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(de) FDA-IFA, Gai Dào #86 - Großbürger kritisiert Kleinbürger, weil dessen Klasse nicht ihre Interessen verfolgt Von: Jens Störfried

Date Sun, 11 Mar 2018 10:08:26 +0200


Bei meiner Beschäftigung mit der Kritik am Anarchismus fielen mir in einem vom ZK der SED 1977 herausgegebenen und zusammengestellten Band (neben vielen anderen Dingen wie dem ätzenden Vorwort), zwei zentrale Textstellen ins Auge, die eine wunderbare Diskus-sionsgrundlage abgeben. Sie verkörpern beispielhaft einen wichtigen, - wenn er aber unreflektiert tausendmal wiederholt wird, total flachen - Vorwurf, welcher Anarchist*innen von Marxist*innen häufig entgegenschlägt: Sie seien Kleinbürger*innen, welche trotz vielerlei revolutionärer Phrasen die eigentlichen historischen Bewegungen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verstehen könnten und sie falsch interpretieren müssten, da sie nicht die Ideologie des Proletariats vertreten könnten. Der aus großbürgerlichem Hause stammende Karl Marx kann dies jedoch offensichtlich, schließlich
entdeckte er den wissenschaftlichen Sozialismus und weiß nun wie
der Hase läuft und welche Interessen die*der Proletarier*in im Allge-
meinen so hat - auch wenn es ihr*ihm oftmals selbst nicht bewusst
ist. Nach einer Vorstellung der Auszüge und einer Zusammenfassung
eines Teils von Marx' berechtigter Kritik an Proudhon 1 , will ich be-
leuchten, was es mit dem Kleinbürger*innen-Vorwurf auf sich hat und
aufzeigen, was eine anarchistische Antwort auf diesen sein könnte. Wer mir dabei widersprechen möchte, soll dies gerne tun.

Marx' Kritik an Proudhon, dargestellt vom Autor (= drei weiße
Männer erklären die Welt)

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[1] Wie viele wissen, ist die Kritik noch wesentlich weiter zu führen: Proudhon war Antisemit und ein ausgemachter Frauenfeind. Das immer wieder Alibi-mäßig zu wiederholen und sich dann dennoch aufihn als einen der ersten modernen Anarchist*innen zu beziehen, finde ich irgendwie unglaubwürdig. Deswegen lasse ich das Alibi sein und lege zumindest den ersten höchst problematischen Widerspruch unvermittelt offen. Interessanter im Zusammenhang dieses Textes wären Mutmaßungen, inwiefern das "kleinbürgerliche Denken" Proudhons mit seinem Antisemitismus und seiner Frauenfeindlichkeit in Verbindung steht. Dies ist sicherlich der Fall, kann jedoch keineswegs als Kausalität verstanden werden.
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In einem Brief an den russischen Gutsbesitzer und Publizisten Pawel
Wassiljewitsch Annenkow kritisiert Marx 1846 Proudhons Werk
"Philosophie der Armut". Darin bemängelt er, Proudhon hätte die ge-
genwärtigen sozialen Zustände nicht in ihrem Zusammenhang be-
griffen, weil er statt von ihnen zum Beispiel von metaphysischen
Begriffen wie der "universellen Vernunft" ausgeht. Proudhon mache
eine falsche Trennung von Staat und Gesellschaft auf, denn ersterer
sei Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und diese wiederum Er-
gebnis sich fortlaufend weiterentwickelnder Produktivkräfte. Statt die
notwendige historische Entwicklung zu begreifen geht Proudhon von
Ideen aus, die Evolutionen anstoßen könnten. Er kritisiert die Ar-
beitsteilung versteht jedoch nicht, dass diese im Zusammenhang mit
der Entwicklung eines globalisierten Kapitalismus stehen. Er sieht
Maschinen als eine Folge der Arbeitsteilung an, anstatt zu sehen, dass
gesteigerte Konsumbedürfnisse und die Zunahme von Konkurrenz die
Erfindung und Einführung von Maschinen beförderten. Schließlich
kritisiere Proudhon das Eigentum an sich , anstatt seine konkrete his-
torische Form, die als Eigentumsbeziehung im Feudalismus eine ganz
andere gewesen wäre (und somit im Sozialismus wiederum eine ver-
änderte Gestalt haben würde). Schließlich begreife Proudhon den Ka-
pitalismus nicht, da er in Monopolen und Konkurrenz nicht etwas
Schlechtes sehe, sondern lediglich meint, diese funktionierten falsch,
weswegen er sie besser vermitteln möchte. - All diese (falschen) An-
nahmen hätte Proudhon nicht deswegen, weil er ein schlechter Den-
ker wäre, sondern weil er dem bürgerlichen Denken verhaftet bliebe
und Kategorien und Ideen als ewig und von materiellen Verhältnissen
abgekoppelt ansieht. Marx hingegen geht es darum, die gesellschaftli-
chen Grundlagen umzuwälzen, welche die widersprüchlichen Katego-
rien erst hervorbringen. Anstatt ein "richtiges Gleichgewicht" in
antagonistischen Beziehungen zu finden, sollten diese (sozial-revolu-
tionär) überwunden werden. Zusammengefasst folgt am Ende die
Pointe seines Briefes:

"Herr Proudhon ist von Kopf bis Fuß Philosoph, Ökonom des Kleinbür-
gertums. In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den Zwang
seiner Lage wird der Kleinbürger einesteils Sozialist, andernteils Öko-
nom, d.h., er ist geblendet von der Herrlichkeit der großen Bougeoisie
und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk
zugleich. Im Innersten seines Gewissens schmeichelt er sich, unpartei-
isch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben, das den An-
spruch erhebt, etwas anderes zu sein, als das rechte juste-milieu. Ein
solcher Kleinbürger vergöttlicht den Widerspruch, weil der Widerspruch
der Kern seines Wesens ist. Er selber ist bloß der soziale Widerspruch in
Aktion. Er muß durch die Theorie rechtfertigen, was er in der Praxis ist,
und Herr Proudhon hat das Verdienst, der wissenschaftliche Interpret
des französischen Kleinbürgertums zu sein, was ein wirkliches Verdienst
ist, da das Kleinbürgertum ein integrierender Bestandteil aller sich vor-
bereitenden sozialen Revolutionen sein wird." 2

In vielen Punkten zerreißt Marx zurecht Proudhons Schrift "Philoso-
phie der Armut" und antwortet an anderer Stelle deswegen mit einer
ganzen Gegenschrift, der er den Titel "Armut der Philosophie" gibt -
ein schönes Beispiel dafür, wie Ideen sich in Auseinandersetzung mit
anderen Standpunkten weiterentwickeln lassen. Proudhons erstem
Buch "Was ist das Eigentum" 3 war Marx dagegen sogar überwiegend
aufgeschlossen. Er bezeichnet es als "epochemachend", weniger je-
doch, aufgrund seiner Inhalte, sondern wegen des ansprechenden
Stils. An Johann Baptist Schweitzer, einen Redakteur der Zeitung "So-
cial-Demokrat" von 1865 schreibt Marx anlässlich des Todes von
Proudhon, dass er zwar viele alte Erkenntnisse neu aufwärmt, diese
aber gut verpacken und formulieren kann. Insbesondere sei es seine
trotzige Haltung und seine mutige Kritik des Kapitalismus sowie sein
"tiefes und warmes Gefühl der Empörung" über die Niederträchtig-
keit des Bestehenden in Verbindung mit "revolutionärem Ernst", die
ihm Respekt verschaffen und die Popularität seines Buches erklären.
Von Marx' "wissenschaftlichem" Standpunkt her wäre Proudhon
nicht weiter erwähnenswert gewesen, aber der Stil ist sensationell.
Proudhon bediene sich der Antinomien (= Gegensätze) von Kant, will
und kann sie jedoch nicht auflösen. Auch hier schon zeige sich je-
doch, dass er die geschichtliche Besonderheit von modern-bürgerli-
chen Eigentums-verhältnissen nicht begreife, die im Sozialismus
andere wären. Dementsprechend könnte man auch sagen, von "Dieb-
stahl" kann nur gesprochen werden, wenn demgegenüber die bürger-
liche Vorstellung eines redlichen Erwerbs von Eigentum stünde. In
meinen Worten: Diebstahl ist auch Eigentum. Als Wissenschaftler
bilde sich Proudhon ein, über der Bourgeoisie auch über dem Proleta-
riat zu schweben - was Marx selbstverständlich nicht von sich selbst
