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(de) FDA-IFA, Gai Dao #96: Down with kitchen slavery! Von: Kollektiv.26 - Autonome Gruppe Ulm

Date Tue, 8 Jan 2019 09:08:22 +0200


Endlich haben wir neue Sticker, denn unsere alten haben sich dem Ende zugeneigt. Wir haben uns entschieden, einen feministischen Sticker zu machen. ---- In der Debatte über Feminismus ist genug Tinte geflossen. Jetzt ist sie nahezu abgeschlossen: reden wir nicht mehr darüber. Es wird aber doch weiter darüber geredet, und es sieht nicht so aus, als hätte die in den letzten hundert Jahren produzierte Flut von Sottisen [Dummheiten, Anm. d. Red.]das Problem geklärt. Gibt es überhaupt ein Problem? Und worin besteht es?1 - Simone de Beauvoir ---- Tatsächlich gibt es ein Problem und einen Ausschnitt dessen greift der Sticker an. ---- Das Geschlechterklischee über die Weiblichkeit ist, dass sich diese unter anderem in Form von Schwäche, Emotionalität und Irrationalismus ausdrücke. Dagegen seien Männer genau das Gegenteil: rational, stark und mutig. Zudem wird Naturbeherrschung als Fortschritt und Verwirklichung des Menschen, Gestalten, als männliches Feld angesehen, während die Frau stets "das Ursprüngliche" verkörpert: "Mutter Natur". Das führt zu einer Abwertung der Reproduktionsarbeit.
???
Exkurs zu Intersektionalismus:
Wir sind der Meinung, dass es Frauen als einheit-
liche und natürliche Kategorie mit einer einheitli-
chen Erfahrungswelt und vor allem mit einer
einheitlichen Form der Sexistischen Unter-
drückung nicht gibt. Die Behauptung einer Exis-
tenz von 'der Frau' ist lediglich "ein
Umkehr-Diskurs, der unkritisch die Strategie des
Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Be-
grifflichkeit bereitzustellen." Dabei gibt es eine
Reihe weiterer Unterdrückungsmechanismen, wie
die Rassen-, Klassen- und heterosexistische Un-
terdrückung, um nur einige zu nennen.

Diese Aufzählung lässt aber die falsche Annahme
entstehen, dass diese Unterdrückungsmechanis-
men nebeneinanderstehen, ohne sich zu über-
schneiden. Das ist allerdings genauso falsch, wie
die Annahme, dass sich diese verschiedenen For-
men entlang einer vertikalen Achse anordnen las-
sen, "weil sich die verschiedenen Formen der
Unterdrückung nicht kurzerhand hierarchisch an-
ordnen, kausal verknüpfen oder auf verschiedene
Ebenen des >>Ursprünglichen<< und des >>Abge-
leiteten<< aufteilen lassen." Vielmehr besteht zwi-
schen den verschiedenen Formen der Macht
Wechselbeziehungen, Arten der Aneignung und
Ausnutzung, sowie ein gegenseitiges Stützen und
verstärken. So können Kapitalisten im Bereich des
Gesundheitswesens Frauen* (also Personen, die
als solche von der Gesellschaft wahrgenommen
und markiert werden) wesentlich weniger Lohn
bezahlen, da zum Beispiel die Pflege als weibliche
Aufgabe, bloß als Reproduktion angesehen wird.2
-----------------------------------------------------
[1]Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht; Einleitung
[2]Vgl. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter; Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren
-----------------------------------------------------
Exkurs über Natürlichkeit:

Trotzdem reden wir von Sexismus als einer Un-
terdrückungsform, welche als weiblich identifi-
zierten Individuen eine schlechtere Position in der
Gesellschaft zuschreibt. Diese verschiedenen Indi-
viduen bezeichnen wir als Frauen* (mit diesem
schönen Sternchen), um auf zweierlei aufmerk-
sam zu machen: Es gibt nicht "die Frau", sondern
eine Reihe verschiedener Merkmale, die einer
Person zugeschrieben werden, welche zu ver-
schiedenen Diskriminierungen führen und eine
unterschiedliche Wahrnehmungswelt dieser Per-
sonen prägen.

