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(de) FDA-IFA, Gai Dào #86 - "Verbindung, Verknüpfung, Versammlung" Von: Gabriel Kuhn

Date Fri, 9 Mar 2018 08:41:09 +0200


Eine Rezension von Bini Adamczaks "Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman" ---- Am 21. Dezember 1919 lief aus einem New Yorker Hafen ein Schiff namens Bulford aus. An Bord befanden sich 249 anarchistischer Umtriebe angeklagter Personen, die in die USA eingewandert waren und nun mithilfe des 1903 erlassenen und 1918 ausgeweiteten Anarchist Exclusion Acts des Landes verwiesen wurden. Unter ihnen waren zwei der damals wie heute international bekanntesten Anarchist*innen: Emma Goldman und Alexander Berkman. Sie waren auf dem Weg zurück nach Russland, ein Land, das gerade eine Revolution von welthistorischer Bedeutung erlebt hatte. Sie erreichten es am 20. Januar 1920. Berkman sollte in seinem 1925 erschienenen Buch Der bolschewistische Mythos schreiben: "Es war der schönste Tag meines Lebens."

Diese Bemerkung ist der Ausgangspunkt für
Bini Adamczaks Essay Der schönste Tag im
Leben des Alexander Berkman. Vom mögli-
chen Gelingen der Russischen Revolution.
"Wie", so fragt die Autorin, "lässt sich diese
Auskunft verstehen, wie erklärt sich das
Glück, von dem sie handelt?" (S. 8)

Berkmans Begeisterung für die Russische Re-
volution war unter Anarchist*innen seiner
Zeit keineswegs einzigartig. Sie wurde nicht
nur von Goldman geteilt, sondern von vielen
Anarchist*innen, auch in Russland. Philippe
Kellermann hat dazu in seinem im Karl Dietz
Verlag erschienenen Band Anarchismus und
Russische Revolution wichtige Beiträge ge-
sammelt. In der Zeitschrift Ne znam (Nr. 5 und
6) hat er zudem dokumentiert, wie die Debatte
zur Russischen Revolution in Der Syndikalist,
der Zeitschrift der anarchosyndikalistischen
FAUD, geführt wurde. Erich Mühsam eröffnete
seinen 1920 verfassten Erlebnisbericht zur
Bayrischen Räterepublik, "Von Eisner bis Le-
viné", mit den Worten: "Zur Aufklärung an die
Schöpfer der russischen Sowjetrepublik, zu
Händen des Genossen Lenin."

Dies erinnert uns zunächst daran, dass viele Anarchist*innen jener
Zeit in anderen linken Strömungen nicht primär Feinde sahen, son-
dern Genoss*innen, mit denen zusammen sie Kapitalismus und Staat
zu überwinden gedachten, ungeachtet strategischer Differenzen.
Auch wenn diese solidarische Einheit bald zu bröckeln begann - so-
wohl Goldman als auch Berkman, und mit ihnen Tausende von Anar-
chist*innen weltweit, zeigten sich nur ein knappes Jahr nach ihrer
Ankunft vom Bolschewismus enttäuscht und desillusioniert -, ver-
weist sie auf den gemeinsamen Traum, der der radikalen Linken bis
1917 zu eigen war, trotz der Spaltung der Ersten Internationalen 1872
und anderer Zwistigkeiten. Dies bestätigt auch die deutsche Ge-
schichte. Erich Mühsam und Gustav Landauer arbeiteten nach Ende
des Kaiserreichs in München eng mit Kommunist*innen und unab-
hängigen Sozialdemokrat*innen zusammen.

