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(de) FAU, direkte aktion: SKIZZE EINES KONSTRUKTIVEN SOZIALISMUS (TEIL 2)

Date Tue, 6 Nov 2018 08:11:49 +0200


Multiple Gewerkschaften als Unterbau: Erste Bausteine der Gegenmacht ---- Hintergrund Von: Holger Marcks - 31. Oktober 2018 ---- Die strategische Umwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse - das ist der Gegenstand von Transformationspolitik. Was das im syndikalistischen Zuschnitt bedeutet, wurde im ersten Teil der Artikelserie angerissen.[1]Zugleich wurde dort argumentiert, dass im Syndikalismus bereits das Prinzip des Programms vorweggenommen wurden, auf das linke Debatten derzeit hinauslaufen: eine aufbauende Sozialtechnik, die nicht auf unmittelbaren Ordnungsbruch abzielt, sondern die Vermittlung zwischen Realität und Utopie vorantreibt. Derlei Transformationspolitik lässt der revolutionären Sehnsucht ihre Geltung, ohne die Arbeit am Bestehenden für ein ungewisses Abenteuer zu suspendieren. Dieses Prinzip gilt es im Folgenden nun auszudifferenzieren. Denn bisher wurde der Gegenstand nur auf einer metapolitischen Ebene betrachtet.[2]Das heißt, es wurden neuere Transformationstheorien in einen begrifflichen Bezug zum Syndikalismus gesetzt, um die Fluchtpunkte analoger Denkarten herauszustellen. Sie bilden die programmatische Silhouette ab, an der sich ein überhistorisches Prinzip abzeichnet. Wie sich jene Silhouette füllen und damit das Prinzip zu einem differenzierten Programm ausfächern lässt, ist hingegen mit Blick auf politische Ebenen zu beantworten, die Zweck, Ziel und Mittel der Transformation tangieren -[3]und dies vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen und aktueller Bedingungen.

Gerade die unterschiedlichen Ebenen politischer Praxis und deren Ineinandergreifen sind in den neueren Transformationstheorien ja unterbeleuchtet. Wie bereits erörtert, malen diese zwar das originär syndikalistische Prinzip nach, dass ein freiheitlicher Sozialismus aufzubauen ist, indem durch Organisationsformen, welche die Utopie präfigurieren, neue Gesellschaftsformen etabliert werden. Doch wie diese realutopischen Keimformen Wirkungsmacht erlangen und zu einer Gegenmacht ausgebaut werden sollen, wird von ihnen kaum ausbuchstabiert. So identifizieren sie auf sozialtheoretische Weise Prozesse und Mechanismen der Transformation, aber keine Praxen, die diese taktisch und strategisch zu aktivieren vermögen. In der Debatte um ›Neue Klassenpolitik‹ wiederum finden sich zwar Vorschläge für horizontale Organisationspraxen, in denen man Potentiale für Mobilisierung und soziale Kämpfe sieht, doch sind diese in keine Sozialtheorien eingebettet, mit der sich ein Programm der Transformation entwickeln ließe. Immerhin erfordert dieses nicht einfach Konzepte für erfolgreiche Basisorganisierung, sondern eben solche für eine erfolgreiche transformatorische Basisorganisierung. Es ist nämlich das eine, Menschen zu mobilisieren und Kämpfe zu gewinnen, und das andere, da heraus Strukturen und Institutionen zu entwickeln, die so etwas wie eine Gegengesellschaft ermöglichen.

In dieser Kunst versuchte sich stets der Syndikalismus, dessen originelles Moment nicht etwa ist, die Basisorganisierung erfunden zu haben, sondern daraus Bausteine der Gegenmacht formen zu wollen. Sie ist demnach kein Selbstzweck, sondern soll zur Befreiung ermächtigen. Aufgrund dieses Zwecks, der eine ständige Ausbaufähigkeit von Handlungsmöglichkeiten annimmt, ist ein konstruktiver Sozialismus, wie Pierre Ramus einst herausarbeitete, vor allem als Praxistheorie zu konzipieren, was wiederum eine Gesellschaftsanalyse voraussetzt,»die die Motive und Hintergründe menschlichen Handels klärt«.[4]Denn nur oberflächlich geht es darum, Staat und Kapitalismus alternative Strukturen entgegenzusetzen. In der Tiefe besteht das Werk vielmehr darin, breite Massen für solche Strukturen zu interessieren, sie darin einzubinden und durch sie zu erheben. Das sind jeweils Aufgaben, die auf unterschiedlichen Handlungsebenen zu lösen sind. So erfolgt das Interessieren auf meso- (Organisationen als kollektive Akteure), das Einbinden auf mikro- (Organisationen als zwischenmenschlicher Kosmos) und das Erheben auf makropolitischer Ebene (Organisationen als soziale Institutionen).[5]Zugleich müssen sich die damit verbundenen Ziele und Mittel konsistent zum Zweck verhalten, wenn präfigurative Politik aufgehen soll.[6]Wir werden das im Folgenden nun durchdeklinieren, angefangen bei der Mesopolitik.

