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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - Zwischen Propagandatätigkeit, Solidaritätsarbeit und Selbstzerstörung: Zur Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) Von: madalton

Date Tue, 14 Nov 2017 10:29:55 +0200


Ein Interview mit Helge Döhring ---- Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview wurde von uns durch ein paar redaktionelle Fußnoten ergänzt sowie an die in der Gai Dào übliche Schreibweise mit "*innen" ("Gender Gap") angepasst. ---- Vorbemerkung: Dieses Interview basiert aufeinem Buchprojekt mit dem Titel "Organisierter Anarchismus in Deutschland 1918-1933. Die Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands". Im Klappentext dazu wird es u.a. heißen: Die "Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands" (FKAD) war in den Jahren 1918 bis 1933 die bedeutendste anarchistische Organisation in Deutschland. Ihre Leistungen und Defizite werden in dieser Studie umfassend dargelegt, insbesondere ihr gespanntes Verhältnis zur anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung der "Freien Arbeiter-Union Deutschlands" (FAUD).

Ohne die syndikalistischen Gewerkschaften fehlte dem Anarchismus in
Deutschland der entscheidende Hebel für die soziale Revolution. Wie die
FKAD mit diesem Mangel umging, steht im Zentrum dieser Studie. Eine
Frage stellt sich dabei fortwährend: War die FKAD neben der FAUD
überflüssig?

Lieber Helge, bitte gib den Leser*innen zum Einstieg einen
kurzen Überblick über die Geschichte und Aktivitäten der
Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD).
Schon in den ersten Monaten nach dem Ersten Weltkrieg rekonstituierte
sich 1918/1919 der organisierte Anarchismus in Deutschland unter dem
Vorkriegsnamen "Anarchistische Föderation Deutschlands". Ihr
organisatorisches Zentrum hatte sie in Berlin, wo seit 1911 verschiedene
anarchistische Gruppen in der "Union anarchistischer Vereine Berlins
und Umgegend" zusammengeschlossen waren. Seit April 1919 gaben sie
dort für die reichsweite Organisation die Zeitung "Der freie Arbeiter"
heraus. Im gleichen Jahr vollstreckten sie ihren Beschluss vom letzten
Kongress im Jahre 1914 und benannten sie sich um in "Föderation
kommunistischer Anarchisten Deutschlands" (FKAD). Dies ging
augenscheinlich auf eine Präzisierung ihres Programmodells zurück.
Dieses manifestierte sich in einer modernen Prinzipienerklärung,
welche stark nach syndikalistischen Ideen ausgerichtet war. Damit
bezog sich auch die FKAD auf die Ideale des von Peter Kropotkin
formulierten "kommunistischen Anarchismus". Erst auf ihrem Kongress
Ende 1931 benannten sie sich in "Anarchistische Föderation
Deutschlands" um und betrachteten sich als strömungsübergreifende
anarchistische Organisation. Der führende Kopf der FKAD war Rudolf
Oestreich. Außerhalb Berlins wirkte die FKAD relativ stark im
Rheinland (Köln, Düsseldorf, Gerresheim) und vereinzelt in größeren
Städten wie Hamburg, Magdeburg, im Großraum Dortmund,
Mannheim oder Bremen. Auch Kassel soll als stabile Gruppe erwähnt
werden und die versuchte Ausdehnung in die Schweiz mit Biel als
Zentrum. Über einen Mitgliederstand von etwa 500 kamen sie jedoch zu
keiner Zeit hinaus und blieben in vielen Regionen unterrepräsentiert,
einschließlich mancher Großstädte.

Die Aktivitäten der FKAD lassen sich zusammenfassen in die
Kapitel:

1. Aufrechterhaltung des Organisationsapparates,
2. Agitation und Bildung,
3. Schutz und Solidarität,
4. Beteiligung an Siedlungsprojekten und Kollektivwirtschaften,
5. Selbstzerstörung

1. und 2. Aufrechterhaltung des Organisationsapparates, Agitation
und Bildung

Der FKAD gelang es die ganzen Jahre über bis 1933 funktionsfähig zu
bleiben und regelmäßig die Zeitung "Der freie Arbeiter"
herauszubringen. Seit Oktober 1919 im Zeitungsformat mit vier Seiten
und einer durchschnittlichen Auflage von 4.500 Exemplaren. Sie hatte
eine initialgebende Funktion, denn viele Interessent*innen der FKAD
formierten sich zunächst als Lesezirkel um den "Freien Arbeiter"
herum, und erst nach weiterer inhaltlicher Diskussion gegebenenfalls
zur beitragzahlenden Ortsgruppe. Inhaltlich bemerkenswert sind die
internationalen Berichte, u.a. druckte die FKAD die Selbstbiographie
von Nestor Machno ab, aber auch nach Fernost richtete sich der Blick.
Das Verlagswesen mit dem Label "Verlag Der freie Arbeiter" brachte vor
allem Klassiker aus dem 19. Jahrhundert oder aber Impulse aus der
anarcho-syndikalistischen Bewegung hervor, hingegen wenige
Entwürfe aus der eigenen Organisation. Ein großer Wurf gelang dem
Verlag 1923 mit der Herausgabe von Peter Arschinoff: "Die Geschichte
der Machnobewegung", der legendäre Klassiker, der heute noch
aufgelegt wird und zu den wichtigsten Quellen dieser Geschichte zählt.
Reichlich Platz fanden Meldungen der "Syndikalistisch-Anarchistischen
Jugend Deutschlands" (SAJD), welche die spärlichen Berichte aus der
FKAD deutlich in den Schatten stellten. Auffällig ist die Fülle an FKAD-
Veranstaltungen, besonders in Berlin, wo vor allem Berthold Cahn noch
bis 1933 als Dauerredner hervortrat. Im Vergleich zum Syndikalismus in
Deutschland schnitten sie allerdings blamabel ab, denn kommunistisch-
anarchistische Traditionen wurden viel stärker von der FAUD gewahrt,
weiterentwickelt und in moderner Form fortgeführt.