glaubt, wenn er die "historische" Mission des Proletariats und seine
objektiven Bedingungen und Interessen definiert. Weil sie diese leider
nicht selbst begriffen war es dann unvermeidlich, dass sich eine so-
zialistische Avantgarde formieren musste, um es aufzuklären, schlim-
mer aber noch: zu vertreten und anzuführen. Na dann auf zum letzten
Gefecht mit dem Kanonenfutter! Jedenfalls beendet er seinen Brief 19
Jahre nach dem ersteren interessanterweise mit sehr ähnlichen Wor-
ten:
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[2]Institut für Marxismus-Leinismus beim ZK der SED, Karl Marx, Friedrich Engels - Über Anarchismus, Berlin 1977, darin: Briefvon Marx an Pawel W. Annenkow (1846), S. 95-104, hier: S.
104f.; aus: Marx-Engels-Werke, Bd. 27, S. 451-462.
[3]Pierre-Joseph Proudhon, Was ist Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft, Münster 2014.
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"Proudhon neigte von Natur zur Dialektik Da er aber nie die wirkliche
wissenschaftliche Dialektik begriff, brachte es es nur zur Sophistik. In
der Tat hing das mit seinem kleinbürgerlichen Standpunkt zusammen.
Der Kleinbürger ist[...]zusammengesetzt aus einerseits und anderer-
seits. So in seien ökonomischen Interessen, und daher in seiner Politik,
seinen religiöse, wissenschaftlichen und künstlerischen Anschauungen.
So in der Moral, so in everything. Er ist der lebendige Widerspruch. Ist
er dabei, wie Proudhon, ein geistreicher Mann, so wird er bald mit sei-
nen eigenen Widersprüchen spielen lernen und sie je nach Umständen
zu auffallenden, geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal
brillanten Paradoxen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus
und politische Akkomodation[= Anpassung]sind von solchem Stand-
punkt unzertrennlich." 4

Der Kleinbürger*innen-Vorwurf

Da hätten wir ihn also sehr prominent vertreten: den Kleinbürger*in-
nen-Vorwurf. Nebenbei bemerkt passt dazu sehr gut, dass Proudhon
auch für die Klein familie eintrat. Obwohl ich es mit der ausführliche-
ren Darstellung von Marx Kritik oben schon angedeutet habe, stelle
ich hier noch mal klar, dass ich sie sehr berechtigt finde. Mit diesem
Text will ich Proudhon auch gar nicht verteidigen, sondern mir die
Kritik von Marx anschauen, den ich wiederum kritisiere. 5 Einzelnen
Punkten sehe ich wahrscheinlich anders als dieser. Worum es geht ist,
dass Proudhon, obwohl er sich sehr ausgefallen in Widersprüchen
verstrickt, an der Oberfläche bleibt und ihm eine tiefer gehende Kritik
der Gesellschaft seiner Zeit nicht gelingt . An dieser Stelle interessiere
ich mich jedoch nicht für ökonomische Analysen, trotzdem aber für
Gesellschaftskritik und von der Warte aus für den Kleinbürger*innen-
Vorwurf. Darum will ich noch mal auf den Punkt bringen, was in den
Zitaten oben enthalten ist, wobei ich Marx' Aussagen in meinen
Worten wiedergebe:

Proudhon ist ein Philosoph des Kleinbürgertums, weil seine
ökonomischen Interessen - und deswegen auch seine Ansichten
über Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral usw. - zwiespältig
sind 6 . Er verkörpert den "lebendigen Widerspruch" in sich als
fühlendes und denkendes Subjekt. Denn seine Ideologie vertritt
sowohl "großbürgerliche" als auch "proletarische" Standpunkte.
Wie (heute) die meisten Menschen (in westeuropäischen Indus-
triestaaten) muss er irgendeine Umgangsweise damit finden.
Dies tut er indem er seine ökonomische/soziale/politische Posi-
tion in der Gesellschaft theoretisch rechtfertigt und mit dem
Widerspruch spielt, ihn sogar "vergöttlicht" - anstatt ihn kon-
sequent aufzulösen. Das tut er sehr clever und vermittelt ihn
fortwährend, weil er glaubt, unparteiisch sein zu können, ver-
liert sich dabei allerdings in vielen leeren Phrasen und Gedan-
kenspielereien ("Sophistik"). Daraus folgt, dass Proudhon kein
wissenschaftlich-dialektisches Verständnis für (laut Marx) ob-
jektive Situationen und Prozesse hat und "wissenschaftlichen
Scharlatanismus" betreibt. (So wie ich hier.) Er kann keine kon-
sequente Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben und
entwickelt keine Ansatzpunkte für eine tiefgreifende sozial-re-
volutionäre Praxis, sondern bleibt reformistisch ("politische Ak-
komodation"). Andererseits aber lesen wir im Brief an
Annenkow auch die faszinierende Aussage, Proudhon sei "der
soziale Widerspruch in Aktion", was auf eigene Bewegung und
eine spezifische Arbeit und Umgangsweise mit Widersprüchen
hindeutet. Zudem sei es sein "Verdienst der wissenschaftliche In-
terpret des französischen Kleinbürgertums zu sein[...]welches ein
integrierender Bestandteil aller sich vorbereitenden sozialen Revo-
lutionen sein wird."
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[4]Institut für Marxismus-Leinismus beim ZK der SED, Karl Marx, Friedrich Engels - Über Anarchismus, Berlin 1977, darin: Marx, Über P.J. Proudhon (1846), S. 139-145, hier: S. 145; aus:
Marx-Engels-Werke, Bd. 16, S. 25-32.
[5]Dabei ist allerdings auch anzumerken, dass der Kleinbürger*innen-Vorwurf auch Auseinandersetzungen im Anarchismus selbst betrifft und auch aus diesem Grund seine Berechtigung
hat. So war ich schwer enttäuscht von einer Schrift des US-amerikanischen Anthropologie und Politikwissenschaftsprofessors James C. Scott . In seinem Buch Two Cheers for Anarchism
(2012) bestätigt er die Notwendigkeit einer Kritik an bestimmten Tendenzen im Anarchismus. Im Kapitel Two Cheers for the Petty Bourgeoisie (S. 84-100) schreibt Scott über die Rolle der
Kleinbürger*innen und verteidigt diese. Indem Scott damit - trotz kontinuierlicher Kritik, beginnend bei Marx - ganz dem Ansatz Proudhons folgt (Vorwort: xii) verkennt er total, dass die
Forderung nach eigenem Land durch Bauernbewegungen oder die Verteidigung der selbständigen Gewerbe von Handwerker*innen bei der Durchsetzung des Kapitalismus, eben nicht bedeutet
für kleinbürgerliche Eigentumsverhältnisse innerhalb des heutigen Kapitalismus' einzutreten. Selbstverständlich wehrten sich diese Gruppen völlig zurecht gegen ihre drohende Enteignung
und Proletarisierung. Ihre Eigentumsverhältnisse waren aber entschieden andere, als unter durchgesetzten kapitalistischen Verhältnissen, da die Bauern*Bäuerinnen mit "eigenem Land"
keinen persönlichen Besitz verbanden, sondern Gemeinde-Eigentum, ebenso wie die Handwerker*innen nicht für ihre individuellen Produktionsmittel kämpften, sondern für kollektiven ihres
