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(de) fda-ifa: Gai Dao #96 - Leser*innenbrief zu "Bin ich für dich (k)ein Mensch?" - Solidarität für die Antipsychia­ triebewegung Ursprünglicher Artikel in Gai Dao No 93 09/2018 Von: doc holiday

Date Tue, 1 Jan 2019 08:50:05 +0200


Ein wirklich wichtiger und notwendiger Artikel von merlin, den ich gerne noch um ein paar einzelne Anmerkungen und Hintergrundwissen "aus dem Bauch der Bestie" ergänzen möchte: Tatsächlich ist die Hilflosigkeit im Umgang mit sog. "psychisch Kranken" sowohl innerhalb als auch außerhalb der Psychiatrie beeindruckend. Psychische Störungen werden aus unterschiedlichen Gründen wieder mythologisiert und tabuisiert, das Wissen darüber ist spärlich und von Vorurteilen und Abwertungen geprägt. Denn Antipsychiatriebewegungen stellten eine immense Gefahr für das Funktionieren von Herrschaftsmechanismen dar, und es wurde viel Energie darauf verwendet, diese Bewegungen zu beenden, ihnen ihre politische Wirksamkeit zu entziehen. Dazu gehörte nicht nur, Psychiatrieerfahrene auszugrenzen und abzuwerten, sie handlungsunfähig zu machen, sondern auch, bei jeder Einzelnen und jedem Einzelnen Ängste zu schüren, damit Solidarisierung nicht mehr statt findet und sich selbst schon im Vorfeld zensiert.

Wie genau wird dabei Entsolidarisierung hergestellt?

Die Idee, dass sog. psychisch Kranke selbstbestimmt
leben können, soll sich aus verschiedenen Gründen
nicht durchsetzen: Eine riesige, gewinnorientierte
Gruppe (offensichtlich Kliniken, Pharmaindustrie,
Krankenkassen, Ärzte- und Therapeutenkammern,
Ausbildungsinstitute, Universitäten etc.) lebt von der
Angst jedes einzelnen Menschen, "nicht normal" zu
sein, und sich deshalb in Behandlung begibt. Diese
Angst wird ebenfalls sehr erfolgreich in der Werbung
eingesetzt, um Produkte zu vermarkten. In Krimis
werden Verhaltensweisen bizarr verzerrt zu "Psycho",
psychische Abweichungen von einer (fiktiven) Norm
sollen Angst machen, staatliche Reglementierungen
und polizeiliche Gewalt rechtfertigen. Viele Serien, Fil-
me oder Shows leben parallel dazu von der sog. "Ko-
mik", die darin besteht, Menschen mit (angeblichen
Defiziten und) Normabweichungen vor der Kamera
bloßzustellen. Das Lachen ist erlernt und versucht ver-
zweifelt, eine Grenze zwischen dem Lachenden und
der dargestellten Figur zu ziehen. "Seht ihr, ich bin
nicht ver-rückt, ich erkenne, dass der andere verrückt
ist, und zeige dies, indem ich ihn abwerte oder ausla-
che: Durch dieses Verhalten gehöre ich zu den Norma-
len!". Damit wird, wie im Artikel treffend dargestellt,
ein ‚Drinnen‘ und ein ‚Draußen‘ hergestellt. Das Drin-
nen und das Draußen sind per se fiktiv, werden aber
durch soziale Konstrukte Teil der Lebenswirklichkeit
aller Menschen. Die Angst, sich durch Solidarität mit
den Ausgegrenzten zu identifizieren, setzt ein Wissen
über die eigene Identität voraus, die im Themenbe-
reich der Psychiatrierung stärker als überall sonst ver-
hindert wird.

Viele Menschen würden sich solidarisch mit den Fol-
gen der Psychiatrierung auseinandersetzen, wenn die
Angst nicht wäre, sich dafür notwendigerweise mit ei-
genen psychischen Befindlichkeiten und Selbstzwei-
feln auseinander setzen zu müssen.

Es steckt häufig der Wunsch dahinter: "Solange ich so
tu' als ob, wird keiner merken, wie es um mich steht,
dass ich genau diese Angst habe, eine psychische Stö-
rung zu haben, und deshalb nicht dazu zu gehören,
ausgegrenzt zu werden, mich der Tatsache stellen zu
müssen, anders zu sein als die anderen."

Vielleicht erklärt dies die Stille, dieses Wegsehen. Ent-
solidarisierung wird auf verschiedenen Ebenen herge-
stellt, und mit hohem Aufwand aufrechterhalten. Und
das funktioniert - macht uns manipulierbar, macht
ängstlich und abhängig.

Zu 2. Für mehr Unwissenschaftlichkeit!