3. Schutz und Solidarität

Die FKAD war größtenteils eine Propagandaorganisation, bestenfalls
eine Hilfsorganisation. So ehrenwert dies auch ist, es verdeckte eher die
fehlende Eigenaktivität der Organisation und der ihr angeschlossenen
Gruppen. Dennoch: Ihre Solidaritätsleistungen waren beeindruckend
und hatten internationalen Charakter. Für heute lohnt es, nicht nur auf
die bekannteren Fälle, beispielsweise Sacco und Vanzetti zu schauen,
sondern vielmehr auf damals ebenso beachtete, heute jedoch vergessene
wie Francesco Ghezzi, der sich in sowjetischer Haft befand oder die
anarchistische Bewegung Bulgariens, die schon in den 1920er Jahren
scharf verfolgt wurde. Der "Freie Arbeiter" berichtete sehr ausführlich
und kontinuierlich darüber und quittierte die Solidaritätszahlungen.
Diese wurden durch verschiedene Solidaritätsfonds und
Inhaftiertenfonds der FKAD verwaltet, für die größtenteils Richard
Oestreich verantwortlich war. Die FKAD selber war von Repression vor
allem gegen die Redakteure des "Freien Arbeiter" betroffen, wie einer
derselben zu formulieren wusste: "Mit dem Moment, wo man den
Posten eines Redakteurs vom Freien Arbeiter übernahm, mußte man
damit rechnen, auf unbestimmte Zeit in eine Staatspension überführt
zu werden. Die Verhaftungen von Genossen waren zahlreicher als man
bei oberflächlicher Betrachtung vermuten könnte." Dagegen
organisierte die FKAD einen Inhaftiertenfond. Um ihre von Repression
bedrohten und gefangenen Genoss*innen kümmerte sie sich selbst,
nicht etwa die "Rote Hilfe" (1), in der sie zurecht eine
Vorfeldorganisation von KPD und Moskauer Führung sah. Ihre
Unterstützungsleistungen waren klar richtungsbezogen. Als
beispielsweise Max Hölz sich der KPD anbiederte, wurden die
Leistungen an ihn mit ausführlicher und inhaltlicher Begründung
eingestellt.

---------------------------------------------
(1) Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt (Anmerkung der Redaktion)24
---------------------------------------------

4. Beteiligung an Siedlungsprojekten und Kollektivwirtschaften

Der einzige reelle und pragmatische Ansatz, konstruktiv und
wegweisend in die Öffentlichkeit zu treten, lag in der Initiative für
Produktions- und Siedlungsgenossenschaften. Erwähnenswert ist die
Beteiligung von FKAD-Mitgliedern seit 1920 an der "Volkland-Bund"-
Bewegung für "sozialistische Neukultur" in Köln und seit 1919 am
Projekt Barkenhoff bei Worpswede, der später durch das Wirken des
Malers und Architekten Heinrich Vogeler weltbekannt wurde. Vogeler
schrieb viele Beiträge im "Freien Arbeiter", erarbeitete das Konzept der
"Arbeitsschule" und ein Teil der Bewohner, darunter Friedrich Harjes,
traten kurzfristig auch der FAUD bei. Beide Siedlungsprojekte fanden
im "Freien Arbeiter" starke Beachtung, endeten jedoch nach nur
wenigen Jahren. Obgleich die FKAD die ganzen Jahre theoretisch am
Thema Siedlungsprojekte und Kollektivwirtschaften dran blieb, geschah
in praktischer Hinsicht nichts Nennenswertes mehr.

5. Selbstzerstörung

Es folgte ein langer Prozess der Selbstzerstörung durch ideologische
Einkapselung und informelle Machtansprüche der Oestreich-Brüder,
welche einen großen Einfluss auf die Geschäftskommission, die Presse
und die Fonds hatten. Je weniger die Organisation zu leisten imstande
war, desto ungestümer schlug sie auf ihre vermeintlichen Gegner ein:
Die Syndikalist*innen. Diese und auch viele Anarchist*innen entfernten
sich bis Mitte der 1920er Jahre von der FKAD, sodass von einem
Meinungspluralismus in der Organisation nicht mehr gesprochen
werden konnte. Stattdessen etablierten sich geistig-inzestuöse
Entwicklungen als Ursache eines skurrilen und für den Anarchismus
peinlichen Außenbildes der Organisation. Die FKAD scheiterte erst an
ihrem eigenen Unvermögen und an ihrer Uneinsichtigkeit, schließlich
an ihrer Borniertheit, besprenkelt mit politischem Opportunismus.
Darauf werde ich in den folgenden Fragen näher eingehen.

Gab es in Bezug auf die von dir erwähnten
Produktionsgenossenschaften von den FKAD-Gruppen aus auch
praktische Versuche? Falls ja: Wie sahen diese aus? Und aus
welchen Gründen endeten die beiden von dir erwähnten
Siedlungsprojekte?

Die meisten Ideen blieben in ihren Ansätzen stecken. Es ging stets
darum, Land gemeinsam zu bewirtschaften, um sich möglichst
unabhängig vom kapitalistischen Markt selbst versorgen zu können.
Dabei bewegten sich jene im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch
gesellschaftlicher Intervention und selbstgenügsamen Inseldasein.
Größere Projekte dieser Art gab es nur zu Beginn der 1920er Jahre vor
allem in Köln mit dem "Volkland-Bund" und in Worpswede bei Bremen,
dem "Barkenhoff". Letzterer ist weltbekannt aufgrund ihres Initiators,
den Architekten und Maler Heinrich Vogeler. Dort bestand auch eine
FAUD-Gruppe um den Kunstschmied Friedrich Harjes. Alle zusammen
arbeiteten ein dezidiertes Programm des Zusammenlebens- und
wirtschaftens aus und prägten den Begriff der "Arbeitsschule". Ein
eingehendes Studium dieses Versuchs lohnt sich auch für heute: Sie
schrieben sehr viele Artikel für das FKAD-Organ "Der freie Arbeiter",
Erfahrungsberichte und auch Programmatisches. Dennoch konnten sie
sich hauptsächlich nur von den Gemälden Vogelers finanzieren. Sein
Mäzen (2) war der politisch reaktionäre Kaffeebaron Ludwig Roselius
(Kaffee HAG). Vogeler hatte irgendwann die Nase voll von Anarcho-
Individualist*innen, die nur Reden schwangen und nicht anpackten.
Harjes verließ den Hof im Streit und der Anarchist und Anti-Marxist
Vogeler, ein politisch leicht beeinflussbares Künstlergemüt, wendete
sich um 180 Grad der KPD zu. Ende 1923 mutierte der anarchistische
Barkenhoff zu einem autoritär-kommunistischen Stützpunkt. Die KPD
kaufte sich im bankrotten Barkenhoff ein. Der Jugendstilkünstler
Vogeler zeichnete fortan im Stile des "sozialistischen Realismus." Über
kaum ein Siedlungsprojekt berichtete die FKAD derart viel und
ausführlich, wie über den "Volkland-Bund" in Köln. Dieser wollte
jedoch urplötzlich von der anarchistischen Bewegung nichts mehr
wissen, grenzte sich politisch ab und die Anarchist*innen aus.
Daraufhin stellte der "freie Arbeiter" die Berichterstattung über dieses
Projekt ein.

Wie war die FKAD organisationsintern strukturiert?

