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(de) Gai Dao N°80 - Hamburg Anfang Juli – verspätet campen, tan­zen, vernetzen, demonstrieren, protestieren und die Entfaltung der bürgerlichen Hetzjagd Von: Jens Störfried

Date Thu, 31 Aug 2017 08:28:30 +0300


Wie ein linkes Gathering für die Legitimation und den Ausbau des Polizeistaates instrumentalisiert wurde ---- Der Autor hatte ohnehin vor aus Interesse, Gewohnheit und dem Bedürfnis nach Protest gegen die internationalisierte Herrschaftsordnung, die unter anderem von den G20-Treffen verkörpert werden, nach Hamburg zu fahren. Schließlich ist es immer spannend, wenn so viele unterschiedliche Einzelpersonen und Gruppen zusammen kommen um auf ganz verschiedene Weisen ihren Protest vorbringen. Diesmal betrachtete er das ganze Spektakel als eine Art Studie, wohl wissend, dass er sich sonst maßlos über sehr vieles aufregen würde. Doch auch mit einer gesunden Distanz gegenüber vielen protestierenden Gruppierungen und dem ganzen Spektakel überhaupt, stellten die Gipfeltage eine emotional äußerst belastende Ausnahmesituation dar. Willkommen im seelischen und körperlichen Gefahrengebiet! Willkommen im Polizeistaat! Der
Bericht ist chronologisch und bewusst
persönlich gehalten. Es werden dabei kei-
ne Informationen preisgegeben, die nicht
ohnehin bekannt sind. Dennoch sollten
sich alle immer wieder genau überlegen,
was sie wem und wie erzählen... Die Fuß-
noten zu den bürgerlichen Medien habe
ich nicht eingefügt, weil ich von ihnen
meine Infos beziehe, sondern um aufzu-
zeigen, wie die Geschehnisse dort aufge-
nommen wurden.

Donnerstag, 29. Juni – Ankommen unter Genoss*innen

Ich wollte ohnehin nach Hamburg fahren. Unter anderem, weil mich
die globalisierungskritische Bewegung damals politisiert hatte und Pro-
teste gegen die Gipfel der Regierenden ein wesentlicher Bestandteil von
ihr bildeten. Nun ergab sich für mich die Gelegenheit im Rahmen der
Veranstaltungsreihe der Anarchistischen Initiative 1 einen Vortrag anzu-
bieten. Nach einer angenehmen Fahrt (bei der ich bewusst keine krimi-
nalisierbaren Gegenstände mitführte) wurde ich freundlich von den
Genoss*innen empfangen und konnte mich schon ein bisschen einfin-
den und austauschen. Abends fand mein Vortrag zu Postanarchismus in
der Kirche in Rahlstedt statt, die im Rahmen eines anarchistischen
Sommerfestes am 4. Juni besetzt worden war. 2 Hat mir insgesamt Freu-
de gemacht. Vielleicht wären ein paar mehr Zuhörer*innen gekommen,
wenn nicht parallel zwei Spontis stattgefunden hätten. Ein wunderbarer
und sehr inspirierender Ort und für mich aus persönlichen Gründen
fast sogar sowas wie berührend. Danke für diesen wunderbaren squat!
Auf dass die Anarch@-Kirche in Rahlstedt noch lange bestehen möge!
(Auch wenn sie unter Druck geraten ist, weil dort in den kommenden
Tagen verschiedene Freunde übernachten sollten).

Freitag, 30. Juni – Schlechtes Wetter, harte Zeiten...

Richtig beschissenes Wetter! Ungelogen regnete es wohl fast 32 Stunden
am Stück volle Kanne. Das war nicht nur Hamburg, sondern Klima-
wandel. Blöderweise drückt mir das immer ziemlich auf die Stimmung
- zumal, wenn die Rückzugsmöglichkeiten auf Reisen nicht so einfach
gegeben sind und einem Vertraute fehlen. Dennoch begab ich mich
wieder nach draußen, traf einen Genossen und besuchte schließlich den
interessanten Vortrag des Anarchist-Black-Cross im Rahmen der Veran-
staltungsreihe. Leute: Gründet ABC-Gruppen, das gibt echt Sinn! 3

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[1] anarchistischeinitiative.blogsport.eu
[2] https://www.taz.de/!5412015/; https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Jugendliche-besetzen-Kirche-in-Hamburg-Rahlstedt,kirche1358.html
[3] https://abcj.blackblogs.org; https://abcdd.org; https://abcrhineland.blackblogs.org

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Gemeinsam gingen wir im Anschluss zur Roten Flora um uns das Kon-
zert von Irié Revoltés anzuhören. Für viele Leute waren sie legendär,
gerade weil sie sich als Teil der Anti-Globalisierungsbewegung verstan-
den. Ihre Musik feiere ich heute gar nicht mehr so sehr, aber die Rolle,
die sie in der Bewegung spielten, indem sie beispielsweise schon vor 10
Jahren für die G8-Gipfelproteste in Heiligendamm mobilisierten und
einen Beitrag zur Politisierung vieler Kids leisteten. Wäre doch super,
wenn wir wieder mal mit hoffnungsvollem und kraftvollem Sound in
die Zukunft blicken und neue Fenster der Emanzipation eröffnen könn-
ten! Doch dieser Tage bin ich aus Gründen eher pessimistisch gestimmt.
Nun gut, vielleicht auch sonst. Im Moment aber leider besonders.