VERMITTELBARE VERMITTLUNGSFORMEN: DAS PUZZLE DER REALUTOPISCHEN SOZIALTECHNIK
Es ist das Verdienst von Sutterlütti und Meretz, die Denkbarkeit einer Neuordnung abseits des revolutionären Bruchs gestärkt zu haben. Gerade mit ihrem Modell des»Fünfschritts«liefern sie eine Sozialtheorie für einen qualitativen Systemwandel, bei dem Keimformen für einen Funktions- und Dominanzwechsel sorgen.[7]Plausibel ist ein solches Modell nicht zuletzt deswegen, weil auch der Kapitalismus sich aus Keimformen zum dominierenden System entwickelt hat, ganz ohne revolutionären Bruch - und doch alles so radikal durchdringend. Insofern liefern die Autoren eine Plausibilisierung dafür, dass revolutionäre Arbeit am Bestehenden ansetzen kann, womit sie der plumpen Vorstellung mancher Linker entgegenwirken, alles, was nicht immer ums Ganze ginge, würde zwangsläufig vom System geschluckt. Zweifelhaft wird es aber, wenn sie zu den Szenarien eines solchen Entwicklungsprozesses kommen. Denn obwohl in ihrem Werk viel von Aufbauen die Rede ist, erscheint dieser Prozess doch weitestgehend passiv, als etwas, das der Gesellschaft geschieht. Diesen Eindruck erweckt zumindest ihre Suche nach potentiellen Keimformen, die sie etwa in linken Kollektiv-Projekten, Formen der Solidarischen Ökonomie oder Wissenscommons wie Wikipedia finden und deren»commonistische Vermittlungsform«letztlich»transpersonale Beziehungen«schaffen soll, die zur gesellschaftlich allgemeinen Struktur werden.[8]
Diese Szenarien erschöpfen sich vor allem in abstrakten Vorstellungen vom Werden eines»Commonismus«, die sich wie eine Prophezeiung lesen. Von der aktiven Konstruktion, dem schöpferischen Aufbau, liest man dabei nichts. Ebenso wenig wird - abgesehen von normativen Versprechungen - eine Konstitution der Zielgesellschaft ausgemalt, was die Autoren ja eigentlich einzufordern scheinen. Vermutlich ist diese Zurückhaltung der linken Mentalität geschuldet, bloß nicht zu viel vorgeben zu wollen, damit sich alle linken Projekte darin wiederfinden können, egal wie dysfunktional oder unvereinbar sie sind. Vielleicht hallt hier auch die marxistische Logik mit ihrem strukturalistischen bias nach, die der agency, also der Handlungsmacht von Akteuren,[9]kaum Platz einräumt und, wie Ramus deutlich machte,»menschliches Handeln dahingehend einschränkt, Ereignisse zu erwarten, anstatt aktiv die eigene Geschichte zu gestalten.«[10]In jedem Fall geraten sie so in Widerspruch zu ihren eigenen Prämissen, wonach sie skeptisch sind,»dass sich die Projekte einfach irgendwie vernetzen und dadurch ein ›commonistischer Raum‹ entsteht, der irgendwann den Kapitalismus ablöst.«[11]Zumindest steuern sie wenig Konkretes zur Lösung des auch von Hardt festgestellten Problems bei, dass es einer»konstituierenden Macht«bedarf, die»im großen Stil«die»Instituierung«neuer Beziehungsweisen angeht.[12]
Der so entstehende Eindruck, dass die Ansätze des Neuen bereits da sind und diese nur wahrgenommen und quantitativ ausgedehnt werden müssen, um zu einem qualitativen Wandel zu führen, ist auch deswegen kritikabel, weil der Kapitalismus, der als Beispiel für eine Keimformentwicklung dient, keineswegs so natürlich zum Durchbruch gelangte, wie es im Marxismus häufig suggeriert wird. Denn tatsächlich war dieser auch das Ergebnis aktiv gestaltender Politik. Motiviert durch materielle Interessen, etablierte das besitzende Bürgertum sukzessive Strukturen und Institutionen - und das durchaus auch strategisch -, mit denen ein Dominanzwechsel möglich wurde. Der Aufbau von Fabrik- und Handelssystemen sowie die Bildung von Monopolen und Kartellen als Unterbau, die Einrichtung einer Managerklasse sowie von Bankenwesen und Aktienmärkten als Mittelbau sowie die Beeinflussung und Zurichtung des politischen Überbaus - all das sind Vollzüge, ohne die die Funktionsweise des Kapitalismus die Gesellschaft nicht derart hätte durchdringen können. Der Syndikalismus hatte das in seiner Geschichtsphilosophie stets anerkannt, den Kapitalismus also mehr als Resultat von materiellen und kulturellen Kämpfen denn als historisch-materialistische Konsequenz verstanden. Entsprechend räumte er auch der agency der Arbeiterbewegung mehr Bedeutung ein.