Außerdem wird behauptet, es gebe ganz natürlich
zweierlei Geschlechter, Mann und Frau, die durch
ein Begehren verbunden sind, welches das Hete-
rosexuelle ist. Diese Argumentation klammert je-
doch Homo-, Bi-, Trans-, Inter-, Asexualität,
sowie Personen, die sich nicht fest einem Ge-
schlecht zuordnen wollen oder können, ihr Ge-
schlecht wechseln oder sich zwischen oder
außerhalb von den Kategorien männlich und
weiblich sehen aus oder stempelt diese Erschei-
nungen als krankhafte Abweichung ab. Abwei-
chungen von der Norm sind es allemal, jedoch
keine krankhaften. Da sie die Norm, den Phallo-
gozentrismus[Formulierung gesellschaftlicher
Normen und Begriffe aus männlicher Perspektive,
Anm. d. Red.]erschüttern werden sie diskrimi-
niert, ausgeschlossen und zum Teil verfolgt. Und
nur daraus entsteht der Leidensdruck, sowie eine
höhere Suizidrate, nicht daraus, dass diese Er-
scheinungen eine "Entartung" seien. Das zeigt je-
doch, dass der Rahmen des "Natürlichen" dehnbar
und erschütterbar ist und sich schließlich die Be-
hauptung es gäbe (nur) Mann und Frau als natür-
liches Geschlecht nicht mehr halten lässt.

Darauf wollen wir hinaus, dass es eben nicht die-
se natürliche Frau gibt; "[m]an ist nicht als Frau
geboren, man wird es." 3 Man wird dazu gemacht,
durch Erziehung und Kultur, es wird einem ein
Geschlecht zugeschrieben und durch die Sprache
vermittelt gibt es bloß eine gesellschaftliche Er-
fahrung von diesen zwei Geschlechtern. Der
Zweite Zusammenhang, auf welchen wir mit dem
Stern verweisen ist also, dass wir all jene meinen,
die als Frauen gelesen werden und/oder sich als
solche wahrnehmen.
-----------------------------------------
[3]Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

------------------------------------------------
???
Im Kapitalismus ist entsprechend der Zweiteilung der
Geschlechter die Arbeit Zweigeteilt: In produktiv und
reproduktiv, in öffentlich und privat. Die produktiven
Bereiche, in denen das "rationale und starke Wesen"
vonnöten ist, um die Technik zu verstehen und zu or-
ganisieren, grenzt sich vom reproduktiven Bereich ab.
Die Arbeitskraft, unsere Fähigkeit zur Lohnarbeit ist
nicht einfach gegeben. Da sie tagtäglich verausgabt
wird, bedarf sie der beständigen (Re-)Produktion. Für
diese sind - für die Kindererziehung und die Pflege
der Alten - die als weiblich bezeichneten Attribute
Empathie und Emotionalität erforderlich. Für die Re-
produktion der Arbeitskraft bleibt die unbezahlte
Hausarbeit von Frauen* unentbehrlich: Essen kochen,
Wäsche waschen und Sex. Die Frau* hat für den
Mann* da zu sein, hat einen Raum zu schaffen, in dem
empfunden und ausgelebt werden kann, was dem ent-
sinnlichten Gesellschaftswesen in der Öffentlichkeit
verwehrt bleibt: Gefühle und liebevolle Zuwendung in
der bürgerlichen Kleinfamilie. Sie hat dafür zu sorgen,
dass der Mann am nächsten Tag und in der nächsten
Woche wieder gut erholt arbeiten gehen kann. Diese
Form der Arbeit ist allerdings nicht bezahlt, (weil sie
außerhalb der unmittelbaren Produktionssphäre liegt
beziehungsweise lag). Sie entspricht also nicht der
Lohnarbeit, welche sich schließlich durch - so die
Auffassung - ihren produktiven Charakter und die
Produktion von Mehrwert auszeichnet, während die
weibliche* Arbeit nur indirekt zur Schaffung des
Mehrwerts beiträgt.

