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(de) FDA-IFA Gai Dào N°88 April 2018 - „We don‘t feel shame to be anarchist“ ­ Anarchis­tische Bewegungen auf Kuba Teil I Von: Andreas Gautsch

Date Sun, 10 Jun 2018 08:09:37 +0300


Der folgende Artikel beruht auf einem Gespräch mit Aktivisten der Gruppe Taller Libertario Alfredo López (libertärer Arbeitskreis Alfredo López) im Jänner 2017 und einer Literarturrecherche. Der zweite Teil zur Geschichte des Anarchismus auf Kuba erscheint in der GaiDao Nr. 89 / Mai 2018. ---- Observatorio Critico und der libertäre Frühling Dass es heute wieder eine anarchistische Gruppe in Kuba gibt, ist gewissermaßen dem kubanischen Kulturministerium zu verdanken. Dieses initiierte in den Jahren 2003 und 2004 ein Social-Science-Event, an dem verschiedenste Forscher*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen der Insel teilnahmen, um über die aktuelle Situation in dem Land und zu Themen wie Bildung, Umweltschutz und Gender zu diskutieren. Die Auseinandersetzungen wurden Jahr für Jahr kritischer und es entwickelte sich ein Netzwerk, das die gegenseitige Wahrnehmung und Unterstützung bestärkte.

Die Teilnehmer*innen hatten nicht nur Ideen, sondern
arbeiteten bereits an ihren spezifischen Projekten. In ei-
nem ging es beispielsweise darum, Spiele für Kinder zu
entwickeln, die nicht auf Konkurrenz und Wettkampf be-
ruhen und gemeinsam von Alt und Jung gespielt werden
können, sodass in einem Viertel schließlich eine Genera-
tion von Kindern mit diesen Spielen aufwuchs.
Die gegenseitige Hilfe ist deshalb auch notwendig und
wichtig, da diese Projekte keine finanziellen Unterstüt-
zungen erhielten und allein durch die Kraft und Energie
der Leute verwirklicht wurden.

Die Plattform Observatorio Critico war eine ambivalente
Einrichtung. Sie wurde von staatlichen Stellen gestützt,
gefördert, aber auch kontrolliert, sie funktionierte
nichtsdestotrotz auf eine antiautoritäre Weise und gab
die Handlungsmacht in die Hände der Akteur*innen. Sie
war ein Laboratorium und für einige der Anstoß, weiter
in Richtung Anarchismus zu gehen.

Im Jahre 2010 erklärte das Kulturministerium die Platt-
form für „alt genug“, um auf eigenen Beinen zu stehen
und wünschte ihr alles Gute auf der weiteren Reise. Am
1. Mai in diesem Jahr traten Aktivist*innen von Obersav-
torio Critico auch auf der staatlichen 1. Mai Demonstra-
tion in Erscheinung. Auf einem Transparent prangte ein
großes “@” um auf die Notwendigkeit der freien digita-
len Vernetzung und der Kommunikationsmöglichkeiten
mit Menschen auf der ganzen Welt anzuspielen (Internet
und Kuba war und ist immer noch ein sehr spezielles
und schwieriges Thema), auf einem weiteren Transpa-
rent stand der Slogan: „Sozialismus ist Demokratie, Pfeif
auf die Bürokratie!“ (Dimitri Prieto-Samsonov, 2010)
Dieser kleine Auftritt wurde von der kommunistischen
Partei nicht gut aufgenommen und hatte für einige Akti-
vist*innen einen näheren Kontakt mit der Staatspolizei
und Hausarrest bei den kommenden 1. Mai Manifestatio-
nen zur Folge.

