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(de) FDA-IFA, Gai Dào #86 - Einige Anmerkungen zur Anarchist Liberation Army - Von: Redaktion Tsveyfl 1

Date Sat, 10 Mar 2018 08:39:06 +0200


In der Gai Dào N o 85 (Januar 2018) erschien ein Interview mit der Anarchist Liberation Army (ALA), welche dort ihre Ansichten über den derzeitigen Stand des (un)organisierten Anarchismus und ihre Strategien zur Verbesserung der Situation darlegten. Wir möchten dies zum Anlass nehmen, ein paar Worte an die Genoss*innen der ALA, wie auch die allgemeine Leser*innenschaft der Gai Dào zu richten. ---- Denn obwohl wir es begrüßen, wenn Anarchist*innen das Konzept des Plattformismus wieder entdecken und dieses auch in die Diskussion bringen, scheint uns der Ansatz der ALA doch insgesamt von krassen Gegensätzen und nicht miteinander zu vereinbarenden Widersprüchen geprägt zu sein. ---- Die Heterogenität in der ideologischen Einheit ---- Besonders deutlich wird das anhand des Verständnis, oder besser der Verständnisse der ALA vom Plattformismus. Völlig zu Recht steht hier als eigener Punkt die ideologische Einheit. In einer Version ist er
versehen mit dem Zusatz: "Ideen und Ideale einer Gruppe sind klar,
auch in Detailfragen, und alle Mitglieder halten sich daran." 2 In ihrem
Magazin Neue Militante Form (NMF) schreiben sie unter demselben
Punkt lediglich: "Identifikation mit den politischen Zielen der
Gruppe." 3 Der Unterschied, der auf den ersten Blick vielleicht banal
wirken mag, ist letztlich einer ums Ganze, stellt er doch die Abkehr
vom Plattformismus dar.

Zwar werden sowohl im NMF, als auch in dem Interview mit der Gai
Dào wichtige Punkte genannt, die es zu ändern gälte; z.B. die Cliquen-
Struktur der "Szene", zum Problem wird dabei jedoch erklärt, dass
diese Cliquen in sich homogen wären und keine Widersprüche
aushalten würden. Das Heilmittel der ALA, das sie an verschiedenen
Stellen immer wieder argumentativ ins Feld führt, ist die
Heterogenität.

Dass die Kleingruppen oft extrem heterogen sind, es in den meisten
A-Gruppen, FAU-Sektionen, Kollektiven usw. über alles Mögliche
kontroverse Diskussionen gibt, die teilweise zur Lähmung, Spaltung
oder Resignation führen, scheint an der ALA vorbeigegangen zu sein.
Schaut man sich die anarchistische Szene 4 an, ist nicht viel davon zu
sehen, dass die Gruppen "ideologiefixiert" 5 wären. Ein
Abgrenzungsbedürfnis nach Außen und die pauschale Ablehnung
bestimmter Handlungen (wählen gehen z.B.) sind zwar offenkundig
vorhanden; es gibt auch eine gewisse Homogenität in Habitus und
Kleidung (wer nicht autonom genug aussieht sollte sich hüten ins
nächste AZ zu gehen), jedoch sind das keine Probleme die aus
Streitigkeiten verschiedener Strömungen erwachsen, wie es die ALA
darstellt. Diese Phänomene sind vielmehr die Konsequenz aus einer
mangelhaften oder gar nicht vorhandenen gemeinsamen
theoretischen Basis. Das weitgehende Fehlen einer ausdefinierten
inhaltlichen Basis macht die Abgrenzung nach Außen für den
Gruppenerhalt umso nötiger. Dies geht zum Teil so weit, dass darauf
verzichtet wird, die eigenen Inhalte zu verbreiten, wenn z.B.
parteinahe Stiftungen oder Gewerkschaften an der Finanzierung
beteiligt sind. Die von der ALA skizzierten Beispiele, an denen die
ideologischen Trennlinien verlaufen würden (Syndikalismus/Vegan-
ismus, Kommunismus/Individualismus), sind dagegen kaum existent.
Vielmehr ist der Anarchismus ideologisch so weit
heruntergewirtschaftet worden, dass er zu einem inhaltsleeren
Ausdruck verkommen ist, den jede*r selbst irgendwie füllen muss -
wenn es gut läuft spielt anarchistische Theorie dabei eine Rolle, wenn
es schlecht läuft beschränkt es sich darauf, Anarchismus als Ausdruck
des eigenen Verhaltens zu begreifen.

