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(de) FDA-IFA, Gai Dào #86: 1917 - Inspiratiosquelle oder Forschungsgegenstand?Von: Ewgeniy Kasakow

Date Mon, 12 Mar 2018 11:16:54 +0200


Zu den "Gedankensplittern" von Jens Störfried ("100 Jahre rote Mythologie - Einige Gedankensplitter zum Jahresabschluss") ---- Jens Störfried veröffentlichte in der Gai Dao N o 84 einen Beitrag zum 100. Jubiläum der Russischen Revolution der neben den üblichen Lobeshymnen auf die guten Anarchist*innen und Verdammungen der nichtguten Nichtanarchist*innen eine Kritik an meinen Beitrag aus der Zeitschrift "Prokla" beinhaltet. Weniger diese Tatsache, vielmehr der Grad der Sachkenntnisse, die Qualität der Argumente und das Niveau der Vorwürfe meines Kritikers hat mich veranlasst eine Antwort zu schreiben. ---- Meine Kritik an der Gegenüberstellung von der "authentisch-revolutionären" Bewegung "von unten" und der "autoritären Avantgarde" in der linken Rezeption, scheint ihre Adressaten nicht verfehlt zu haben. Jens Störfried protestiert energisch gegen das Infragestellen von über Jahre liebgewordene Mythen, leider hat er den Argumenten wenig
entgegenzusetzen, außer (sicherlich sehr ehrliche) moralische Entrüs-
tung, hartnäckige Wiederholungen und den Versuchen, seinen Kon-
trahenten ins falsche Licht zu rücken.

Um sich der Kritik zu entledigen, versucht Störfried meine Kritik an
einer Seite in eine Apologetik der anderen Seite umzudeuten. Sicher
halte ich die Politik der Bolschewiki für "erklärlich" bzw. für erklä-
rungsbedürftig, genau wie Politik aller anderen Akteure in allen an-
deren Epochen. Wer Erklärung mit Rechtfertigung gleichsetzt, dem
bleibt nur, über Seiten seine ethische Empörung auszubreiten und al-
les auf die besonders perfiden Methoden der Bolschewiki zurückzu-
führen, wie es Störfried in seinem Artikel vormacht. Störfried musste
schon einiges im Artikel überlesen haben, um daraus eine Stellung-
nahme für den Staat, den die Bolschewiki schließlich errichteten, zu
machen und um mir ein Plädoyer für "eine Partei (im wahrsten Sinne
des Wortes)", die "an sich die Wahrheit gepachtet" (wie auch immer
es gehen soll) haben soll. Zumindest wäre es angebracht die Stelle in
meinem Text zu zitieren, die Störfried als Plädoyer für Partei als Or-
ganisationsform sieht.

Auch wenn ich für Störfried nur ein "Anarchismuskritiker in Anfüh-
rungsstrichen" (also in Wirklichkeit doch gar kein Kritiker) bin, geht
er auf die Kritik und die historischen Belege dafür gar nicht ein. Hun-
dert Jahre nach der Oktoberrevolution könnte man auch einen Blick
auf die Forschungsergebnisse der akademischen Wissenschaft werfen
- selbst wenn die Schlussfolgerungen davon Anarchist*innen selten
gefallen (außer es werden Lenin und Bolschewiki verurteilt - dann
natürlich schon!), aber immerhin wird dort mit Quellen gearbeitet, die
noch vor 20 Jahren unzugänglich waren. Aber wozu sich die Mühe
machen, wenn es doch die paar kanonisierte anarchistische Klassiker
gibt, die man bei jedem Anlass bequem zitieren kann. Da diese Au-
tor*innen häufig eher aufgrund ihrer korrekten ethischen Einstellung,
als aufgrund systematischer Analysen oder praktischen politischen
Erfolge geschätzt werden, verbietet sich ein historisierender Blick für
einen aufrechten Gesinnungsanarchisten von selbst. Wenn solche er-
frischend neue Ideen wie "Freiheit gut, Diktatur schlecht" im Spiel
sind, entfallen Hinweise darauf, dass für Emma Goldman Russland
nach jahrzehntelangem Exilleben ein fremdes Land geworden ist, in
dem sie sich neu orientieren musste, dass Autodidakt Rudolf Rocker
sich gerne zu philosophisch-historischen Verallgemeinerungen von
zweifelhafter Konsistenz verstieg, sowie sich noch 1919 positiv auf
"Rätediktatur" berief und Arschinow im Exil mit dem sowjetischen
Geheimdienst im Kontakt stand. Während in Bezug auf den Spani-
schen Bürgerkrieg auch anarchistische Autor*innen inzwischen dazu
übergegangen sind, nicht nur Deklarationen und Erinnerungen von
damaligen Anarchist*innen, sondern auch die Dokumente ihrer realer
Praxis zu Kenntnis zu nehmen, hinkt die Rezeption der Russischen
Revolution da deutlich hinterher. Aber was soll man auch erwarten:
im Jubiläumsjahr begnügen sich manche linke Presseorgane damit,
einfach ihre Artikel von 1987 nachzudrucken. Scheinbar ist seit dem
nichts Neues über 1917 rausgefunden worden. 1