Das oberste beschlussfassende Gremium war der Reichskongress, der
etwa alle ein bis zwei Jahre in wechselnden Städten abgehalten wurde.
Dennoch befand sich das organisatorische Zentrum in Berlin, das den
ganzen Zeitraum hindurch die Geschäftskommission stellte. Nur der
Obmann der Geschäftskommission sowie der Sitz derselben wurden
durch den Kongress gewählt, die Beisitzer sowie der Redakteur und die
Pressekommission des "Freien Arbeiter" de facto von der Berliner
"Lokalföderation", also der "Union anarchistischer Vereine Berlins und
Umgegend", da vom Kongress stets Berlin als Sitz wiedergewählt
wurde. Der Geschäftskommission oblag auch die Verwaltung des
Kassenwesens inklusive der Fonds, beispielsweise für Inhaftierte, sowie
das Wochenorgan (3) "Der freie Arbeiter" und der gleichnamige Verlag.
Die Geschäftskommission hatte die Aufgabe, die Reichskongresse
einzuberufen, die Verbindung der Gruppen zueinander zu fördern,
Gelder zu sammeln und somit im Ganzen die Verwaltung der
Organisation zwischen den Kongressen zu übernehmen. Auf regionaler
Ebene, vor allem außerhalb Berlins, sind die Strukturen schwerer
auszumachen. 1923 sollten Regionalföderationen mit
Regionalkommissionen herausgebildet werden, was aber außerhalb
Berlins, sowie an Rhein und Ruhr nicht gelang. Daher wurde dieses
Konzept wieder aufgegeben. Es gab damals kein Internet und selbst
Telefone waren selten.
--------------------------------------------------------
(2) Ein*e Mäzen*Mäzenin unterstützt durch Geld (oder andere Mittel) das Vorhaben einer Institution oder anderen Person,
ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu verlangen (Anmerkung der Redaktion)
(3) Wochenorgan meint z.B. eine Zeitung mit wöchentlichem Erscheinungsrhythmus (Anmerkung der Redaktion)
--------------------------------------------------------

In der Ausgabe Nummer 2 des "Freien Arbeiter" von 1925 resümierte
ein Vertreter der Geschäftskommission:

"Aufdem letzen Kongreß, Ostern 1923, war ich der festen Überzeugung,
dass durch Errichtung der Informationsstellen neues Leben in die
Bewegung kommen würde. Tatsächlich konnte man auch auf diesem
Wege die Gruppen besser bearbeiten und dadurch den
Gedankenaustausch besser pflegen. Der Höhepunkt der Bewegung war
Anfang 1924 zu verzeichnen und erstreckte sich auf 26 Gruppen im
Reiche. Durch Arbeitslosigkeit und andere Umstände trat ein Rückgang
ein. Alles geforderte und erforderliche Material wurde den Gruppen zur
Verfügung gestellt, aber die elende wirtschaftliche Lage, teilweise auch
die große Interesselosigkeit, sorgten dafür, dass nichts Besonderes
geleistet wurde. Von den 26 Gruppen existieren heute nur noch einige im
Lande, von vielen sind nur noch Einzelmitglieder übrig geblieben."

Zu sporadisch blieben die Gruppengründungen und zu unklar war
aufgrund unregelmäßiger Beitragszahlungen die Mitgliedschaft von
Gruppen überhaupt: Nicht nur rückblickend aus heutiger Perspektive,
sondern der damaligen Geschäftskommission selbst! Die
angeschlossenen Gruppen konnten einen sehr unterschiedlichen
Charakter tragen, schwerpunktmäßig politisch, kulturell oder
ökonomisch ausgerichtet sein. Die FKAD selbst machte ihre Strukturen
gegenüber ihren Mitgliedern wenig publik. Ein Statut aus dem Jahre
1912 wurde 1914 das letzte Mal erörtert und fand nach dem Weltkrieg
weder in der Presse noch im Verlag einen weiteren Abdruck. Die
Prinzipienerklärung wurde lediglich im Herbst 1919 im "Freien
Arbeiter" publiziert, danach nie wieder. Diese Intransparenz wurde
damals nicht infrage gestellt. Die Gruppen
machten regional ihr eigenes Ding. Zwar
wurden die FKAD-Kongresse durchaus mit
Delegierten beschickt, nicht so aber der "Freie
Arbeiter" mit Berichten aus den Städten, was
zu einem lebendigen Außenbild hätte
beitragen können. Das Erscheinen der FKAD
lässt entweder eine weitgehende Inaktivität
an der Basis vermuten oder Gleichgültigkeit
der Gesamtorganisation gegenüber. Belege für
beides lassen sich für unterschiedliche Städte
konstatieren. Dementsprechend leicht ging die
Ausprägung informeller Hierarchien
vonstatten, die sich für den weiteren Verlauf
der Geschichte der FKAD auswirkten. Dieses
Durcheinander lässt die damaligen
Mitgliederzahlen nur grob vermuten,
Mitgliedschaften oftmals nur erahnen aber
nicht belegen. Das Bild dieser Organisation
bleibt dementsprechend nebelig, so dass ich mich hier nicht weiter aus
dem Fenster lehnen möchte. Im Buch zur FKAD wird diesen Fragen
detaillierter nachgegangen.

In welcher Beziehung stand die FKAD zur Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD)?

