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(de) Jineoloji: von Frauenkämpfen zur sozialen Befreiung* Von: Brecht Neven und Marlene Schäfers / Übersetzung: die Redaktion

Date Tue, 9 Jan 2018 07:00:57 +0200


Als befreiender Rahmen, der aus der kurdischen Bewegung hervorgeht, stellt die Jineoloji (Frauenwissenschaft) die Frauen in den Mittelpunkt des Kampfes gegen Patriarchat, Kapitalismus und Staat. ---- Nach den jüngsten Entwicklungen in Nordsyrien wurden kurdische Frauen in den westlichen Medien oft als erbitterte Kämpferinnen gegen die grausamen Barbaren des so genannten islamischen Staates dargestellt. Betrachtet mensch jedoch kurdische Guerillakämpferinnen als Heldinnen, welche die westliche Werte der Demokratie und die Gleichberechtigung der Geschlechter verteidigen, so werden kurdische Frauen in eine orientalistische Erzählung eingebunden, welche ihnen ihre politische Handlungsfähigkeit und Anerkennung nur dann gewährt, wenn ihre Handlungen zu liberalen westlichen Werten passen.
----------------------------------
[*] Originaltext: https://roarmag.org/essays/jineology-kurdish-women-movement/
----------------------------------

Doch der Kampf, den die kurdischen Frauen führen, ist tief in
radikalen politischen Gedanken und Praktiken verwurzelt und eignet
sich daher nicht so leicht für eine westlich-liberale Weltanschauung,
wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Die kurdische Bewegung
entstand in den späten 1970er Jahren aus einer fragmentierten
türkischen Linken und radikalisierte sich in den Folterkammern der
Diyarbakir-Gefängnisse nach dem Militärputsch von 1980 in der
Türkei. Seit ihrer Gründung hat sie sich von einer dogmatischen
marxistisch-leninistischen Raupe zu einem radikal-demokratischen
Schmetterling entwickelt.

Mit der Verwerfung des Ziels eines unabhängigen sozialistischen
Kurdistans, stützt sich die Bewegung nun auf die Theorie und Praxis
des Feminismus, der sozialen Ökologie und des libertären
Kommunalismus, um den Staat zu überwinden. Anstatt die Macht zu
zentralisieren, versucht sie eben jene durch horizontale Formen der
Repräsentation an die Basis zu verlagern. Die kurdische Bewegung,
die zum Teil vom amerikanischen kommunalistischen Theoretiker
Murray Bookchin inspiriert wurde, hat ihre Bestrebungen nach einer
postkapitalistischen und poststaatlichen Gesellschaft klar formuliert
und begonnen, diese Ideen in den kurdischen autonomen Regionen
Rojavas im Norden Syriens umzusetzen.

Der Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter steht im
Mittelpunkt der Vision der kurdischen Bewegung für eine gerechte
Gesellschaft. Indem Abdullah Öcalan, der inhaftierte Führer und
leitende Theoretiker der kurdischen Bewegung, die historische
Wurzel der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterdrückung
und Ungerechtigkeit in der Entstehung von Geschlechterhierarchien
im Neolithikum (Jungsteinzeit) lokalisiert, sieht er einen direkten
Zusammenhang zwischen Geschlechterhierarchien und
Staatsbildung. In Bezug auf Frauen als "die erste Kolonie"
argumentiert Öcalan, dass Nationalstaat, monotheistische Religionen
und Kapitalismus unterschiedliche institutionalisierte Formen des
dominanten Mannes darstellen. Der Kampf gegen patriarchalische
Gesellschaftsstrukturen - oder, wie Öcalan es ausdrückt, "das
dominante Männchen zu töten" - wird somit zum Imperativ im Kampf
für eine Gesellschaft, welche die repressiven Strukturen des
kapitalistischen Nationalstaates überwindet.

Innerhalb dieses Kampfes betont das kurdische Paradigma die
Wichtigkeit einer dauerhaften Transformation sowohl der sozialen als
auch der persönlichen Mentalitäten; ein Begriff, der mit dem
foucault‘schen Konzept des Diskurses als einer umfassenden
Gedankenbildung in Resonanz steht, während er gleichzeitig seine
Verwurzelung in der Praxis betont und damit die Notwendigkeit eines
antagonistischen Kampfes unterstreicht, um einen dauerhaften
Wandel zu erreichen. In einem Rahmen, der die Grenzen der
Staatsbürgerschaft überdenkt, wird der klassische marxistische Fokus
auf den Klassenkampf auf diese Weise erweitert, um andere Formen
der Unterdrückung zu berücksichtigen. Die Befreiung der Frauen
nimmt sowohl für die theoretische Reflexion über die soziale Realität
als auch für die praktischen Bemühungen um eine radikale
Veränderung dieser Realität eine zentrale Rolle ein. Die Bewegung
behauptet, dass es für den Erfolg des sozialen Kampfes unerlässlich
ist, die Zusammenhänge zwischen kapitalistischer, staatlicher und
geschlechtsspezifischer Unterdrückung vollständig zu verstehen.
Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse sowohl der antikolonialen
als auch der antikapitalistischen Widerstandsbewegungen des 20.
Jahrhunderts wird das Verständnis des Kampfes selbst grundlegend
neu formuliert.