Samstag, 01. Juli – Repressionen ungekannten Ausmaßes kündigen sich an

Immer noch scheiß Wetter am Vormittag, der ganze Hickhack mit den
Camp-Verboten belastet die Organisierenden ziemlich. Das Verfas-
sungsgericht hatte den Aufbau eines Camps erlaubt, die Beauflagung
jedoch der Polizei überlassen, wogegen wiederum vor dem Verwal-
tungsgericht geklagt wurde. Vormittags unterstützte ich jemandem beim
Aufbau von etwas. Nachmittags sprach Andreas Blechschmidt, der An-
melder der autonomen „Welcome-to-hell“-Demonstration, sehr auf-
schlussreich über die bevorstehende und bereits stattfindende
Repression des Polizeistaates gegen die Teilnehmenden der Gipfelpro-
teste wie auch durchschnittlicher Bürger*innen. Neben einer Person des
stalinistischen „Roten Aufbaus“, bei denen zwei Tage zuvor, am 29.06.,
mehrere Hausdurchsuchungen stattgefunden hatten 4 und einer Protest-
Managerin der Interventionistischen Linken, war Blechschmidt eben an
diesem Tag vom Hamburger Verfassungsschutz als einer der Organisa-
tor*innen der Gipfelproteste „geoutet“ worden. 5 Wobei auch Nazis klar
sein dürfte, wer diese Personen sind, weswegen eigentlich weniger von
einem Outing als von einer öffentlichen Anprangerung zu sprechen ist.

Nach der Veranstaltung fanden wir uns mit einigen neu angekommenen
Leuten zusammen und tingelten durch die Stadt, während einige Fahr-
zeuge von Aktivist*innen aus dem Wendland von den Bullen festgehal-
ten wurden. Eigentlich schon relativ müde ließ ich mich dennoch dazu
hinreißen mit einem Gefährten noch das zu machen, was „feiern“ ge-
nannt wird. Grundsätzlich mag ich verschiedene Formen von Musik.
Was ich nicht mag sind hunderte Leute, die sich in Techno-Schuppen
quetschen... So gegen vier Uhr muss ich aufgegeben haben - in weiser
Voraussicht, dass mich die kommenden Tage noch sehr fordern werden.
Außerdem wurde ab diesem Zeitpunkt bereits nach Entenwerder mobi-
lisiert um einen Ausweichort für das verbotene Camp im Stadtpark an-
zupeilen...

Sonntag, 02. Juli – Von einem rechtmäßigen Camp, das einfach nur
demokratisch sein wollte und platt gemacht wurde

Mehr oder weniger fit, jedoch immerhin wach, machte ich mich zum
„Elbpark Entenwerder“ auf, in dem das Camp nun errichtet werden
sollte. 6 Um ehrlich zu sein ist der Park strategisch ziemlich scheiße ge-
legen, da er sehr leicht kontrolliert und komplett dicht gemacht werden
kann. Gleichzeitig verstehe ich die Leute der Camp-Orga auf ihr demo-
kratisches Recht zu beharren ein Protestcamp zu errichten. 7 Offensicht-
lich hatten die Bullen für diesen Ort kein Konzept zur Repression
ausgearbeitet. Aus diesem Grund ließen sie kurzerhand niemanden in
den Park, sodass eine Dauer-Kundgebung auf dem Deich davor errich-
tet wurde. Verständlicherweise war die Situation für alle Beteiligten
äußerst unklar.

Weil wir am Nachmittag einer anderen spezifischen politischen (aber
öffentlichen) Veranstaltung beigewohnt hatten, wurden bei Genoss*in-
nen und mir an einer S-Bahn-Station eine Personalienkontrolle durch-
geführt. Diese verweigerten wir zunächst, woraufhin die Bahn am
Losfahren gehindert und wir von ca. 18 Bullen auf den Bahnsteig be-
fördert wurden, damit sie ihre sogenannte „Maßnahme“ durchführen
konnten. Hierbei handelte es sich höchstwahrscheinlich um die Erhe-
bung der Daten von Personen, die der Staatsschutz einem „bestimmten“
politischen Spektrum zuordnet und somit um die Kriminalisierung un-
serer politischen Gesinnung sowie der gezielten Überwachung von Per-
sonen, welche dieser zugeordnet werden. Dass ich meine Personalien in
Hamburg lassen würde, war mir klar, als ich mich entschied, in das Ge-
fahrengebiet zu kommen. Ebenso, dass mein Gesicht in zahlreichen Ka-
meraaufnahmen dokumentiert und aus verschiedenen
Gründen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch iden-
tifiziert werden würde. Aus politischen Gründen – ohne
das, was sie „Straftat“ nennen, begangen zu haben - von
Zivis verfolgt zu werden hatte ich zuvor jedoch nicht in
Erwägung gezogen...