Es mag paradox erscheinen, aber während die akademische ("bürger-
liche") Geschichtsforschung mit dem Totalitarismusbegriff deutlich
vorsichtiger und differenzierter umgeht als zur Zeiten des Kalten
Krieges, benutzen die anarchistischen Autor*innen diesen häufig ge-
rade zu inflationär. 1917-1918 waren die Bolschewiki sehr weit davon
entfernt die monolithische Partei zu sein, als die sie spätere sowjeti-
sche Historiographie und noch mehr Popularkultur (Filme, Romane)
darstellte. 2 Was den sowjetischen Staat angeht, so existierte bis Mitte
1918 eine faktische Autonomie der Sowjets vor Ort, was übrigens
nicht bedeutete, dass deren Politik in Bezug auf wirkliche oder ver-
meintliche Feinde milder ausfiel, als die des Zentrums.
---------------------------------------------
[1]Vgl.: as: Russischer Anarchismus und die Revolution von 1917 // Graswurzelrevolution. 2017/423 <http://www.graswurzel.net/423/1917.php>; 100 Jahre Russische Revolution Rückblick auf
einen unverzeihlichen Fehler // GegenStandpunkt. 2017/2. <https://de.gegenstandpunkt.com/publikationen/zeitschrift/gegenstandpunkt-2-17>
[2]Critical Companion to the Revolution 1914 - 1921 / Ed. by E. Acton, V.Yu. Cherniaev, W.G. Rosenberg. London, 1997, 2001. Dort vor allem die Beiträge von Robert V. Daniels und Robert
Service.

Störfried scheint auch einiges durcheinander zu bringen, wenn er un-
ter der Aufzählung von Lenins Gräueltaten "Enteignung des Bodens"
gleich neben "Errichtung des Staatskapitalismus" nennt. Boden wurde
ab Sommer 1917 von den Grundherren enteignet - durch die Bau-
ern*Bäuerinnen, mit tatkräftiger Beteiligung solcher Anarchist*innen
wie Nestor Machno und Applaus seitens der Bolschewiki. Die Diffe-
renzen, um die es unter anderem in meinem Text ging, fingen an, als
die Frage aufkam, wer und wie über die Produkte der Bodenbearbei-
tung verfügen sollte. Die Einführung des "Staatskapitalismus", womit
wohl die "Neue Ökonomische Politik" gemeint sei, geschah 1921 als
ein erzwungenes Zugeständnis an die Forderungen der Bauern*Bäue-
rinnen und auch der Kronstadter Matros*innen - also der Kräfte, die
Störfried so feiert. Auf die Probleme, die das zuvor herrschende Mo-
dell des "Kriegskommunismus" mit sich brachte, wird in meinem Text
ausführlich eingegangen, deswegen wäre es überflüssig es an diese
Stelle zu wiederholen.