Jineoloji, ein Rahmenwerk radikaler feministischer Analyse, das die
kurdische Bewegung seit 2008 entwickelt, versucht, die Fortschritte
der kurdischen Frauenbewegung in die Gesellschaft zu übertragen.

Ein Neologismus, abgeleitet vom kurdischen Wort für Frau, Jin,
kritisiert die Jineoloji, wie die positivistischen Wissenschaften alle
Formen der Macht in den Händen der Männer monopolisiert haben.
Als theoretisches Paradigma basiert es auf den konkreten
Erfahrungen kurdischer Frauen, die sowohl mit patriarchaler als auch
mit kolonialer Unterdrückung konfrontiert sind. Mit dieser neuen
Perspektive versucht die Jineoloji, eine alternative Methodik für die
bestehenden Sozialwissenschaften zu entwickeln, die im Gegensatz zu
androzentrischen Wissenssystemen steht.

Zugleich artikuliert sie aber auch eine kraftvolle Kritik am westlichen
Feminismus. Laut Dilar Dirik, einer Akademikerin und Verfechterin
der Jineoloji, hat die feministische Dekonstruktion von
Geschlechterrollen wesentlich zu unserem Verständnis von Sexismus
beigetragen. Dennoch bleibt die Jineoloji kritisch gegenüber dem
Versagen des westlichen Feminismus, eine Alternative zu schaffen.
Sie kritisiert, dass der Mainstream-Feminismus es versäumt hat, einen
breiteren sozialen Wandel zu erreichen, indem er den Rahmen der
fortbestehenden Ordnung begrenzt. Der intersektionale Feminismus
befasst sich mit diesen Fragen, unterstreicht die Beobachtung, dass
Formen der Unterdrückung miteinander verknüpft sind und dass der
Feminismus einen ganzheitlichen Ansatz braucht, um sie anzugehen.
Doch nach Ansicht der kurdischen Bewegung besteht das Problem
darin, dass diese Debatten niemals die akademischen Kreise verlassen.
Die Jineoloji bietet sich als Methode an, diese Fragen kollektivistisch
zu erforschen. So kann die Jineoloji als die lebendige Praxis
angesehen werden, die sich aus den Diskussionen der Frauen in ganz
Kurdistan entwickelt hat.

Necîbe Qeredaxî ist seit achtzehn Jahren Journalistin und
Verfechterin der kurdischen Rechte. Sie ist Gründungsmitglied eines
Forschungszentrums für Jineoloji in Brüssel, das demnächst seine
Türen für die Öffentlichkeit öffnen wird. Ziel des Vereins ist die
Förderung der Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften,
die sich mit der Emanzipation von Frauen befasst. Das Zentrum wird
Seminare und Workshops veranstalten, Forschungen über
geschlechtsspezifische Gewalt und Unterdrückung von Frauen
durchführen und versucht, feministische Bewegungen in Belgien und
darüber hinaus zu erreichen.

**********

Was ist Jineoloji und wofür kämpft sie?

Necîbe Qeredaxî: Der Begriff Jineoloji setzt sich aus zwei Wörtern
zusammen: jin , das kurdische Wort für "Frau", und logos , griechisch
für "Wort" oder "Vernunft", also die Wissenschaft oder das Studium
der Frauen. Was ist Jineoloji, für diejenigen, die zum ersten Mal
davon hören? Die Jineoloji ist Ergebnis und Anfang zugleich. Es ist
das Ergebnis des dialektischen Fortschritts der kurdischen
Frauenbewegung und ein Anfang, auf die Widersprüche und
Probleme der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Gesundheit,
der Bildung, der Ökologie, der Ethik und der Ästhetik zu reagieren.
Während sich die Sozialwissenschaften mit diesen Fragen beschäftigt
haben, bleiben sie doch von der herrschenden Hegemonie beeinflusst
und haben die anstehenden Fragen, insbesondere die Beziehungen
zwischen Männern und Frauen, verzerrt. Die Jineoloji schlägt daher
eine neue Analyse dieser Bereiche vor.

Worauf gründen wir unsere Analyse? Erstens, auf die Dialektik der
Entwicklung der kurdischen Frauenbewegung innerhalb der
kurdischen Freiheitsbewegung. Von Anfang an kämpfte die kurdische
Freiheitsbewegung nicht nur gegen die Widersprüche des
Nationalismus, sondern auch gegen die Widersprüche innerhalb der
kurdischen Gesellschaft selbst. Sie war also gleichzeitig in einen
nationalen und einen geschlechtsspezifischen Kampf verwickelt. Die
nkurdische Freiheitsbewegung begann ihren Kampf in Mesopotamien,
wo Frauen ein historisches Potenzial darstellen. Die Jineoloji
konzentriert sich auf dieses Potential und die historischen Realitäten
dahinter. Ein zweiter Bezugspunkt für uns sind die Realitäten
Kurdistans heute, die Realitäten einer natürlichen Gesellschaft, die
zerstört und unterworfen wurde, die aber trotzdem noch am Leben
ist.

