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Die Geschichte der antimi@ita-
ristischen Gruppen in Paraguay
geht in das Jahr 1991 zuruck.
Nach der Abdankung des Dik-
tators Stroessner sollte die Ver-
fassung geandert werden. Ver-
schiedene Gruppen um SERPAJ
Paraguay versuchten in der Ver-
fassung das Recht auf Kriegs-
dienstverweigerung zu veran-
kern und grundeten dazu CO-
NOSMO (Coordinadora No al
Servicio Militar Obligatorio).
Diese Koordination war jedoch
nicht sehr langlebig, da die Ar-
beit eigentlich nur von SERPAJ
getragen wurde.
Mehr oder weniger durch eine
Panne kam es dazu, dass im Mai
1992 die Artikel zur Kriegs-
dienstverwcigerung in die Ver-
fassung rutschten. Am 18. Mai
stimmten die Abgeordneten der
regierenden rechtsgerichteten
Colorado-Partei fur das Recht
auf KDV, nicht wissend, was sie
da taten. Diese Panne liess sich
ohne Hilfe der Opposition nicht
mehr ausbugeln, und so steht in
Paraguay nun ein KDV-Recht in
der Verfassung. Was jedich
fehlt, sind Gesetze zur Ausfuh-
rung dieses KDV-Rechtes.
Im Mai I 993 grundet sich die
erste Gruppe von Kriegsdienst-
verweigerern, und im September
1993 kommt es zur ersten of-
fentlichen Kriegsdienstverwei-
gerung von funf Verweigerern.
Dieser folgen in den nachsten
Monaten weitere offentliche
Verweigerungen. Bis Ende 1994
haben sich 80 Verweigerer of-
fentlich erklart.
Bereits nach der ersten offentli-
chen Verweigerung werden er-
ste, repressive Vorschlage fur
die Ausgestaltung des KDV-
Rechtes prasentiert. Die Bewe-
gung der Kriegsdienstverweige-
rer entscheidet sich auf einem
landesweiten Treffen im No-
vember 1994, keines der vor-
geschlafenen KDV-Gesetze zu
akzeptieren, da sie den @ivil-
dienst als Teil des Militarismus
ansehen.
Zwangsrekrutierung zur
Durchsetzung der Wehrpflicht
In Paraguay gibt es kein der
BRD vergleichbares Wehrerfas-
sungswesen. Die Einberufung
Nicht nur KDV:
Ziele und Arbeitsweise von MOC
Antimi@itaristisch, da wir den
Militarismus in allen seinen For-
men und Institutionen, die ihn
durchfuhren oder vorbereiten,
den Militardienst, den Zivil-
dienst, den Militarismus in der
Schulausbildung oder in der Ge-
sellschaft selbst, wo er zum Bei-
spiel im Machismus, im Rassis-
mus oder anderen militarischen
Werten Ausdruck findet, be-
kampfen. (...)
Und unser drittes Prinzip - al-
ternativ - bedeutet fur uns, al-
ternative Werte, eine neue Art
des Denkens und der Politik zu
propagieren und zu leben. Wir
organisieren uns in autonomen
Gruppen, die auf Konsens-
grundlage, d.h. ohne Chef oder
Hierarchie, innerhalb des ideo-
lo@ischen Rahmens arbeiten.
(...)
Das ist nicht ganz einfach: Zum
ersten Mal gibt es in unserem
Land eine solche Art von Bewe-
gung mit einer solchen Struktur,
aber langsam beginnen die Leu-
te, sich zu organisieren, sich ein-
zulesen, mitzumachen und ihre
Rechte wahrzunehmen.
Wir sehen uns da nur als Teil der
grossen gesellschai@tlichen Be-
wegung, die sich nicht mit dem
Status Quo abflnden mochte,
und unser Beitrag ist eben der
Antimilitarismus."( I )
Ein Beispiel fur diese Arbeit ist
eine von MOC organisierte
Kampagne gegen den Militar-
haushalt, die von mehr als 40
Organisationen und vielen be-
kannten Personlichkeiten unter-
stutzt wurde. Diese Kampagne
fuhrte zwar nicht zu einer Kur-
zung des Militarhaushaltes, war
aber dennoch ein Erfolg, da in
der offentlichen Diskussion das
Militar in Frage gestellt wurde.