Bis 1923 gestaltete sich das Verhältnis mit Ausnahme kleinerer
Streitigkeiten gut, bis 1925 erträglich. Der Spiritus Rector (4) des
internationalen Anarcho-Syndikalismus, Rudolf Rocker, gab der FKAD
1919 eine Prinzipienerklärung und füllte zusammen mit anderen FAUD-
Mitgliedern die Spalten der ersten Jahrgänge der FKAD-Zeitung "Der
freie Arbeiter". Überhaupt gab es eine starke Personalunion zur FAUD,
so dass sich die berechtigte Frage stellen lässt, ob die FKAD zu Beginn
der 1920er Jahre ohne Anarcho-Syndikalisten überhaupt lebensfähig
gewesen wäre. Die FKAD hing klar am Rockzipfel der FAUD, und zwar
hinsichtlich ihrer Theorie, aber auch ihrer Organisation. Das FKAD-
Verlagsprogramm beispielsweise war dominiert von FAUD-
organisierten Verfassern. Rudolf Oestreich selber verfasste bis 1931
überhaupt keine programmatischen oder theoretischen Broschüren oder
gar Bücher. Ihre theoretischen Anleihen holten sie sich aus der von
ihnen zunehmend abgelehnten FAUD und nach dem Crash mit diesen
aus Österreich vom narzisstischen Selbstdarsteller Rudolf Großmann.
Rudolf Oestreich unternahm jedoch 1923 zum FKAD-Kongress in
Magdeburg eine Offensive zuungunsten syndikalistischer Einflüsse auf
die Organisation, die er in den folgenden Jahren vehement und gegen
immer weniger Widerstände durchsetzen konnte. Dieser Gegenkurs zur
FAUD sollte bis hin zu offener Feindschaft führen. Seinen Animositäten
versuchte er damit eine inhaltlich-sachliche
Grundlage zu geben. Vielmehr erwiesen sie
sich aber als Deckmantel für
opportunistische Schmierenkomödien.
----------------------------------------
(4) Spiritus rector meint eine Person, von der sich eine Gemeinschaft oder Organisation geistig leiten lässt (Anmerkung der Redaktion)
----------------------------------------
Dass die Oestreich-Brüder irgendwann mit
Rudolf Rocker, der ihnen als geistig-
programmatische Konkurrenz innerhalb der
FKAD erschien, aneinander geraten würden,
zeichnete sich ab. Die Scharmützel fingen im
Rheinland an, wo Rudolf Oestreich in einer
Art Vorpostengefecht schnell mit einem
bedeutenden regionalen Protagonisten der
FAUD und strikten Syndikalisten, Carl
Windhoff, aneinander geriet. Dabei ging es
um den Einfluss auf die Bauarbeitersektion
der FAUD in Düsseldorf, die besonders unter
den Fliesenlegern stark war. Bevor Rudolf
Oestreich wieder nach Berlin ging, zog er in
Düsseldorf eine einflussreiche FAUD-Opposition in Gerresheim hoch,
deren örtlicher Vertreter Robert Albrecht dort weiterhin für Wirbel
sorgte. Um des Friedens zwischen FAUD und FKAD willen, ließen die
oberen FAUD-Repräsentanten, darunter auch Rudolf Rocker, ihren
regionalen Agitator Carl Windhoff ziemlich im Stich. Aber die
Wühlereien der Oestreichs holten schließlich auch sie ein. 1925
brauchte es nur noch einen Funken, der Rocker den Kragen platzen ließ.
Der Artikel, den der Stammautor Paul Robien im Frühjahr 1925 im
"Freien Arbeiter" platzierte, war hinsichtlich seiner intellektuellen
Bescheidenheit kein Novum in dieser Zeitung. Die anarcho-
syndikalistische Presse hatte eh mehr Einfluss auf die Arbeiterschaft
und war qualitativ um Längen besser aufgestellt. Dennoch verkörperte
die FKAD repräsentativ DEN Anarchismus in Deutschland vor aller
Welt. Und der "Freie Arbeiter" hatte einen entsprechenden Einfluss.
Besondere Dümmlichkeiten hatten vor der Öffentlichkeit auch einen
Einfluss auf das Ansehen der Anarcho-Syndikalist*innen. Was war
passiert? Der unter Fruchtsaftaposteln sehr beliebte und rege
Siedlungsfreund Paul Robien bewegte sich mit seinen Projekten immer
in der Nähe auch von völkisch angehauchten Naturliebhaber*innen. Die
Durchlässigkeit der Ideologien war in diesen Kreisen relativ hoch.
Offenbar wurde er dabei immer wieder auch mit antisemitischen
Mustern konfrontiert. Darauf umarmenden Bezug nehmend, verstrickte
er sich selbst in antisemitische Argumentationsmuster, vorgeblich, um
den Antisemit*innen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sein als
"Der jüdische Nimbus" betitelter Beitrag kann jedoch selber mühelos als
antisemitisch charakterisiert werden, weil er die Denkmuster der
Völkischen übernimmt und allen klassentheoretischen Standpunkten
zuwider eine jüdische Internationale postulierte, die vom Streit der
Nichtjuden*Nichtjüdinnen untereinander fortwährend profitiere, so
auch von Kriegen. Rudolf Rocker, der als international erfahrener
Aktivist ganz andere Erfahrungen machte, protestierte energisch mit
einem Gegenartikel, der im "Freien Arbeiter" jedoch nicht abgedruckt
wurde. Ebenso verweigerte die Redaktion einen Gegenartikel des
jüdischstämmigen Rechtsanwaltes Victor Fraenkl. In der bisherigen
Literatur wurde sich in diesem Fall nur auf Rocker bezogen. Dabei
beschreibt das Beispiel Fraenkl viel eindringlicher die
Charakterlosigkeit und Verlogenheit der FKAD. Er war nämlich das
personifizierte Gegenteil zu Robiens Behauptung, auch jüdische
Anwälte würden vom Streit unter Nichtjuden ihren Profit schlagen:
Fraenkl verteidigte jahrelang selbstaufopfernd besonders die
Genoss*innen der FKAD mit großem Erfolg vor Gericht und ohne dabei
jemals seine anarchistische Gesinnung zu leugnen! Wie muss es auf ihn
gewirkt haben, festzustellen, dass dieser Artikel Robiens kein
"Ausrutscher" war, den die Redaktion entsprechend hätte bereuen
können? Nein, die Redaktion, die ihrem Einfluss nach stellvertretend
für die ganze FKAD angesehen werden kann, stellte sich hinter Robien!
Zwar ließ der "Freie Arbeiter" einige Gegenartikel zu, diese stammten
jedoch ausschließlich von Autor*innen, die auch in der FAUD
organisiert waren.

Bevor hier falsche Vorstellungen über die FKAD platzgreifen, muss ich
dazu sagen, dass bis auf diesen sehr deutlichen Ausfall die FKAD sich
nicht als antisemitische Organisation zeigte, weder in ihrer Presse, noch
in Aktionen oder anderswo. Dieser Skandal war lediglich der Auslöser
für den Bruch der FAUD mit der FKAD.

Allerdings kann dieser als Knackpunkt angesehen werden: Ab jetzt
verlief die Geschichte der FKAD auf einer zunehmenden
Widerwärtigkeitsskala. Je mehr Vermittler*innen zwischen den
Organisationen aus der FKAD vergrault wurden, desto verbissener und
feindlicher gebärdete sich die FKAD und igelte sich ein. So wurden
1928 Rudolf Rocker und Helmut Rüdiger von Rudolf Oestreich vor
einem deutschen Strafgericht verklagt und wegen Beleidigung zu
Geldstrafen verurteilt. Zusammen mit Rudolf Großmann (Pierre
Ramus) und einer sich herausbildenden Opposition in der FAUD
schossen sie gegen die FAUD, um ihrer Selbstbehauptung willen.
Großmann nahm dabei eine äußerst perfide Rolle ein. 1930 warnte die
FAUD-Geschäftskommission mit Unterstützung von Erich Mühsam vor
ihm, da er gezielt versuchen würde, durch Vortragsrundreisen einzelne
Ortsvereine zu spalten und abzuwerben. Im Zuge dieser Entwicklungen
versteinerte die FKAD sich auch in ideeller Hinsicht, hielt an
anarchistischen Auffassungen des 19. Jahrhunderts fest, klammerte sich
geradezu daran. Sie verschloss sich jeder weiteren Entwicklung
gegenüber und gab 1931 sogar ihre kommunistisch-anarchistischen
Prinzipien auf zugunsten eines Beliebigkeitsanarchismus, der um jede
weitere sektiererische Strömung buhlte. Sie degenerierte zu einer
Sammelbewegung mit dem Ziel, die FAUD zu schädigen. Dies geschah
mit solch einer Vehemenz, dass sich auch die SAJD von ihnen
abwandte, die einst demonstrativ keine Partei ergriff und die
Grundlagen von FKAD und FAUD gleichermaßen für sich anerkannte.
Diese Entwicklungen in all ihrer Komplexität stellen neben den bis 1923
durchaus konstruktiven Ansätzen einen Hauptteil des Buchprojektes
zur FKAD dar. Es ist eine Geschichte persönlicher Niederlagen und
politischen Opportunismus.