Ebenso die Argumente zu den Räten, wo ich Störfried und andere In-
teressierte auf die vor einigen Jahren geführte Diskussion in der Zeit-
schrift "Grundrisse" verweisen kann. 3 "Die Anhänger des
Rätesystems" hielten (und halten) die Gründung der Räte für einen
Ausdruck "der sozialrevolutionären Einsichten", daraus resultiert ihre
aufrechte Fassungslosigkeit, wenn die real existierenden Räte sich für
etwas ganz anderes entschieden haben, als es ihnen in ihren Theorien
vorschwebte. Erfahrungsgemäß hält linke und anarchistische Begeis-
terung für die "Autonomie" sozialer Bewegungen meist nur solange,
wie diese Bewegungen kompatibel zu ihrem Programm handeln. Stör-
fried könnte sich auch die Mühe machen, sich anzuschauen, wie sich
die Sowjets dort entwickelt haben, wo es ihnen gelang die Kontrolle
der Bolschewiki abzuschütteln - "Zentralkaspische Diktatur" in Baku,
Aufstände in Aschhabad, Ischewsk und Wotkinsk wären nur die be-
kanntesten Beispiele. Lehrreich wäre auch die Einsicht in die Proto-
kolle von Räten vor Oktober 1917. Was würde wohl Jens Störfried von
den Kronstadter Matros*innen halten, wenn er wüsste, dass sie dafür
plädierten Trunkenheit mit Verschickung an die Front (des Ersten
Weltkrieges) zu bestrafen oder von den Arbeiter*innen, die aufgeregt
über das "Problem der gelben Arbeit" (koreanische und chinesische
Arbeitsmigrant*innen) diskutierten? 4 Würden ihm die politische
Kräfte, die der "autonomen" Bewegung qua Agitation Internationalis-
mus nahezubringen versuchten womöglich doch näher, als die spon-
tane Bewegung? Doch das wäre wesentlich weniger bequem, als in
ihrer Abstraktion immer wohlklingenden Parolen wie "Prozesse dif-
ferenziert betrachten", "teilnehmen und in emanzipatorische Richtung
zu weisen", "schrittweise Veränderungen während längerfristigen
Organisierungsprozessen", "Marxismus schöpferisch weiterentwi-
ckeln" - ach ne, das Letztere stammt nicht von Jens Störfried. Als ob
jemand hartnäckig leugnen wurde, dass man Prozesse (ob revolutio-
näre, konterrevolutionäre oder reformistische) differenziert betrach-
ten sollte, als ob es jemanden gäbe, der die Richtung, in die er weist,
nicht für die bessere hält.

Leider versteckt sich Jens Störfried hinter einem Zaun aus zahlrei-
chen Zitaten anarchistischer Klassiker und geht nicht wirklich auf die
geschilderte historische Situation ein. Denn wir reden hier von einer
Zeit, wo von allen Akteur*innen schnelles Handeln gefordert wurde.
Wie stellt sich Störfried "gemeinsame Ver-
handlungsprozesse" über Vor- und Nachtei-
le verschiedener Eigentumsformen
angesichts akuter Hungersnot vor? Wie
waren die Reaktionen der Anarchist*innen
und anderer revolutionären Parteien auf die
Welle der sogenannten "Weinpogrome"
(Plünderungen der Spirituosenläden und
Lagerhallen mit medizinischem und techni-
schem Alkohol) die im November-Dezem-
ber 1917 über das Land rollte? Mit der
Lynchjustiz gegenüber aus den Gefängnis-
sen freigelassenen Kriminellen? Welche
"langfristige Organisierungsprozesse" sind
angesichts einer militärischen Auseinandersetzung möglich? Wie
verhält sich die These vom Staat als "Verteidiger des Privilegiums"
angesichts der Proteste der Facharbeiter*innen gegen bolschewisti-
sche Versuche flächendeckend gleichen Lohn einzuführen oder Auf-
stände der Kosak*innen gegen die staatliche Aufhebung ihrer
ständischen Vormacht gegenüber Bauer*innen? Wodurch unterschie-
den sich die Räte von 1917-1918 von den parlamentarischen Orga-
nen? Warum wurde der Glaube vieler Sozialist*innen an das
revolutionäre Potential der Unterdrückten und Ausgebeuteten erst
bestätigt und dann erschüttert? Welche Schlüsse zogen sie daraus?
------------------------------------------------------------
[3]Ewgeniy Kasakow: Verklärt & Vergessen: Die Räte und ihre Macht // Grundrisse 2013/45. S. 25-27.; Ders.: "Tendenz zeigt Tendenz" - eine Replik auf die Kritik von Roman Danyluk und
Stefan Junker // Grundrisse 2014/50. S. 43-49.; Stefan Junker: Die Eroberung der Demokratie // Grundrisse. 2013/45. S. 15-24.; Roman Danyluk: Rising up angry - Ein Einwurf zur
Rätediskussion // Grundrisse 2013/46.S. 4-6. Zur Neuauswertung der linken Rätedebatten siehe auch: Hermann Lueer: Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative. 2. überarbeitete
Auflage. Moers, 2015
[4]Kronštadskij sovet v 1917 godu. Protokoly i postanovlenija. T. 1: Mart-ijun' 1917 g. St. Petersburg 2017.; Konstantin Tarasov: Soldatskij bol'ševizm. Voennaja organizacija bol'ševikov i
levoradikal'noe dviženie v Petrogradskom garnizone (fevral 1917 g. -mart 1918 g.). St. Petersburg, 2017.
------------------------------------------------------------