Dies führt dazu, dass in den verschiedenen Gruppen, gleich ob sie
sich nun einer bestimmten Richtung zugehörig fühlen oder nicht,
enorm unterschiedliche Ideen und Ideologeme aufeinandertreffen.
Alles reklamiert dabei für sich, anarchistisch zu sein.
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[1]Wir danken Frederike Hildegard Schuh für Anregung, Kritik und Korrektur.
[2]Anarchist Liberation Army (ALA): Plattformismus - Was ist das? 2017. https://anarchistliberationarmy.wordpress.com/2017/08/22/plattformismus-was-ist-das/
[3]ALA: Plattformismus? Nie gehört! In: Neue Militante Form (NMZ) Nr. 1, 2017, S. 10.
[4]Zwar bedauern wir es, genau wie die ALA, dass von einer anarchistischen "Szene" gesprochen wird, erkennen jedoch an, dass dies den realen Verhältnissen entspricht. Jedes Geraune von
einer "Bewegung" ist maßlose Selbstüberschätzung und damit völlige Verkennung des desolaten Zustands des Anarchismus im deutschsprachigen Raum.
[5]"Es geht schlicht um alles oder nichts. Deshalb müssen wir uns organisieren" Intervie mit der ALA. In: Gai Dào N o 85, Offenburg 2018, S. 9.
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Das Problem der anarchistischen Szene ist also weniger ihre
ideologische Homogenität, als eine schier grenzenlose Heterogenität.
Gerade diese ideologische Heterogenität bedingt die Homogenität im
Habitus. Wo eine klare inhaltliche Basis fehlt werden die äußeren
Merkmale einer subkulturellen Szene um so wichtiger. Die
Homogenität der Cliquen und ihr Abgrenzungsbedürfnis, das die
ALA zurecht beklagt, sind eben nicht Folge ihrer Ideologiefixierung,
sondern ihrer inhaltlichen Unbestimmtheit. Darum wird der Ansatz,
den die ALA vorschlägt, die Situation in keinster Weise verbessern.
Plattformistisch ist er zudem auch nicht. Was die ALA will, ist die
Unterschiede der verschiedenen historischen Strömungen irgendwie
vereinbar zu machen und unter dem einen großen Label
"Anarchismus" zu sammeln. Das hat herzlich wenig damit zu tun,
Ideen und Ideale, auch in Detailfragen, klar zu haben, aber sehr viel
damit, irgendwie doch noch gesellschaftliche Relevanz haben zu
wollen, und die klägliche Szene, die man hat, über den kleinsten
gemeinsamen Nenner (irgendwas mit Antikapitalismus und
Herrschaft) doch noch zur Bewegung aufbauschen zu können. Die
Einheit in den Zielen (befreite Gesellschaft) enthält eben keinesfalls
die Einheit der Mittel (Revolution/Reform/Syndikalismus/Partei-
struktur etc.), wie diese denn zu erreichen seien - Einigkeit in den
Ideen und Idealen, auch in den Details jedoch schon. Wäre dem
anders, hätte es keine Spaltung der ersten
Internationalen gegeben und die Welt wäre heute eine
andere. Gedanklich bewegen sie sich mit der
Ausblendung von Widersprüchen oder dem Wunsch
diese fruchtbar zu machen, jedenfalls sehr nah am
Synthetizismus. Der Plattformismus zielt ja nicht
darauf die Widersprüche auszublenden, sondern eine
einheitliche(re) Theorie des Anarchismus zu
entwickeln. 6 Aus dieser kann sich dann auch erst die
Einheit der Taktik und der weiteren Organisierung
ergeben.