Wer hat die Jineoloji entwickelt und warum? Die Jineoloji ist ein
Konzept, das erst seit kurzem in Umlauf zu sein scheint. Worauf
reagiert es? Was waren die Umstände seiner Entwicklung?
Die kurdische Frauenbewegung ist heute sehr groß und institutionell
weit fortgeschritten. Sie hat sich von einer grundlegenden Ebene der
Selbstorganisation zur Organisation von Militäreinheiten und einer
Frauenpartei entwickelt. Jetzt befinden wir uns in einem Moment, in
dem die Frauenbewegung wie ein Regenschirm geworden ist. Unter
diesem Regenschirm befinden sich in allen vier Teilen Kurdistans
Hunderte von zivilen, parteipolitischen und militärischen Einheiten.
Nun, da die Bewegung gewachsen ist, besteht die Notwendigkeit
einer führenden Mentalität, um die Gesellschaft zu beeinflussen.
Solange diese Entwicklungen in einer Reihe von intellektuellen,
elitären und avantgardistischen Organisationen gefangen bleiben,
wird es keinen dauerhaften gesellschaftlichen Wandel geben.

Es besteht immer die Gefahr, in die Vergangenheit zurückzukehren.
Im Jahr 2008 wurde die "Soziologie der Freiheit", die Texte von
Abdullah Öcalan, in fünf Bänden veröffentlicht. Im dritten Band
schlägt Öcalan die Jineoloji als eine Wissenschaft vor, welche die
Mentalität der Gesellschaft verändern kann. Denn während es
sicherlich Veränderungen gibt, müssen wir diesen Wandel auf der
Ebene des zugrundeliegenden Paradigmas langfristig und wirksam
gestalten. Um die bisher erreichten Fortschritte zu erreichen, dürfen
wir uns nicht nur mit Reformen begnügen.

Öcalan sagt, dass, wenn die Fortschritte, die wir gemacht haben, nicht
wissenschaftlich und akademisch unterstützt werden, und wenn
Männer sich nicht selbst verändern, dann besteht immer die Gefahr,
dass sich die männliche Macht wieder etabliert und das von Frauen
geschaffene Potenzial unterdrückt. Das bedeutet, dass zur Schaffung
neuer Potenziale und nachhaltiger gesellschaftlicher Veränderungen
auch innerhalb der Gesellschaft geschlechtsspezifische
Veränderungen stattfinden müssen. Diesem Vorschlag folgend, wurde
2008 ein Ausschuss mit etwa dreißig Mitgliedern gegründet, welcher
sich mit der Jineoloji und der Art und Weise, wie wir sie entwickeln
können, befasst. Seitdem wurden in vielen Städten Nordkurdistans
Jineoloji-Komitees gegründet. Wenn wir uns Rojava ansehen, gibt es
dort eine große Anzahl von Jineoloji-Organisationen, darunter die
zentrale Jineoloji-Akademie, sowie mehrere Jineoloji-Zentren. In
Europa steht die Jineoloji seit drei oder vier Jahren auf der
Tagesordnung der Frauenbewegung und eine große Zahl von
Konferenzen, Seminaren und Panels wurden in verschiedenen
Ländern veranstaltet.

In den letzten drei Jahren haben wir begriffen, dass dies stärker
institutionalisiert werden muss. Deshalb hat sich Anfang 2016 eine
Gruppe von uns mit gemischten Hintergründen - Journalist*innen,
Akademiker*innen, Mitglieder der Frauenbewegung, Intellektuelle -
zusammengefunden und 2017 hier in Brüssel das Jineoloji Center
gegründet, wo wir enger mit feministischen Bewegungen in ganz
Europa zusammenarbeiten wollen. Die meisten von uns sind
Freiwillige. Wir bekommen kein Geld, weil wir die Jineoloji als etwas
betreiben wollen, an dem jeder arbeiten und mitmachen kann.

Du hast erwähnt, dass Ihr feministische Bewegungen in ganz
Europa erreichen wollt. Das lässt mich über die Beziehung
zwischen Jineoloji und Feminismus nachdenken. Wie
unterscheidet sich die Jineoloji vom Feminismus? Und inwieweit
greift sie auch auf den Feminismus zurück?

Die Jineoloji ist keine Alternative zum Feminismus. Das muss klar
und deutlich gesagt werden. Wir sagen nicht, wir wollen den
Feminismus loswerden und stattdessen die Jineoloji errichten. Wir
haben das sehr deutlich gesagt, und ich möchte es hier noch einmal
wiederholen. Einige haben gesagt, dass die Jineoloji der kurdische
Feminismus ist, aber das ist nicht der Fall; es ist kein kurdischer
Feminismus.

Warum?

Denn als die kurdische Frauenbewegung ihren Anfang nahm,
analysierte sie die Widersprüche der kurdischen Gesellschaft und
begann, sie durch einen Frauenkampf anzugehen. Bei der Erforschung
feministischer Bewegungen wurde ihr klar, dass sie bestimmte Teile
des Feminismus als ihr Vermächtnis betrachten kann. Aber die
kurdische Gesellschaft und die Gesellschaften des Nahen Ostens
können nicht nur durch Feminismus verändert werden. Wir stehen
dem Feminismus kritisch gegenüber. Der Feminismus ist nicht dazu in
der Lage, die gesamte Problematik einer Gesellschaft, insbesondere im
Nahen Osten, aus einer ganzheitlichen Perspektive zu betrachten.
Außerdem hat sich der Feminismus stark gespalten und von den
gesellschaftlichen Realitäten abgekoppelt. Er hat sich selbst auf die
Eliten beschränkt.