Wieder zurück auf der Deich-Kundgebung plenierte die
Vollversammlung der Roten Flora in einem Zelt. Ganz
gut organisiert soweit. Auch die Stimmung der Versam-
melten empfand ich insgesamt als angenehm. Neben all-
gemeinen Informationen zur aktuellen Lage und einem
Bericht der Camp-Orga wurde ausgiebig der Vorschlag diskutiert, der
Stadt ein Ultimatum zu stellen. Gefordert wurde ein legales Camp in
vollem Umfang (d.h. mit Übernachtungsmöglichkeiten und allem was
sonst dazugehört, ganz selbstverständlich eben) zu ermöglichen und
ansonsten mit der unkalkulierbaren Besetzung verschiedenster Parks
gedroht. Schließlich wurde als Zeitpunkt des Ultimatums Dienstag, 10
Uhr beschlossen und kommuniziert. 8 Gegen Ende des Plenums brach
Jubel bei des Versammelten aus, denn die Bullen waren zur Seite ge-
rückt und der Park durfte nun betreten werden. Das Verwaltungsgericht
hatte entschieden, dass das Camp im vollem Umfang und an dieser
Stelle rechtmäßig ist. Sofort wiesen Einzelne darauf hin, dass wir schon
die ganzen Wochen über permanent verarscht wurden und dieses Zu-
geständnis unseres Rechts durch die Obrigkeit nicht zu voreilig feiern
sollten. Und letztendlich stellte sich diese Skepsis als richtig heraus. Im
Nachhinein bin ich der Ansicht, die Bullen planten schon zum Zeit-
punkt, als sie die Leute auf das Gelände ließen, den Angriff auf das ent-
stehende Camp. Aufgestellt wurden von uns sage und schreibe neun
oder zehn kleine Zelte. Ein ironischer Witz, ein zaghaftes Symbol, je-
doch in keiner Hinsicht ein Protestcamp.

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[4] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1055749.hausdurchsuchung-wegen-g-interview-in-hamburg.html
[5] http://www.mopo.de/hamburg/g20/ungewoehnliche-aktion-vor-g20-geheimdienst-prangert-diese-radikalen-an-27900808; https://www.taz.de/!5422562
[6] https://g20camp.noblogs.org/
[7] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/g20-gipfel-was-ist-erlaubt-im-protestcamp-in-entenwerder-a-1155696.html
[8] http://www.rp-online.de/politik/deutschland/g20-gegner-stellen-ultimatum-aid-1.6925095; https://g20tohell.blackblogs.org/2017/07/03/antig20-camp-in-hamburg-durchzusetzen/

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Der Angriff der Bullen erfolgte bei beginnender Dunkelheit. Vielleicht
400 Cops besetzten den angemeldeten Platz mit der Ansage, sie würden
das Aufstellen von Übernachtungszelten nicht zulassen, sondern ledig-
lich 10 Workshop-Zelte genehmigen, in denen nicht übernachtet werden
dürfte. Wir waren um die 200 Personen. So beschissen sie oft berichten,
waren zahlreiche Presse-
vertreter*innen anwesend
und unser Schutz, da die
Bullen uns sonst mögli-
cherweise komplett ver-
prügelt hätten. Zur
Anwendung direkter Ge-
walt kam es auch so. Am
gewaltsamsten empfand
ich jedoch dieses miese
Vorgehen, wie es die gan-
zen letzten Wochen prak-
tiziert war – immer ein
kleines Stückchen Hoff-
nung aufkeimen zu lassen
und es dann brutal und
erbarmungslos zu zertre-
ten. Nachdem der Schock überwunden, die Zelte geraubt waren und
wir uns wieder sortiert hatten, verließen viele von uns den Stadtteil Ro-
thenburgsort um am nächsten Tag weiter zu sehen, wo wir Unterkünfte
für die in den nächsten Tagen ankommenden Protestierenden eröffnen
könnten...

Montag, 03.07. - Zwischen Pläne schmieden und sich Treibenlassen

Die erfahrene Gewalt und der dreiste Rechtsbruch der Bullen machten
mich wieder einmal nachdenklich darüber, inwiefern es überhaupt Sinn
ergibt, im rechtsstaatlichen Rahmen zu agieren. Auf jeden Fall scheue
ich mich vor zu einfachen Antworten. Auf Grundrechte zu scheißen
halte ich sowohl für dumm und gefährlich, als auch selbst für anarchis-
tische Politik für nicht zielführend. Andererseits erfuhren wir hier, wie
die Polizei selbst fortwährend das Recht bricht und darauf scheißt, was
ein Verfassungsgericht oder Verwaltungsgericht urteilt. Den Um-
kehrschluss, auch vieler Bewegungslinker vor Ort, wir müssten deswe-
gen einfordern, dass die Cops sich an ihre eigenen Gesetze halten, sehe
ich wiederum als falsch an, weil er den Irrglauben nährt, Gerichtsurteile
wären gerecht. In den meisten Fällen richten sie sich jedoch erfah-
rungsgemäß gegen uns... Darüber hinaus machte ich mir Gedanken
darüber, inwiefern das Vorgehen der Bullen dazu führen würde, dass
sich tatsächlich viele Menschen davon abhalten lassen würden, nach
Hamburg zu kommen, weil sie einerseits – zurecht! – die massive Poli-
zeigewalt fürchteten und andererseits möglicherweise nicht wussten,
wo sie pennen sollten. Dabei dachte ich logischerweise auch an Perso-
nen, die ich aus meiner Stadt kannte.

