(Deut)SRI LANKA

neil birrell (neil@lds.co.uk)
Wed, 20 Dec 1995 07:45:07 +0100


GRAZWURZELREVOLUTION
DEC 1995

SRI LANKA - FRIEDENSGRUPPEN KALT ERWISCHT

Nach zw=F6lf Jahren =F6ffentlichen Schweigens bringen
die deutschen Medien in den vergangenen Wochen Be
richte zum Morden in Sri Lanka auf ihren Titelseiten:
der Krieg eskaliert immer mehr, die Fl=FCchtlinge kann
auch die Festung Europa nicht mehr aufhalten. Auf
einmal ist das Blutvergie=DFen auf der weit entfernten
Touristlnnen-lnsel nicht mehr egal.
Die Armee Offensive gegen die tamilischen Rebelllnnen
im Norden und die Hauptstadt der Nordprovinz Jaffna
offenbart, was Staat in seiner letzter, Konsequenz be-
deutet. Noch vor wenigen Monaten w3r die Euphorie
groB gewesen. Wir berichteten =FCber die Erwartungen
der Frledens und Menschenrechtsbewegung an die im
vergangenen Jahr neu gew=E4hlte Regierung, die diese
mit einem Waffenstillstand in den ersten vier Monaten
diesen Jahres auch zu erf=FCllen schien. Doch die Regie-
rung legte zun=E4chst kein Konzept f=FCr eine politische
l=F6sung des Konflikts vor, war wohl auch durch
widerstreitende Interessen innerhalb der sinha@esisch
en Be@l=F6lkerung und insbesondere zwischen Regierung
und Armee in ihrer Entscheidungsfreudigkeit behin-
dert.
Die tamilischen =84Befreiungstiger" @LTTE) hielten dage-
gen starr an Forderungen fest, wichtige Milit=E4rst=FCtz
punkte vor weiteren Verhandlungen aufzugeben, und
brachen schlieBlich Ende April die Waffenruhe mit An
schl=E4gen gegen die Armee. Beide Kriegsparteien nutz
ten die Feuerpause zur Vorbereitung der nun stattfin-
denden K=E4mpfe, aber auch dazu, Sympathien in der
Bev=F6lkerung f=FCr sich zu gewinnen. Trotz aller Bem=FCh-
ungen der LTTE, die Aufhebung des Embargos im Nor-
den f=FCr fast alle G=FCter propagandistisch auszunutzen,
gelang es ihr anscheinend nicht, die Sympathiewelle
f=FCr die von Pr=E4sidentin Chandrika Kumaratunga gelei-
tete Regierung zu brechen. Je l=E4nger die Waffen
schwiegen, desto lauter wurde der Ruf auch in der ta
milischen Bev=F6lkerung nach Frieden und mehr Demo-
kratie. Das mu=DFte der F=FChrungsriege der straff gef=FChr
ten und sehr militaristisch ausgerichteten LTTE be
@rohlich ersch@inen. Sie konnte nach ihrer Logik gar
nicht anders, als den Krieg wieder zu beginnen, um
nicht noch mehr an Boden zu verlieren. Das ging inso-
weit auf, da=DF die Regierung mit der jetzigen Offensive
ihr Kapital bei den Tamillnnen weitgehend wieder ver-
spielt hat.
Auch Pr=E4@identin Kumaratunga, die als politische Hoff-
nungstr=E4gerin mit vision=E4ren Reden den Lauf der sri
lankischen Geschichte zu ver=E4ndern schien, wird nur
noch vom Geschehen davongetragen. Nach Ausbruch
der Kampfhandlungen hatte sie noch, bereits zu sp=E4t,
ihre Vorstellungen fOr eine politische Neuordnung Sri
Lankas ver=F6ffentlicht@ Sie selbst hatte jedoch auch
hinzugef=FCgt, da=DF die LTTE erst besiegt werden m=FCsse.
Jetzt sind es die Milit=E4rs, die das Sagen haben. Der Er-
la=DF der Pressezensur =FCber Kriegsberichterstattung
hat, so die University Teachers for Human Rights
IJaffna@, sie in eine ausweglose Situation gebracht, in
der Ger=FCchte Analysen ersetzen und mit dem Aus-
schalten kritischer Stimmen auch alternative Wege
der politischen Konfliktbearbeitung unwahrscheinli-
cher geworden sind.
Der Krieg in Sri Lanka ist f=FCr keine Seite zu gewinnen,
auch nicht mit einer militarischen Niederlage der LTTE.
Er dient letztendlich nur der Aufrechterhaltung der In-
teressen der LTTE-F=FCtlrung und den (weitgehend s@n-
halesischen) Machthaberlnnen in Armee und Regie-
rung. Die Bev=F6lkerung wird auf beiden Seiten durch
national-chauvinistische Propaganda verblendet oder
kann sich nicht mehr =E4u=DFern. Die Menschen, denen
durch immer wieder neue Traumatisierung jeglicher
Bezug zu einem normalen Leben genommen wurde,
ziehen mit ausdruckslosen Gesichtern durch das Land
und auch weiter. Nur wenige Gruppen sind, wie die