Es gibt bisher kein wissenschaftliches Grundlagenwis-
sen für psychiatrische Erkrankungen:
"Krankheit wird oft im Gegensatz zu Gesundheit
definiert.
Die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) hat allerdings Gesundheit auch schon
1946 als idealen Zustand optimalen Wohlbefin-
dens definiert... Die Übergänge zwischen ‚Ge-
sundheit‘ und ‚Krankheit‘ sind fließend. Vieles
mag letztlich einfach eine Frage der Sichtweise
sein, zumal der Ausdruck Krankheit keine biologi-
sche Konstante, sondern ein kulturelles wertbezo-
genes Konstrukt darstellt." 1

Psychiatrische Diagnosen entstehen
nicht auf wissenschaftlichen Grundla-
gen, sondern durch eine normierende
Gruppe von Ärzt*innen, die einen Kata-
log von Symptomen einer diagnosti-
schen Bezeichnung (mehr oder weniger
überlegt) zuweist. So werden seit 1948
im ICD (damals die 6., heute die 10. Ver-
sion) von Patient*innen beschriebene
oder von Behandler*innen und Angehö-
rigen berichtete Symptome als spezifi-
sche Diagnosen systematisch
zusammengefaßt. Wissenschaftlichkeit
wird erst durch nachträgliche Forschung
begründend und rechtfertigend zugefügt
(z.B. in der grünen Ausgabe des ICD).
Diagnosen geben den Behandler*Innen
die Möglichkeit, unter den Leitlinien 2 nachzuschlagen,
wie diese oder jene Störung behandelt werden könnte.
Auch diese Leitlinien sind aus Entscheidungen eines
Gremiums am ‚Runden Tisch‘ entstanden und werden
erst nachträglich wissenschaftlich belegt, z. B. durch
Klaus Grawe, der die fünf Wirkfaktoren der Psycho-
therapie (knapp 100 Jahre nach ihrer "Erfindung"
durch Sigmund Freud) herausgearbeitet hat. Medizi-
ner*innen können seitenlang über Wirkmechanismen
verordneter Medikamente nachlesen, auf welche
Transmitter, Gehirnregionen und hormonellen Syste-
me ein Medikament wirkt. Tatsächlich weiß aber nie-
mand so genau, was wie wirkt und warum.

Nebenwirkungen sind kaum erforscht, Wechselwir-
kungen werden ignoriert, in einem riesigen Feldver-
such werden ständig Informationen gesammelt und
Wissen erweitert. Medikamente und Behandlungsme-
thoden erscheinen auf dem Markt, werden ein paar
Jahre oder Jahrzehnte angewandt und verschwinden
dann wieder3 . Mittlerweile behandle ich meine Kli-
ent*innen auch wegen iatrogen zugefügter Störungen
(iatrogen = durch Ärzt*innen zugefügtes Leiden).

"Die wollen Menschen da ja eigentlich nur hel-
fen!"-Helfende gehören zum Drinnen, sie gelten nicht
als psychisch krank. Sie haben quasi einen Freifahr-
schein, der sie außerhalb einer Bewertung stellt, denn
sie sind es, die bewerten und kategorisieren dürfen.

Vielleicht ist dies nicht der einzige Grund, in Psychia-
trien zu arbeiten, aber er spielt doch eine bedeutende
Rolle.

Statistisch gesehen4 zeigt mindestens jeder zweite
Mensch (mehr als 50% der Bevölkerung) in Deutsch-
land im Laufe ihres oder seines Lebens Symptome, die
eine psychiatrische Diagnose rechtfertigen können. Zu
jedem beliebigen Zeitpunkt, z.B. jetzt gerade, besteht
bei mindestens 8 % der Bevölkerung in Deutschland
eine behandlungsbedürftige psychiatrische Erkran-
kung. Jedes Jahr töten sich mehr als 10.000 Menschen
selbst, mehr als 100.000 Menschen versuchen, sich
umzubringen. Rund 1,4 Millionen Menschen sind ak-
tuell in ambulanter psychotherapeutischer Behand-
lung. 813.738 Erwachsene und 61.400 Menschen unter
18 Jahren wurden im Jahr 2017 stationär psychiatrisch
behandelt 5 . Es ist also statistisch gesehen zehn Mal
wahrscheinlicher, in der Psychiatrie zu landen als im
Gefängnis.

Eine erneute Antipsychiatriebewegung setzt die Aus-
einandersetzung mit eigenen Ängsten voraus. Du
kannst in der Umgebung, die dich krank gemacht hat,
nicht gesund werden, solange Du Dich selbst belügst.
Solidarität mit psychisch Kranken - sie nennen sich
nicht ohne Grund "psychisch Erfahrene" - wäre ein
notwendiger Bestandteil der Auseinandersetzung mit
Herrschaftsstrukturen, die unsere Ängste benutzen.
-------------------------------------------------------------
[1]Wikipedia, Stichwort "Krankheit"
[2]https://www.awmf.org/leitlinien/aktuelle-leitlinien.html
[3]Peter Lehmann, der chemische Knebel, ISBN3-925931-00-7
[4]Statistiken der Krankenkassen der BRD und www.ptk-nrw.de
[5]www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen/KrankenhaeuserFA.html
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