Der Kurs der FKAD lässt sich schemenhaft wie folgt datieren:
1923: Weichenstellung gegen Syndikalismus auf FKAD-Kongress in
Berlin

1925: Bedeutende FAUD-Fürsprecher treten aus FKAD aus
1928: Programmatische Abkehr vom Syndikalismus auf FKAD-
Kongress in Hamburg

Die FKAD unterlag einer psycho-sozialen Gesetzmäßigkeit, die bis
heute virulent ist und die der Zeitgenosse Henry Jakoby wie folgt
beschrieb:

Solidaritätsbroschüre von FKAD und FAUD-Mitgliedern,
hier in Gestalt des Düsseldorfer Anarchisten Anton Rosinke
vom Ghezzi-Komitee (1930)

"Nicht dass so wenige Menschen in den
Gruppen und Organisationen der Anti-
Autoritären sind, ist das Schlimme, sondern,
dass diese Wenigen in neurotischer
Abgeschlossenheit leben[...], dass sie
Distanz zwischen sich und die anderen
gelegt haben. So wird auch ihr Horizont
enger und enger. Sie werden immer
isolierter. Sie werden immer dogmatischer.
Sie bleiben unduldsam. Sie fürchten, dass
ihre sichere Enge gesprengt wird." (5)
-----------------------------------------

(5) Zit.n.: Andreas Graf: Anarchismus in der Weimarer Republik..., S. 36.

----------------------------------------

Die FAUD blieb der FKAD in folgenden
Punkten überlegen:

1. Auf theoretischem Niveau und damit in
der Programmatik,
2. als ökonomische Kraft,
3. in der Erwerbslosenpolitik,
4. in ihrer gesamtgesellschaftlichen Entfaltung auf unterschiedliche
auch außerbetriebliche Lebensbereiche,
5. in der Solidaritätsarbeit,
6. im Presse- und Verlagswesen,
7. in der regionalen Ausdehnung und den Mitgliederzahlen,
8. sowie im internationalen Sektor.

Wie schon erwähnt stellte sich der organisierte Anarchismus in
Deutschland in Gestalt der FKAD lediglich als ein Anhängsel des
Anarcho-Syndikalismus dar und hing der FAUD am Rockzipfel, was ich
einfach als "Rockzipfeltheorie" benenne. Das Mitgliederpotenzial der
FKAD wurde also entweder von der FAUD absorbiert oder grenzte sich
ihr gegenüber in verbitterter bis feindseliger Oppositionshaltung ab.

In seinen Schlussworten zum Kongress der FAUD 1927 in Mannheim
erklärte Rudolf Rocker aus diesen Erfahrungen heraus:

"Lassen Sie ab von der wahnsinnigen Theorie: ‚Klein aber fein'! Sie
müssen die Menschen nehmen wie sie sind, wenn Sie den Sozialismus
verwirklichen wollen. Sie sind an die Erde gebunden und müssen mit
diesem Menschenmaterial arbeiten. Aus diesem Grunde ist jedes
Sektenwesen verwerflich. Wir sind Ideen- und Interessengemeinschaft
gleichzeitig. Es ist schon richtig, dass bei einer Ausbreitung der
Bewegung die Gefahr einer Verflachung nahe liegt; aber eine noch
größere Gefahr ist es, dass eine Bewegung, die immer klein bleibt und
sich selbst beschränkt, dann doktrinär wird, innerlich verknöchert und
ihr Leben verliert. Verflachung kann wieder ausgeglichen werden,
Doktrinarismus niemals. Wer in geistige Verknöcherung verfallen ist,
den wecken Sie nie wieder auf, während Oberflächlichkeit des Denkens
immer noch tieferen Erwägungen Platz machen
kann. Unsere Aufgabe ist es, diesen Gefahren
Trotz zu bieten, den Kampf um die Seele der
Arbeiter zu führen und auch das Ideal unserer
Weltanschauung, des freien anarchistischen
Kommunismus, aufrechtzuerhalten."

Wie gestalteten sich die internationalen
Beziehungen der FKAD?

Im Gegensatz zum Anarcho-Syndikalismus,
dessen deutsche Sektion der FAUD seit 1922
der "Internationalen Arbeiter-Assoziation"
(IAA) angeschlossen war, hatte die FKAD
keine derart feste internationale Verbindung.
Zum Ende der 1920er Jahre gab es
Verbindungen zur Anarchistischen Jugend-
Internationale, die zwar in den Niederlanden einige Treffen abhielt,
aber kaum eine Handvoll Ländersektionen umfasste, noch imstande
war, sich weiter auszubreiten. Eine Art Nibelungentreue entstand zum
"Bund herrschaftsloser Sozialisten" (BhS) nach Österreich und dessen
skandalumwitterten Mentor Rudolf Großmann, der sich selber Pierre
Ramus nannte. Je feindseliger die Beziehungen zur FAUD wurden, desto
mehr klammerten sich beide Organisationen aneinander und
versuchten sich Halt zu geben.

Die FKAD hatte ungefähr 500 Mitglieder. Welche Gründe sind für dich
plausibel, warum die FKAD keine höhere Mitgliedsanzahl erreichen
konnte.