Ein weiteres Beispiel ist die
Zeitschrift Kupi'i, die von MOC
herausgegeben wird. Auch
wenn die Auflage bisher bei nur
etwa 500 Exemplaren liegt und
die Zeitschrift unregelmal3ig er-
scheint, so ist das ein erster Ver-
such, antimilitaristische Inhalte
einer breiteren Offentlichkeit zu
vermitteln. MOC ist eine der
wenigen Gruppen in Paraguay,
die eine eigene Zeitschrift her-
ausgeben, selbst die grossen Be-
wegungen der Campesinos/as
oder der Arbeiterlnnen verfugen
nicht uber eigene Zeitschriften.
Problematisch dabei ist jedoch
die hohe Analphabetismusrate
in Paraguay. Aufdem Land sind
nahezu 80 % der Bevolkerung
Analphabetlnnen, und daruber
hinaus ist-geradeaufdemLand
- Guarani, eine indianische
Sprache, die Sprache der uber-
wiegenden Mehrheit der Bevol-
kerung. Nur in den Stadten wird
viel spanisch gesprochen. Als
Informationsmedium ist daher
das Radio oder auch das Fern-
sehen wesentlich wichtiger als
etwa Zeitungen, Zeitschriften
oder sonstige schriftliche Medi-
en.
Im November letzten Jahres
fand das ICOM (Internationales
KDV-Treffen) in Kolumbien
statt. Doch bereits im Mai 1994
gab es ein erstes Lateinamerika-
weites Treffen zur Kriegsdienst-
verweigerung, bei dem ein la-
teinamerikanisches Netz zur
Kriegsdienstverweigerung (Red
de Objecion de Conciencia de
America Latina y El Caribe -
ROL) geschaffen wurde. In die-
sem Netz arbeiten Gruppen aus
Argentinien, Brasilien, Chile,
Ecuador, Guatemala, Kolumbi-
en, Paraguay, Venezuela und ei-
nigen anderen Landern zusam-
men. Dabei geht es neben dem
Informationsaustausch auch um
die gegenseitige Unterstutzung
bei Aktionen und die gegensei-
tige Solidaritat gegenuber staat-
licher Repression.
Perspektiven
Wahrend in Europa das Thema
Kriegsdienstverweigerung (zu
Unrecht) haufig als abgehakt an-
gesehen wird und die KDV-
Gruppen - und mehr noch die
Kriegsdienstverweigerer selbst
- stark enpolitisiert sind, entwik-
kelt sich in Lateinamerika, ei-
nem hoch militarisierten Konti-
nent, eine neue antimilitaristi-
sche Bewegung. Durch die Ak-
tivitaten dieser Gruppen und die
Diskreditierung des Militars
durch die gerade (formal) uber-
wundenen Militardiktaturen ge-
rat das Militar unter Druck. In
einigen Landern wurde die
Wehrpflicht bereits abgeschaffl,
in anderen befindet sich dies in
der Diskussion.
Erfreulich ist aber, dass vor al-
lem MOC Paraguay nicht bei
der =84blol3en", legalen KDV ste-
henbleibt, sondern Antimilita-
rismus grundsatzlicher und wei-
tergehender begreift. Die anti-
militaristischen Gruppen sehen
sich dabei als Teil der Sozialen
Bewegungen fur grundsatzliche
gesellschaftliche Veranderun-
gen, die aus ihrer Sicht nicht un-
bedingt parlamentarisch, aber
mit gewaltfreien Mitteln durch-
gesetzt werden sollen.
Gewaltfreiheit ist sicherlich
nicht neu in Lateinamerika, viele
der Diktaturen mussten auch auf-
grund des gewaltfreien Protestes
der Bevolkerung abdanken. Die
antimilitaristischen Gruppen be-
reichern die lateinamerikanische
Tradition der Gewaltfreiheit je-
doch um eine explizit antimili-
taristische Komponente, durch
die - zum ersten Mal - die In-
stitution des Militars grundsatz-
lich in Frage gestellt wird.
Andreas Speck
FREEDOM PRESS
http://www.lglobal.com/TAO/Freedom