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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - Gegen Gewalt und Herrschaft Von: Andreas Gautsch (anarchismusforschung.org)

Date Mon, 13 Nov 2017 07:49:51 +0200


Buchrezension zu: Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus. Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung von Sebastian Kalicha, Illustriert von Daniel Grunewald, Verlag Graswurzelrevolution, 2017 ---- Der umtriebige Schriftsteller und Herausgeber Sebastian Kalicha hat sich mit seinem neuesten Buch "Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus" eine nicht einfache Aufgabe gestellt und diese auf sehr ansprechende Art und Weise gelöst. Es geht um den Versuch, die facettenreiche Bewegung des gewaltfreien Anarchismus und anarchistischen Pazifismus in seiner Komplexität und Vielfalt darzustellen, sowohl auf seiner historischen und theoretischen Ebene, als auch auf jener der Personen und deren Biographien. ---- Diese Vorgehensweise der geschichtlichen und biographischen Aufbereitung eines Themas ist grundsätzlich gut erprobt und macht
durchaus Sinn. Einen auffälligen und wichtigen Beitrag zu dieser
Publikation bilden die Grafiken von Daniel Grunewald. Sie geben dem
doch umfangreichen und vor allem dichten Buch wieder mehr an
Raum, gestalten den biographischen Teil durch die gekonnt
gezeichneten Porträts griffiger und heben die Lust, sich durch die
Biographiesammlung treiben zu lassen.

Das Originelle an diesem Buch ist, dass der Autor an diesem Punkt
nicht stehen bleibt, sondern im dritten Teil Gruppen und Projekte dieser
Strömung porträtiert und ihre Spuren auch in anderen politischen
Bewegungen wie etwa in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung
des 20. Jahrhunderts nachgeht. So zeigt Kalicha, wie die Idee des
gewaltfreien Anarchismus von der Anarchopunkband Crass
aufgegriffen und propagiert wurde oder wie die Aktionsformen der
holländischen Provo-Bewegung, als diese bei ihrem "Weißen
Fahrradplan" weiß bestrichene Fahrräder kostenlos in Amsterdam
verteilten, um gegen den "Asphaltterror der motorisierten Massen"
(S.222) zu protestieren, durchaus unter diesem Gesichtspunkt betrachtet
werden können.

Die Auswahl der über gut 60 Seiten beschriebenen Gruppen und
Projekte bildet einen vielfältigen Querschnitt und umfasst neben den
bereits erwähnten auch jene "klassischen" Organisationen, die
ansonsten mit gewaltfreiem Anarchismus in Verbindung gebracht
werden, wie die War Resisters International (WRI) als eine der größten
und ältesten weltweiten antimilitaristischen Organisationen, die seit
1921 u.a. Kriegsdienstverweigerung propagiert und unterstützt und
immer auch eine antikapitalistische Ausrichtung hat, oder die
syndikalistischen Gruppen der 20er Jahre, wie etwa der Syndikalistische
Frauenbund, die eine starke antimilitaristische und gewaltfreie
Ausprägung hatten. Erwähnt werden auch neuere Bewegungen der Gegenwart, wie
die Animal Liberation Front und die Earth Liberation Front, zwei
Netzwerke, die bei ihren spektakulären Aktionen
zwar Sachbeschädigungen durchführen und den
Ausbeuterfirmen maximalen ökonomischen Schaden zufügen wollen,
aber darauf bedacht sind, dass weder Mensch noch Tier bei den
Aktionen zu Schaden kommen. Auch dieser Teil wird von Grunewald
durch teils szenische Grafiken bereichert und hilft unseren
Vorstellungen von den Aktionen und Aktivitäten auf die Sprünge.

Im zweiten Teil des Buches gibt es eine, bereits eingangs erwähnte,
umfangreiche geschriebene und gezeichnete Porträtsammlung von 54
bekannten und weniger bekannten Theoretiker_innen, Intellektuellen
und Aktivist_innen des gewaltfreien Anarchismus und des
anarchistischen Pazifismus. Die einzelnen Porträts sind kurz und knapp
gehalten und bieten gute Einstiegshilfen für weitere
(Internet-)Recherchen. Um einige hier zu erwähnen: Der US Historiker
Howard Zinn, bekannt vor allem durch sein Buch "A People‘s History
of the United States"; die radikale Ökoaktivistin Judi Bari (sie hat in den
80er Jahren eine gewaltfrei-feministische Kritik formuliert, die sich
auch gegen den Machismus innerhalb der Ökobewegung richtete); die
jung verstorbene anarchistische Theoretikerin Clara Wichmann, die in
den 20er Jahren einige wichtige Aufsätze zur Gewaltfreiheit schrieb (für
sie bedeutete für sie die Ablehnung der Gewalt kein passives Erdulden,
sondern eine aktive Form der politischen Einflussnahme. Somit verband
sie ihre Propagierung der Gewaltfreiheit mit einer radikalen Kritik an
Kapitalismus und Militär).