Was für Europa gilt, gilt nicht immer auch für den Nahen Osten.
Frauen teilen natürlich bestimmte Dinge über alle Kontinente hinweg,
aber wir sind dennoch verschieden. Beispielsweise kämpfen in
einigen Ländern Europas Frauen für das Recht auf Abtreibung, aber
im Nahen Osten werden Frauen immer noch beschnitten, sie werden
immer noch vergewaltigt. Daher sind die Perspektiven feministischer
Frauenbewegungen nach wie vor unzureichend für die Realitäten an
vielen Orten der Welt.

Das heißt aber nicht, dass wir das Erbe der internationalen
Frauenbewegung nicht akzeptieren. Unsere Referenzen in der
Jineoloji sind inspiriert vom Erbe der westlichen feministischen
Bewegungen. Zum Beispiel die Suffragette-Bewegung in
Großbritannien, die Frauenkommunen während der Revolution in
Frankreich, der Frauenkampf unter der Führung von Alexandra
Kollontai, der Frauenkampf in Deutschland unter der Führung von
Rosa Luxemburg, Maria Mies, einer zeitgenössischen Ökofeministin,
oder der Frauenkampf in Lateinamerika. Wir sehen all dies als Teil
unseres Erbes, aber wir sehen auch, dass die feministischen
Bewegungen sehr eurozentrisch sind. Außerdem haben sie sich der
Macht des kapitalistischen Systems und der patriarchalen Mentalität
unterworfen.

Viele Feministinnen sehen die Zusammenhänge zwischen dem
Dreieck von Patriarchat, Kapitalismus und Nationalstaat nicht. Wenn
sie dieses Dreieck aber auseinander brechen, brechen sie ihren Feind
auseinander. Was dann passiert, ist, dass einige Männer gegen den
Kapitalismus und den Nationalstaat kämpfen, aber sie sehen das
Patriarchat nicht als Teil des Problems. Oder manche Feministinnen
sehen nur das Patriarchat als Problem, sehen aber nicht, wie diese
Mentalität mit dem Staat und dem Kapitalismus verbunden ist.
Vor zwei Wochen war ich auf einer Konferenz in Berlin. Jemand von
der feministischen Vereinigung, welche die Veranstaltung organisiert
hatte, bemerkte: "Was hat das, was im Nahen Osten passiert, mit uns
zu tun? Frauen tragen Waffen, das ist falsch. Warum bringt ihr deren
Probleme in unser Land?" Dies ist ein Beispiel. Natürlich denken nicht
alle deutschen Frauen so, ebenso wenig wie alle feministischen
Organisationen. Aber es gibt viele, die das tun.

Wenn Deutschland Waffen an die Türkei und Saudi-Arabien verkauft,
wenn es die Diktaturen im Nahen Osten unterstützt, liegt es in der
Verantwortung der feministischen Bewegungen, sich dagegen zu
wehren, und die Jineoloji kritisiert sie dafür, dass sie dies nicht tun.
Diese Bewegungen dürfen nicht im Widerspruch zu den
gesellschaftlichen Realitäten stehen, sondern müssen global gedacht
werden. Wir glauben, dass die Jineoloji neue Energie in diese
Bewegungen bringen kann. Wir können wie eine Brücke sein, um
Jineoloji-Forschungszentrum für den Bezirk Efrîn
symbiotische Beziehungen aufzubauen und eine gemeinsame
Plattform zu schaffen, auf der wir die Kritiken der feministischen
Bewegung bewerten können und gemeinsam an den Dingen arbeiten,
die die Jineoloji stark machen.

Die kurdische Bewegung ist in letzter Zeit im Westen sehr
populär geworden. Besonders in liberalen und linken westlichen
Medien haben wir viele Bilder von kurdischen Frauen gesehen,
die gegen ISIS kämpfen. Das hat im Westen eine große
Faszination ausgelöst. Aus der Sicht der Jineoloji, wie ist Deine
Position zur Rolle der Frau im Krieg und in der
Selbstverteidigung? Was ist deine Antwort auf die Kritik, dass
Frauen keine Waffen tragen sollten?

Ich würde sagen, dass dies sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Der
Vorteil besteht darin, dass das Embargo aufgehoben wurde, welches
lange Zeit gegen die kurdische Freiheitsbewegung verhängt wurde,
einschließlich der Tatsache, dass sie auf der Liste der
Terrororganisationen steht. Die Bewegung wurde kriminalisiert und
sehr negativ bewertet, aber diese Sichtweise wurde nun auf
internationaler Ebene in Frage gestellt. Die kurdische
Freiheitsbewegung befasst sich nicht nur mit der kurdischen
Gesellschaft, sondern auch mit den anderen Ethnien und Religionen,
mit denen wir Seite an Seite leben, wie Araber, Assyrer, Syrer,
Tschetschenen, Armenier, Turkmenen, Aserbaidschaner, Juden,
Christen, Schiiten... Das hat sich gezeigt und ein positiveres Bild der
kurdischen Freiheitsbewegung geschaffen. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite gibt es den Nachteil, dass Stärke nur als eine
Frage der Bewaffnung betrachtet wird. So werden zum Beispiel die
Frauen der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) als große Heldinnen
dargestellt, da sie ISIS mit ihren Waffen bekämpfen. Doch um welche
Stärke geht es hier? Ist Selbstverteidigung nur eine Frage der Waffen?
Oder können wir an andere Formen der Selbstverteidigung denken?
Wenn ISIS und die koloniale Unterdrückung besiegt sind, wenn die
Kämpfe beendet sind, sollten wir dann sagen, dass der Kampf dieser
Frauen auch beendet ist? Genau hier setzt die eigentliche
Fragestellung an. Für die kurdische Freiheitsbewegung sind Waffen
ein Mittel der Selbstverteidigung, aber Selbstverteidigung geschieht
nicht nur durch Waffen. In Europa zum Beispiel tragen die Menschen
keine Waffen in der Hand und werden trotzdem in ihrer Mitte
angegriffen - Menschen sprengen sich in ihren U-Bahnen in die Luft.
Sie können sich also nicht darauf verlassen, dass der Staat sie
verteidigt.