Das meiste Mitgliederpotenzial wurde, wie gesagt, durch die FAUD
absorbiert. Dort hatten die Aktiven alles, was sie sich für den Weg in
eine kommende freie Gesellschaft vorstellten. Die FKAD erreichte die
Industriebetriebe nicht. Und auch im Handwerk blieb es bei Versuchen,
eigenständige Siedlungskollektive und -genossenschaften aufzubauen.
Damit versagte die FKAD hinsichtlich materieller Interessen. Ideen-
und Propagandaorganisationen haben nie eine auch nur annähernde
Mitgliederbasis wie Gewerkschaftsorganisationen. Das war in der
Sozialdemokratie nicht anders, in der die SPD nur einen kleinen
Bruchteil an Mitgliedern organisierte, im Gegensatz zu den
Zentralgewerkschaften des ADGB. In Spanien hatte die FAI gegenüber
der CNT deutlich das Nachsehen. Ideenorganisationen sind nicht in der
Lage, breite Massen der Bevölkerung nachhaltig anzusprechen. Ihre
Wirkungen entfalten sie lediglich in ihrer Einflussnahme auf die
Gewerkschaften, also als Impulsgeberinnen. Dies gelingt mal mehr, mal
weniger gut. In Deutschland ist die FKAD damit gescheitert, im
Gegenteil entwickelte sie sich zu einem gewaltigen Hemmschuh und
skandalösen Streitfaktor. Dabei hatte sie die Möglichkeiten sich dort zu
entfalten, wo der Anarcho-Syndikalismus lückenhaft und zu ergänzen
gewesen wäre, gerade in Fragen der Landwirtschaft und
Selbstversorgung hätte sie beweisen können, dass sie mehr ist als eine
reine Ideenorganisation. So hätten beispielsweise erwerbslose Anarcho-
Syndikalist*innen in solche Projekte integriert und damit versorgt
werden können, die ihrerseits handwerkliches Know-How mitgebracht
hätten. Bei Arbeitskämpfen und Streiks hätten die Syndikalist*innen
durch Nahrung, Obdach und Streikposten unterstützt werden können.
Anarchistisch organisierte Kinderheime wären als Ferien- und
Erholungsstätten sinnvoll gewesen. Doch zeigte sich der Agrarsektor
traditionell für alle sozialistischen Strömungen als sehr schwer zu
beackerndes Feld, Landagitation gehörte zur schwierigsten Aufgabe, da
gerade hier - Stichwort Ostelbien - preußisch-deutsche Traditionen
ihren stärksten Rückhalt hatten und die Untergebenen einer lange
gewachsenen und auch persönlicheren Kontrolle und geistigen
Züchtigung durch die Herrschaften unterlagen. So wäre der FKAD
immerhin die wichtige Aufgabe zugekommen, die Rolle einer
propagandistischen Hilfsorganisation anzunehmen zur Stärkung des
Anarcho-Syndikalismus: Ihre Siedlungen hätten in fruchtbarer
Wechselwirkung mit den Betriebskämpfen der FAUD stehen können
und auch in ihrer Eigenschaft als Propaganda- und
Solidaritätsorganisation, die sie gut erfüllte, hätte sich auch über 1925
hinaus die FAUD unterstützen können. Doch auch die FAUD tat sich
schwer in diesen Themen, ging zu derartigen Projekten bewusst auf
Distanz.

Der FKAD fehlte generell eine an der unmittelbaren Lebenspraxis
ausgeformte Eigenidentität. Die Gruppen in Heilbronn, Dresden und ein
großer Teil in Mannheim wandten sich demonstrativ von ihr ab und der
FAUD zu, wo sie alle ihre anarchistischen Ideale verwirklicht sahen.
Der bekannte anarcho-syndikalistisch organisierte Anarchist Augustin
Souchy äußerte sich ähnlich. Wiedergegeben nach dem Historiker
Ulrich Linse soll er geäußert haben:

"Ich habe innerhalb der syndikalistischen Bewegung die beste
Möglichkeit gefunden, als Anarchist zu wirken, halte aus diesem
Grunde die anarchistische Organisation für nicht notwendig." (Linse:
Die Transformation der Gesellschaft..., S. 358)

So verharrte die FKAD in weitgehender Nutzlosigkeit. Die Existenz
einzelner Gruppen hing an einzelnen oder zu wenigen Genoss*innen:
Nach dem Selbstmord ihres Protagonisten löste sich die FKAD in
Naumburg auf, und nach gewaltiger Repression gegen die Träger der
FKAD in St. Ingbert (Saarland) auch diese Gruppe. Insofern spielt
natürlich auch der repressive Staat eine Rolle, die als "Weimarer
Republik" heutzutage hochgelobte "Demokratie". Die Protagonist*innen,
vor allem die Redakteur*innen und regionale Funktionär*innen, waren
selbstverständlich ständig mit Gefängnis bedroht und bekamen
Haftstrafen. Aber unterm Strich hatte der Staat vor der FKAD nur
wenig zu befürchten und somit auch zu bekämpfen, da sie sich selbst
im Weg stand.

Die Zeilen im "Freien Arbeiter" sparten diesbezüglich durchaus nicht
mit Selbstkritik. So stand in der Ausgabe Nummer 27 aus dem Jahre
1925 unter der bezeichnenden Überschrift "Gibt es eine Föderation der
kommunistischen Anarchisten Deutschlands?" zu lesen:

"Außer dem laufenden Vereinskalender der Berliner Gruppen, sowie
gelegentlich mal die Ankündigung einer größeren Versammlung in
Berlin oder im Reiche, erfahren auch die zu einer Föderation
zusammengeschlossenen Gruppen[im "Freien Arbeiter"]nichts
voneinander. Aus diesem Grunde scheint die in der Überschrift gestellte
Frage mehr als berechtigt zu sein. Es ist daher wirklich an der Zeit, dass
die einzelnen Gruppen der Föderation sowie die Geschäftskommission
derselben ernstlich zu der genannten Frage Stellung nehmen. Ganz
entschieden soll bei dieser Gelegenheit aber gleich davor gewarnt
werden, die Ursachen, die den Mängeln unserer Organisation zugrunde
liegen, allzu sehr außer uns selbst zu suchen. Wir würden dabei an der
Hauptursache selbst, nämlich unserer eigenen Untätigkeit und Trägheit
vorüber gehen. Eine freie Organisation setzt auch wollende und
arbeitsfreudige Menschen voraus. Regelmäßige Diskussionsabende und
periodisch wiederkehrende Versammlungen können und dürfen nicht
das Erschöpfende unserer propagandistischen Tätigkeit sein."

Auch über die eigene Organisation hinaus blieben die Aktivist*innen
nahezu einflusslos. Wenige Beispiele gibt es aus der
Freidenkerbewegung oder der Sexualaufklärung. Diese und andere
außergewerkschaftlichen Lebensbereiche wurden weitgehend von den
Anarcho-Syndikalist*innen der FAUD abgedeckt. Dazu zählten auch die
Organisation der Frauen in "Syndikalistischen Frauenbünden", die
Kulturorganisation "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde" oder auch die
Arbeiterwehr "Schwarze Scharen", in denen die FKAD keine Rolle
spielte. Die SAJD wandte sich zunehmend von der FKAD ab und der
FAUD zu. Inhaltlich unterfütterte dies der SAJD-Funktionär Hans Noll
in einem Artikel in "Junge Anarchisten", Ausgabe Nummer 2/1929, in
welchem er (augenscheinlich im Namen der SAJD) den Anarcho-
Syndikalismus als "jüngste Etappe in der Entwicklung des
Anarchismus", als "modernste Entwicklungsform des Anarchismus"
historisch hergeleitet zu deuten verstand. Dieses sei praktisch daran zu
erkennen, dass nicht der Anarcho-Syndikalismus ins "Schlepptau" des
Anarchismus käme, sondern umgekehrt, der Anarchismus
Schwierigkeiten hätte, nicht vom Anarcho-Syndikalismus aufgesogen
zu werden. Genau diese Existenzfrage der FKAD ließ selbige so
allergisch auf die FAUD reagieren. Und das habe nach Noll, der dieses
Problem nur allzu gut erkannte, zur Folge, dass die FKAD "wie ein
bleiernes Gewicht an der Organisation[FAUD und SAJD]hängen und
sie am Arbeiten hindern" würde. Der Entwicklung des Anarchismus
zum Anarcho-Syndikalismus, der "zum Gelingen einer Revolution" die
ökonomische Frage "die Hauptfundamente der gesellschaftlichen
Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung im positiven Sinne neu zu
regeln" versuche, hinken die FKAD und später auch die "Anarchistische
Vereinigung" mangels eigener Perspektive als "bedeutungslose
Organisationen" hinterher. "Wir S.A.J.Dler fassen den Anarcho-
Syndikalismus nicht als eine Meinung innerhalb des Anarchismus,
sondern als die jüngste Etappe, als die modernste Entwicklungsform des
Anarchismus auf" , so Noll weiter.