Die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen, bedeutet daher in der syndikalistischen Logik nicht, das Neue im Bestehenden zu suchen und auszubauen, sondern etwas Neues zu konstruieren und im Bestehenden Anknüpfungspunkte zu finden, aus denen es Ressourcen schöpfen kann. Der Unterschied mag spitzfindig klingen, ist aber entscheidend. Es bedeutet, aus den Verhältnissen heraus zu agieren, ohne allein auf sie zu bauen. Man bleibt mit einem Bein in der Realität verhaftet und zweigt sich aus dieser die dynamischen Potentiale ab, um dem Aufbau von Gegenmacht Schwung zu verleihen. Und diese Potentiale wohnen in den Widersprüchen der Realität. Sie bieten Gelegenheit für Kämpfe, über die sich Menschen für alternative Strukturen interessieren und an sie anbinden lassen, um die Keimform zu nähren. Die Widersprüche und Opportunitätsstrukturen zu identifizieren, ist das materialistische Moment des Syndikalismus - sie strategisch zu nutzen und erweitern, sein voluntaristisches. Damit vermeidet er die absoluten Anmaßungen der»utopischen Sozialtechnik«, wie Karl Popper die Methode nennt,»keinen Stein auf dem anderen zu lassen«, um ein radikales Ideal zu verwirklichen. Zugleich jedoch folgt er damit nicht einfach der von Popper favorisierten»Sozialtechnik der kleinen Schritte«, die darauf reduziert ist, sich»nach den dringendsten Übeln umzusehen, um sie zu lösen.«[13]
Wir werden im Weiteren noch vertiefen, warum reformistische und auch konservative Kritiken der utopischen Sozialtechnik durchaus einen berechtigten Kern haben. Hier soll zunächst der Hinweis genügen, dass der Syndikalismus Bedenken um die»Gefahren der Revolution«teilt,[14]ohne auf dem Standpunkt des Reformismus zu stehen, der durch bloße»Symbiose«, wie es Wright nennt, die bestehenden Institutionen verbessern möchte.[15]Genauer gesagt, folgt er Platons Maxime der Gesamtheitsplanung, die Popper der utopischen Sozialtechnik zurechnet - d.h., ein radikales Ziel zu bestimmen und dann die einzelnen Schritte und Mittel für die praktische Umsetzung festzulegen -,[16]versucht aber, diesen Holismus mit dem nötigen Maß an Realismus zu füllen, der der Sozialtechnik der kleinen Schritte eigen ist. Er steht damit für eine Synthese der Methoden: eine real-utopische Sozialtechnik. In der Lesart Camus‘ bedeutet das, die Grenzen des situativ Machbaren anzuerkennen, statt vom absoluten Standpunkt aus zu handeln. Es gilt, nicht die Utopie in die Wirklichkeit zu pressen, sondern in der Auseinandersetzung mit dieser zu einer neuen zu kommen. Die syndikalistische Revolte ist daher relativ; sie hat die gegenwärtigen Möglichkeiten im Blick, und nicht, wie Marx und Hegel, die geschichtlichen Notwendigkeiten. Sie weicht den Widersprüchen nicht aus, sondern arbeitet mit ihnen - um sie so zu überwinden.[17]
In diesem realistischen Radikalismus, bei dem sich die utopische Politik dem realen Leben zu beugen hat, geht es um mehr als die Schrittfolge. Das Puzzle der realutopischen Sozialtechnik besteht vor allem in der Doppelaufgabe, neue Vermittlungsformen so zu schaffen, dass sie auch breit vermittelbar sind. Zum Beispiel weisen der utopische Sozialismus von einst und die»gelebten Utopien«von heute solche Formen auf, aufgrund ihres Nischencharakters mangelt es aber an einer Verbundenheit mit der Realität, über die ihr illustrativer Gehalt Interesse stiften könnte.[18]Der Marxismus wiederum war einst als Parteiprojekt durchaus vermittelbar, hatte aber, wie Korsch kritisierte, durch sein»bedingungsloses Festhalten an den politischen Formen der bürgerlichen Revolution«die andere Hälfte des Puzzles nicht gelöst.[19]Ähnliches gilt, wie Sutterlütti und Meretz feststellen, auch für nicht-nischenhafte Bewegungen heute, die durch strategische Interaktion mit den institutionellen Realitäten zwar versuchen,»Allgemeinheit zu erringen, aber da sie keine neuen Formen der Vergesellschaftung ... aufbauen«, sich weiter in der Form der politisch-staatlichen Veränderung bewegen; und das nehme»dem emanzipatorischen Streben seine Spitze«,[20]weswegen derlei»konkreten Utopien«oft nur appellative Kampagnen bleiben.[21]Wir werden nun schauen, wie eine syndikalistische Lösung des Puzzles aussehen könnte.

DEN ANFANG ZU ENDE, DAS ENDE ZU ANFANG DENKEN: MESOPOLITIK ALS DREH- UND ANGELPUNKT
Die realutopische Sozialtechnik des Syndikalismus kann auch als eine der Wechselschritte begriffen werden. Man arbeitet einerseits mit der Realität, ja, zieht sie mit, und baut andererseits an der zu nährenden Utopie, ohne zu weit voranzupreschen. Dass das Resonanzfeld zwischen beiden Welten nicht zerrissen wird, die Utopie also mit der Realität in einer Weise interagiert, die einen zunehmenden Ressourcenfluss vom Bestehenden ins Werdende ermöglicht, das ist Sache der Praxistheorie.[22]Sie muss Organisationen konstruieren, die zwischenmenschliche Beziehungen inklusiv ausgestalten, die kollektives Handeln zur Realitätsbewältigung ermöglichen und die zugleich als Unterbau gegengesellschaftlicher Instituierung taugen. Es bedarf also eines gesamtheitlichen Programms, in dem Mikro-, Meso- und Makropolitik ineinandergreifen. Verfehlt das Programm nur eine der drei Aufgaben, geht es insgesamt nicht auf. Eine solch holistische Denkweise verläuft zirkulär, weil sie sich in Theorie und Praxis stets rückversichern muss, dass eine Ebene eine andere nicht falsch ausrichtet. Sie unterscheidet sich so im Anspruch von manchen anderen präfigurativen Transformationsansätzen, die lediglich erwägen, ob sich makropolitische Ziele in der Mikropolitik widerspiegeln. Genau damit fehlt diesen aber die strategische Schnittstelle zur Realität, über die Vermittelbarkeit hergestellt wird.