In der letzten Nacht war ich selbst spontan mit einigen Leuten an einem
anderen Ort als zuvor untergekommen, wo ich mich sehr wohl fühlte
unter fast unbekannten, aber politisch nahen Personen... Spontan
machte ich mich jedoch mit einigen Leuten aus einem anderen Land
wieder auf in die Stadt und hing mit ihnen ab. Auch wenn ich es immer
wieder anstrengend finde, liebe ich diese Begegnungen mit ganz Unbe-
kannten, mit denen ich mich aber in politischer Hinsicht auf einer Wel-
lenlänge sehe... Nachdem wir eine Weile unterwegs waren, trennten
sich unsere Wege wieder. Auf meinem Weg an einen anderen Ort, wo
ich mir noch einen Teil inhaltliche Arbeit vorgenommen hatte, sprach
ich eine andere nette Per-
son an, mit der ich dann
zwei-drei Stunden plau-
derte. Noch war der Aus-
nahmezustand nicht
wirklich zur Regel gewor-
den... Abends hatte ich
wie gesagt noch was In-
haltliches zu tun und
strandete – wieder etwas
kraftlos – an dem Ort, wo
ich dies tat. Dass ich hier
die ganzen nächsten Tage
bleiben würde, hatte ich
weder geplant noch konn-
te ich es zu diesem Zeit-
punkt erahnen.

Dienstag, 04.07. - Camp-Besetzungen, Hard Cornern, neue Leute

Mich stresste, dass ich noch einigen, ganz banalen Kram zu tun hatte.
Mit einem Genossen auf dem Weg durch die Stadt traf ich dann zufällig
zwei Freunde, die gestern angekommen waren. Wiederum ahnte ich
nicht, dass wir in den kommenden Tagen viel miteinander unterwegs
und in Aktion sein würden. Den Spagat zwischen Pläne machen und
Spontaneität finde ich oft nicht einfach zu bewerkstelligen. In diesem
Zusammenhang gelang er mir aber, glaube ich, ganz gut. Nachdem ich
mit den Leuten beim tollen, seit 30 Jahren selbst verwalteten, Café
Knallhart 9 abhing, holte ich meinen Kram von meinem früheren Penn-
platz um ihn zu meinem neuen zu bringen. Bei diesem trafen wir uns
wieder und ich ging mit den beiden an einem anderen Ort ein Paket
abholen, was wir gebrauchen konnten und fortan mit uns führten. Un-
nötigerweise in Eile machten wir uns auf zum „Hard Cornern“, einer
Art "Reclaim the Streets"-Aktion, aber irgendwie neuartig. In der Nähe
vom geräumten KoZe cornerten einige Leute ganz friedlich vor sich
hin, was wirklich sehr entspannt aussah.

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[9] http://knallhart.blogsport.de/
[10] https://linksunten.indymedia.org/de/node/217268
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Nach einer Weile zogen wir jedoch weiter, um die seit dem Vormittag
tolerierte Besetzung der Wendland-Menschen bei der Johanniskirche
aufzusuchen. 10 Dort angekommen stellte sich die Lage als entspannt
heraus. Das war sie jedoch nicht nebenan im Wohlerspark, wo hard ge-
cornert wurde und die Menschen – man möchte es kaum glauben! –
sogar einige Zelte auf der Wiese aufgestellt hatten. Ungefähr fünf oder
sechs waren es, die zum Anlass dienten, die herumstehenden Leute mit
zwei USK-Hundertschaften vor allem mit Pfefferspray anzugreifen und
die Zelte zu klauen. Wir formierten eine Spontandemo, wobei das Ge-
rücht herumging, das Schauspielhaus wäre besetzt oder hätte selbst sei-
ne Türen für Protestierende geöffnet. Keine Selbstverständlichkeit ange-
sichts der Tatsache, dass bei sozialen Zentren und sonstigen öffentlichen
Institutionen Briefe mit der Aussage eingegangen waren, wenn sie Pro-
testierende beherbergten, würden ihnen die Gelder gestrichen werden.
Die Sponti war - wie unter diesen Umständen nachvollziehbar - recht
stressig und verlief sich schnell in Gerenne, weil die Bullen logischer-
weise mit am Start waren. Letztendlich fanden die meisten Beteiligten
sich auf die eine oder andere Weise beim Neuen Pferdemarkt ein, wo
hard weiter gecornert wurde. Weil so viele Personen da waren, mussten
sie verständlicherweise auch auf der Straße stehen. Den Gewaltbereiten
gefiel das nicht und so provozierten sie die Menge immer und immer
wieder, marschierten diese durch, setzen Wasserwerfer ein und so wei-
ter. Ohne die Bullen hätte es - wie so oft - keinerlei Probleme gegeben.
Wir blieben dann fast bis zum Ende bei der Straßenschlacht geringer
Intensität. 11

