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(de) Gai Dao N°80 - Kritik am Konsensprinzip ­ eine Diskussions­ grundlage Von: Dave aus K

Date Sat, 9 Sep 2017 10:15:10 +0300


Das Konsensprinzip – oft als Stein der Weisen gefeiert – ist, wie es meist angewandt wird, alles andere als freiheitlich. ----Früher (teilweise auch heute noch) wurde auch in anarchistischen Zusammenhängen meistens einfach abgestimmt. Je nach System hat sich eine Meinung mit einfacher Mehrheit oder xx%-Mehrheit durchgesetzt und wurde zur allgemeinen Regel. ---- Dem Konsensprinzip hingegen liegt der Gedanke zugrunde, dass eine Entscheidung nur dann rechtmäßig ist, wenn alle Betroffenen einverstanden sind, also zumindest kein Veto einlegen. Es soll zwischen allen Beteiligten ein Konsens erzielt werden. Eine sympathische Idee und es ist verständlich, wieso sie so beliebt ist. Ob das praktikabel ist oder nicht, sei dahingestellt. Dass Entscheidungen komplett blockiert würden oder Gruppen auseinanderbrächen, passiert jedenfalls sehr selten.

Das Konsensprinzip hat aber auch Probleme. Alle Aussagen von mir, die
sich auf praktische Probleme beziehen, basieren einerseits auf selbst ge-
machten Erfahrungen, andererseits auf dem Austausch mit anderen
oder auf Dingen, die ich gelesen habe. Wie immer also. Ich möchte das
nur erwähnen, weil natürlich andere Menschen völlig gegensätzliche
Erfahrungen gemacht haben könnten. Dann wäre ich froh, davon zu er-
fahren.

Probleme in Gruppen

Theoretische Probleme

In Gruppen, die nach dem Konsensprinzip entscheiden, gibt es ein Pro-
blem: Das Konsensprinzip wird zu einem Konsenszwang, weil die
Gruppe ohne Konsens handlungsunfähig wäre. Wie gesagt passiert letz-
teres kaum. Das liegt aber häufiger an sozialem Druck oder faulen
Kompromissen als daran, dass es immer Einigkeit gäbe.

Ein anderes Problem, das auch andere Gruppenentscheidungen betrifft,
ist die Konstruktion einer Gruppenidentität, die dazu nötig ist. Eine
Gruppe kann nicht entscheiden, ohne dass das Individuum ein Stück
weit in der Gruppe aufgeht. Denn sonst gäbe es nur eine Ansammlung
von Individuen, die sich austauschen und entweder eine Einigung fin-
den oder nicht.

Also gibt es Gruppen, die als Gruppe entscheiden und in denen das In-
dividuum ein Stück Individualität zugunsten der Gruppenidentität auf-
gibt. Um diese Gruppen möglichst herrschaftsarm zu gestalten, sollten
die Entscheidungen auf einer Grundlage getroffen werden, der alle Be-
teiligten ohne Zwang zustimmen. Wenn alle sich einig sind, dass die
Gruppe betreffende Entscheidungen über Abstimmungen getroffen
werden, ist das genauso gut, wie wenn alle sich einig sind, dass sie im
Konsens getroffen werden oder sie von Einzelnen getroffen werden
können.

Es lässt sich darüber streiten, ob das noch Anarchie ist. Aber genauso
lässt sich darüber streiten, ob Gruppenidentitäten und kollektive Ent-
scheidungsfindung noch Anarchie sind. Und wenn ich sage "es lässt sich
darüber streiten", meine ich tatsächlich nicht, dass ich dazu schon eine
vorgefasste Meinung habe, sondern dass ich mich über mehr Mei-
nungsaustausch zu solchen "Knackpunkten" freuen würde.

Konsensentscheidungen haben also ein Problem der theoretischen Le-
gitimation, wenn sie nicht bloß als Hilfsmittel, sondern als per se herr-
schaftsfreie Art der Entscheidungsfindung angesehen werden.
Dementsprechend kann das Konsensprinzip nicht zum Dogma erhoben
werden, sondern die Gruppe muss letztendlich selbst abwägen, welche
Art zu entscheiden sie für herrschaftsarm oder in sonstiger Hinsicht für
sinnvoll hält.

