(Dt) Faschismus light in Frankreich

Robert (101607.2566@CompuServe.COM)
22 Jul 96 12:16:15 EDT


Der folgende Artikel stammt aus der linken Tageszeitung "Jungen Welt" -Ausgabe
vom 10. Juli. Neben einer interessanten Darstellung des Verhaltens der extremen
neo-rechten Partei Front National in den Orten, in denen sie an die Macht
gelangt ist, erwaehnt er auch die Franzoesische Anarchistische Foederation
(FAF).

A-Infos (D)

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Faschismus light in Frankreich
- Front National entwickelt Strategie der schleichenden Normalisierung nach
rechts

Am gestrigen Sonntag fand im suedfranzoesischen Toulon die Gedenkfeier fuer die
Opfer der antisemitischen Verfolgungen unter dem Vichy-Regime unter Beteiligung
des rechtsextremen Front National statt, der die Groszstadt seit Juni 1995
regiert. Der Praefekt als Vertreter des Zentralstaats, Jean-Charles Marchiani,
akzeptierte die Praesenz von FN-Buergermeister Jean-Marie Le Chevallier an
seiner Seite bei der Zeremonie vor dem Mahnmal der Deportation und Internierung.
Schleichende "Normalitaet" ist das wichtigste, was die seit dreizehn Monaten
amtierende FN-Stadtregierung in den drei Rathaeusem von Toulon, Orange und
Marignane zu vermitteln hat; der FN-Generaldelegierte Bruno Megret drueckte es
gegenueber der Tageszeitung La Croix so aus: "Es gab weder die Apokalypse noch
ethnische Saeuberungen in den Staedten, wo der FN an die Verantwortung gekommen
ist." Da es die eigentliche Macht im Staate noch zu erobern gilt, heiszt es,
nicht unangenehm aufzufallen und zugleich das gesellschaftliche
Koordinatensystem langsam, aber sicher zu verschieben.
Im Fruehjahr 1996 machte das FN-Rathaus von Orange mit seiner
"Saeuberungs"politik in der staedtischen Bibliothek von sich reden. Im April
verschwanden bei einer Kontrolle zu "mondialistische" (die FN-Chiffre fuer
"kosmopolitische") Buecher aus den Anschaffungslisten, etwa Kinderbuecher mit
Maerchen aus Afrika, Suedamerika, China und Haiti. Auch "ideologisch
Unkorrektes" wie Buecher ueber den zweiten Weltkrieg, ueber Rassismus und
Rap-Musik verschwanden. Durch den daraufhin ausbrechenden Streit zwischen der
Stadt und den Verantwortlichen der Bibliothek alarmiert, liesz Kulturminister
Philippe Douste-Blazy noch im April durch den Chef der
Bibliotheken-Generalinspektion Denis Pallier einen Bericht anfertigen. Der
14seitige "Pallier-Report", der vergangene Woche veroeffentlicht wurde, sorgte
fuer erhebliches Aufsehen. Daraufhin hat die FN-Stadtregierung die Fuehler
eingezogen: Mit Ausnahme der auslaendischen Kindermaerchen wurden die strittigen
Buecher inzwischen ins Regal gestellt. Unterdessen hat die extreme Rechte ihre
Taktik geaendert und liesz ihrerseits ideologisch einschlaegige Werke wie "Der
Faschismus von rechts gesehen" des italienischen Nazi-Anhaengers Julius Evola
oder "Der Tod im Singen" von Joseph Damand, Gruender der Miliz des
Vichy-Regimes, anschaffen. Nachdem dies im Pallier-Bericht ebenfalls auf Kritik
stiesz, schreit der rechtsextreme Buergermeister Jacques Bompard "Zensur" und
erklaerte, nur "das Gleichgewicht wiederherzustellen" angesichts einer
Diskriminierung von Buechern der "entschiedenen Rechten". Der neueste
Schachzug: Bompard schrieb die KP, die Sozialisten, die Gruenen und die
Federation Anarchiste (FA) an, um diesen im Namen des Pluralismus (unter
Einschlusz der extremen Rechten) die Anschaffung von fuer ihr Denken "am meisten
repraesentativen" Titeln anzubieten. Die FA antwortete postwendend und lehnte
"nach der rohen ethnischen Saeuberung, die Du ins Werk gesetzt hast", das
Angebot ab: "Tut uns leid, Bompard, wir fallen nicht auf Deinen Kniff rein. (...
) No pasaran !"
Wenn die rechtsextreme Rathauspolitik auf ernstere Widerstaende stoeszt, blaest
der FN derzeit meist zum Rueckzug. So profiliert sich Daniel Somonpieri,
FN-Buergermeister von Marignane - frueher trug er, laut Aussagen von
Handballkollegen, ein Hakenkreuz um den Hals - als "LePenist light". Im
Dezember hatte er die staedtische Hilfe fuer oeffentliche Armenkuechen
gestrichen. Nach Mobilisierungen der Opposition zog er die Entscheidung im
Januar zurueck.
Bernhard Schmid, Paris

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