Zur selben Zeit setzte sich ein weiterer Prozess in Gang,
den einer der Gruppe im Gespräch folgendermaßen er-
klärte: „We don‘t feel shame to be anarchist.“
Sie begannen, ihre Vorstellungen und Ideen in anarchis-
tische Kontexte zu setzen und begannen, in den Ge-
schichtsbüchern und Archiven zu wühlen. Denn der
Anarchismus hatte auf Kuba eine lange Tradition und
Geschichte, die durch die autoritäre Machtübernahme
von Fidel Castro und der kommunistischen Partei nach
der Revolution 1959 abrupt abgeschnitten wurde.
Dies markierte den Beginn der Gruppe „Taller Libertario
Alfredo López“. Sie begannen sich regelmäßig zu treffen,
stellten Informationsmaterialien zusammen, diskutierten
viel und setzten ihre Recherchen fort. Neben den histori-
schen Entdeckungen und Aufarbeitungen waren es die
Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen in ande-
ren Ländern wie China, Venezuela und vor allem Grie-
chenland und den anarchistischen Bewegungen dort.
Wichtig war ihnen, in einen Dialog mit anderen Anar-
chist*innen zu treten und inhaltliche Diskussionen zu
führen, aber auch aktivistische Aktionen auf der Straße
zu organisieren.
Eine der ersten Aktionen bezog sich auf Alfredo López,
nach dem sie sich benannten. Er war ein bedeutender
Anarchist der 1920er Jahre und Gründer der ersten na-
tionalen Arbeiter*innenföderation in Kuba. Er wird von
der kommunistischen Partei zwar in die Annalen der
frühen Gewerkschaftsbewegung eingereiht, jedoch ohne
den Verweis darauf, dass er Anarchist war. Im zweiten
Teil des Artikels werde ich etwas genauer auf die Ge-
schichte des Anarchismus in Kuba eingehen.
Am Todestag von Alfredo López befestigten die Akti-
vist*innen ein Bild von ihm auf der Mauer des Hauses,
wo er einst lebte und in dem sich mittlerweile ein Le-
bensmittelladen befand. Sie redeten mit den Leuten, auch
mit dem Ladenbetreiber, der irritiert war von ihrer Akti-
on, schließlich war er der lokale Repräsentant der
kommunistischen Partei.
Nach den ersten Versuchen im Jahr 2010 begannen sie im
Jahr 2013, in Anlehnung an die Zeitung Tierra! der 20er
Jahre, die Zeitung Tierra Nueva herauszubringen. Auf-
grund des Mangels an Materialien und Geld erscheint sie
seitdem zwar regelmäßig, aber in niedriger Auflage und
wird im kleinen Kreis verteilt und weitergegeben. Im
Folgejahr fand die Aktionsreihe „Primavera Libertaria“
(Libertärer Frühling) statt. Dutzende Aktivist*innen (aus
Chile, USA, Deutschland und natürlich auch aus Kuba)
nahmen an den breit gefächerten Workshops und Dis-
kussionveranstaltungen teil, sie befassten sich dabei mit
Themen wie „Anarchismus in Kuba”, „Nahrung aus Per-
makultur”, „Was hat Anarchismus für die Kunst getan
und was die Kunst für den Anarchismus?“, „Erinnerung
an eine andere kubanische Gewerkschaft”. Zum Ab-
schluss gab es auch eine Radtour „Durch das anarchis-
tische Havanna“. In dem regimekritischen Blog „Havana
Times“, in dem immer wieder Artikel von Anarchist*in-
nen veröffentlicht werden, wird folgende Aussage von
Mario Castillo, einem der Organisatoren, zitiert:

„We want to recover a view of life which has been lost in Cuba, a way of relating to others, of organizing ourselves, which had a fair degree of significance in the first decades of the 20th century, within the workers’ movement and in other social sectors.” (...)
“In addition, and this may be the most important thing, we are trying to offer a practical existential alternative to the cultural desert we are faced with today, and in re sponse to the State’s constant process of expansion within the sphere of culture and human
relations.” (Isbel Diaz Torres, 2014)

„Primavera Libertaria“ fand auch in den darauffolgenden
Jahren 2015 und 2016 statt und soll nach einer einjähri-
gen Pause wieder im Frühling 2018 veranstaltet werden.
Im Jahr 2015 kam es zu einer überregionalen Vernetzung,
so wurde die anarchistische Föderation Zentralamerikas
und der Karibik gegründet. Der Gründungskonvent wur-
de in Santiago de los Caballeros (Dominikanischen Re-
publik) abgehalten, als Gastgeber trat die Gruppe
Kiskeya Libertaria hervor. Daran teil nahmen neben der
kubanischen Alfredo López Gruppe Aktivist*innen aus
den USA (u.a. der Black Rose Federation), von der klei-
nen und zu den Niederlanden gehörenden Karibikinsel
Bonaire und aus den beiden mittelamerikanischen Staa-
ten El Salvador und Puerto Rico. Ein zukünftiges Treffen
in Havanna steht in Aussicht, denn hier hatte sich zu Be-
ginn dieses Jahres etwas verändert.