Dies wirft die Frage auf, wie sich die Gesellschaft durch Organisation
und geistige Entwicklung mental und ideologisch verteidigen kann.
Eine der wichtigsten Methoden, mit denen sich eine Gesellschaft
verteidigen kann, ist die Entwicklung des Konzepts des freien
Zusammenlebens. Eines der interessantesten Beispiele dafür haben
wir kürzlich in Sengal gesehen. Eine Frau aus Sengal sagte zum
Beispiel: "Erst gestern waren arabische Sunniten unsere Gäste beim
Abendessen. Und am nächsten Tag kamen sie und zerstörten unser
Haus und entführten meine Tochter." Das bedeutet, dass hier, in dieser
Gesellschaft, kein freies Zusammenleben entwickelt wurde. Wie
sahen die arabischen Sunniten auf Sengal, wie lebten diese Menschen
zusammen? Wir müssen das Konzept des freien Zusammenlebens
entwickeln, um diese Fragen zu beantworten.

Also sagst Du, dass dieses freie Zusammenleben eine Grundlage
für Selbstverteidigung ist?

Ja, genau. Die Leute haben sich voneinander abgewandt, sie nehmen
keine moralische oder soziale Verantwortung mehr füreinander wahr.
Die Gesellschaft ist im Namen der Individualität aufgetrennt worden.
Durch die Jinoloji wollen wir wieder Sensibilität und Verantwortung
füreinander entwickeln.

In diesem Sinn ist der bewaffnete Kampf nur der Anfang von
etwas Anderem?

Ja. So ist beispielsweise nur ein kleiner Teil der Ausbildung der
Volksverteidigungseinheiten (YPG), der YPJ und der Syrischen
Demokratischen Kräfte (SDF) auf den Waffengebrauch ausgerichtet,
vielleicht 20 bis 25 Prozent. Der Rest ist ideologische, politische
Bildung, Persönlichkeitsentwicklung. Denn das Ziel ist nicht bloß,
bestimmte Gebiete von ISIS durch Waffengewalt zu befreien, sondern
bestimmte soziale Beziehungen zu bilden.

In den Gebieten, die von den YPG/YPJ oder SDF übernommen
werden, werden die Leute vor Ort zum Beispiel angehalten,
Landwirtschaft oder Viehhaltung aufzunehmen. In einigen Regionen
hat das Assad-Regime den Leuten 70 Jahre lang verboten, Weizen
anzubauen. Und diese Frauen, die Waffen tragen; viele von ihnen sind
jetzt in Projekte in Europa eingebunden. Es gibt also immer die
Möglichkeit für etwas anderes, außer Waffen. Diese Menschen
können Teil der Gesellschaft sein, sie können eine Organisation
aufbauen, in gemeinschaftlichen Projekten mitarbeiten,
Bildungsarbeit machen, eine Akademie leiten. Was letztlich zählt ist
die Transformation auf der Ebene der Mentalität.

Innerhalb der kurdischen Bewegung scheinen Gender und Identität
die wichtigsten Analysewerkzeuge zu sein, also die kurdische
Identität und die Frauenbefreiung. Ich frage mich, inwiefern Klasse
noch ein Werkzeug der Analyse gesellschaftlicher Kämpfe ist?

Wenn wir uns die Veränderung der kurdischen Bewegung ansehen,
stellen wir fest, dass nach den 1990er Jahren eine Reihe von
grundlegenden Veränderungen stattgefunden hat. Anfangs führte die
kurdische Bewegung hauptsächlich einen Klassenkampf, gegründet
auf marxistisch-leninistischen Ideen. Der wesentliche Aspekt des
Paradigmenwechsels[in den 1990ern]liegt in der Erkenntnis, dass
Klassenkampf auf der Kolonisierung des Geistes beruht. Im
orthodoxen Marxismus ist die Vorstellung, dass Klassenunterschiede
der Grund für Unterdrückung und Kampf sind. Doch Öcalan sagt,
dass die Unterdrückung sich im Geist abspielt und es vor allem eine
Unterdrückung von Frauen ist; deshalb müssen wir zuerst gegen diese
Unterdrückung kämpfen. Wenn die Unterdrückung der Frauen nicht
als grundlegende verstanden wird, kann kein Kampf jemals
erfolgreich sein.

Wir glauben, dass im ersten Schritt danach gefragt werden muss, wie
die geistige Unterdrückung auferlegt wurde. Gemäß der Jineoloji
wurde diese Unterdrückung in drei Weisen auferlegt: erstens wurden
Frauen sexuell unterdrückt und dadurch objektifiziert. Zweitens
wurden Frauen wirtschaftlich unterdrückt. Und drittens haben
ideologische Veränderungen - wie Mythologie und Religion - zu
dieser Unterdrückung beigetragen.