Allein gegen alle

Ein Problem in der Praxis ist, dass Konsensentscheidungen eigentlich
gar keine sind. Das erste Problem ist die Praxis des Vetorechts. Eine
Entscheidung wird nicht getroffen, wenn eine Person widerspricht. Das
blockiert im Extremfall nicht nur den Entscheidungsprozess, sondern
eine einzige Person kann der Gruppe ihre Meinung aufzwingen. Und es
gibt auch keine Möglichkeit, das argumentativ abzuschwächen.

Die erste Idee wäre zu definieren, dass der Status Quo eben erhalten
bleibt, wenn es keine neue Entscheidung gibt. Das macht das Konsens-
prinzip konservativ, aber gerecht. Dem Status Quo haben ja alle irgend-
wie zumindest implizit zugestimmt. Aber wieso sollten sich Meinungen
nicht ändern? Oder Meinungen von neuen Gruppenmitgliedern weni-
ger zählen? Wieso sollte ein Veto gegen den bestehenden Zustand we-
niger Gültigkeit haben als eines gegen eine Veränderung? Was, wenn
Veto gegen Veto steht? Dann müsste die Gruppe entweder eine Eini-
gung über ihre Uneinigkeit finden. Zum Beispiel sagen "Da ist unsere
Gruppe uneinig." oder "Zu diesem Punkt brauchen wir als Gruppe keine
gemeinsame Meinung haben." oder wenn das nicht geht, müsste sich die
Gruppe auflösen oder spalten.

Das ist aber extrem unpraktisch und für Teile der Gruppe (oder die ge-
samte Gruppe) oft mit unangenehmen Konsequenzen verbunden. In der
Praxis setzen sich dann einfach die Durchsetzungsstärksten, Konflikt-
freudigsten durch und entscheiden als kleine Minderheit unter sich. Der
Rest hört nur zu und fügt sich, während einzelne Unzufriedene die
Gruppe verlassen. Die Entscheidungen der Gruppe spiegeln jedenfalls
nicht zwangsläufig die Meinung innerhalb der Gruppe oder auch nur
innerhalb einer Mehrheit wieder.

"Eisenärsche" und Gelaber

"Wer die eigene Meinung nicht einbringt, ist selbst schuld." ist eine be-
liebte Antwort, die eigentlich auch nur Ratlosigkeit widerspiegelt, sowie
die Angst, an der Rechtfertigung des als alternativlos angesehenen Kon-
sensprinzips zu wackeln.

Aber ist das in Ordnung? Habe ich nur ein Recht, dass meine Meinung
berücksichtigt wird, wenn ich mich traue sie gegen jeden Widerstand
und sozialen Druck zu verteidigen? (Beides ist teilweise extrem hoch.)
Wenn ich in der Lage bin, meine Gedanken gut strukturiert und über-
zeugend vorzutragen? Wenn ich Zeit, Energie und Lust habe, mich an
jedem Plenum zu beteiligen?

Wenn das so ist, ist das überhaupt nicht emanzipatorisch.
Natürlich kann Freiheit nur in sozialer Interaktion entstehen. Ich muss
meine Meinung kommunizieren, damit sie Gehör findet, alleine schon
aus praktischen Gründen. Aber muss ich das auf die Art und Weise tun,
wie die herrschenden Eliten es mir vorschreiben? Gilt meine Freiheit
nur, solange ich die Kraft zum Kämpfen habe?