Die FKAD indessen zeigte sich beratungsresistent, trat weiterhin
selbstgenügsam auf ohne eigene Projekte auf die Beine zu stellen,
geschweige denn konstruktiv auf andere Organisationen zu wirken.
Welche Existenzberechtigung hatte eine solche Organisation?

Erich Mühsam wurde nach seiner Haftentlassung 1925 von der
FKAD ausgeschlossen. Vorwurf war eine zu große Nähe zur KPD,
da Mühsam sich in der Roten Hilfe Deutschlands engagierte. Wie
wurde der Ausschluss Mühsams innerhalb der FKAD diskutiert?
Gab es verschiedene Meinungen und Lager dazu?

In dieser Frage der Einstellung dem autoritären Kommunismus
gegenüber war Mühsam aufgrund seiner langen Haftzeit bis Ende 1924
sehr naiv, was er später auch so sagte. Er bekam die diktatorischen
Entwicklungen im bolschewistischen Russland nicht mit, und dann tat
er sich schwer damit, es wahrhaben zu wollen, sogar dann, als
umfassend und eindringlich belegt war, dass Syndikalist*innen und
Anarchist*innen dort verfolgt wurden. Dennoch trat er auch seit Mitte
der 1920er Jahre nicht nur im Rahmen der Roten Hilfe auf, sondern
auch vor anderen Vorfeldorganisationen der KPD. Sie benutzten
Mühsam für ihre politische Strategie und dieser ließ sich mühelos
einspannen. Das kritisierten sowohl Syndikalist*innen als auch
Anarchist*innen. Nur zeigten sich die Anarchist*innen der FKAD als
nachtragend, während sich das Verhältnis Mühsams zu den
Syndikalist*innen (auch im Zuge ihrer eigenen Distanzierung von der
FKAD) entspannte. Die ideologische Einkapselung hatte eben auch
diesen gehässigen Zug zur Folge, während sich Erich Mühsam
allmählich mit Rudolf Rocker anfreundete, der letztlich den
entscheidenden Einfluss auf ihn ausübte: Mühsam trat 1929 mit genau
derjenigen Begründung aus der Roten Hilfe aus, mit der ihn seine
Gegner noch vier Jahre zuvor kritisierten. (6) Die Abgrenzung zu
Mühsam kam im Wesentlichen auf die Initiative von Rudolf Oestreich
zustande. Zwar gab es auch gegenteilige Meinungen, doch fußte diese
Entscheidung auf einer großen Mehrheit.

Die FAUD schaffte es sich nach ihrer Selbstauflösung 1932 nach
der Machtübergabe der Nazis 1933 in gewissem Maße illegale
Strukturen aufrecht zu erhalten und Widerstandstätigkeiten zu
leisten. Viele Aktive der FAUD kämpften in den 1930ern auch an
der Seite der Anarchist*innen und Anarcho-Syndikalist*innen in
Spanien. Gab es ähnliche Aktivitäten auch von Seiten der FKAD-
Aktiven?Wie sahen diese Aktivitäten aus?

Von der FKAD, deren Geschäftsstelle in Berlin Ende Februar 1933
polizeilich geschlossen wurde, sind keine großräumigen illegalen
Strukturen nach 1933 überliefert. Die widerständigen Anarchist*innen
waren in die illegale FAUD eingebunden, der sie auch in den Jahren
vorher angehörten, beispielsweise in Düsseldorf oder in Kassel.
Allerdings ist bekannt, dass besonders bei der Fluchthilfe mit Simon
Wehren aus Aachen jemand mitwirkte, der im Streit einst der FAUD
den Rücken kehrte. Dieser wiederum hatte Kontakte zu Robert Albrecht
und weiteren erklärten FAUD-Gegnern nach Gerresheim, ein
Verbindungsnetz, das bis 1937 intakt blieb. Von weiteren Strukturen
ehemaliger FKAD-Mitglieder, die nicht der illegalen FAUD angehörten,
weiß ich nichts. Es gab augenscheinlich keine Alternative zur illegalen
FAUD und deren Auslandssektion "Deutsche Anarcho-Syndikalisten"
mit Sitz in Amsterdam. Dort hieß es im Mai 1934: "Allerdings besteht
eine organisatorische Verbindung mit der FKA nicht. Man weiss
überhaupt nicht, ob noch irgendein organisatorischer Zusammenhalt
besteht." Die Hardliner der FKAD tauchen in den gängigen Quellen
nach 1933 überhaupt nicht mehr auf, so dass die Geschichte
beispielsweise der Oestreich-Brüder oder eines großen Teils der Berliner
Protagonist*innen der FKAD, wie Paul Kamp oder Paul Petersdorf
dezidierter zu erforschen wäre. Ein fortgesetztes Eigenleben halte ich
jedoch für extrem unwahrscheinlich. Genauso verhält es sich mit der
Geschichte im Spanischen Krieg seit 1936: Mir ist kein*e Protagonist*in
der ehemaligen FKAD als Funktionär*in in Spanien bekannt. Erst nach
1945 kam beispielsweise Rudolf Oestreich wieder aus seiner Nische
hervor mit Neugründungen anarchistischer Zirkel und als Herausgeber
von Zeitungen, u.a. die "Befreiung". Interessant, aber mit großer
Vorsicht wahrzunehmen ist eine Aussage des einstigen Kampfgefährten
und hohen FKAD-Funktionärs, Willi Boretti, der gegenüber DDR-
Behörden die Aussage gemacht haben soll, Rudolf Oestreich hätte ihn
vor einem Nazigericht als Zeuge belastet. Eine solche Aussage kann
erlogen und strategische Gründe haben, vielleicht sogar mit Oestreich
einvernehmlich abgesprochen. Andererseits ging Oestreich schon zu
Weimarer Zeiten mit der Justiz gegen ihm unbequeme "Genoss*innen"
vor.
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(6) Siehe Dokumentation in Syfo - Forschung & Bewegung , Nr. 4/2014, S. 97-119.30
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Zwischen der FKAD und der FdA gibt es einige formale
Gemeinsamkeiten: Beide sind ideologische bzw. Ideen-
Organisationen (im Gegensatz beispielsweise zur FAUD/FAU).