Steigt nun die Frau* in das Berufsleben ein, ergeben
* sich mehrere Probleme:
Sie sei bloß Dazuverdienerin*, möchte das Ein-
kommen aufstocken und bekommt in der Folge
weniger Lohn.
* Sie sei schwächer und weniger rational. Deswe-
gen gibt es weniger Lohn. Zudem stehen ihr nicht
dieselben Bereiche zu, wie den Männern*. Dazu
zählen die Naturwissenschaften und Ingenieurbe-
rufe, wie generell Führungspositionen - auch in
der Politik. Das wird auch dadurch begünstigt,
dass diese Aufgaben oft nicht dem Selbstbild ent-
sprechen, welches von der Gesellschaft übernom-
menen oder aufgeprägten
Geschlechtermerkmalen abhängt.
* Die Hausarbeit wird trotz Berufstätigkeit meis-
tens weiterhin von der Frau* erledigt, wodurch
sich eine Doppelbelastung ergibt. Teilweise wird
das Übernehmen der Häuslichen Arbeit durch
Frauen* verschleiert, indem behauptet wird sie*
mache es gerne oder nebenbei, wobei Arbeiten
des Mannes* betont werden.4
* Zusätzlich zu den Arbeiten, die von weiblichen*
Personen verrichtet werden, wird von diesen in
der Regel noch abverlangt, dass sie am Arbeits-
platz die emotionale Arbeit übernehmen, immer
gute Laune haben, sich in alle hineinversetzen
können und auch hin und wieder einen Streit
schlichten. Diese emotionale Belastung ist eine
Form von Arbeit, die nicht als solche anerkannt
und entlohnt wird.5
* Frauen*, die in den Arbeitsmarkt einsteigen, wer-
den als Konkurrentinnen* angesehen, wodurch
Sexismus verschärft zunimmt. Auch infolge ihrer
geringeren Löhne und dem höheren Angebot an
Arbeitskräften, sinken in manchen Bereichen die
Entgelte. Die Reaktion darauf ist reaktionär: Se-
xismus.
* Es erschließen sich neue Bereiche, in denen die
ursprüngliche Akkumulation nun beginnt. Da-
durch, dass eine große Zahl an Frauen* nun nicht
mehr selbst die komplette Pflege und Betreuung
übernehmen können (weil sie berufstätig sind)
werden diese zu Ware, mit welcher man Geld
verdienen kann. Diese neuen Bereiche erfordern
auch Arbeitsplätze. Doch da diese Arbeiten wei-
terhin als weiblich und reproduktiv wahrgenom-
men werden, sind es vor allem weibliche*
Beschäftigte, die dort tätig sind und sehr schlech-
te Arbeitsbedingungen hinnehmen müssen. Da
eine "echte Frau" auch nicht "meckert" und in der
"Hingebung zur Umsorgen von Kindern, Alten
und Kranken aufgeht", wird durch gesellschaftli-
chen Druck und (erzwungene) Anpassung an die
Rollenbilder ein politischer oder gewerkschaftli-
cher Kampf unterbunden oder zumindest er-
schwert.

Frauen* müssen sich also nicht nur mit der schlechten
Bezahlung beschäftigen, wie sie auch in männlich ge-
prägten Berufsbildern in Erscheinung treten kann,
sondern auch mit den sexistischen Mechanismen, die
zu den Ursachen gehören, wie die oben beschriebene
Abwertung von Reproduktionsarbeit. Während Män-
ner* also ihren Arbeitskampf schon führen können, ist
ihnen die Bürde auferlegt, sich mit weiteren Diskrimi-
nierungsformen auseinanderzusetzen.

Die Arbeit die unentlohnt verrichtet wird, bezeichnen
wir in unserem Sticker - wenn vielleicht nicht unbe-
dingt analytisch richtig, so doch treffend überspitzt -
als "kitchen slavery", als Sklaverei. Diese ist durch den
Staat institutionalisiert. In diesem Zusammenhang ist
die Ehe als Gewaltverhältnis zu sehen: Materielle Si-
cherheit gegen Liebe und Sex und ewiger Kampf um
Selbstbestimmung über die Familienplanung. Die
Mehrwertbildung wird außerdem ermöglicht durch
individuelle Ausbeutung der individuellen Frau*
durch den individuellen Mann.