tamilischen University Teachers for Human Rights, so
unabh=E4ngig und mutig, da=DF sie Menschenrechtsverlet-
zungen auf beiden Seiten kritisieren.
=84Was kann die gewaltfreie Bewegung in dieser Situa-
tion tun?" fragte mich unl=E4ngst ein s=FCdasiatischer
Friedensaktivist. Nr=FCsse nicht die Niederwerfung der
LTTE durch die Armee als Voraussetzung f=FCr eine Be
endigung des Blutvergie=DFens angesehen werden?
Auch wenn die Kriegspolitik von Regierung und Armee
nicht zu unterst=FCtzen sei, k=F6nne die LTTE doch nur mit
Gewalt zu Verhandlungen gezwungen werden. Die glei-
che Argumentation wie in Bosnien... Nur, dal3 in S=FCda
sien niemand mehr nach milit=E4rischer Intervention von
au=DFen schreit: dieses Abenteuer hat Indien schon un-
ter gro=DFen Verlusten lund von einem Desaster f=FCr die
Bev=F6lkerung gefolgt) hinter sich gebracht.
Gewi=DF bedeutet die Wiederhersteilung der Macht der
Regierung in Colombo auf der gesamten Insel keine L=F6
sung der dem Krieg zugrundeliegenden Probleme. Im
Gegenteil, die =DCbergabe der Verantwortung an die Of-
fiziere zeigt nur sehr deutlich, was Staatspolitik in
letzter Konsequenz ist, n=E4mlich Iwie Wolf-Dieter Narr
neulich formulierte) die Fortsetzung des Krieges mit
anderen Mitteln: die Drohung mit den W@ffen wird im-
mer mitgeliefert, gelegentlich werden sie dann auch
eingesetzt. Wenn der Machterhalt mit anderen Mitteln
nicht mehr sew=E4hrleistet erscheint.
Aber die gewaltfreien Bewegungen k=F6nnen mit den
ihnen zur Verf=FCgung stehenden Mitteln auf jeweils ihre
eigene Seite Druck aus=FCben, den Friedensproze=DF fort-
zusetzen und die Menschenrechte zu wahren. Sie k=F6n
nen durch die =F6ffentliche Diskussion von Konzepten zi-
viler Konfliktbearbeitung Interesse an anderen als mili-
tarischen L=F6sungen bekunden und eine Kultur schaf
fen, in der es mehrere Auswege aus einer Krise gibt.
Sie k=F6nnen, =E4hnlich wie im ehemaligen Jugoslawien,
konstruktiv rnit der traumatisierten Fl=FCchtlingsbev=F6l-
kerung arbeiten und so Ans=E4tze von unten f=FCr eine
Vers=F6hnung jenseits des aufgestauten Hasses schaf-
fen. Schlie=DFlich k=F6nnen die in den letzten Jahren ent-
standenen Friedensgruppen in den St=E4dten versuchen,
Ausschreitungen gegen die jeweils in der Minderheit
befindliche andere Bev=F6lkerungsgruppe zu verhindern,
etwa =E4hnlich der indischen Shanti Sena (Friedensbri-
gaden).
Dabei k=F6nnen sie nicht auf schnelle Erfolge hoffen. Die
Erwartung, mit wenigen spektakul=E4ren Aktionen viel
grundlegend zu ver=E4ndern, hat sie vielleicht auch in die
Arme des Staates getrieben. Nachdem sie die offizielle
Friedenspolitik aktiv unterst=FCtzt hatten, f=E4llt es vielen
Friedens- und Menschenrechtsgruppen heute schwer,
wieder eine kritische Haltung zum Regime einzuneh-
men. Die Situation l=E4hmt sie, denn sie haben sich nicht
gleichzeitig mit gleicher Kraft dem Aufbau unabh=E4ngi-
@er Sfrukturen gewidmet Das mu=DF nun unter schwier-
igeren Bedingungen geschehen, damit die gewaltfreie
Bewegung ihre Dynamik wiedererlangt.
Ich frage mich immer, @Ivas wir aus der Geschichte Sri
Lankas lernen k=F6nne@l In vieler Hinsicht hat das Land,
@- hat der ganze s=FCdasiatische Subkontinent bereits das
r hinter sich, was uns im Zusammenhang mit Bosnien
- noch erwarten k=F6nnte; fehlgeschlagene Milit=E4rinter
vention von au=DFen, Export des Krieges in die interve-
@s nierenden L=E4nder, Offenbarung der wahren Natur der
,,FriedensverhandlungenU. Aber auch die Erfahrung der
Friedens- und Menschenrechtsgruppen, da=DF sie sehr
wohl etwas ausrichten k=F6nnen, wenn sie sich auf ihre
eigene Kraft und Visionen verlassen. Da=DF dies nicht
ohne pers=F6nliches Leiden geht, zeigen die von allen
Kriegsparteien begangenen Morde an denjenigen, die
ihre Stimme zu laut erheben. Doch gerade das macht
deutlich, wie stark sich die Kriegerlnnen von ihnen in
Frage gestellt sehen.

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