inhaftierten AnarchistInnen
Jean Weir, Antonio Budini, Carlo Tesseri, Christos Stratigopulos, Marco
Camenisch u.a. richten.
Unter den Festgenommenen befinden sich Alfredo Bonanno (Jean's Ehemann),
Guiseppina Ricobuoni (Antonios Partnerin), Stefano Moreale, Tiziano
Adreozzi, Salvatore Gugliara und Antonio Gizzo. Diese GenossInnen
befinden sich z.Zt. im Gefängnis Rebibbia in strenger Isolationshaft; sie
können nicht einmal mit ihren Anwälten sprechen. Die restlichen gesuchten
GenossInnen konnten dem Polizeiüberfall entkommen.
Die Begründungen der Haftbefehle sind ein buntes Sammelsurium ungelöster
Fälle der vergangenen 15 Jahre: "Entführung - Sprengstoffanschläge gegen
Polizei- und Armeekasernen, gegen die Kaufhauskette Standa - Autobomben
gegen Polizeiautos und ähnliches - und, als Gipfel, versuchter mehrfacher
Mord".
Vieles von diesen Konstrukten basieren auf den von der Staatsanwaltschaft
erfundenen Aussagen von Namsetchi.
Beim ersten Verhandlungstag der Berufung (07.11.96) hatte sich die
Kronzeugin Namsetchi krankgemeldet.
Gegen 2200 Uhr gelangt das Gericht schließlich zu dem Schluß, daß ohne
die Zeugin wohl doch kein Licht in die Sache zu bringen sei; der Prozeß
wurde auf den 13. Dezember 1996 vertagt.

ZUM PROZEß AM 13.12.96:
Der für 9:00 Uhr angesetzte Prozeß begann mit erheblicher Verspätung erst
um 14:30. Grund hierfür war, daß die "Reuige" Mojdeh Namsetshi sich lange
weigerte den Gerichtsaal zu betreten.
Als nach stundenlagem Warten der ca. 50 FreundInnen und GenossInnen der
Schauprozeß endlich begann, wurde zuerst ein Angestellter der
überfallenen Bank als Zeuge gehört. Seine Aussage konnte keine/n der
Angeklagten belasten, zudem verwickelte er sich in Widersprüche zu seinen
früheren Aussagen.
Bei der folgenden mehrstündigen Aussage Namsetchis wurden die
ZuschauerInnen ausgeschlossen (Zeugenschutz!?) - auch lehnte es das
Gericht ab, den Ton über die Lautsprecher in den Voraum zu übertragen,
was technisch jederzeit möglich gewesen wäre. So wurden die
ZuschauerInnen um das "Vergnügen" gebracht, sich die haarsträubenden
Horror-Märchen Namsetchis selbst anzuhören. Konkrete Details ihrer
Aussage werden in den nächsten Tagen veröffentlicht. Im Wesentlichen
versuchte sie, unsinnige, frührere Aussagen zu korregieren und verwicklte
sich damit in erneute Widersprüche, welche sie durch ihre sattsam
bekannten "weiß nicht mehr", "kann mich nicht mehr erinnern" etc.
blabla... zu kaschieren versuchte. Waren, laut ihrer bisherigen Aussage,
die Leute zu sechst in einem Kleinwagen vom Bahnhof zur Bank gefahren und
dannach auch so geflüchtet, sagte sie nun aus, sie seinen zu fünft vom
Bahnhof zur Bank gelaufen (mehrere km!) und danach zu fünft im Auto
geflüchtet (Der/die 6. TäterIn fällt eben mal so nebenbei unter den
Tisch). Mehrfach brach sie wärend der Befragung in Tränen aus; am Schluß
ihrer Vernehmung brach sie zusammen - es schien als hätte sie unter
starkem Einfluß von Pychopharmaka gestanden.
Der Carabinieri, welcher Namsetchi zur "Reue" bewegt hatte, sollte
eigentlich auch aussagen. Er erschien allerdings nicht - (angeblich?) da
er einen Dienstunfall in Form einer Kugel zwischen die Rippen hatte und
noch geraume Zeit im Krankenhaus verbringen müsse.
Nach Abschluß er Beweisaufnahme hielten Staatsanwaltschaft und
Verteidigung ihre Plädoyers - welche von beiden Seiten nichts neues
enthielten: Der Staatsanwalt seierte seine Glaubwürdigkeitsbekundungen
herunter und erklärte die Unstimmigkeiten in Namsetchis Aussagen mit
allem möglichen und unmöglichem pseudepsychologischem Müll. Die
Verteidiger nahmen abermals die unglaublichen Behauptungen der "Reuigen"
Stück für Stück auseinander.
Danach zog sich das Gericht für ca. 2-3 Stunden zu Beratung zurück. Gegen
23:00 Uhr dann die Urteilsverkündung: Ungeachtet der erneuten wirren
Behauptungen der Kronzeugin kommt die dreiköpfige Kammer zu dem Schluß,
daß die 4 AnarchistInnen schuldig seien. Da die Tat als Wiederholungstat
zu sehen sei, verurteilt die Kammer die vier allerdings "nur" zu 2 Jahren
(statt 6 Jahren in 1. Instanz). Die Angeklagten nahmen das Urteil ohne
erkennbare Regung auf, aus den Reihen der ZuschauerInnen wurden
Beschimpfungen laut. Die Bullen drängten die Leute aus dem Gerichtssaal.
So weit, so schlecht... Abgesehen davon, das keine/r auch nur mit einem
Tag Knast zufrieden sein kann - speziell wenn es um eine Tat geht, die
er/sie gar nicht begangen hat - könnte mensch hier versucht sein, von
einem Teilerfolg zu sprechen (2 Jahre sind besser als 6) - aber das ist
Unsinn!
Erneut manifestiert eine total bekloppte oder anarchophobe Kammer die
Glaubwürdigkeit der "Reuhigen" (Entweder die 3 RichterInnen sind jenseits
jeglichen "gesunden Menschenverstands" oder es ist ganz offenkundig, daß
AnarchistInnen nunmal verurteilt werden müssen, mit, ohne oder mit
Pseudo-Beweisen - etwas anderes ist da nicht zu sehen).
Es werden jede Menge Prozesse folgen, welche sich beweistechnisch
ebenfalls ausschließlich auf Namsetchis Aussagen stützen, es werden Leute
deshalb zu etlichen Jahren Knast verurteilt werden...
Die einzige Möglichkeit (außer dem generellen, ständigem Kampf gegen alle
staatlichen Intitutionen natürlich) daran etwas zu ändern, ist mehr
Öffentlichkeit zu diesen unglaublichen (d.h. auch für viele "Bürgerliche"
nicht nachvollziehbaren) Vorgänge zu schaffen und auf jeder Ebene, ganz
nach den individuellen Vorstellungen und Möglichkeiten einzelner Menschen
oder Gruppen, den Druck auf die italienische Justiz- und Regierungs- und
Presse- etc.-Strukturen zu erhöhen.

FEUER & FLAMME FÜR JEDEN STAAT!
SEINEN BÜTTELN WAS AUF´S MAUL! ÜBERALL!

ANARCHIE = FREIHEIT!

Geist der Freiheit, c/o Cafe Exzess, Leipzigerstraße 91, D-60487
Frankfurt

"Der Ausbruch"
"Informationen über die Repression gegen italienische AnarchistInnen"
Dezember-Ausgabe erschienen. Deutsch & engliche Ausgabe gegen 2 DM pro Ex
und 1,50 Porto zu erhalten beim

Solidaritätskomitee "Italien"
c/o Infoladen
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