Handeln statt reden, schlagen statt Kaffee trinken
Um eine theoretische Grundlage geht es der ALA aber
offensichtlich nicht. Ihr Ruf nach Heterogenität ist der
Aufruf zur Zusammenrottung, um endlich auch mal so
richtig auf den Putz hauen zu können. Letztlich geht
es darum auch mal einen Mob bilden zu können weil
"die" Nazis ja "mittlerweile hochmilitarisiert" 7 seien.
Den Antifaschismus der Linken findet die ALA zwar
beklagenswert, da er inhaltsleer geworden sei, legt
dann aber einen solchen Alarmismus an den Tag, als
würde die Machtübernahme der Faschist*innen
tatsächlich auf der Tagesordnung stehen, statt Inhalte
für einen neuen Antifaschismus anzubieten. Zwar gibt
es in vielen Teilen Deutschlands eine reale Gefahr von
Nazis, Faschist*innen, Reichsbürger*innen usw. und es ist auch
notwendig sich gegen diese zur Wehr zu setzen. Genau das macht
aber die differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage, ob es
möglicherweise eine reale gesamtgesellschaftliche (nicht auf einzelne
Zonen beschränkte) Gefahr von Rechts gibt und der Frage, wie die
AfD zu bewerten ist, umso notwendiger. Damit will sich die ALA
allerdings nicht aufhalten. 8 Wo die Notwendigkeit der Gewalt betont
und die Analyse der Situation vernachlässigt wird, drängt sich nicht
zufällig der Eindruck der Blutrünstigkeit auf. Für wen Gewalt an sich
"nicht moralisch, sondern taktisch" 9 ist, hat sich auch davon
verabschiedet, dass die Mittel der gesellschaftlichen Veränderung
bereits deren Ziele im Blick haben müssen. Das offenbart sich auch
an der Gleichsetzung von Faschist*innen mit Imperialist*innen, ohne
auszuführen, was die einen oder die anderen sein sollen und woher
die jeweils objektive Notwendigkeit der Gewalt herrühren würde,
wenn nicht aus sich selbst heraus. 10 Nicht, dass es nicht moralisch
legitime Gewalt geben könnte, sei sie um die Reaktion zu stoppen, sei
es für die Emanzipation. Diese erfordert aber immer eine Reflexion
dessen, was Gewalt ist, gegen wen sie wann, wo, wie und warum
eingesetzt wird. 11 Was die ALA stattdessen anbietet ist eine
Projektionsfläche, um endlich wieder ein richtiger, ganzer Mann sein
zu können. Hart, stark, berechnend, kühl, kalkulierend, unemotional
und mit starrem Blick immer furchtlos voran. Darauf laufen die
martialischen Phantasien, die Hetze gegen Schwäche und die damit
verbundene Beschwörung der Stärke 12 , sowie der virulente
Antiintellektualismus 13 hinaus. 14 Da werden Bilder bemüht, wie sie
aus den 1920er Jahren stammen könnten. Die verweichlichte Szene
sitzt im Café oder trinkt Rotwein, redet und diskutiert, anstatt endlich
(ganz männlich) die Sache in die Hand zu nehmen, aktiv zu sein. Bei
der ALA lässt sich an der Stelle auch von Form auf Inhalt schließen;
die ganze Ästhetik, die sie bemüht, ist eine martialische, die nur auf
jene abzielt, die ihren Gewaltfetisch in ein politisches Mäntelchen
kleiden wollen.
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[6]Was nicht heißt, dass es keine Widersprüche geben dürfte, sondern dass diese sich aufeiner gewissen gemeinsamen Grundlage entfalten, die zwischen verschiedenen Strömungen zum Teil
gar nicht vorhanden ist.
[7]ALA Interview wie Fn 4. S. 8.
[8]Beinahe schon überflüssig zu erwähnen, dass die Rechte auch keinesfalls homogen ist, die ALA jedoch pauschal alle als Nazis bezeichnet. Entsprechend wird die Diskussion über Begriffe