Standes.
Zudem behauptet Scott, Anarchist*innen hätten ihre Vorstellung von Würde und Autonomie am "small property" festgemacht, was sicherlich auf manche Individualist*innen zutrifft,
keineswegs jedoch auf hauptsächlich verbreiteten kollektivistischen und kommunistischen Strömungen. Denn diese wollten die bestehenden Eigentumsverhältnisse umwälzen und
vergesellschaftetes Gemeineigentum einführen. Richtig ist, das Handwerker*innen zu den radikalsten Gruppen der Arbeiter*innenbewegung gehörten - nicht aber, weil sie hauptsächlich ihr
bisschen Eigentum verteidigten, sondern weil vorrangig keinen Kapitalismus wollten, der sie enteignete .
Zu guter Letzt vollzieht Scott noch eine schleimige Idealisierung von Kleinunternehmen und Ladeninhaber*innen, - weil diese eine so wichtige soziale Funktion hätten - und lobt die
Innovationskraft von prekären Selbstunternehmer*innen. Dabei können von mir aus wirklich alle einen Laden aufmachen, wenn sie wollen - dies als Ideal für eine freiere und gleichere
Gesellschaft im Kapitalismus hinzustellen ist jedoch völliger Quark. Und für alle radikaleren Bauernbewegungen ist es ein Hohn, weil sie nicht für ihr jeweiliges Privateigentum kämpfen,
sondern damals wie heute für die Aufhebung der Eigentumsverhältnisse eintreten, die ihnen eben den Boden vorenthalten, von dem sie sich ernähren könnten...
[6]Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht um den sogenannten "Mittelstand", das heißt jene Besitzenden, die sich in völliger Verzerrung der Tatsachen als "Mitte"der Gesellschaft ausgeben, um niedrigere Steuern zu zahlen, gewählt zu werden und die enorme Ungleichheit der Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Die Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung ergibt für das Jahr 2007 (!) folgende Vermögensverteilung für die BRD: Die unteren 50% der Bevölkerung besitzen 1,4% des gesamten Vermögens, die obersten 10% 66,6% und davon die obersten 1% 35,8% des gesamten Vermögens.
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In meinen Ohren hört sich das als eine durchaus hohe Auszeichnung
an, immerhin gilt „das“ Kleinbürgertum - zumal in Deutschland - ja
schlechthin als reaktionär: Kleinbürger*innen, das sind die Spießer,
die bei lauter Musik die Bullen rufen. Sie wollen in Ruhe gelassen
werden und Modellflugzeuge zusammenkleben. Manche Kleinbür-
ger*innen laufen bei Pegida und sind das Volk. Manche wählen AfD,
andere SPD. Kleinbürger*innen "können nicht klagen" sondern nur
meckern. Sie putzen sonntags ihre kleinen Autos, achten darauf, dass
das Besteck ordentlich im Schubfach liegt und lassen die Frau/den
Mann grüßen. Kleinbürger*innen heben naserümpfend den Müll ne-
ben dem Papierkorb auf und werfen ihn dann rein. Sie zahlen zu viele
Steuern, schimpfen aber, wenn das Schwimmbad schließt, in welchem
sie sich schon vormittags ein kleines Plätzchen mit dem Handtuch re-
serviert haben. Sie haben einen Gartenzwerg vor ihrem ganz beschei-
denen Häuschen oder im Schrebergarten, dem kleinen privaten
Glück. Kleinbürger*innen gehen regelmäßig zur Arbeit und haben
Angst, das die Rente nicht reicht. Veränderungen, Andere, die Euro-
Bürokratie und Kommunist*innen machen ihnen Angst... Dieses
Kleinbürgertum zu einem integrierenden Bestandteil der sozialen Re-
volution zu organisieren wäre tatsächlich eine beachtliche Leistung!
Nebenbei bemerkt wäre dies auch unerlässlich, hätte man den An-
spruch, die Gesellschaft grundsätzlich zu verändern ohne Menschen
in Arbeitslager zu sperren.