Der Syndikalismus nimmt hingegen die Mesoebene als Ausgangspunkt seiner holistischen Denkweise. Von da aus denkt er sich in die anderen Ebenen - und wieder zurück. Konkret bedeutet das, zunächst eine Organisationsform zu wählen, welche die materiellen Interessen der unteren Klassen unmittelbar adressiert und somit resonanzfähig ist. Auf diese Weise soll Handlungsmacht und strategische Varianz ermöglicht werden, um nicht - wie so manche auf den revolutionären Olymp fixierte Gruppe -»Flugsand der Geschichte«zu sein.[23]Zugleich soll so sichergestellt werden, dass man die Gegenwart nicht einer ungewissen Zukunft opfert, wie Pouget zu sagen pflegte.[24]Denn auch wenn die Gesamtstrategie nicht aufgehen sollte, wären damit zumindest größere Stücke vom Kuchen abzuhaben.[25]Deswegen sind Gewerkschaften der mesopolitische Dreh- und Angelpunkt des Syndikalismus . Von ihnen war schon früh im Kapitalismus klar, dass sie, weil sie eben aus den alltäglichen Widersprüchen heraus agieren, äußerst mobilisierungstauglich sind. Und zugleich bergen sie, weil sie an der materiellen Basis des Kapitalismus ansetzen, das Potential in sich, die berüchtigte Bäckerei vielleicht doch übernehmen zu können. Diese Position wurde das erste Mal deutlich 1869 auf dem Baseler Kongress der Ersten Internationale formuliert, der als Geburtsstunde des Gewerkschaftssozialismus (Syndikalismus) gelten kann.

Hatte der Genfer Kongress 1866 bereits festgestellt, dass die Gewerkschaften über den Alltagskonflikt hinaus wichtig sind»als organisierte Kraft zur Beseitigung des[kapitalistischen]Systems«,[26]fand in Basel die Position Anklang, dass sie im Zuge ihrer Entfaltung föderale Räte bilden sollten, welche jenes System ersetzen. Die Internationale sollte daher nicht den Weg über den Staat gehen, sondern selbst ein transnationaler»Staat in den Staaten«sein, der die neue Ordnung präfiguriert.[27]Diese Position war zunächst ideologisch nicht klar zuordenbar, weil sie in der Internationale, die vor allem ein Zusammenschluss von Gewerkschaften darstellte,[28]für viele recht naheliegend war. Sie begann sich aber zunehmend als anarchistisch zu verstehen, nachdem die MarxistInnen sich von ihr abgrenzten und so deren AnhängerInnen zur Differenzbestimmung zwangen. Marx und Engels folgten dabei einer Position, die sie bereits im Kommunistischen Manifest dargelegt hatten:»Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.«[29]Diese Position elaborierten sie dann dahingehend, dass die politischen Machtzentralen durch nationale Parteien zu erobern seien; entsprechend wollten sie die Internationale parteipolitisch und zentralistisch umgestalten.

Diese strategische Einfassung war konstitutiv für den politischen Marxismus, der sich von da an durch die Organisationsform der staatlich orientierten Partei auszeichnete[30]und die Gewerkschaften nur als ›Transmissionsriemen‹ funktionalisierte.[31]Darin besteht das Problem, das der Anarchismus - auf den selbige Einfassung co-konstitutiv wirkte - mit dem Marxismus hatte.[32]Und dieses erwuchs nicht etwa aus den Launen des streitsüchtigen Marx, sondern einer Praxiskonzeption, die er aus dem historischen Materialismus ableitete. Denn das utopische Ziel wollte er nur vage als»Diktatur des Proletariats«definiert wissen, alles Weitere würde sich aus den Triebkräften der Geschichte ergeben. Das Proletariat hatte sich in diesen Prozess einzufügen, also den geschichtlichen Notwendigkeiten zu folgen, und das erforderte eben eine zentralistische bzw. autoritäre Organisationsweise, damit die Masse sich einheitlich auch objektiv richtig formiert.[33]Eine solche Auffassung, die Camus als absolut bzw.»cäsarisch«herausgearbeitet hat,[34]stand der anarchistischen, welche die relativen Möglichkeiten betonte, diametral entgegen. Vor allem aber enthielt sie keinerlei Bewusstsein für Probleme der Präfiguration, etwa dass sich in so einer Räson»die Belange des nationalen Staates mit den geistigen Belangen[der]Partei«vermengen[35]oder darin Rechtfertigungsmuster für totalitäre Herrschaft angelegt sind.[36]
AnarchistInnen und SyndikalistInnen versuchten hingegen zu antizipieren, wie revolutionäre Organisationen das Feld zukünftiger Handlungsmöglichkeiten ordnen. Damit nahmen sie gewissermaßen das Konzept der ›Pfadabhängigkeiten‹ vorweg, das heute in der Organisationssoziologie Usus ist. Im Prinzip standen sie damit auch für ein komplexeres Materialismus-Verständnis, das man als praktischen Materialismus bezeichnen könnte. Denn sie analysierten nicht einfach die Opportunitätsstrukturen als sich fortschreibende Determinanten der Geschichte, die man nur richtig wahrnehmen muss, sondern erwogen auch, wie sich durch strategische Interaktionen jene Strukturen prozessual verändern und neue Möglichkeiten oder Schließungen entstehen. In Konsequenz bedeutete das, auch die eigenen Organisationsformen reflexiv in die Betrachtung einzubeziehen. Denn Präfiguration findet in der politischen Praxis immer statt, im Guten wie im Schlechten. Das, was man präfigurative Politik nennt, ist bloß jene Politik, die sich das auch bewusst zu machen versucht. Neuere Transformationstheorien üben sich nun genau darin, womit sie sich - wenn auch unbewusst - aus der konstitutiven Einfassung des politischen Marxismus lösen, dessen Genealogie auf der Verneinung des keimformtheoretischen Prinzips basierte, die Organisationsform an einem Bild der Utopie auszurichten.

