(Deut) Grenoble

esperanto (lingvoj@lds.co.uk)
Tue, 25 Jun 1996 01:28:07 +0200


graswurzelrevolution
sommer 1996/210
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GRENOBLE

Eine jener seltenen Gelegenheiten zu transnationalem anarchi=20
stischem Austausch bot sich @n-de Ma'rz (21.-23.3.) diesen Jahres
bei einer Konferenz u'ber liberta're Kultur, die die Universita't
Grenoble/Frankreich zusammen mit dem liberta'ren Verlag =84Atelier
de Creation Libertaire" aus Lyon veranstaltet hatte. Mit Freundlnnen
aus deutschen anarchistischen Zusammenha'ngen machte ich einen
kleinen Fru'hlingsausflug ins wunderscho'ne Grenoble, der sich in
jeder Hinsicht lohnte. Als Besucher dieser Konferenz war ich wieder
einmal u'berwa'ltigt und begeistert von der
generationenu'bergreifenden Verankerung, Tiefe und
Selbstversta'ndlichkeit anarchistischer Diskussion und liberta'rer
Tradition im su'deuropa'ischen, franzo'sisch-, spanischund
italienischsprachigen Raum. Noch immer ist solch eine Konferenz in
der BRD kaum vorstellbar, was einiges u'ber die Defizite und die sub-
und jugendkulturelle Beschra'nktheit des hiesigen Anarchismus
aussagt.

Uber drei Tage hinweg war das dichtgedra'ngte Programm in zwei
Foren zu ho'ren und zu diskutieren. Da berichteten anarchistische
Projekte wie etwa die franzo'sische freie Schule =84Bonaventure",
Leute aus =84Christiania"/ Kopenhagen, eine Gruppe des =84Living
Theatre" aus Italien, eine o'kologische Landkommune =84Los
Arenalejos" aus Spanien von ihrem Alltag. Da gab es spezielle
Vortra'ge u'ber liberta're Gegenwartspublizistik etwa aus Italien,
Frankreich und Polen, oder @ber die Rolle von Karikaturen in
anarchistischen Zeitungen, garniert von Bu'chertischen franzo'sischer
und internationaler liberta'rer Publizistik. U'ber das Verha'ltnis von
Surrealismus und Anarchismus wurde nicht nur diskutiert, es gab
auch eine kleine surrealistische Ausstellung zu sehen. Beitra'ge aus
der anarchistischen Geschichte und Bewegung so unterschiedlicher
La'nder wie Argentinien, Spanien auf der einen Seite und Britannien,
USA aufder anderen Seite machten die verschiedenen kulturellen
liberta'ren Einflu'sse wieder einmal deutlich: im spanischsprachigen
Raum dominiert noch immer ein sta'rker syndikalistisch, an
Klassenka'mpfen orientierter Anarchismus, im englischsprachigen
Raum wird der Bookchinund o'koanarchistisch inspirierte Einflu=DF
spu'rbarer, etwa wenn Colin Ward u'ber =84Anarchismus und
Architektur" spricht und die o'kologische Leichtbauarchitektur Walter
Segals in den Mittelpunkt stellt.=20