Anarcho-kommunistische Einwände und Umgangsmöglichkeiten
mit dem Kleinbürger*innen-Vorwurf aufgrund divergierender
Grundannahmen

Um mit den Vorwürfen von Marx, die im Verlauf der Geschichte ge-
gen Anarchist*innen generell erhoben wurden, umzugehen, fallen mir
vier Möglichkeiten ein: a) Ich könnte sie ignorieren. Das finde ich et-
was billig. b) Ich könnte sie ablehnen, Marx selbst die Kritikfähigkeit
absprechen auf seine eigene sozioökonomische Position, deren ideo-
logische Konsequenzen und dem daraus folgenden Autoritarismus
verweisen, wie ich es oben schon teilweise polemisch getan habe. c)
Ich könnte irgendwie vermitteln und mich rechtfertigen wollen, in-
dem ich einige interessante Hinweise aufgreife, aber die Tragweite
der Kritik relativiere. Das wäre ein ziemlicher Taschenspieler*innen-
Trick. Oder, d), ich könnte sie ernst nehmen und ihr etwas entgegen-
setzen. Letzteres wollte ich nun kurz versuchen. Habe dann aber ge-
merkt, dass ich doch auch ein bisschen c) und b) mache -
widersprüchlich irgendwie...

Im Gegensatz zu Marx stammte Proudhon aus sehr einfachen Ver-
hältnissen, aus denen er sich hocharbeitete und Schriftsetzer wurde.
Damit war er Handwerker und kein Fabrikarbeiter (= Proletarier im
marx'schen Sinne). Dennoch war er ernsthaft für sozial-revolutionäre
Veränderungen in der entstehenden sozialistischen Bewegung enga-
giert. Seine gesellschaftliche Position hat selbstverständlich entschei-
denden Einfluss auf seinen ideologischen Horizont und seine
Subjektivität bedingt seinen Umgang mit den widersprüchlichen Ver-
hältnissen, die er auch in sich selbst wahrnahm, aber nicht auflösen
konnte. Seine Umgangsweise war stattdessen sich in diesen Wider-
sprüchen zu bewegen und sie zu Paradoxen auszuarbeiten.

Ich meine nun Erstens: Anarchistisches Denken entsteht gerade in
den Zwischenräumen, das heißt dort, wo sich verschiedene Milieus
und Erfahrungswelten überschneiden und vermittelt werden. Wenn
es darum gehen soll, die Gesellschaft insgesamt zu verändern, dem
schreienden Elend in ihr ein Ende zu machen, müssen zunächst ein-
mal die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass alle Menschen
stabile und gesicherte Grundlagen haben, um ein Leben in Würde
führen und eigene Lebenspläne verwirklichen zu können. Akti-
vist*innen, die aus verschiedenen Gründen ihre soziale Herkunft oder
Heimat hinter sich gelassen haben, können ein Bewusstsein für ihre
soziale Gruppe entwickeln, ihre Interessen artikulieren und vermit-
teln. Sozial-revolutionäre Veränderungen verlangen jedoch (nach an-
archistischem Denken) stets, dass die Betreffenden Veränderungen
wollen. Das ist ja gerade Marx Problem mit dem Kleinbürgertum. Wer
sich revolutionär engagiert wird aber zwangsläufig auch seine (viel-
leicht relativ privilegierte) soziale Position verlangen, da revolutio-
näres Engagement nie mit gesellschaftlicher Anerkennung in Form
von Geld einhergeht.

Zweitens gehe ich davon aus, dass sozial-revolutionäre Bestrebungen
in Gruppen aufkommen, wo Menschen aus ihrem Milieus herausfal-
len. Das betrifft Menschen, die zu Proletarier*innen gemacht werden
("Proletarisierung"), Migrant*innen, deklassierte Intellektuelle, von
Marx sogenannte "Lumpenproletarier" (Prostituierte, Kleinkriminelle,
Leiharbeiter*innen), Bohémians, queere Personen usw. Neben der in
der Regel ökonomischen Prekarität findet also auch eine Entwurze-
lung und Entfremdung statt. Diese könnte als sozial-kulturelle Preka-
rität bezeichnet werden: Gruppen von Menschen kommen in ihren
Umgebungen nicht zurecht, weil ihre alten Gemeinschaften zerfallen
sind und sie in den neuen nicht akzeptiert werden. Wichtig ist hierbei
der Prozess des Herausfallens und (durch Kriege, Armut, Umweltzer-
störung usw.) Entwurzelt-werdens, also eine Verschlechterung des
Status und massive Verunsicherung, welche zu einer problematischen
Wahrnehmung ihrer doppelt prekären Situation führen. Denn auch
Sozialhilfe-Abhängige, prekäre Intellektuelle oder Künstler*innen
können sich in ihren Situationen einrichten oder sie sogar als Li-
festyle abfeiern. Diejenigen, welche begreifen, dass auch andere in
ihrer persönlichen Situation sind, diese aber nicht verschuldet oder
durch Gott gegeben ist und die deswegen für ein besseres Leben
kämpfen wollen, schließen sich zusammen um sich gegenseitig zu
helfen oder organisieren sich sogar im engeren Sinne politisch.