Dieser Sachverhalt erinnert uns auch an etwas, das bis heute viel-
leicht unterschätzt wird: Bei aller Kritik an und Distanzierung von der
Sowjetunion blieb ein Teil des anarchistischen Traumes weiter an
diese geknüpft. Genauer: an ihre Anfänge, das
Verlangen der Massen nach einer freien und
gerechten Welt, und vor allem an die plötzlich
berechtigt erscheinende Hoffnung, dass eine
solche möglich war. Mit dem ebenso raschen
wie unerwarteten Zerfall der Sowjetunion
1989 taumelte auch der Anarchismus in eine
Sinn- und Orientierungskrise, die er trotz al-
ler Versuche individualistisch-neoliberaler
Kompensierung bis heute nicht überwunden
hat. Die anarchistische Freude über den Zu-
sammenbruch eines allerspätestens seit der
Spanischen Revolution ausgemachten Sys-
temfeindes, den Staatssozialismus, war zwei-
felsohne genuin, unterschätzte aber die
psychologischen Auswirkungen auf die eige-
ne Bewegung. Den Ursprüngen dieses Para-
doxons noch einmal auf die Spur zu gehen
(möglicherweise unbewusst), gehört zu den
Verdiensten von Adamczaks Buch.

Adamczak beweist, wie erfrischend es sein
kann, wenn Menschen Kluges zum Anarchis-
mus schreiben, die sich selbst nicht unbedingt
als Anarchist*innen begreifen. Identitäre Ei-
telkeiten spielen dadurch keine Rolle. Hingegen können, sind grund-
legende Sympathie und Respekt vorhanden, Entwürfe gelingen, die
ausgewogen über historische Ereignisse reflektieren, die zu bedeutend
sind, um sie zu Schauplätzen ideologischer Schlammschlachten ver-
kommen zu lassen. Was Adamczak zu den Machnowtschina oder dem
Kronstädter Aufstand zu sagen hat, gehört zu dem Besten, was es da-
zu im Deutschen zu lesen gibt.

Dem Scheitern der Russischen Revolution geht Adamczak unter be-
sonderer Berücksichtigung der Kriegssituation, der Landfrage und
der Rätestrukturen nach. Als erfreuliche Begleiterscheinung lernen
Leser*innen auch etwas über Kapitel der Revolution, die im deutsch-
sprachigen Raum nicht sonderlich bekannt sind, etwa der Bürger-
krieg in Finnland (bis 1917 unter russischer Verwaltung) oder die
temporäre Kontrolle der Stadt Samara durch eine nicht-bolschewisti-
sche Koalition, die versuchte, sozialdemokratische Maßnahmen
durchzusetzen.

Manches mag Leser*innen, die mit Adamczaks Büchern Kommunis-
mus. Kleine Geschichte wie alles anders wird (2004) und Gestern
Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die
Rekonstruktion der Zukunft (2007) vertraut sind, bekannt vorkom-
men. Auch diese Bücher waren "gegen beide gerichtet: Stalinismus
wie Antikommunismus". (S. 17) In dem vorliegenden Essay finden
sich jedoch genug neue Schwerpunkte, Nuancen und Einfallswinkel,
um ihn eine Fortsetzung und keine Wiederholung früherer Arbeiten
sein zu lassen.

Von besonderer Bedeutung sind die Schlussfolgerungen Adamczaks,
in denen sie noch einmal auf die solidarische Einheit der Linken zu
sprechen kommt. Jemand wie ich, der felsenfest davon überzeugt ist,
dass eine solche Einheit unsere einzige Chance darstellt, ist von Sät-
zen wie folgenden entzückt:

"Rückblickend zeigt sich die Dringlichkeit der Kritik an der zentralis-
tischen Parteilinie, an der Diktatur der Minderheit. Wenn die institu-
tionalisierte Teleologie der leninistischen Partei eine spiralförmige
Bewegung war, die den Kreis der Partizipation immer weiter vereng-
te, von tatsächlichen politischen Gegnerinnen über Bündnispartner
und innerparteiliche Opposition, zu Fraktionen, Strömungen und Ab-
weichungen, dann erhält retroaktiv jede Ausweitung dieses Kreises
besonderes Gewicht: als Politik der Verbindung, der Verknüpfung,
der Versammlung." (S. 133)

Leser*innen, denen diese Perspektive zusagt, sollten zu Adamczaks
Buch greifen. Leser*innen, für die das nicht gilt, erst recht. Perspekti-
ven können sich auch ändern.
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