Bei der Kritik an der bolschewistischen Theorie und Praxis genügt es
Störfried (und leider vielen anderen anarchistischen Autor*innen)
festzustellen, dass die Partei, die im Namen von "Werktätigen", "Ar-
beiterklasse" und manchmal schlicht "Volk" handelte, immer wieder
diese viel gelobten und sagenumwobenen Gruppen mit Repressionen
überzog. An diese Beobachtung anknüpfend, würde es Sinn ergeben,
die Fragen vorzulegen, wie Lenin zu seiner Theorie der Partei als
Trägerin der Wahrheit kam, was stimmte an seiner theoretischen
Analyse und was nicht etc. Es scheint aber, als würde Jens Störfried
nicht so sehr der Inhalt der Theorie, sondern deren Wahrheitsan-
spruch stören. Das "Absprechen von theoretischer Berechtigung" ist
was anderes als Unterdrückung der Kontrahent*innen mit adminis-
trativ-politischen Mitteln. Das Streben nach theoretischer Klarheit ist
kein Freischein dafür, diejenigen, denen man Fehler nachweist,
mundtot zu machen.

Die Behauptung, die Anarchist*innen würden "ihre politischen Ziele
nicht erzwingen", sondern sie "in der Auseinandersetzung mit allen
anderen erreichen", wird bei Störfried um einen wichtigen Zusatz mit
denen "die bereit sind sich in gemeinsame Verhandlungsprozesse zu
begeben" ergänzt. Das ist ein Dilemma - einerseits möchte man die
Anarchist*innen als besonderes konsequente Revolutionäre darstel-
len, andererseits als besonders humane. Dabei kommt man leicht in
Verlegenheit. Denn dass es 1917 die Bauern*Bäuerinnen wenig inter-
essiert hat, ob die nun ohne staatlichen Schutz stehenden Bodenei-
gentümer*innen sich mit denen in Verhandlungsprozesse zu begeben
bereit sind, das wird auch Störfried dämmern. Wie der Verhandlungs-
prozess des anarchistischen Matrosen Anatoli Schelesnjak mit der
Konstituierenden Versammlung ausfiel, ist in alle Geschichtsbücher
eingegangen - ausnahmsweise können die Anarchist*innen sich nicht
beschweren, dass sie in der Geschichtsschreibung nicht vorkommen.
In den Räten wurde nicht nur "verhandelt", es fielen Mehrheitsent-
scheidungen. Selbstermächtigungen von Gruppen mit gegensätzli-
chen Programmen verlief - wenig überraschend - nicht ohne
Erzwingen der politischen Ziele.