Es gibt wahrscheinlich in fast jeder Gruppe sogenannte Eisenärsche. Die
sitzen fünf Stunden im Plenum und diskutieren und fühlen sich dabei
wohl. Und es gibt wahrscheinlich in fast jeder Gruppe Laberer. Die ha-
ben nichts beizutragen, aber reden trotzdem viel, weil sie sich dann bes-
ser fühlen. Sie wiederholen, was andere sagen, sprechen das
Offensichtliche aus, reden oft am Thema vorbei und sorgen dafür, dass
sich die Argumentation im Kreis dreht. Letztere beteiligen sich vor al-
lem an unwichtigen Diskussionen. Es passiert dann häufig, dass in den
ersten Stunden über Nichtigkeiten diskutiert wird, die gar nicht in der
Gruppe entschieden werden müssten, und in der letzten Stunde, wenn
niemand mehr Bock hat, die
Eisenärsche die eigentlichen
Entscheidungen treffen. Da
wäre eine Abstimmung viel-
leicht besser gewesen.

Was darf die Gruppe überhaupt entscheiden?

Diese Frage ist selten klar de-
finiert, beziehungsweise Men-
schen haben unterschiedliche
Ansichten darüber. Wie gesagt,
werden unwichtige Themen
oft ewig lang diskutiert, die
vielleicht gar nicht alle betref-
fen oder interessieren. Oder es
werden für – alle bindend – Entscheidungen getroffen, die einzelne
Mitglieder gar nicht als von der Gruppe entscheidbar ansehen. Ein Veto
wird vielleicht um des lieben Friedens Willen nicht eingelegt oder die
besagten Mitglieder sind vielleicht gar nicht anwesend. Aber weil es ja
ein „Konsens“ ist, den „alle“ mitgetragen haben, sind auch alle zur Ein-
haltung verpflichtet.

Konsens ist nicht das Entscheidende

Worauf ich hinaus will: Die entscheidende Frage in einer Gruppe ist
letztendlich nicht, ob im Konsens entschieden wird oder nicht. Die ent-
scheidende Frage ist, ob alle sich mit der Art der Entscheidungsfindung
wohlfühlen und die Entscheidungen tatsächlich mittragen. Das garan-
tiert das Konsensprinzip nicht zwangsweise, beziehungsweise in der
Praxis auch gerade wegen der hohen Erwartungen schlechter als andere
Entscheidungsverfahren. Bei einem Mehrheitsentscheid ist zumindest
leichter durchschaubar, dass es keinen prinzipiellen Anspruch auf Gül-
tigkeit gibt, sondern die Abstimmung lediglich dem praktischen Be-
dürfnis entspringt, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.

Entsprechend sind Gruppenbildungsprozesse, die Bildung von Vertrau-
en, eine offene und ehrliche Kommunikation und kritische Reflexion
der Gruppenstrukturen wesentlich sinnvoller als „Konsenszwang“.

Probleme außerhalb von Gruppen

Das Konsensprinzip wird auch außerhalb von Gruppen als Entschei-
dungsprinzip diskutiert. Wie gesagt: Alle von einer Entscheidung Be-
troffenen müssen die Möglichkeit haben, mitzudiskutieren und ein Veto
einzulegen.

Ein Teil der gerade angesprochenen Probleme innerhalb von Gruppen
überträgt sich auch auf diese allgemeine Situation. Hinzu kommt aller-
dings noch, dass es nahezu unmöglich ist, die Betroffenen zu bestim-
men und dass es manchmal nahezu unmöglich ist, sie alle in die
Entscheidung einzubeziehen. Abgesehen davon, dass das gar nicht im-
mer wünschenswert ist.

Wer ist betroffen?

Die Folgen unserer Handlungen abzuschätzen, ist im Allgemeinen un-
möglich. Klar: wenn ich ein Haus abreiße, um eine Autobahn dorthin
zu bauen, sind die in dem
Haus Wohnenden betroffen.
Aber wer noch? Diverse
Bauunternehmen, Menschen,
die die Autobahn nutzen
wollen, etc. Soweit die direkt
Betroffenen. Was ist aber mit
denen, die wirtschaftlich von
einer höheren Mobilität und
Infrastruktur profitieren? Wer
da dazugehört, ist bereits un-
überschaubar. Aber was ist
erst mit denen, die von den
Auswirkungen auf die Natur
betroffen sind? Das ist schon
so ungefähr die ganze Welt,
inklusive aller Menschen, die jemals geboren werden.