Mittwoch, 05.07. - Eine mehr oder weniger politische, dafür aber fette, Straßenparty

Was ich vormittags tat weiß ich nicht. Wahrscheinlich war ich wieder
und immer noch sehr angestrengt von den beginnenden Protesten und
der Notwendigkeit, mich erst mal wieder verorten und für die nächsten
Tage sortieren zu müssen. Nachmittags jedenfalls ging ich alleine zur
Demo „Lieber tanz ich als G20“, die deutlich größer war, als ich vermu-
tet hatte und wohl auch die Erwartung der hedonistischen Organisa-
tor*innen weit übertraf. Von 25000 Menschen war die Rede. Ich glaube
wir hatten 6 Lautis am Start, die teilweise echt gute Mugge auflegten.
Wiederum zufällig traf ich dann verschiedene Leute wieder, tauschte
mich ein wenig aus und war überfordert von der schieren Masse an
Menschen. Als problematisch empfand ich den Alkoholkonsum vieler
Personen, da wir uns ja immerhin auf einer Demo im Gefahrengebiet
befanden und die Cops Anlässe suchen würden, um uns anzugreifen.

Tatsächlich verhielten sie sich aber die ganze Demo über friedlich. Zu
fröhlich und glücklich wirkte die große Menge, als dass sie darin eine
Gefahr erblickten. 12 Wahrscheinlich schonten sie aber auch einfach ihre
Kräfte für ihre angekündigte Prügelorgie...

Meiner Meinung nach hätte die Demo inhaltlich wesentlich stärker un-
terfüttert werden müssen. Ich finde eben nicht, dass gute Vibes für sich
selbst sprechen, sondern auch Interpretationen bedürfen. Zum Alterna-
tiv-Gipfel 13 zog mich diesmal jedoch gar nichts hin. Da fehlten mir
wiederum die Vibes. Wenn viele Menschen zusammenkommen um fei-
ernd zu protestieren, finde ich das gut, wünsche mir aber dennoch eine
stärkere politische Ausgestaltung des Ganzen. Dass Leute auch andere
Drogen konsumierten, finde ich aufgrund der Bedrohungslage äußerst
problematisch. Meinetwegen können sie dies das ganze Jahr über tun,
aber warum muss das auf einer politischen Aktion sein? Die Vermi-
schung zwischen Feierkultur und politischem Protest fand ich insge-
samt während der Tage in Hamburg kritikwürdig, unverantwortlich bis
direkt ekelhaft. Dennoch fand ich das Motto der Kampagne „Allesallen“
super, weil gut auf den Punkt gebracht. 14 Die Demo endete in der Nähe
des Gängeviertels, wohin sich viele Teilnehmenden begaben. Andere
hingen noch länger auf der Straße herum und verschiedentlich kam es
noch zu Provokationen durch die Polizei. Leider hatte ich auch noch
mal Probleme mit denen. Um Haaresbreite wäre ich unter einem Vor-
wand in die GeSa gekommen oder hätte einen Platzverweis kassiert.
Doch ich hatte Glück im Unglück und konnte mich zurückziehen...


Donnerstag, 06.07. - Als die Bullen den Tod von Personen billigend in Kauf nahmen

Im Vorfeld der „Welcome-to-hell“-Demo 15 , an welcher ich selbstver-
ständlich teilnehmen wollte, traf ich mich mit einigen Genoss*innen um
mich mit ihnen auszutauschen. Wir gingen dann gemein-
sam auf den Fischmarkt – erstaunlicherweise ohne in eine
Kontrolle zu geraten. Dort schloss ich mich wieder meiner
Bezugsgruppe an und machte etwas Propaganda. Schließ-
lich formierte sich gegen 19 Uhr die Demo und nahm or-
dentlich am Anfang der Hafenstraße Aufstellung –
ordentlich vermummt einige, denn immerhin galt es die
Persönlichkeitsrechte zu schützen, wenn mit derart brutaler
Überwachung und Repression zu rechnen ist. Logischer-
weise kann ich kaum nachvollziehen, wie jede einzelne
Person oder jede Gruppe zur Forderung der Bullen stand,
dass die Vermummung abgelegt werden soll. Ich hielt es je-
doch durchaus für möglich, dass wir ganz normal hätten
losziehen können und sie auch einige nach den Verhand-
lungen zwischen Anmelder*innen und Versammlungsbe-
hörde abgelegt hätten, wenn gleichfalls das Bullenaufgebot
abgezogen wäre. Der Angriff auf uns war jedoch geplant
gewesen, wofür auch seine minutiöse Durchführung
sprach. 16 Ohne weitere Vorwarnung griffen sie uns von
verschiedenen Seiten massiv an und lösten eine Massenpanik bei den
fliehenden Menschen aus, die versuchten sich auf die Flutmauer zu ret-
ten. Dort ging die Hetzjagd jedoch weiter, weil von verschiedenen Sei-
ten immer und immer wieder umgerannt, geschlagen und gepfeffert
wurde. Selbst auf dem Platz Richtung Elbe, wo uns der Heli komplett
abfilmte, war niemand sicher. Viele Personen wurden verletzt. Auch auf
dem ganzen Fischmarkt wurde aufgeräumt. 17 Die psychischen Folgen
dieser Polizeigewalt werden aber weit schwerer wiegen als Prellungen,
Schürfwunden, Verätzungen und Knochenbrüche...