Die theoretischen Differenzen bekamen sehr schnell ganz praktische,
oft blutige Dimension und für alle diejenigen, die meinen, Bewegung
sei immer wichtiger als die Klärung theoretischer Fragen, liefert diese
historische Erfahrung eine eindringliche Warnung. Auch ist es
schwer, aus den Ereignissen von 1917 und den folgenden blutigen
Bürgerkriegsjahren ein Lob der Selbstermächtigung und Selbstorgani-
sation an sich abzuleiten. Selbstorganisierter Schwarzmarkt lässt sich
nur schwer als ein Schritt zu irgendwelchen Sozialismusformen inter-
pretieren, ebenso Forderungen nach Freihandel mit Lebensmitteln,
auch wenn sie aus den Räten kommen. Wie alle anderen politischen
Kräfte verglichen die Anarchist*innen die "schöpferische Betätigung
der Massen" mit eigenen politischen Zielen. Oft projizierten die revo-
lutionären Parteien ihre Forderungen in die "Massen", was bald zu
Enttäuschungen führte. Wie alle andere Kräfte, waren sie darauf an-
gewiesen, dafür zu agitieren, dass "die Massen" sich in ihrem Sinne
"schöpferisch betätigen". Der faktische Wegfall von einem staatlichen
Gewaltmonopol ermöglichte tatsächlich "allen Kräften im Volk" sich
für die Durchsetzung ihrer Ziele mit Waffengewalt einzusetzen und
der Bürgerkrieg dauerte solange, bis sich eine Seite wieder das Ge-
waltmonopol aneignete. Um ihre Ziele umzusetzen waren auch Anar-
chisten darauf angewiesen, in den von ihnen zeitweilig kontrollierten
Gebieten ein Gewaltmonopol herzustellen. Faktisch agierten Anar-
chist*innen in den von ihnen kontrollierten Gebieten als politische
Gewalt, auch wenn sie keinen neuen Staat organisieren wollten. Die
Gegenüberstellung zu den Bolschewiki, die laut Störfried, den "totalen
Kommunismus als Staatsform" einführen wollten (als ob es relativen
Kommunismus geben könnte) funktioniert nur bedingt. Mir ging es
nicht darum heute über sie von moralischer Warte aus zu urteilen,
sondern gegen ein ideologisiertes und idealisiertes Geschichtsbildvor-
zugehen.

Ich bin auch nicht der Ansicht, dass ich mit meinem Artikel versucht
habe "anarchistische Prinzipien" zu widerlegen. Allein schon deswe-
gen, weil sich Prinzipien - anarchistische oder monarchistische, libe-
rale oder faschistische - nicht widerlegen lassen. Sie lassen sich auch
nicht beweisen. Wenn sich jemand fest vorgenommen hat, die Macht
eines Monarchen als gottgewollt zu akzeptieren, Föderalismus als per
se was Besseres als Zentralismus zu betrachten und alles, was daran
Zweifel aufkommen lassen könnte zu ignorieren, dann ist es zwar
borniert, aber so sind halt die Prinzipien. Störfried sagt ja auch ganz
offen, dass er Theorien nur dann gelten lässt, wenn sie seine Prinzi-
pien nicht anfassen, das heißt es sind Dogmen im eigentlichen Sinne
des Wortes. Sie stehen theoretisch schlicht nicht zur Diskussion, be-
dürfen daher auch keinen Beweis und sind durch diese Haltung vor
jedem Zweifel geschützt. Das Störfried Theorien daran sortiert, in-
wiefern sie eine sowieso für gut befundene Praxis ermöglichen und
sich darin sehr undogmatisch vorkommt - dieser Punkt eint gerade
ihn und nicht mich, dem Adressaten seiner Kritik, mit den KPs des
untergegangenen Realsozialismus. Wahr sei, was politisch nutzt, was
Wirkmächtigkeit schafft. Insofern sind seine Überlegungen zur der
Russischen Revolution nichts weiter als ein mobilisierender Mythos.

Die anarchistische Bewegung in der Russischen Revolution hat es
nicht nötig, dass man heute für sie "Legitimität erzeugt", schon gar
nicht mit einer Mischung von ethischen Dogmen, historischem Halb-
wissen und Heldenkult. Sie entfaltete beachtliche Wirkung und
machte Anarchismus, freilich nur für kurze Zeit zu einem wichtigen
Faktor. Es braucht sorgfältige Erforschung ihrer Erfolge und Nieder-
lagen, ihrer Akteure und historischen Milieus die sie hervorbrachten.
Die Analysen an den noch so antiautoritären Zielvorstellungen aus-
richten, wie es Störfried macht, ist kein Beitrag dazu.
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