Drittens ist es anarchistische Annahme, dass radikale Kritik und Poli-
tik von verschiedenen gesellschaftlichen Positionen aus möglich ist.
Dies bedeutet nicht, die realen klassistischen Ungleichheitsverhält-
nisse zu relativieren, sondern sie im Gegenteil ernstzunehmen. Solche
Kritik setzt vieles voraus: ein Gerechtigkeitsempfinden, aufgrund
dessen Menschen aufbegehren (= Gleichheit als ethischer Wert), den
subjektiven Willen zur Veränderung, Zeit sich zu organisieren, Bil-
dung um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen und sie
grundlegend verändern zu können, soziale Kontakte zu Mitstrei-
ter*innen und darauf aufbauende Erfahrungen in politischen Ausein-
andersetzungen. Zu diesen Voraussetzungen Zugänge zu öffnen und
Ressourcen für jene umzuverteilen, die eine Sehnsucht nach emanzi-
patorischen Veränderungen haben, ist eine revolutionäre Tätigkeit.
Umgekehrt ist eine bestimmte soziale Positionierung keineswegs ein
Garant für bestimmte politische Einstellungen, Handlungen und In-
teressen. Was die Interessen angeht, lassen sie sich weder "objektiv"
beschreiben, geschweige denn verordnen, noch auf die ökonomische
Dimension reduzieren. Stattdessen ist von einer tatsächlichen Wider-
sprüchlichkeit der Interessenlage auszugehen: Jemand kann rechts
sein und für die Homoehe, den Kapitalismus gut finden und einen so-
zialen Ausgleich fordern, islamisch sein und nicht patriarchal orien-
tiert, eine großbürgerliche Herkunft haben und Marxist*in sein usw.
Widersprüche sind also haufenweise gegeben. Wenn die Aufgabe von
Aktivist*innen darin besteht, für verschiedene Gruppen eine Be-
wusstseinsbildung zu ermöglichen und sie in einem sozial-revolutio-
nären Projekt zusammen zu bringen, kann dies entweder autoritär
geschehen, indem alles auf einen Hauptwiderspruch (z.B. zwischen
Arbeit und Kapital) reduziert wird, wofür es dann genau einen richti-
gen Lösungsweg gäbe, der sich mit einer (z.B. "wissenschaftlich-dia-
lektischen") Analyse herleiten lässt. Oder: Die Aktivist*innen
gestehen verschiedenen (potenziell revolutionären) Gruppen und Per-
sonen zu, weiterhin unterschiedliche Ansichten, Interessen, Stile, Po-
litikformen usw. haben zu können - ohne das sie deswegen alles
gleichermaßen gelten lassen und gut oder egal finden. Von ihren ver-
schiedenen Positionen aus , sollten sie sich dann emanzipieren und
selbst ermächtigen, wozu sie selbstverständlich vernünftige Inputs er-
halten können. Das wäre meiner Ansicht nach der anarchistische
Weg.

Vorschläge, was getan werden könnte

Es bleibt kompliziert mit den Kleinbürger*innen. Welche Vorschläge
zum Umgang mit dem bisher Beschriebenen können entwickelt wer-
den? Gerade wenn die globale Dimension hineingenommen wird, ist
schnell unklar, ob die*der Proletarier*in bei Volkswagen sich nicht
doch soweit einrichten, absichern und arrangieren konnte, das sie*er
nicht auch - mindestens kulturell - kleinbürgerlich ist verglichen mit
Menschen, die nach Europa fliehen und oft nicht viel mehr haben als
ein smartphone - mit welchem sie jedoch mit ihrer community in
Kontakt treten können. Umgekehrt träumen viele Flüchtende meist
wohl weniger vom großen Geld, als davon, selbständig einen kleinen
Shop aufzumachen - nicht jedoch illegal in deutschen Schlachthöfen
oder auf spanischen und italienischen Feldern arbeiten zu müssen...