Auch in der FdA ist die anarcho-kommunistische Strömung weit
verbreitet. Welche Parallelen siehst du zwischen der damaligen
FKAD und der heutigen FdA? Was können (die in der FdA
organisierten) Anarchist*innen von den vergangenen
Erfahrungen der FKAD heute lernen?

War die FKAD eine reine Ideenorganisation? Ist es die FdA? Wäre dies
so, käme ihr höchstens die fatale Rolle des "spiritus rector" auf andere
Organisationen zu. In meinem Buch untersuche ich genau diese These.
Und tatsächlich macht diese Ansicht den Hauptteil aus. Dennoch
versuchte ich, die FKAD nicht als reine Ideenorganisationen zu
betrachten, sondern danach zu schauen, was sie in eigener und
praktischer Hinsicht leistete.

Damit hätte sie nämlich ergänzend zur syndikalistischen
Gewerkschaftsbewegung förderlich tätig werden können. Dies betraf
vor allem die Siedlungsideen und Projekte. Wenn wir davon ausgehen,
dass der Anarchismus die Idee der vorindustriellen Epoche des 19.
Jahrhunderts ist und der Anarcho-Syndikalismus dessen
Weiterentwicklung zum 20. Jahrhundert darstellt, wird ein Schuh draus.
Der alte Anarchismus verharrt, wie bei der FKAD, im 19. Jahrhundert
und deckt die entsprechenden Wirkungsfelder ab: Siedlungen,
Selbstversorgung, Bildung, Aufklärung und anderes. Teile davon trug
auch die FAUD, so dass die FKAD drohte, überflüssig zu werden.
Tatsächlich absorbierte die FAUD das Mitgliederpotenzial der FKAD,
aber da die FAUD die Siedlungsbestrebungen größtenteils ablehnte,
blieb diese Nische bei der FKAD. Meiner Auffassung nach aber hätte es
nicht bei einer Nischenbewegung bleiben müssen. Stattdessen hätte es
sich gut mit den Betriebskämpfen der FAUD verbinden können, gerade
in Hinsicht auf die hohe Erwerbslosigkeit, von der gerade die
Syndikalist*innen stark betroffen waren und in Hinsicht auf hart bis an
die Existenzgrenze geführte Arbeitskämpfe. Siedlungen bieten Nahrung,
Erholung und Zuspruch. Die FdA kann genau diese Fragen in ihre
Strategiediskussionen einbeziehen:

Was bietet die FdA, was die FAU nicht hat?

Wie können sich die beiden Organisationen konstruktiv ergänzen?

Die FKAD war nämlich dann am stärksten, als sie:

1. ein klareres Programm hatte, das eindeutig auf den Ideen des
kommunistischen Anarchismus basierte,
2. ein kollegial-inspirierendes Verhältnis zum organisierten Anarcho-
Syndikalismus der FAUD hatte,
3. unter diesen guten Bedingungen noch nicht unter der Isolation und
den Zerfallserscheinungen ihrer späteren Jahre seit etwa 1923/25 litt.

Der strömungsübergreifende Ansatz der FdA verhindert eine klarere
Orientierung. Die Richtungen stehen sich mehr im Weg als dass sie
untereinander fruchtbar sind. Auf Außenstehende wirkt das chaotisch.
Ein Spiegel dessen ist die Gai Dào. Orientierung ist jedoch das, was
heutigen Aktivist*innen fehlt, sie zerfleddern sich in zahlreichen
Teilaspekten bis hin zur Obskurität. Was fehlt, ist demnach ein
geformtes und wohlstrukturiertes Weltbild und daraus abgeleitet
strategische Handlungsoptionen. Vorbildlich in dieser Hinsicht sind
noch immer die Prinzipienerklärungen von Rudolf Rocker, die er für die
FAUD, aber als vermuteter Autor auch für die IAA und für die FKAD
schrieb. Vergleicht man diejenigen der FAUD und FKAD, so fällt auf,
dass letztere eine "light-Version" der ersteren ist. Sie ist in ihren
Grundzügen syndikalistisch. Dennoch betrachtete Rocker die FKAD,
seit Mitte der 1920er Jahre, als eine allgemeine anarchistische
Föderation nicht als überflüssig.

Weniger ist erstmal mehr, weil man nur auf einem ideell sehr
gefestigten Interessentenstamm eine größere Organisation formen
kann. Andernfalls bleibt es fragmentiert und es kommt frühzeitig zu
unnötigen Konflikten. Getrennt marschieren, vereint schlagen ist auch
eine Option. Ein weiteres Problemfeld des heutigen organisierten
Anarchismus ist seine gesellschaftliche Abgeschiedenheit und der
mangelnde Wille, sich in der Mitte der Gesellschaft zu verorten und
dort zu wirken. Mir sind aufgefallen: Genussfeindlichkeit,
Weltfremdheit, Selbstzentriertheit, Nischendiskussionen, Rigorismus,
Wetteifern um politische Korrektheiten, Ausgrenzung, ein gezierter
Verhaltenskodex, Verbotskultur und Mitläufertum. Das führe ich
soziologisch auf den vorherrschenden studentischen Einfluss zurück
und historisch auf die Dominanz eines konkurrenzlos scheinenden
Neoanarchismus, dessen unheilvolle Wirkung den Anarchismus
fragmentierte, statt ihn zu erneuern und mit entsprechender Schlagkraft
zu versehen. Für den praktischen Anarchismus halte ich immer noch
Horst Stowassers Schrift "Projekt A" für wegweisend. Und gleich ob
Syndikalist*in oder Anarchist*in enthält das Buch von Hans Jürgen
Degen "Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation
freiheitlicher Sozialisten" alle Fragestellungen und Erörterungen bereit,
die von tatsächlichem Belang sind. Beide Autoren können dem
klassischen Anarchismuskanon zugerechnet werden, vermitteln
reichlich Bildung und die entscheidenden Fragen als Voraussetzung für
jede Diskussion. Sie stellen sozusagen eine Brücke dar zwischen dem
klassischen Anarchismus und dem Anarcho-Syndikalismus in
Deutschland in der heutigen Zeit. Daran sollte wieder angeknüpft
werden, kombiniert an ein Wiederaufleben der anarchistischen Praxis
in der Mitte der Gesellschaft
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Von, Fr, und Ber Anarchisten
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