Da jene Theorien jedoch der Mesofrage ausweichen, durch welche Organisationen man strategischen Zugriff auf die Realität erhält, fehlt ihnen das reflexive Moment für eine kritische Keimformtheorie. Das zeigt sich etwa bei Adamczak, die wie Sutterlütti und Meretz zwar viel über Aufbau redet, die dafür nötige agency aber nur als magische Kraft beschwört.[37]Revolutionen werden bei ihr nicht gemacht, sondern brechen aus - um just die Geschichte für allerlei Optionen zu öffnen.[38]Und zugleich soll die sie ergreifende Bewegung (wohl) noch organisch gewachsen sein.[39]Der fragile Marxismus will sich also lösen von der alten Einfassung, kann aber die historisch-materialistische Kinderstube nicht abstreifen, die ihn kein realistisches Maß finden lässt. Von den absoluten Notwendigkeiten, die Camus ansprach, springt er zu absoluten Möglichkeiten; vom lähmenden Determinismus, den Ramus feststellte, zu einem hoffnungsvollen Spontaneismus. Ein praktischer Materialismus hingegen versucht, die Bewegung ganzheitlich zu konstruieren, denkt ihren Anfang zu Ende und ihr Ende zu Anfang. Nicht angeleitet durch die Metaphysik, sondern durch Erfahrungen in einer Mesopolitik, die auf Handlungsmacht abzielt. Denn in diesem Versuch zeigen sich immer wieder Grenzen, wie sich der utopische Anspruch realer Keimformen mit den realen Anforderungen utopischer Neuordnung in Einklang bringen lassen. So wird die Utopie permanent neu durch die Keimform vor- und diese durch die Utopie nachgezeichnet.[40]
JENSEITS VON IMPROVISATION UND INTEGRATION: IRRWEGE DER TRANSFORMATIONSPOLITIK
Transformationspolitik ist ein Labyrinth. Sie kann stets auf Irrwege geraten, die nicht zum Ziel führen. Manche der Wege entpuppen sich schnell als Sackgasse; andere erweisen sich erst spät als Verirrung, aus der es kein Zurück gibt. Transformation kann so schon scheitern, bevor sie begonnen hat. Und sie kann nach einem langen Weg im Abgrund landen, auf den man - wider aller Hoffnung - von Beginn an zusteuerte. Auf diese Weise mag es häufig so erscheinen, als wären revolutionären Situationen»mehr Möglichkeiten eingeschrieben«als es die kommende Degeneration nahelegt.[41]Tatsächlich aber bewegt sie sich zwar nicht auf einem»linearen Weg«,[42]so doch aber in Pfadabhängigkeiten, welche die Möglichkeiten dispositionieren. Damit ist nicht nur gemeint, dass etwa eine marxistische Partei bereits die Keime einer Parteidiktatur in sich trägt. Sondern vor allem meint das, ob Akteure, die diese degenerative DNA nicht in sich tragen - also im besten Sinne fortschrittlich funktionieren -, auch so aufgestellt sind, dass sie sich sowohl gegen autoritäre Revolutionsakteure als auch die Reaktion durchsetzen können. Denn gerade infolge von Aufständen wird»Ordnungssicherheit«derart destabilisiert,[43]dass eine allgemeine Verunsicherung mobilisierend für die Reaktion wirkt, Konflikte also wahrscheinlich sind, in denen es horizontale Akteure schwer und autoritäre (Revolutions-)Akteure einen Vorteil haben.[44]
So offen revolutionäre Situationen also erscheinen, tatsächlich werden ihre Schranken bereits vorher abgesteckt, auch wenn sich das der primären Wahrnehmung der Akteure entziehen mag. Die jüngere Geschichte hat etwa mit dem Arabischen Frühling nochmal aufgezeigt, wie regelmäßig horizontale Bewegungen von den Dynamiken revolutionärer Konfliktinteraktionen erschlagen werden und wie die von ihnen initiierten Aufstände dramatisch entgleisen. Auch Anarchismus und Syndikalismus mussten das immer wieder schmerzlich erfahren. Trotz vieler hoffnungsvoller Aufstände und Revolutionen, musste man sich stets der Reaktion oder der autoritären Konkurrenz geschlagen geben.[45]Schapiro folgerte diesbezüglich bereits in den 1920ern mit Blick auf die Russische Revolution, dass eine Bewegung, die ihre Organisationsform nicht umfassend elaboriert hat, die Revolution in nur»provisorischen«Institutionen verregelt und im Kampf um die Zukunft auf der Strecke bleibt.[46]Oder in der Sprache neuerer Transformationstheorien ausgedrückt: In der Sequenz der Destituierung der alten Ordnung befinden sich die Kräfte der Selbstorganisation noch im zähen Prozess der improvisierten Instituierung, während die verbliebene konstituierte Macht oder konstituierende Mächte der autoritären Art bereits effizient formiert sind, um sich der alten Institutionen trotz ihrer Prekarität wirkungsvoll zu bedienen.