Mithilfe der Jineoloji versuchen wir, in die Tiefen der Geschichte
vorzudringen und den Punkt zu finden, an dem Frauen unsichtbar
gemacht worden sind, um die Sache anders zu machen. Viele Leute
fragen, wieso das Zeichen der Jineoloji eine Spindel ist. Die Spindel ist
ein Werkzeug, das Mütter vor über 10.000 Jahren erschaffen haben
und das bis heute überlebt hat. Wir folgen dem Faden der Spindel, um
zu erforschen, wie der Widerstand von Frauen sich entlang diesem
symbolischen Faden entwickelt hat.

Wir sehen, dass die Jineoloji sehr eng mit dem kurdischen Kampf
verbunden ist. Aber welche Bedeutung hat die Jineoloji für
Frauen hier in Europa? Ist die Jineoloji nur etwas für kurdische
Frauen oder könnte sie auch eine Quelle für Inspiration sein für
Frauen an anderen Orten?

Unsere Auffassung von Jineoloji entwickelt sich in zwei Stufen. Die
erste besteht darin, Leuten d Jineoloji vorzustellen und sie darüber zu
informieren, die zweite besteht in Institutionalisierung. Unsere
Bemühungen der letzten vier, fünf Jahre auf der internationalen
Ebene haben gezeigt, dass Jineoloji nicht nur für kurdische Frauen ist.
Wo immer wir hingengangen sind - in Süd- und Nordamerika, in
Europa, in Australien - bei verschiedenen Panels, Konferenzen,
Seminaren, haben wir das Zustandekommen einer großen Synergie
erlebt. Das sagt uns, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

Wir glauben, dass das kapitalistische System tiefe soziale Krisen
hervorgebracht hat. Diese Krise betrifft nicht nur die kurdische
Gesellschaft sondern hat besonders großen Einfluss in Europa. Durch
die Jineoloji wollen wir eine Diskussionsplattform über die
Sozialwissenschaften schaffen. Wir wissen, dass die bestehenden
Sozialwissenschaften nicht die Lösung der sozialen Krise sind, aber
wir glauben, dass die Jineoloji neue Strömungen und Diskussionen
innerhalb der Sozialwissenschaften anregen kann. Insbesondere
wollen wir eine gemeinsame Plattform für die Diskussion mit den
feministischen Bewegungen in Europa aufbauen. Wir erachten
Diskussionen mit europäischen Feminist*innen für sehr wichtig. Wir
wollen Fragen von Gender diskutieren, ebenso wie die Probleme, die
jetzt als Teil der sozialen Krise hier auftauchen. Wieso wird
beispielsweise der Rassismus immer stärker? Was ist der Grund
dafür? Warum verschärft sich die wirtschaftliche Krise? Und ist das
wirklich eine wirtschaftliche Krise oder vielleicht eher eine
intellektuelle Krise?

Wir wollen diese Fragen mit anderen Frauen diskutieren, damit wir
eine neue Art finden können, über Fragen der Wirtschaft, Gesundheit,
Ethik, Ästhetik, Methoden und Gewalt nachzudenken. Auf die
überkommene Art der Wissensproduktion, durch rechtliche
Reformen, können wir strukturelle Gewalt nicht beenden. Stattdessen
wollen wir tiefer gehen und danach fragen, woher Gewalt und
Gender-Unterdrückung kommen; Konzepte der Selbstverteidigung
entwickeln, des Zusammenlebens, der gemeinsamen Leitung
(leadership). Das alles würden wir gerne mit europäischen Frauen
diskutieren.

Eine der Sachen, die wir uns gefragt haben, ist, welche Position
die Jineoloji in Bezug auf Queer Theory einnimmt, da die Queer
Theory einige der Kritikpunkte aufzunehmen scheint, die Ihr am
westlichen Feminismus vorbringt. Es gibt auch eine Menge Kritik
von Schwarzen Feminist*innen oder anderen nicht-weißen
Frauen daran, dass der Feminismus sehr West-zentriert ist. Was
ist Deine Position zur Queer Theory und anderen Kritiken am
Feminismus?

Wir glauben, dass es eine Krise des Systems gibt, die alle Mitglieder
der Gesellschaft einschränkt - auch jene, die unterschiedliche
sexuelle und Gender-Identitäten haben. Das System teilt die
Gesellschaft auf und beherrscht jeden Anteil auf andere Weise.
Gemäß der Jineoloji hat jede Identität das Recht, sich auszudrücken
und selbst zu organisieren. Wir stellen fest, dass innerhalb des
kapitalistischen Systems nicht alle sozialen Identitäten, ob sie religiös,
ethnisch oder gendergemäß sind, es schaffen, sich selbst zu
organisieren. Aber wir glauben auch, dass es in der Gesellschaft keine
solche Teilung geben sollte. Identitäre Kategorisierung öffnet Lücken
innerhalb der Gesellschaft, die das System leicht ausbeuten kann, um
uns weiter zu teilen.