wie Faschismus an anderer Stelle als geradezu lächerlich dargestellt, während voll Neid nach Rechts geschielt wird, wo "Nägel mit Köpfen gemacht" werden. Vgl.: ALA: Einfach mal quer
durchpflügen. 2017. https://anarchistliberationarmy.wordpress.com/2017/08/22/einfach-mal-quer-durchpfluegen/
[9]Ebd.
[10]Ebd.
[11]Einen Tag nach Erscheinen des Interviews in der Gai Dào hat die ALA einen Text veröffentlicht, in dem die Ansätze zu einer Reflexion über Gewalt enthalten sind. Da diese aber nicht
einmal eine richtige Neugier beinhalten, das eigene Handeln zu hinterfragen, bleibt die hier ausgeführte Kritik an der ALA davon auch unberührt. Vgl.:
https://anarchistliberationarmy.wordpress.com/2018/01/09/guter-soldat-boeser-soldat-ueber-das-paradoxe-verhaeltnis-der-politischen-linken-zum-militaer/
[12]Vgl.: ebd. Aufnichts Anderes läuft das Gerede gegen Menschen die "jammern" und "nichts tun" hinaus.
[13]Offenkundig wird dieser auch, wo sie sich tatsächlich für theoretische Bildung aussprechen. Sie preisen das Werk von Sun Tzu und rufen zu dessen Lektüre auf. Problematisch ist jedoch,
dass sie dies nur tun, weil sie meinen sein Werk auch ganz praktisch umsetzen und anwenden zu können. Theorie hat also nur eine Daseinsberechtigung, wenn sie konkret und
handlungsweisend und eigentlich auch keine Theorie ist. Spannend wird, ob die ALA künftig, im Geiste Sun Tzu's, brennende Schweine gegen Polizeiketten einsetzen wird.
[14]Dass die ALA sich andauernd gegen Mackertum ausspricht ist dazu kein Widerspruch. Es wirkt vielmehr wie eine vorauseilende Abgrenzung um sich nicht selbst dem Vorwurfausgesetzt
zu sehen. Dazu passt auch, dass sich Mackertum für sie scheinbar auf Rumgeschreie bei Plenas reduziert. Das ist zweifellos unangenehm, erfasst aber nicht alle Facetten von Mackertum.
Gerade aus Sicht der ALA und dem Bild vom starken, kontrollierten Mann, muss dieses Verhalten infantil wirken, da dort der echte Mann nur aufden Tisch haut, wenn es sein muss.
[15]ALA: Manchmal ist Straßenkampfnotwendig. In: NMZ Nr. 1, 2017, S. 19ff.
[16]ALA Interview wie Fn 4. S. 7.
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Den Widerspruch, den die ALA hier aufmacht, zwischen den
Organisierten in Selbstverteidigungsgruppen und jenen die Rotwein
trinken, statt zu kämpfen, erweist sich als Konstrukt um die eigene
Härte zu untermauern. Die Selbstverteidigungsgruppen, für die die
ALA auch eigens ein Konzept ausgearbeitet hat 15 , wären zum einen
wieder nur eine Art von Antifaschismus, der "nur reagiert" 16 , und er
tut das - und das ist auch gut und richtig so -, um Räume zu erhalten,
in denen man auch weiterhin Rotwein trinken und unmännlich sein
kann. Zumal müsste, um Gruppen oder Einheiten in der Form zu
realisieren, wie sie der ALA vorschweben, also eine Arte stehendes
Heer der Antifaschist*innen, die auf Abruf herbeieilen um das Viertel
zu verteidigen, ein Grad der Organisation erreicht werden, der zum
jetzigen Zeitpunkt noch in den Sternen steht. So ein Konzept wäre
nur möglich, wenn es von einer größeren Bewegung getragen wird.
Denn es müsste den Kämpfer*innen auf Abruf irgendwie ein
Auskommen in dieser Gesellschaft gesichert werden, sonst wäre die
permanente Bereitschaft zum Kampf neben den Zumutungen des
Alltags vermutlich dermaßen aufreibend, dass sie alle ein Burnout
erleiden würden. Das Konzept der ALA läuft beim derzeitigem Stand
der Dinge also auf die völlige Selbstaufgabe für die Sache hinaus.
Auch das passt zu ihrem Bild des starken Mannes.