Generationenu'bergreifender Anarchismus=20

Uberhaupt waren sowohl Publikum als auch Referentlnnen, was ihr
Alter betriffl, ihre unterschiedliche Beteiligung in der anarchistischen
Bewegung, ihrjeweiliges Projekt, sehr gemischt, wodurch die Fu'lle
liberta'rer Kultur ebenso deutlich wurde wie die Bereitschaft, ganz
u'nterschiedliche Erfahrungen wahrzunehmen und gleichwertig zu
diskutieren. Fu'r mich war es besonders beeindruckend, bei dieser
Konferenz gerade a'ltere AktivistInnen des Gegenwartsanarchismus
kennenlernen zu du'rfen, mir bekanntere- wie Colin Ward oder
Rudolf de Jong, die ueide einen Witz und eine Be'eisterung
verspru'hten, als wa'ren sie nicht schon ein Leben lang in der
liberta'ren Bewegung aktiv, sondern ha'tten erst gestern den
Anarchismus zu ihrer Herzenssache gemacht -, aber auch mir
unbekanntere wie etwa Andre Bo'siger aus Genf, der jahrzehntelang
illegale Fluchthilfen fiir Liberta're aus Frankreich in die Schweiz
organisiert hatte, erst fur Verfolgte aus der spanischen Revolution,
dann wa'hrend der deutschen Besatzung fu'r Leute aus der
franzo'sischen Resistance, schlie=DFlich wa'hrend des ersten
Algerienkrieges fu'r franzo'sische Kriegsdienstverweigerer oder
verfolgte AlgerierInnen. Bo'siger, sein I@eben lang einfacher Maurer,
hatte seine erste Begegnung mit dem Anarchismus 1927 bei einer
Solidarita'tsdemonstration fu'r Sacco & Vanzetti, seitdem ist er der
Bewegung treu geblieben. Die Lebensgeschichten solcher Leute
erza'hlt zu bekommen, geho'rt fu'r mich zum mutmachendsten und
gewinnbringendsten internationaler Begegnungen u'berhaupt. Es ist ja
so, da=DF in der BRD eine a'ltere Generation von AnarchistInnen
u'berhaupt fehlt. Wer von uns hat denn anarchistische Va'ter oder
Mu'tter? In Su'dfrankreich oder Spanien ist das dagegen noch immer
sehr oft der Fall. Eine weitere Besonderheit, die bei dieser Konferenz
deutlich wurde, ;st die intellektuelle Verankerung des Anarchismus
im offiziellen Wissenschaftsbetrieb von Universita'ten im
franzo'sischsprachigen Raum. Nicht da=DF ich etwa
Wissenschaftsfetischist wa're, im Gegenteil: oftmals zeigten sich die
referierenden Wissenschaftlerlnnen doch sehr traditions@ezogen und
nahmen au=DFer den Theorien der Klassiker Proudhon, Bakunin,
Kropotkin kaum etwas in ihren Diskurs auf, zeigten sich nahezu blind
@ir Weiterentwicklungen des Anarchismus in der zweiten Ha'lfte des
20. Jahrhunderts. Doch trotzdem dru'ckt die Selbstversta'ndlichkeit,
mit der sich Universita'tsprofessorlnnen zur anarchistischen
Bewegung bekennen und ihre Aufgabe darin sehen, sie theoretisch zu
reflektieren, eine ganz andere gesamtgesellschaftliche Anerkennung
des Anarchismus aus als etwa im deutschsprachigen Raum.=20