Wir glauben, dass wir die Queer Theory noch weiter diskutieren
müssen. Ich denke, wir als Theoretiker*innen und Anhänger*innen
der Jineoloji stehen noch immer sehr am Anfang eines Lernprozesses.
Natürlich ist die Queer Theory für unsere Gesellschaft noch sehr neu.
Doch sobald wir es weiter diskutieren, wird die Gesellschaft vielleicht
positiv darauf eingehen. Lassen Sie mich nur noch ergänzen, dass es
in der kurdischen Bewegung auch transgender-Personen gab, was
etwas sehr Normales war - es hat niemals einen Grund dargestellt,
Mitgliedschaft in der Bewegung zu versagen.

Was Du beschreibst, können wir tatsächlich beobachten: die
europäische Rechte instrumentalisiert die Rechte homosexueller
Menschen, wobei eine queere oder feministische Rhetorik genutzt
wird, auch wenn sie nicht wirklich feministisch sind.
Insbesondere ist die Rechte sehr erfolgreich darin gewesen, die
Rechte von homosexuellen Menschen und Frauen als ein Mittel zu
verwenden, um schwarze und muslimische Männer
auszuschließen. Das haben wir für Deutschland sehr deutlich
nach der Silvesternacht in Köln vor zwei Jahren sehen können.

Im Nahen Osten gibt es dasselbe mit feministischen Islam-
Bewegungen. Sie haben alle sozialen Veränderungen innerhalb der
Communities untersagt unter Berufung auf den Islam und benutzen
islamische Argumentationen, um die Gesellschaft zu unterdrücken.

À propos: wie siehst Du die Rolle der Religion? Und was ist mit
Frauen oder Männern, die religiös sind - gibt es einen Platz für
sie in der Jineoloji?

Wir weisen Religion weder vollkommen zurück, noch nehmen wir es
auf als etwas, das wahr ist und das wir verteidigen. Stattdessen
nähern wir uns Religion eher aus einer soziologischen Perspektive.
Wie ist Religion entstanden, wie ist es zu einer Institutionalisierung
der Mythologie geworden? Für uns ist Religion an ihrem Fundament
Mythologie, die institutionalisiert wurde. Gleichzeitig kann es aber
auch eine Methode des Widerstands sein.

Die Herrschenden nutzen Religion oft als ein Mittel, ihre Macht zu
legitimieren. Sie nutzen sie, um ihre Gesetze auf ihrer Grundlage zu
erlassen, der Gesellschaft eine Form zu geben, um ein herrschendes
System zu erschaffen, das sogar bis in Deine Träume reicht. Sie
mischen sich in alle Lebensbereiche ein. Wir wissen, dass die zwei
Stufen von Mythologie und Religion immense Rückschläge für Frauen
gebracht haben. Zum Beispiel die Vorstellung, die Frau sei aus der
Stirn von Zeus erschaffen worden, oder aus einer Rippe des Mannes.

Daher glauben wir, dass es wichtig ist, die Entwicklungen der
Mythologie und Religion von der Stufe des Animismus zum
Schamanismus zu erforschen. Gemäß der Jineoloji sind sowohl
Animismus als auch Schamanismus tatsächlich Formen der Religion.
Animismus ist ein Glaube, der auf der Kraft der Natur basiert,
während Schamanismus auf dem Patriarchat beruht. Die Figur des
Schamanen vereinigt die materielle und moralische Kraft des Jägers,
und gemeinsam mit der Figur des militärischen Kommandanten
erschafft sie ein Dreieck aus Religion, militärischer Macht und
Autorität, das der Kern der Errichtung von Hegemonie über Frauen
geworden ist, durch die Kolonisierung ihrer Arbeit und ihres Geistes.

Gleichzeitig leugnen wir Religion nicht. Es gibt auch positive
Elemente innerhalb der Religion, moralische und kulturelle Elemente,
die die Religion verteidigt. Außerdem haben religiöse Bewegungen
auch Widerstand gegen die Hegemonie geleistet, besonders
diejenigen Religionen, die keinen abstrakten Gott haben, wie der
Jesidismus, Alevismus und Zoroastrismus, sondern auf den Menschen
zentriert sind.

Innerhalb des Feminismus hat die Vorstellung, dass Gender sozial
konstruiert ist, zu einer großen Skepsis gegenüber der Annahme
einer Natur oder einem Wesen der Frau. Was ist Deine Position
zur Natur der Frau?

Das war eine sehr schwierige Diskussion während unseres Camps in
Köln diesen Sommer. Ich glaube, dass die feministischen
Frauenbewegungen dies auch nicht genug erforscht haben. Die
Argumente, die bisher vorgetragen wurden, zeigen nicht in eine
eindeutige Richtung. Menschließe Existenz ist sowohl biologische als
auch soziale Existenz. Die bestehenden Wissenschaften haben sehr
wichtige historische Wahrheiten vorenthalten. Beispielsweise sagen
einige, dass es eine Natur der Frauen nicht gibt. Die Biologie jedoch
hat gezeigt, dass anfangs nur XX Chromosomen vorhanden waren,
keine XY Chromosomen. Was sagt uns das? Es sagt uns, dass die
biologische Existenz von Frauen auch die von Männern umfassen
kann, während das Gegenteil nicht zutrifft.