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[11] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-07/g20-gipfel-hamburg-raeumung-polizei-camp; http://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Hamburg-wappnet-sich-gegen-linke-Krawalle-
article19921397.html
[12] http://www.faz.net/aktuell/g-20-gipfel/demo-lieber-tanz-ich-als-g20-in-hamburg-verlaeuft-friedlich-15093446.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
[13] http://solidarity-summit.org/
[14] https://www.allesallen.info/
[15] https://g20tohell.blackblogs.org/
[16] https://www.freitag.de/autoren/ckammenhuber/g20-tagebuch-welcome-to-hell
---------------------------------------------

Glücklicherweise fand ich meine Leute wieder und auch wenn es noch
lange dauerte, beruhigte sich die Lage schließlich irgendwann. Drei-
hundert Meter weiter vorne konnten wir irgendwann später eine Spon-
tandemo starten beziehungsweise wurden wir von dieser eingesammelt.
Sie fand auf der zuvor angemeldeten Route statt, war relativ unorgani-
siert, aber kraftvoll und ausdrucksstark. Hier spürte ich, was die Men-
schen auf die Straße brachte, - dass ihre Frustration gegenüber der
herrschenden Politik, verkörpert unter anderem in den G20, mit ihrer
Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden war, von der sie nicht ablas-
sen wollten. Zu tausenden liefen wir und riefen leidenschaftlich die
Slogans, welche unseren Zorn und unsere Sehnsucht zum Ausdruck
brachten. Dies wurde eine Weile von der Obrigkeit gewährt. An der
Kreuzung Max-Brauer-Allee und Schulterblatt, wurde von der Demo
jedoch wiederum der allervorderste Teil mit den Anmelder*innen abge-
trennt und der ganze Rest erneut massiv angegriffen. Es war kein Zu-
fall, dass uns die Polizeistrategie eben an zwei bedeutenden Punkten der
linken Szene zerschlagen wollte – der Hafenstraße und am Schulter-
blatt. Ziel war es offensichtlich, die linke Szene in ihrem Stammgebiet
zu besiegen... Letztendlich ging es der Polizeiführung darum, ihr ein
kollektives Trauma zuzufügen.

Was folgte waren widerliche Scharmützel an dieser Stelle und wir wur-
den Zeug*innen vielerlei Gewalttaten der Bullen, bis wir schließlich,
völlig ausgebrannt von der erfahrenen Gewalt, gehen wollten. Doch die
Nacht hatte noch kein Ende für uns, sondern wir sahen uns genötigt
noch beim Feuer vor der Flora vorbei zu schauen. Viele Personen waren
schrecklich alkoholisiert und unverantwortlich. Dass bisschen Feuer
machte mir keine Angst, aber die Stumpfsinnigkeit dahinter widerten
mich an und machte mich sauer. Denn was folgte war logischerweise -
nachdem die Presse ihre Fotos geschossen hatte - der erneute Polizeian-
griff. Auch dies überstanden und enorm frustriert stießen wir auf dem
Heimweg noch auf die nächtliche Kundgebung auf der Kreuzung Va-
lentinskamp/Caffamacherreihe, welche die Absurdität der gesamten Si-
tuation, dieses scheiß G20-Gipfels und der zu seiner Durchführung
offenbar als erforderlich erachteten Polizeigewalt auf dadaistische Wei-
se ziemlich gut zum Ausdruck brachte... Das an diesem Tag niemand
ums Leben gekommen war, war nicht selbstverständlich. Jedenfalls
hatte sich die Pressevertretung der Bullen sich auch auf diesen Fall vor-
bereitet.