Es ist das Verdienst der reflexiven Praxistheorie Schapiros,[47]die Bedeutung der Mesopolitik für die Schwungkraft der nötigen Instituierung herausgestellt zu haben. Ähnlich wie Valeriano Orobón Fernández, für den eine revolutionäre Gewerkschaft als einzige Keimform in der Lage sei, die Transformation bewusst zu gestalten, da sie»mitten in der Produktion[lebe], die ... den Prüfstein jeder Revolution darstellt«,[48]betonte er die Aufgabe, über die Alltagskämpfe die Praxistheorie ständig zu aktualisieren. Es könne nicht bei»Desideraten«, also Formulierungen des Wünschenswerten, bleiben, sondern bedürfe eines Verständnisses ihrer»praktischen Realisierungsmöglichkeiten, die an den Fähigkeiten zum Aufbau ... ihre Schranken finden.«[49]Seine Konzeption der ›bewussten Rebellion‹ entspricht somit Camus' Philosophie der ›Revolte‹. Diese sei wie»ein Pendel,[das]seinen eigentlichen Rhythmus sucht. Aber diese Regellosigkeit ... vollzieht sich um einen Angelpunkt herum«; so»bringt die Revolte das Maß und die Grenze ans Licht«.[50]Wie Camus richtete sich also Schapiro gegen das absolute Denken, nicht nur im Marxismus, sondern auch in Teilen des Anarchismus, die ignorant gegenüber den Relationen der Realität waren. Den aufständischen Elementen etwa attestierte er eine»unkonstruktive Phraseologie«, die allenfalls in der Zeit»des ersten Stammelns unserer Bewegung«entschuldbar gewesen sei.[51]
Umso mehr gilt ein solches Urteil heute, wo reichlich Wissen über die»unbeabsichtigte Folgen«von Aufstand und Revolution vorliegt,[52]welche die syndikalistische Kritik bereits umtrieben. Wohl auch verschuldet durch die lange Dominanz von Marxismus und Vulgäranarchismus, die keine reflexive Praxistheorie kannten, hängt die Linke diesem kritischen Niveau heute weit hinterher. Dass eine Phraseologie wie Der kommende Aufstand, die nicht einmal das Problem des»Anti-Chaos-Reflexes«zur Kenntnis nimmt,[53]so gefeiert werden kann, ist bezeichnend für ihren»gesinnungsethischen«Zustand.[54]Dabei wäre eine Linke, die wieder Anschluss finden will, gut beraten, sich Kritiken der»Revolutionsmythologie«zu stellen,[55]ja, zu fragen:»Wie revolutionär ist eigentlich die Revolution?«.[56]Denn ihr Problem ist eben nicht, dass die Fehlerhaftigkeit des Kapitalismus nicht vermittelbar wäre, sondern dass sowohl ihre martialischen als auch romantischen Revolutionsideen als arglos gelten. Das ließe sich auch für die neueren Transformationstheorien sagen, die nicht mehr als Desiderate darstellen. Horizontale und inklusive Strukturen zu promoten und zu hoffen, dass sie einen Funktions- und Dominanzwechsel bewirken, reicht eben nicht aus. Im besten Falle bleiben sie ohne Wirkungsmacht; im schlimmsten Falle tragen sie zur Destabilsierung von Ordnung bei, ohne dass ihre Unterkomplexität den komplexen Dynamiken in Kämpfen um Neuordnung gewachsen wäre.

Dabei handelt es sich um ein selbstreferentielles Problem: Wo Keimformen keine Aussicht auf Gegenmacht erkennen lassen, bleiben sie ohne Wirkungsmacht - und ohne Wirkungsmacht entwickeln sie keine Aussicht auf Gegenmacht. Um den Kreis zu durchbrechen, bedarf es eines ganzheitlichen Programms, das von einem reflexiven Verständnis zu entwickelnder Möglichkeiten zeugt. Es geht um die aktive Gestaltung eines kraftvollen Unterbaus für die Instituierung von Gegengesellschaft, der Ordnungssicherheit und kein ungewisses Abenteuer vermittelt. Und das geht mit Gewerkschaften, die Menschen entlang alltäglicher Widersprüche interessieren. Durch eine solche Mesopolitik, welche die Organisation strategisch zu erweitern und taktisch auf Konflikte zu reagieren versucht, werden in der Praxis ständig mikro- und makropolitische Probleme offenbar, anhand derer sich die Keimform elaborieren lässt: Funktioniert die Organisation horizontal und inklusiv genug, um den normativen Ansprüchen der Neuordnung gerecht zu werden; und ist sie effektiv und funktional differenziert genug, um mit den empirischen Problemen einer Neuordnung umgehen zu können? Diese Fragen markieren ein Spannungsfeld, das zum Maßhalten ebenso wie zur realistischen Anpassung der Utopie zwingt. Der Glaube, beides wäre in vollem Maße zu haben, zeugt von genau jener absoluten Denke, die keine Relationen kennt - und in Wirkungslosigkeit oder Gewaltherrschaft münden muss.