Auch der gegenwärtig kaum mehr bekannte Sufi Mahmud Muhammad
Taha findet sich in der Auflistung. Der als Gandhi des Sudans
bezeichnete Theologe propagierte ab den 1940er-Jahren libertär-
gewaltfreie Positionen, die er aus den Suren des Korans zog. Seine
theologisch umstrittene Position, die er als "zweite Botschaft" des
Koran bezeichnete, wurde ihm schließlich Anfang der 1980er Jahre
zum Verhängnis: Er wurde dafür hingerichtet. Gegenwärtig stößt seine
Koraninterpretation in Kreisen liberaler und säkularer Muslime wieder
auf Interesse. Gandhi selbst findet sich natürlich ebenfalls in dieser
Reihe, wie auch der Schriftsteller Aldous Huxley und die Philosophin
Simone Weil.

Auf die repräsentative Auswahl der porträtierten Personen, Gruppen
und Bewegungen geht Sebastian Kalicha ausführlich im Vorwort ein
und macht diese nachvollziehbar. Denn Auflistungen führen Fragen
wie: Warum ist wer drinnen und wer draußen? - stets im Handgepäck
mit sich. Dass sich der Autor auf ein sehr weit gefasstes
Auswahlkriterium eingelassen hat, gereicht dem Buch zum Vorteil.
Nicht nur die Eigendefinition - als gewaltfreie_r Anarchist_in - ist für
ihn ausschlaggebend, sondern auch, ob die porträtierten Menschen in
ihren Ideen und Handlungen gewaltfreie Prinzipien angewandt und für
die Bewegung eine gewisse Bedeutung erlangt haben. Dadurch öffnet
er den inhaltlichen Diskurs und geht über einen rein auf
(Selbst-)Zuschreibungen basierenden hinaus.

Um die Idee selbst geht es im ersten Teil des Buches. Der Autor
skizziert hier die Grundzüge gewaltfreier anarchistischer Theorie. Zu
Beginn verweist er auf die zweifache Gewaltkritik, bei der "einerseits
Gewalt (ob direkte / physische oder strukturelle) als Widerspruch zu
den emanzipatorischen Bestrebungen des Anarchismus" betrachtet und
abgelehnt wird und "andererseits Gewaltkritik aber auch als
essentielle[r]Bestandteil anarchistischer Herrschafts- und
Gewaltkritik" begriffen wird (S.18). Aus dieser grundsätzlichen
Positionierung ergeben sich nach Kalicha einige weitere Kritiken, wie
die Ziel-Mittel-Relation, was so viel bedeutet, wie dass der Zweck bzw.
das Ziel nicht die Mittel "heiligt", sondern zu einer Ablehnung auch
der revolutionären Gewalt führen muss. Das in der Folge ausgeführte
Unterkapitel über das Verständnis von sozialer und gewaltfreier
Revolution bietet in seiner Kürze nur einen Orientierungsrahmen über
Mittel und Konzepte gewaltfreier gesellschaftlicher Umwälzungen.
Was die Fragen nach Gewalt(kritik) im Kampf gegen Faschismus und
Nationalsozialismus betrifft, geht Kalicha nur kurz darauf ein, wobei
auch dies eine interessante Diskussion wäre; vor allem in Bezug auf
historische Widerstandsbewegungen in Deutschland und Österreich,
die natürlich nicht immer aus einer gewaltfreien Überzeugung
hervorgingen, aber doch großteils gewaltfrei waren.

In einem ähnlichen Umfang wie beim theoretischen Teil werden auch
die Begriffsklärungen ausgeführt. Fällt die Theorie für meinen
Geschmack etwas zu kurz aus, finde ich die Erklärung der Begriffe
ausreichend. Die Frage, die der Autor am Ende dieses Kapitels stellt,
"Was ist gewaltfreie Aktion - und was nicht?", bietet auf jeden Fall
ausreichend Diskussionsstoff. Und dies nicht nur, weil eine große
Bandbreite, die vom Flugzettelverteilen und Transparenteaufhängen
über Blockadeaktionen bis hin zu Sachbeschädigungen reicht, in den
Bereich gewaltfreier Aktionsformen fällt. Es geht primär um die
Unversehrtheit von Leib und Leben. Diese Prämisse bildet auch den
Rahmen, in dem sich ein Großteil der Aktivist_innen bewegt, und dies
nicht zwangsläufig aus einer gewaltfreien Überzeugung heraus. Es
muss hier von einer oft in bürgerlichen Medien geführten Gewalt-
"Diskussion" unterschieden werden, die meist die Frage der Legalität
im Fokus hat. So befinden sich Aktionsformen, die Blockade und
Sachbeschädigung als Mittel anwenden, wie beispielsweise jene gegen
die Atommülltransporte, oft bereits außerhalb eines rechtlich
gedeckten Rahmens.

Jedoch sollten sich Aktionsformen nicht - und das wird sowohl in der
von Kalicha dargestellten Geschichte als auch in den Biographien und
Gruppenporträts sichtbar - an der staatlichen Legalität orientieren,
sondern an der politischen Legitimität. Hier kann eine
Auseinandersetzung mit gewaltfreiem Anarchismus und dessen
unterschiedlichen Aktionsformen hilfreich sein. Denn in Zeiten, in
denen die Handlungsmöglichkeiten von Staats wegen immer mehr
eingegrenzt werden, braucht es Kreativität, Klarsicht und wohl immer
auch eine Portion Mut.

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Weitere Infos
zum Institut für Anarchismusforschung
-> anarchismusforschung.org
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