Ein anarchistisches soziales Zentrum in Havanna

Dass Aktivismus in Kuba anders aussieht als in den USA
oder Europa hat mit den Rahmenbedingungen zu tun.
Politische Demonstrationen, die sich gegen den Staat
und Partei richten, sind nicht erlaubt und vor allem ge-
fährlich. Ein publizistischer öffentlicher Auftritt, soweit
erlaubt, ist aufgrund der geringen materiellen und fi-
nanziellen Möglichkeiten schwierig. Selbst eine stabile
Gruppe aufrecht zu erhalten ist eine Herausforderung,
da einige der Aktivist*innen sich entweder nur temporär
in Kuba aufgehalten oder das Land inzwischen ganz ver-
lassen haben. Denn das Leben bzw. Überleben ist
schwierig, die Aussichten sind nicht rosig, auch wenn
man kein*e Anarchist*in ist. Durch schrittweise Öffnung
der Insel für die private Wirtschaft und die Forcierung
privater Unternehmen geht auch hier die soziale Schere
immer weiter auseinander. Die Löhne in den staatlichen
Betrieben, wie auch in der Verwaltung, den Bildungs-
und Erziehungseinrichtungen sind gering und reichen
nicht fürs Überleben. Die Preise in den Läden und auf
den verschiedenen Märkten steigen rasant.
Sich deshalb als Teil einer größeren antikapitalistischen
Bewegung zu sehen und Brücken zu anderen, auch neo-
marxistischen Gruppen zu schlagen, ist für die Gruppe
Alfredo López wichtig. Weitere Aktivitäten und Verbin-
dungen gibt es in und zu der LGBT-Bewegung. Einer der
Gruppe, der auch in einer antikapitalistischen LGBT-
Gruppe aktiv ist, erzählte in dem Gespräch: „Die Leute
fragten uns, warum antikapitalistisch? Du bist doch nur
schwul!“ Wir sagten: „Nein, nein, wir verstehen die Dis-
kriminierung aufgrund von Geschlecht und sexueller
Orientierung nicht isoliert von den anderen Kämpfen.
Die gehören dazu, denn es ist nicht dasselbe, ein weißer
schwuler Mann oder eine schwarze lesbische Frau zu
sein. Die haben unterschiedliche Positionen und soziale
Stellungen.“ Obwohl Homosexualität in Kuba mittlerwei-
le akzeptiert wird, und sich Mariela Castro, die Tochter
des amtierenden Staatschefs Raul, für die Rechte von
LGBT-Personen engagiert, kommt es immer noch zu
gewalttätigen Polizeiübergriffen. Einer der Aktivist*in-
nen bekam 2015 bei einer Gay Parade, bei der er ein
Transparent „Gegen Polizeigewalt“ mit sich führte, ge-
nau diese zu spüren.
Trotz der ökonomischen und personellen Schwierigkei-
ten entschloss sich der Arbeitskreis ein soziales Zentrum
aufzubauen, um einen politischen Raum für Austausch
und Treffen zu schaffen, sich zu verorten und dadurch
aktiv auf eine bestimmte Umgebung einwirken zu kön-
nen. Die Erfahrungen aus anderen Ländern (z.B in Spa-
nien und Deutschland) bestärkten die Aktivist*innen in
dieser Idee. Die Crowdfunding-Kampagne, die für den
Kauf eines Hauses lanciert wurde, war binnen Wochen
erfolgreich. Das Haus wurde gekauft, renoviert und be-
herbergt nun unter anderem ein Büro, eine anarchis-
tische Bibliothek und eine Terrasse, die sich auch für
Treffen eignet. Eröffnet wurde das erste soziale und vor
allem anarchistische Zentrum in Havanna Ende Februar
2018.
Ziel ist es, mit Bewohner*innen des Viertels Lawton in
Kontakt zu treten und zu zeigen, dass es in ihrer Hand
liegt, die Wirklichkeit zu ändern und zu transformieren.
„Wir wollen soziales Vertrauen aufbauen, das es für eine
Gemeinschaft braucht, und die Idee von Autonomie ver-
breiten.“
Denn im Staatssozialismus wurden Eigeninitiativen und
kleine Kooperationen zum Erliegen gebracht. Die Dinge
selbst in die Hand nehmen und verändern, das möchte
die Gruppe vorleben und Strukturen der gegenseitigen
Hilfe im Viertel initiieren.

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Quelle

Dimitri Prieto-Samsonov, Anti-Bureaucracy
Slogans in Havana parade, Havana Times,
2010,
https://www.havanatimes.org/?p=23593,
18.2.18
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