Was ist liberta're Kultur?=20

Auch fu'r mein spezielles Interesse am gewaltfreien Anarchismus war
auf der Konferenz einiges geboten. Gerda Fellay aus Lausanne
referierte u'ber Einflu'sse des o'sterreichischen gewaltfreien
Anarchisten Pierre Ramus auf die Psychologie Alfred Adlers und
insbesondere auf die projektbezogenen Versuche Friedrich Lieblings
in Zu'rich, sozialpsychologische und sozialrevolutiona're Ansa'tze
gegen alle Formen der Gewalt in der herrschenden Kultur zu
verbinden. Eine der wenigen erkennbar vom Feminismus beeinflu=DFten
ReferentInnen, Claire Au__
zias aus Paris, provozierte das Plenum in drastischen Kategorien mit
einer Unterscheidung zwischen einer=84hum@nistischen" und
einer=84terroristischen" Tendenz im Anarchismus, woran sich eine eher
traditionelle Gewaltdebatte anschlo=DF, die doch einige Unkenntnis und
Vorurteile u'ber Theorie und Praxis des gewaltfreien Anarchismus in
der franzo'sischen anarchistischen Diskussion offenbarte. Um so
u'berraschender und auch unerwartet war fu'r mich dann allerdings
das in Gespra'chen feststellbare gro=DFe Interesse an der
Graswurzelrevolution und am gewaltfreien Anarchismus in der BRD
oder etwa die Tatsache, da=DF der Organisator der surrealistischen
Ausstellung auf dieser Konferenz, Andre Bernard aus Paris,
Herausgeber der bis heute einzigen explizit gewaltfrei-anarchistischen
Zeitung franzo'sischer Sprache in den 60er Jahren war, =84Anarchisme
et nonviolence", die es auf etwa 30 Ausgaben gebracht hatte. Sie ist
u.a. archiviert im =84Centre International de Recherches sur
l'Anarchisme" (CIRA) in Lausanne/Schweiz, welches wir auf der Hin-
und Ru'ckfahrt zur Konferenz besuchten. Das CIRA ist ein
beeindruckend scho'nes, selbstorganisiertes Archiv der
anarchistischen Bewegung mit guter Ausstattung besonders im
publizistischen Bereich, mit Literatur und Zeitschriften in deutscher,
englischer, franzo'sischer, italienischer und spanischer Sprache, das
leider nur viel zu wenig bekannt ist und insbesondere von
deutschsprachigen AnarchistInnen zu wenig genutzt wird. Zwei
Frauen, Marianne und Marie-Christine Mikhailo, erstere ebenfalls
ehemalige Autorin bei =84Anarchisme et nonviolence", betreuen das
Archiv, das u'ber die =84lnternationale Fo'deration liberta'rer Studien-
und Dokumentationszentren" (FICEDL) den Kontakt zu a'hnlichen
selbstorganisierten Archiven in anderen La'ndern aufrechterha'lt und
dadurch viele Kontakte im Schnittpunkt deutsch- und
franzo'sischsprachiger liberta'rer Bewegu'ngen hat.

U'ber die zentrale Frage der Konferenz,@'@s denn nun =84liberta're
Kultur" ausmache, gab es einige Kontroversen, die sich schon an der
Frage festmachten, wer denn eigentlich zur anarchistischen Bewegung
geho're: sind es nur die Organisierten oder auch die vielen
Nichtorganisierten, die oft gerade im kulturellen oder ku'nstlerischen
Bereich ta'tig sind, die aber kaum einmal mit gemeinsamer Stimme
sprechen und daher immer nur individualistisch wahrnehmbar
bleiben? Ist liberta're Kultur nur eine Kultur des =84Nein-Sagens", wie
sie oft in der traditionellen, negativen, auf der Konferenz eher mit
dem Anarchosyndikalismus verbundenen Gegenbewegung vertreten
wird? Oder ist sie Ausdruck der positiven Vielfalt des historisch
ju'ngeren Projektanarchismus, wie er im Anschlu=DF an Peter Heintz'
Unterscheidung zwischen =84negativem" und =84positivem" Anarchismus
auf der Konferenz vertreten wurde? Rudolf de Jong vertrat im
Anschlu=DF an seine Ausfu'hrungen fu'r einen Anarchismus nach dem
Fall der Mauer einen =84revolutiona'ren Possibilismus", d.h. einen auf
die bestehenden Basis- und Menschenrechtsinitiativen zugehenden
Anarchismus, der in den Gegenwartsdebatten =84Mo'glichkeiten"
entdecken mu'sse, etwa Menschenrechtsfragen in liberta'rer Richtung
zu beeinflusssen, anstatt sie dem herrschenden Diskurs zu u'berlassen.
Am besten gefiel mir jedoch die im Grunde sehr einfache Aussage
u'ber das Wesen liberta'rer Kultur, die Mitveranstalter Mimmo
Pucciarelli vom ACL aus Lyon machte: liberta're Kultur sei die
besta'ndige, permanente und selbstkritische Reflexion u'ber direkte
Aktion. Voila!=20
=20
Normann Stock=20

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