Klar ist, dass die sozio-ökonomische Herkunft eines Menschen seine
Wahrnehmung von Widersprüchen und seine immer von Ideologien
gefärbtes Denken über sie entscheidend prägen. Hinzu kommt aber
meiner Ansicht nach, dass die Umgangsmöglichkeiten und -formen
mit diesen auch sehr stark von subjektiven Faktoren beeinflusst wird.
Grundlegend trifft Marx' Kritik zu, dass ein Denken in Paradoxien
sich zur Aufgabe macht, sich in Widersprüchen zu bewegen und mit
diesen etwas zu machen, ohne sie deswegen grundsätzlich aufzuhe-
ben. Sie nicht radikal aufheben zu wollen, wäre reformistisch. Sie mit
begrenzten politischen Möglichkeiten nicht in vollem Umfang aufhe-
ben zu können, bedeutet einen realistischen Blick auf tatsächlich
stattfindende sozial-revolutionäre Prozesse und die eigene Hand-
lungsmacht - welche selbstverständlich ausgeweitet werden kann.
Meiner Ansicht nach ermöglicht dies erst im Konkreten Herrschafts-
verhältnisse anzugreifen, abzubauen und sich von ihnen wegstrebend
zu organisieren. Und dies ist sozial-revolutionär, im Sinne einer
strukturellen Erneuerung der Gesellschaft aus dem Bestehenden her-
aus in der Doppelbewegung von Ablehnung und Angriff auf die
herrschaftlichen Strukturen einerseits bei gleichzeitigem Aufbau und
Ausbau als emanzipatorisch erachteter sozialer Beziehungen und
hierarchiefreier, selbstverwalteter Institutionen andererseits. Um in
emanzipatorischer Hinsicht überhaupt handlungsfähig werden zu
können, sind Widersprüche auszuhalten. Davon ausgehend, können
sie jedoch auch aufgezeigt und Konflikte selbstbestimmt aufgemacht
werden, um Herrschaftspositionen mit einer organisierten Gegen-
Macht zu konfrontieren.

Zum Schluss möchte ich noch mal auf die knappe Aussage von Marx
zurückkommen, das Kleinbürgertum könne ein integrierender Be-
standteil der sozialen Revolution sein: Dies ernst zu nehmen bedeutet
in keiner Weise zu behaupten, "wir alle" beginnen nun die Revolution
gegen "die da oben". Entscheidend ist, die sozialen Positionen und die
damit unweigerlich verknüpften ideologischen Muster zu verstehen,
in denen Menschen insgesamt und man selbst jeweils steckt - eben
um ihre Potenziale zu nutzen und sich gleichzeitig davon befreien zu
können. Wenn es für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung im
emanzipatorischen Sinne immer viele und verschiedene Gruppen von
Menschen braucht, ist darüber hinaus eine strategisch wichtige Frage,
inwiefern links-emanzipatorische Ansätze zwar einerseits proletari-
sierte und gut-bürgerliche Positionen mitbedenken, jedoch tatsächlich
kaum Milieus einbeziehen, die als "kleinbürgerlich" zu bezeichnen
sind. Warum gegen den Extremismus der Mitte nicht mal mal offen-
siv einen Anarcho-Kommunismus der Kleinbürger*innen ins Feld
führen? Selbstverständlich nicht im Sinne einer verkürzten und be-
schränkten Kritik und als ein Ansatz neben anderen. Vor allem nicht
stellvertretend für die hart proletarisierten und ganz unmittelbar ent-
würdigten Gruppen. Denn eine Revolution, die Bürger*innen machen,
wird immer eine bürgerliche Revolution sein, wenn sie sich nicht
ausweitet. Kleinbürger*innen sind jedenfalls nicht das Problem, son-
dern die widersprüchlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie
hervorbringen; in denen sie nach oben aufblicken oder dieses verach-
ten und nach unten treten oder sich mit ihm solidarisieren können.

Ironisches Ende: Irgendwie kommt mir die Werbekampagne des
Handwerksverbandes in den Sinn. Warum klingt es nicht anarchis-
tisch, wenn die plakatieren: "Nimm deine Zukunft in die Hände" und
"Alles was nicht von Händen geschaffen wurde, wurde von Maschi-
nen geschaffen, die von Händen geschaffen wurden"? Ach ja, is ja
immer noch Kapitalismus. Und außerdem noch rassistisch: "Qualität
kommt nicht aus Dam Ping".
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