Eine reflexive Praxistheorie arbeitet mit den Widersprüchen, auch wenn dies das Risiko beinhaltet, dass die Keimform in das Bestehende integriert wird. Man denke nur an die etablierten Gewerkschaften, die den Dominanzwechsel verfehlten und sich als Korrektiv in die Realität einfügten. Dies war aber auch bedingt durch das marxistische Konzept der Arbeitsteilung zwischen Partei und Gewerkschaft, das Letztere auf Ausgleichsprozedere reduzierte. Die syndikalistische Geschichte, die viele Aufstände und Revolutionen kennt, kann jedenfalls nicht bestätigen, dass Gewerkschaftsarbeit zu Integration führen muss. Zwar ließe sich systemtheoretisch sagen, dass Protest stets eine korrektive Funktion innewohnt und er durch seinen»appellativen Charakter«nicht umhinkommt,[57]»die Einrichtungen, denen er widerspricht, indirekt anzuerkennen«.[58]Dennoch ist die Arbeit mit der institutionellen Realität eine Voraussetzung für Weiteres. Denn das Vorgehen gegen konkrete Missstände ist, wie Popper feststellte, stets vermittelbarer als eine abstrakte Gesellschaftsvision - und damit ein Band, an dem sich eine neue Kollektivität überhaupt erst hochziehen kann.[59]Wie Negri bei einer Diskussion 2009 in Berlin richtig - und de facto syndikalistisch - klarstellte, sind Kämpfe für konkrete Verbesserungen wie höhere Löhne»an sich nicht revolutionär«; das Entscheidende sei,»welche Form die Kämpfe annehmen«.[60]
SCHAFFT ZWEI, DREI, VIELE SOZIALKARTELLE: GEWERKSCHAFTLICHE WEGE AUS DER ISOLATION
In was für eine Sackgasse es führt, wenn man das Risiko der Integration einfach umgehen möchte, zeigt die Lage der radikalen Linken heute, in der es große Teile länger zur Religion gemacht hatten, sich möglichst deutlich vom Reformismus abzugrenzen. Deren ›revolutionäres‹ Paradigma, dass die Interaktion mit den institutionellen Realitäten zu meiden sei, weil man sonst das System affirmiere oder gar davon kooptiert werde, hat vor allem zu einem geführt: Isolation - also weniger als Reformismus. Schließlich dreht sich diese Form des absoluten Denkens, das um jeden Preis vermeiden will,»systemstabilisierend zu wirken«, nur um eine Symbolpolitik unverhandelbarer Themen, mit denen sich keine agency entwickeln lässt, so dass»der Weg in die Umsetzung von Alternativität versperrt«ist.[61]Ein neues Phänomen ist das freilich nicht. Schon der»aufständische Anarchismus«suchte einst sein Heil in einem»Maximalismus«, der dem Engagement für konkrete Reformen ebenso misstraute wie größeren Organisierungsversuchen, weil das potentiell Herrschaft reproduziere. Damit blieb ihm keine andere ›Praxis‹ übrig, als phraseologische Materialien zu produzieren, die den unmittelbaren Aufstand beschwören, aus dem sich alles Weitere spontan ergeben muss.[62]Diese vulgäre Denke treibt bis heute ihr Unwesen in der Linken, die sich häufig nicht an der Realität die Hände schmutzig machen will.

Ironischerweise hat sich diese vulgäranarchistische Denkart nach 1968 und insbesondere ab den 1990ern auch in Gruppen eingeschlichen, die sich als marxistisch verstehen. Sie mochten vielleicht nicht gerade den Aufstand beschwören, teilten aber die maximalistische Logik, das jegliche Agitation immer ums Ganze gehen muss. Genauso wie der Insurrektionalismus arbeiteten sie sich gerne an den ›possibilistischen‹ Kräften ab, die ihre Strategie an relativen Möglichkeiten ausrichteten - etwa an Akteuren, die konkrete Forderungen stellten -, weil sie keine Einsicht in die absoluten Notwendigkeiten hatten. Und genauso wie ihr anarchistisches Pendant glaubten sie - auch wenn ihr sophistisches Wortgebimmel das verdeckte - in unterkomplexer Weise an magische Wendungen der Geschichte. Wie oben bereits angedeutet, verhält sich die Vorstellung, dass Transformation erst bewusst gestaltet werden kann, wenn sich die neue Gesellschaft im»Schoß«der alten entwickelt hat,[63]synchron zum Spontaneismus. Beides negiert die schöpferische Kraft in der Gegenwart und vertraut auf eine quasi-göttliche Macht, welche der Revolution schon ihre Richtung geben wird. Diese praxisverhindernde Denkart hat die Linke lange gelähmt; und so konnte es nicht wundern, dass sie sich Ende der 2000er Jahre, als Krisenprozesse eine neue Ära der umkämpften Zukunft einleiteten, nur in der Zuschauerrolle befand.

Das sogenannte claim making, das Kämpfen für konkrete Forderungen, ist eben das entscheidende»Zugangsvehikel«zur Realität,[64]mit dem sich kollektive Praxen überhaupt erst in Schwung bringen lassen - statt solche Praxen nur durch ›anti-kapitalistische‹ Eventmobilisierungen und beziehungslose Militanz zu simulieren. Der Anarchismus kann ein Lied davon singen. Groß geworden über Gewerkschaften in der Ersten Internationale, rückte er nach deren Spaltung zunehmend in Richtung Insurrektionalismus und fand sich binnen weniger Jahre in der Isolation wieder. Insbesondere französische Anarchisten erkannten die Ursachen und forderten in den 1890ern eine Rückkehr zur gewerkschaftlichen Tradition der Internationale.[65]Sie wurden so zügig zur stärksten Kraft in der französischen Arbeiterbewegung und lösten eine internationale Welle des Syndikalismus aus. In vielen Ländern war der Syndikalismus längere Zeit die dominierende Kraft. Erst nach der Russischen Revolution, die bei vielen (falsche) Hoffnungen weckte - auch weil die syndikalistischen Revolutionsversuche bis dato scheiterten -, konnte der Marxismus vielerorts wirklich Fuß fassen und dem Syndikalismus den Rang ablaufen. Dennoch blieb er etwa in Spanien bis in die 1930er tonangebend und schickte sich dort 1936 zu seinem größten Revolutionsversuch an, der 1939 endgültig erneut scheiterte.