Zum Plattformismus

An diesem Punkt möchten wir abschließend noch ein paar Sätze zum
Plattformismus verlieren:

Wir begrüßen Initiativen für eine anarchistische Plattform. Diese
müssen aber vorab ein Grundgerüst anarchistischer Theorie
entwickeln, mit dem ideologisch Irrungen ausgeschlossen werden,
ohne in ein dogmatisches Schema zu verfallen, wonach jedwedes
Abweichen von der ausgegebenen Linie zum Verrat an der Sache
wird. Sollte das einmal gelingen, werden sich vermutlich viele der
inhaltlichen Widersprüche des Anarchismus bzw. der anarchistischen
Bewegung produktiv auflösen lassen, bis dahin gilt: Doch, wir sind
alle ganz schön verschieden. In dem was wir wollen und in dem was
wird denken. Es gibt bisher keine Basis für eine solche Organisation,
eine zu schaffen, wäre die zeitgemäße Aufgabe der Anarchist*innen
um gesellschaftliche Umstrukturierungen vorantreiben zu können.
Der Text "Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen
Union" von Machno, Arschinow und anderen beginnt (nach der
Einleitung) nicht zufällig mit einer Analyse der gesellschaftlichen
Verhältnisse. Welchen Wert diese heute noch hat, schließlich entstand
der Text 1926, wäre einer Prüfung zu unterziehen, die als
Ausgangspunkt für die Erarbeitung der theoretischen Grundlage
(oder um im Sprech zu bleiben, der ideologischen Einheit) dienen
könnte. Die Prozesse, Wandlungen und historischen Veränderungen
müssten in einer neuen Ausarbeitung berücksichtigt werden, auch
neue theoretische Erkenntnisse (sicherlich nicht nur jene von
Anarchist*innen, die haben in den letzten Jahrzehnten leider nicht
viel neues zu sagen gehabt) müssten mit einbezogen werden. Der
Antisemitismus, der die Triebkraft des Nationalsozialismus darstellte
und ebenfalls wieder an Fahrt gewinnt - nicht nur bei Rechten -
müsste mitbedacht werden. Dies alles, und sicher noch vieles mehr,
müsste mit den klassischen anarchistischen Positionen in einem
Reflexionsprozess zu einer Grundlage ausgearbeitet werden, von dem
aus eine anarchistische Bewegung in ihrer Gesamtheit agieren
könnte. Für die Frage der Taktik hingegen finden und fanden sich
immer wieder brauchbare Ideen. Allen voran wäre da sicher der
Syndikalismus zu nennen, wobei auch dieser sich der Tatsache stellen
muss, dass es in den westlichen Ländern wesentlich weniger
klassische Proletarier*innen gibt als zu seinen Hochzeiten. Zusätzlich
wurden, auch in Folge der Globalisierung, viele Betriebe geschlossen,
und/oder verlegt, sowie einzelne Arbeitsschritte outgesourct, was die
Eingriffsmöglichkeiten syndikalistischer Methoden eingeschränkt
hat. Es müsste (und das wird es ja bereits bei vielen syndikalistischen
Gewerkschaften) nach neuen Formen des Arbeitskampfes gesucht
werden, die es ermöglichen, auch die vereinzelten Arbeiter*innen in
den neu entstandenen Branchen mit einzubinden. Der Syndikalismus
ist deshalb an vorderster Stelle der Strategien zu nennen, da er direkt
auf das ökonomische System zielt, während andere Formen, die in
den letzten Jahrzehnten in die Praxis der Anarchist*innen einzogen,
lediglich Symptome bekämpfen. Neue und andere Mittel und Fragen
einer taktischen Orientierung lassen sich an dieser Stelle vorerst nicht
benennen, da sie die gemeinsame Grundlage benötigen würden.
Unzweifelhaft und von der ALA auch richtig beantwortet sind jedoch
die Fragen der Disziplin. Zwar gehen sie in ihrem Urteil zu weit,
wenn sie jede Dysfunktionalität anarchistischer Gruppen auf
vermeintlich anarchistische Orthodoxie zurückführen, schließlich
wird den Menschen in dieser Gesellschaft jede Menge abverlangt,
funktionieren im Kapitalismus strengt Körper und Geist eben an. Es
scheint oft schlicht und ergreifend ein Privileg von (meistens)
Männern mit bildungsbürgerlichem Hintergrund zu sein, deren Eltern
im Zweifelsfall mit der nötigen finanziellen Absicherung des
Lebenslaufes aufwarten können, Zeit in die praktische Arbeit von
politischen Gruppen investieren zu können. Trotzdem braucht es
funktionierende und verbindliche Strukturen. Die Frage die es zu
beantworten gilt ist also, wie diese aussehen und funktionieren
können, ohne der Einzelnen neben Arbeit und den alltäglichen
Zumutungen noch den letzten Nerv zu rauben, und ohne
Machtpositionen für Männer zu schaffen, die schlicht und ergreifend
mehr Zeit haben. Davon ausgehend ließe sich dann auch die Frage
wie denn föderale Strukturen in welchem Ausmaß mit welchen
Funktionen und Aufgaben usw. aufgebaut werden sollten
beantworten. Doch auch an diesem Punkt sind wir noch lange nicht.

Betrachtet man den Ansatz der ALA, wird klar, dass sie es wie so
viele vor ihr, genau andersherum angepackt und das Kind mit dem
Bade ausgeschüttet hat. Schade.
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