Wir wollen diese Tätigkeiten sichtbar machen und auf
die ungleiche Bezahlung6 hinweisen, welche nicht
hinnehmbar ist. Doch wollen wir nicht bloß einen Teil
oder eine Folge der Geschlechterzuschreibung be-
kämpfen und beseitigen, sondern Geschlecht und Ge-
schlechtsidentität ausdifferenzieren und die Ausdiffe-
renzierung bis zur Auflösung weitertreiben. Für uns
ist Geschlecht nicht natürlich und natürlich nicht bi-
när. Sexismus ist nicht natürlich und auch nicht un-
überwindbar. Down with kitchen slavery! Allerdings
ist dies im Kapitalismus nicht ohne weiteres möglich,
da dieser zur Reproduktion der Geschlechter beiträgt.
Die Keimzelle der bürgerlichen
Gesellschaft ist die bürgerliche
Kleinfamilie, in welcher das
Kind herangezogen und erzo-
gen, und die Arbeitskraft (des
Mannes*) reproduziert wird.
---------------------------------------------------------
[4][5]http://kollektiv26.blogsport.de/2018/03/14/unterschiedliche-sauberkeitsstandards/
https://www.zeit.de/arbeit/2017-12/sexismus-emotional-labour-freundlichkeit-frauen
[6]https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/genderpaygap-103.html
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Deswegen sind wir der Mei-
nung, dass sich der feministi-
sche Kampf auch mit anderen
Kämpfen vereinen muss, da es
nicht den reinen Sexismus gibt,
wie wir unten versuchen wer-
den darzulegen. So schaffte es
der Kapitalismus beispielsweise
bisher, sich Umsetzungen ein-
zelner feministischer Forderun-
gen einzuverleiben und nutzbar
zu machen. Dazu gehört auch
die Möglichkeit, an der Lohn-
arbeit teilzunehmen, welche die
Lage der Frauen* nicht nur
verbesserte. Auf der einen Seite
gibt es nun eine Doppelbelas-
tung, auf der anderen Seite hat
sie* aber auch die Möglichkeit
finanziell unabhängig zu sein
und ihr* eigenes Geld zu verwalten. Zudem ermög-
licht nur eine Betrachtung verschiedenster Unter-
drückungsformen, dass sich dieses Geflecht entwirren
und beseitigen lässt. Eine Hierarchisierung würde da-
bei die Erfahrungen der Betroffenen unberücksichtigt
lassen, auf unterschiedliche Art und Weise an den ver-
schiedenen Formen leiden.

Zuletzt möchten wir auf die "linke Szene" zu sprechen
kommen. In links-alternativen Räumen findet Sexis-
mus statt und wird dabei unsichtbar gemacht. In Be-
zug auf den Sticker wird hier das Kochen für die KüFa
(Küche für alle), das Korrigieren von Texten und
Schlichten von Streitereien nicht als "wertvolle politi-
sche Arbeit" betrachtet und bleibt oftmals wie selbst-
verständlich an Frauen* hängen. Darüber hinaus sind
sie durch gesellschaftliche Machtverhältnisse gezwun-
gen, sich theoretisch und praktisch mit Sexismus aus-
einanderzusetzen, während dies für Männer optional
ist und sie sich in der selben Zeit der "ernsten Theorie"
hingeben oder gar ohne das zu tun der "wirklichen
Praxis" zuwenden können. Auch müssen sich weibli-
che* Personen erst einmal Gehör verschaffen, ihre Fä-
higkeiten unter Beweis stellen und eine Beschäftigung
mit dem Thema Sexismus und
die Reflexion der Verhaltens-
weisen in ihrer Gruppe er-
zwingen. Dabei sind sie dann
häufig die überempfindlichen,
nervigen Feministinnen, wäh-
rend männliche Feministen
häufig ein Schulterklopfen
von allen Seiten erhalten. Das
mag vielleicht auch daran lie-
gen, dass die erstgenannten
die Machtverhältnisse (der
Gruppe) angreifen und ver-
schieben, während das bei den
zweitgenannten nicht immer
der Fall ist.

Darüber hinaus müssen sich
Frauen* auch mit Übergriffen
in linken Räumen beschäfti-
gen, da sie diese erleben oder
eher mitbekommen. Sie sind
dann gezwungen, sich einen
richtigen Umgang und die De-
finitionsmacht zu erkämpfen,
da ihnen diese häufig abge-
sprochen wird. Zudem müssen
sie befürchten Repression aus der Gruppe zu erfahren,
wenn Täter gedeckt werden, eine Offenlegung verhin-
dert oder die Vorfälle relativiert werden.7

Um all diese Nachteile zu beseitigen ist es unabding-
bar, dass sich Männer (all jene, die als solche gelesen
werden und sozialisiert wurden) mit Feministischer
Theorie auseinandersetzen und ihr Verhalten reflek-
tieren. Sie müssen mehr Sensibilität gegenüber sexisti-
schen Praktiken erlernen und sich offen gegen diese
stellen. Vor allem ist es wichtig, dass sie den Frauen*
den Rücken stärken, die sich gegen Sexismus stellen.
Wie in der Einleitung behauptet, gibt es also ein Pro-
blem; lasst uns dagegen angehen! 8
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[7]Zum Thema Definitionsmacht und Umgang mit Übergriffen: "Antisexismus_reloaded" vom Unrast Verlag
[8]Vertiefend dazu möchten wir den Text "Sexismus und ‚linke Szene‘" vom Autonomen Frauenreferat Uni Köln empfehlen:
http://frauenreferatkoeln.blogsport.de/images/sexismusundlinkeszene.pdf
Unrast Verlag
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