Freitag, 07.07. - Ein gelungener Aktionstag und eine grauenvolle Nacht

Verständlicherweise konnten wir uns aufgrund unserer Arbeitszeiten an
den morgendlichen Aktionen schlecht beteiligen. Stattdessen schliefen
wir einige Stunden, bevor wir uns wieder auf das Schlachtfeld wagten
und zur Versammlung für die zweite Welle von „colour the red zone“
hinzustießen. 18 Von Haus aus Massenaktionen nicht abgeneigt habe ich
diese aber inzwischen eher hinter mich gebracht. Ich halte sie für weni-
ger sinnvoll und bin auch erst recht kein Fan von der Interventionisti-
schen Linken und anderen Großorganisationen, bei denen ich sowohl
deren Organisationsform als auch ihre Ideologie und ihr Selbstver-
ständnis kritisiere. Wir hatten aber dort zu tun und trafen sogleich wie-
der verschiedene Bekannte, die schon seit den Morgenstunden auf den
Beinen waren. Die Aktionen am Morgen von der IL und die Hafenblo-
ckade von umsGanze liefen wohl insgesamt recht gut. 19 Außerdem hat-
te es eine militante Aktion in Altona gegeben, die zu großem Aufschrei
führte. Es dauerte recht lang bis sich die zähe Masse in Bewegung setz-
te, dann gewann sie allerdings doch einiges an Dynamik mit dem Ziel
zur Elbphilharmonie durchzudringen und diese zu blockieren. Es kam
zu einigem Gerangel an verschiedenen Stellen um die Landungsbrücken
herum, wobei ich nur Ausschnitte mitbekam, aber immerhin einen of-
fensiven Durchbruchsversuch unsererseits mit ansehen konnte. Aus
Gründen musste sich meine Bezugsgruppe jedoch zurückziehen und
irrte nun teilweise in ruhigeren Gegenden herum, wo wir allerdings
zufällig der Blockade eines kleinen Konvois für die Gipfelversorgung
begegneten, was uns sehr erfreute. Es geschah so dies und das und die
Zeit verging. Wir stießen auch auf die Reste der Kundgebung von „Ju-
gend gegen G20“ 20 auf der Ludwig-Erhard-Straße, die gerade noch mit
Wasserwerfern aufgerieben wurden. Dann machten wir Pause.

-----------------------------------------------------------
[17] http://www.graswurzel.tv/v304.html
[18] http://www.blockg20.org/
[19] https://umsganze.org/die-logistik-des-kapitals-lahmlegen/
[20] http://jugendgegeng20.de/
--------------------------------------------------

Überhaupt war mein Zeitgefühl seit den ersten Tagen in Hamburg völ-
lig aus dem Ruder gelaufen. Keineswegs weil ich davon Fan war, son-
dern wegen Dingen-zu-tun, wollten wir zur Stalino-Demo „G20
entern“. Als wir den Ort an der Reeperbahn erreichten, erfuhren wir al-
lerdings, dass diese aus uns unbekannten Gründen abgesagt worden
war. Entweder hatten die Organisator*innen – zurecht – Angst vor der
sie betreffenden Polizeigewalt oder ihr Klientel war vom Kiez doch
hauptsächlich in andere Stadtviertel abgewandert, wo es zu diesem
Zeitpunkt wohl wieder kleinere Auseinandersetzungen gab. Auf der
Reeperbahn war eher eine lethargische Stimmung eingetreten. Dennoch
saßen überall auch Leute rum, die Willens waren noch was zu machen.
Deswegen freute es mich ungemein, dass wir in der Lage waren mit ei-
ner Samba-Band aus dieser desorganisierten Lage heraus noch eine
Sponti um die Feiermeile herum zu machen Um die 400 Menschen mö-
gen sich ihr angeschlossen haben, um die Straße tatsächlich zu ihrer zu
machen und mit ihren Inhalten zu füllen. Für einen Moment kaperten
wir sozusagen das abgesagte tiefrote „G20-entern“ 21 durch eine sponta-
ne Aktion mit stark anarchistischen Zügen. Gleichwohl empfand ich
auch eine starke Solidarität mit allen Protestierenden, deren Zusam-
menhalt mir - zumindest im Angesicht der bis hierher erlebten Repres-
sion und Gewalt - als ein ethisches Gebot der Stunde erschien.

Dies konnte ich zu späterer Zeit beileibe nicht mehr behaupten. Wir be-
gaben uns wieder in die Schanze, passierten eine langwierige Auseinan-
dersetzung am Neuen Pferdemarkt, wo Leute bescheuerterweise völlig
unvermummt Flaschen auf Wasserwerfer warfen. Weiter getrieben be-
gegneten wir dem beängstigenden und fragwürdigen Treiben auf dem
Schulterblatt und um die Flora herum. Vielfach stark alkoholisiert oder
sonst auf Drogen starrte ein Haufen Macker irre geworden in die Feuer
und fütterten diese mit allen möglichen umher liegenden Gegenständen
wie auch Deosprays und Fahrrädern. Mit Sicherheit waren unter der
wahnsinnig gewordenen Meute auch zahlreiche Polizei-Provokateure,
möglicherweise auch Faschos und Hools. Selbstverständlich gab es auch
gezielte und gut organisierte militante Aktionen, gegen die ich mich
keineswegs wenden möchte. Doch das entfaltete Chaos wirft vielerlei
Fragen auf, die ich momentan nicht zu beantworten in der Lage bin. Ei-
ne temporär autonome Zone ist jedenfalls mit Sicherheit etwas anderes,
bedeutet Autonomie doch Selbstgesetzgebung.