Als Anhänger*innen der Jineoloji stimmen wir nicht zu, dass die
Natur der Frau nicht existiert; stattdessen wollen wir diese Frage
weiter erforschen. Wir glauben, dass die sozialwissenschaften eine
Rolle bei der Leugnung der Wahrheit über Frauen gespielt haben.
Wenn man einmal aufhört, die Wahrheit über Frauen zu leugnen,
eröffnet sich die Frage, wie diese Wahrheit unterdrückt und verzerrt
worden ist. Wenn du anerkennst, dass es eine Wahrheit über Frauen
gab, aber dass die biologischen und soziologischen Aspekte dieser
Wahrheit verändert wurden, dann können wir diskutieren. Aber
wenn du sagst, es gibt keine Natur der Frau, dann wars das, dann ist
das auch eine Form von Dogmatismus ohne großen Unterschied zum
Dogmatismus von Religion oder Mythologie.

Im matriarchischen System hat die Natur der Frauen den Weg für die
Sozialisation geebnet. Was waren die Verwandtschaftsverhältnisse in
dieser Gesellschaft? Warum gibt es zum Beispiel ein Verbot der
sexuellen Beziehungen zwischen Bruder und Schwester? Wie wurden
diese positiven Tabus hergestellt? Das sind die Produkte der Natur
der Frauen, des analytischen und emotionalen Verstandes der Frauen.
Wenn das nicht die Natur der Frau ist, was ist es dann?

In vielen nationalen Kämpfen können wir beobachten, dass auch
dann, wenn der nationale Kampf und der Kampf der Frauen
parallel laufen, am Ende der politische Kampf den der Frauen
unterdrückt. Hältst Du es für ein Risiko, dass der Kampf der
kurdischen Frauen der politischen Bewegung untergeordnet
wird? Was sind Deine Gedanken dazu?

Ein nationaler Kampf ist immer voller Risiken. Im Nahen Osten kann
ein nationaler Kampf für sich genommen sehr gefährlich werden,
wenn er nicht von einem Geschlechterkampf begleitet wird.
Terminologisch erhebt die kurdische Freiheitsbewegung eigentlich
nicht mehr den Anspruch, einen nationalen Kampf zu führen,
sondern einen Kampf für eine demokratische Nation. Denn wenn die
Nation nicht demokratisiert ist, läuft sie immer Gefahr, gegen eine
andere Nation ausgespielt zu werden. Das sehen wir in Südkurdistan,
der kurdischen Region im Irak: Hier gibt es jetzt eine anerkannte
Nation mit Autorität, aber weil sie nicht demokratisiert wurde, bleibt
sie ein Risiko für ihre eigene Gesellschaft.

Was ist also der Unterschied zwischen einer Nation und einer
demokratischen Nation? Das Ziel des nationalen Kampfes ist die
Schaffung eines Staates. Er versucht, einen Staat zu stürzen und an
seiner Stelle einen neuen Nationalstaat zu errichten, basierend auf der
Idee einer Nation, einer Sprache, einer Geschichte, einer Flagge, einer
Kultur. Das ist aber nicht das Ziel der kurdischen Freiheitsbewegung.
Ziel der demokratischen Nation ist es, dass sich die Gesellschaft durch
demokratische Autonomie selbst regiert. Die Regierungsführung der
Gesellschaft wird zur Selbstverwaltung der Gesellschaft. Es gibt hier
niemanden, der von außen kommt, um die Gesellschaft zu regieren,
sondern die Gesellschaft regiert sich selbst. Für die Institutionen
bedeutet dies, dass es Räte und Kommunen gibt, die mit anderen
Nationen geteilt werden. Das System der Ko-Führung umfasst zum
Beispiel Araber*innen, Turkmen*innen, Armenier*innen und so
weiter.

Die Gründungsidee hier ist also nicht die einer einzigen Nation. In
Rojava ist dieses System am weitesten fortgeschritten. Hier
organisieren sich verschiedene Nationen im Rahmen der kurdischen
Freiheitsbewegung. Sie organisieren sich nicht unter der kurdischen
Freiheitsbewegung, sondern engagieren sich parallel und gemeinsam
mit der kurdischen Bewegung in diesem Kampf. Es ist also nicht so,
dass die Kurd*innen kommen, um die Araber*innen oder die
Turkmen*innen zu organisieren. Stattdessen haben die Assyrer*innen
ihre eigenen bewaffneten Einheiten (Sutoro) oder auch der Militärrat
von Manbij ist mit Kurd*innen und Araber*innen besetzt. Wir sehen
also an allen Fronten, dass der nationale Kampf nicht mehr der Kampf
einer einzelnen Nation ist. Es ist ein demokratischer Kampf.

In einer seiner Reden sagt Öcalan, er habe den Ausdruck "Jin, jiyan,
azadî" - Frau, Leben, Freiheit - als bezaubernden Ausdruck
geschaffen. Gegen was richtet sich Jin, jiyan, azadî? Es richtet sich
gegen die Formel von Tod, Sex und Sklaverei. Der Tod bedeutet hier
sowohl den physischen als auch den psychischen Tod. Und Sklaverei
bezieht sich darauf, wie die gesamte Gesellschaft durch die Gestalt
der Frau versklavt wird. Diese Formel gilt also nicht nur für kurdische
Frauen, sondern auch für Frauen anderer Gesellschaften. Das
bedeutet, dass der Kampf für eine demokratische Nation und der
Geschlechterkampf immer gemeinsam geführt werden müssen.
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