Also, um es anders auszudrücken: Alles, was wir tun hat Einfluss auf
unsere Umwelt und selten sind die Folgen unseres Handelns so be-
grenzt, dass wir sie voll überblicken könnten. Es allen Betroffenen recht
machen zu wollen, ist naiv und schlicht unmöglich. Diese Idee geht von
einer Vorstellung aus, in der es nur Individuen gibt, die prinzipiell alle
für sich leben könnten und erst durch bewusste Übertretung der Gren-
zen anderer mit diesen in Interaktion treten (in gegenseitiger Überein-
stimmung oder ohne). Aber diese Vorstellung entspricht nicht der
Realität. Menschliches Leben ist immer sozial. Ob wir etwas tun oder
nicht tun, hat gleichermaßen immer Einfluss auf andere. Selbst einfach
nichts zu tun oder sogar sich selbst zu töten, sind deshalb nicht frei von
Auswirkungen auf andere Menschen.

Mit 7.000.000.000 Menschen einen Konsens finden

Dazu wäre eine Gleichmacherei nötig, die nicht möglich ist. Und auch
kaum wünschenswert. Menschen sind verschieden. Ihre Einstellungen,
Bedürfnisse, Weltbilder, Wünsche sind unterschiedlich.

Selbst wenn wir versuchen, die Auswirkungen unseres Handelns lokal
zu halten und also nur wenige Menschen betroffen sind, sind es meist
immer noch zu viele, als dass mit allen eine sinnvolle Einigung gefun-
den werden könnte. Ein paar hundert Aktivistis, die ähnliche Ziele ha-
ben: Ok, das geht. Ein paar hunderttausend zufällig in einer Stadt
zusammenlebenden Menschen: Unmöglich.

Ich will es gar nicht allen Recht machen

Wir setzen uns ständig über die Meinung anderer hinweg, wo sie uns
nicht passt. Wenn wir blau machen, passt das unserer*unserem Chef*in
nicht. Wenn wir die soziale Revolution ausrufen, passt das vielen Eigen-
tümer*innen nicht. Wenn wir die Abschaffung von Geschlechterrollen
fordern, passt das vielen Männern nicht. Und wir wollen sie gar nicht
alle überzeugen. Die Rechtmäßigkeit eines Anliegens entsteht nicht erst
durch die Zustimmung aller Betroffenen. Wir sind auch bereit, gegen
den Widerstand anderer zu kämpfen, um das durchzusetzen, was wir
für richtig halten.

Dieses Dilemma wird häufig aufzulösen versucht, indem zwischen
Menschen in Herrschaftsverhältnissen und Menschen auf Augenhöhe
unterschieden wird. Damit löst sich das Dilemma zwar scheinbar vor-
erst auf. Es gibt aber keinerlei logische Begründung dafür, genau an
dieser Stelle die Grenze zu ziehen. Der eigentliche Grund dürfte sein,
auf diese Weise das Konsensprinzip nicht in Frage stellen zu müssen.
Diese Grenze ist aber nicht nur nicht logisch begründbar, sondern löst
das Dilemma auch nur scheinbar auf. Erstens gibt es auch über die Fra-
ge, wer wann in Herrschaftsverhältnissen ist und wer wann auf Au-
genhöhe, keine Einigkeit. Und wieso sollte gerade die Meinung anderer
Betroffener hier weniger zählen als meine? Im Extremfall fühlen sich
beide Seiten von der anderen unterdrückt – auch in der Realität zu be-
obachten – das Konsensprinzip wird dann halt auch wieder ignoriert,
nur dass es niemand zugibt.

Zweitens ist es auch auf Augenhöhe nicht immer wünschenswert es al-
len recht zu machen. Es kann eben nicht immer zu einer Einigung ge-
funden werden. Und wie gesagt gibt es so etwas wie eine neutrale
Passivität nicht. Manchen Situationen ist inhärent, dass jeder mögliche
Ausgang bedeutet, dass sich eine Partei durchsetzt. Und was passiert
dann? Das Anarchistx gibt nach?
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