Auch wenn alle stets die Spanische Revolution mit Blick auf die Jahre 1936-39 betrachten, das eigentlich Interessante ist die jahrzehntelange Arbeit, welche die CNT und ihre Vorgängerinnen davor leisteten. Hier wurden die Weichen für die revolutionäre Möglichkeit gestellt. Aber auch das Scheitern wurde hier schon dispositioniert,[66]wie etwa Schapiro oder die treintistas bereits vor 1936 warnten, denen die konstruktive Vorarbeit nicht genug war.[67]Wir werden am Ende der Serie auf dieses Problem des revolutionären Taktgefühls zurückkommen, hier soll nur festgehalten werden, dass Gewerkschaftsarbeit keineswegs im Reformismus versanden muss und ein probater Weg aus der Isolation ist. Bestätigt wird das auch durch den Gegenwartssyndikalismus. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele syndikalistische Organisationen lange nur auf dem Etikett eine Gewerkschaft. Faktisch waren sie linke Szenegruppen, die sich die absoluten Denkweisen des Vulgäranarchismus angeeignet hatten - und entsprechend isoliert. Erst mit der Rückkehr zu einer beharrlichen Gewerkschaftsarbeit konnte etwa die FAU, angefangen in Berlin, wieder einigermaßen in die Spur finden.[68]Auch in anderen Ländern sehen wir, wie sich ernstgemeinte Betriebsarbeit auszahlt und der anti-autoritären Linken eine Verankerung in den Kreisen ermöglicht, welche die ›Neue Klassenpolitik‹ ansprechen will, aber nicht erreicht.[69]
Mittelfristig besteht die Aufgabe des Gegenwartssyndikalismus darin, diese Organisierung nicht nur voranzutreiben, sondern in ein Programm der Gegenmacht einzufügen, das die Basis über einen institutionellen Unterbau in Kontrast zu den bestehenden Institutionen setzt. Dies ist das transformatorische Moment, über das sich die Widersprüche aufrechterhalten lassen, aus deren Dynamiken heraus Dominanzwechsel möglich und Integration vermieden wird.[70]Darin unterscheidet sich der Syndikalismus von den etablierten Gewerkschaften, die ein symbiotisches Abbild der bestehenden Institutionen sind - und so kein Transformationspotential besitzen. Und er unterscheidet sich von den mittlerweile vielen löblichen konkreten Organisierungskampagnen, mit denen die Linke wieder soziale Verankerung erreichen will. Diese funktionieren zwar nicht in der Logik der bestehenden Institutionen, haben aber selbst kein institutionelles Programm, das über jene Desiderate hinausgeht, die einen Wunsch nach Transformation ausdrücken.[71]Dadurch steuern sie tatsächlich auf das von der Systemtheorie festgestellte Problem zu, dass sie nur als Korrektiv der Realität fungieren und sich im Falle von Erfolgen sogar überflüssig machen.[72]Die sozialen Kämpfe in einer transformatorischen Gewerkschaftsform einzubetten, die dauerhaft Interessenwidersprüche adressiert, bleibt daher unerlässlich.

Die Gewerkschaftsform bedeutet keineswegs eine Verengung auf Betriebsarbeit.[73]Unter Gewerkschaft ist im syndikalistischen Sinne vielmehr ein soziales Kartell zu verstehen, in dem sich Gruppen aufgrund ihrer Lage in einem Widerspruchsverhältnis zusammenschließen. Der Widerspruch zwischen arbeitender und unternehmender Klasse ist dabei nur einer von mehreren. Andere sind die zwischen mietender und vermietender Klasse, zwischen konsumierender und distributierender Klasse, zwischen verwalteter und verwaltender Klasse. Ein moderner Syndikalismus sollte der Multiplität der Klassen durch multiple Gewerkschaften gerecht werden, also die Arbeiterorganisierung durch»gewerkschaftliche Sozialorganisationen«im Miet-, Konsum- und Ämterbereich ergänzen,[74]die eine umfassende Transformationspolitik ermöglichen. Im Rahmen eines institutionellen Programms können sie die ersten Bausteine darstellen, auf denen Strukturen der Selbstverwaltung - wie Wirtschafts-, Wohn-, Konsum- und Verwaltungsföderationen - aufbauen. Denn erst durch sie, die eine Vermittlung zur Realität gewährleisten, können Ressourcen aus dem Bestehenden ins Werdende übertragen werden. Gewerkschaften sollten nämlich tatsächlich ein Transmissionsriemen sein. Aber eben nicht für die Partei, welche die Menschen wieder in die alte Form zurückführt - sondern für die Welt der Selbstverwaltung.

Im dritten Teil wird dann diskutiert, wie der Aufbau von transformatorischen Gewerkschaften zu gestalten ist und welche taktischen Innovationen ihnen zu Gegenmacht verhelfen können.

https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-2/
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