Ein gemeinsames Moment der Selbstbestimmung war in dem allgemei-
nen Wahnsinn jedoch nicht vorhanden. Vielmehr offenbarte sich die
ganze Widerlichkeit von den Herrschaftsverhältnissen zugerichteter
vereinzelter Individuen, die ihren Frust, ihren Hass entladen konnten
und dabei tatsächlich das eigene Viertel in Schutt und Asche legten.
Beziehungsweise war es eben nicht das eigene, sondern ein anderes.
Gesehen habe ich Personen, die völlig unverantwortlich sich selbst und
andere enorm gefährdeten ohne jedoch ansatzweise dazu beizutragen,
die gewonnene Freiwerdung gegen die Cops zu verteidigen. Gesehen
habe ich sinnlose Zerstörung, die nichts mit vernünftiger Militanz zu
tun hat. Verstanden habe ich, dass die Bullen entgegen ihrer sonstigen
Gewohnheit so lange nicht eingriffen, weil sie eben jene Bilder zur
Rechtfertigung ihrer bisherigen Gewaltausübung und ihrer künftigen
Aufrüstung entstehen lassen wollten. Die Einsatzleitung der Bullen
wollte die Eskalation bis zum Entsenden der SEK-Truppen zuspitzen,
um behaupten zu können, es hätte eine neue Stufe der Gewalt gegeben,
der sie nicht Herr geworden wären. 22 Deswegen wäre eine Ausräuche-
rung von „Rückzugsräumen der autonomen Szene“ notwendig, ebenso
wie eine europäische Extremist*innendatei, die Anschaffung neuer
Waffen, der Verschärfung des Strafgesetzbuches, des Einsatzes der Bun-
deswehr im Inneren, sowie insgesamt eine Aufstockung des Etats des
Staats im Staate. Dies im Hinterkopf, wurde ich – abgesehen von der
Angst, die ich und meine Gefährt*innen hatten – von großer Traurig-
keit erfüllt, wissend, dass unseren Vorstellungen der Anarchie auch
diesmal wieder keine Legitimation zu Teil geworden ist... Niederge-
schlagen und bedrückt sahen wir nach der Erfüllung unserer Aufgaben
zu, dass wir diesen Ort des kalkulierten Ausnahmezustandes verlie-
ßen...

Samstag, 08.07. - Und alles marschiert mit im großen linken Sam-
melbecken

Verstört und fertig vom Erlebten entschied ich mich nachmittags doch
spontan dazu die Großdemo „Globale Solidarität statt G20“ anzuschau-
en. Unterstützen wollte ich dieses skurrile Sammelsurium, diese Volks-
gemeinschaft der Linken mit Sicherheit nicht, auch wenn ich mich dem
einen oder anderen Block im vorderen Teil von der politischen Position
her durchaus hätte anschließen können. Doch was nutzte eine anar-
chistische Position unter all dem anderen Kram, der da rumwanderte?
Warum wurde überhaupt eine zentrale Großdemo organisiert anstatt
fünf bis zwölf kleinere, bei denen sich immer noch genug Menschen
versammelt hätten? Es ging nun mal darum, Leute zu zählen; darum,
herauszufinden, wie stark „wir“ denn momentan sind. Doch in dieses
„Wir“ möchte ich mich nicht einordnen, wo die Linksjugend.solid
Hamburg mit dem eindeutig antisemitischen Symbol einer Krake mit
Dollarzeichen herumläuft und darüber hinaus zur Denunziation von
militanten Aktivist*innen/Krawallmacher*innen aufruft bzw. sich selbst
dafür anbietet. 23 Und mit den Stalinist*innen habe ich mit Sicherheit
nichts gemein. Kläglich sah der Block der Piraten-Partei aus, der so we-
nige Leute zog, dass mensch einfach Mitleid haben musste. Da waren
selbst die verschiedensten maoistischen und alt-kommunistischen
Splittergruppen noch besser vertreten. Der Block der Friedensbewegten
gruselte mich ebenfalls, wie auch ein Arschloch, dass ein Schild hielt
mit der Aufschrift „Danke den Einsatzkräften“. 24 Da hätte ich fast kot-
zen müssen. Doch ich war zu kraftlos, zu überfordert und zu frustriert,
um hier irgendwas irgendwie noch anzumerken. Korrekt war, dass die
Linkspartei nicht versuchte, die Demo zu dominieren, auch wenn sie
von einem ihrer Mitglieder angemeldet worden war. Grüne und SPD-
ler*innen waren zum Glück gar nicht vertreten, da ihre Regierungspar-
teien zu einer lächerlichen Spaltungsdemo mit dem nichts sagenden
Motto „Hamburg zeigt Haltung“ aufgerufen hatten. Später griffen die
Cops noch einen antiimperialistischen Block an. Vorwand war wieder-
um Vermummung. Schikane kennt keine Grenzen und alle bekommen
ihr Fett weg.

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[21] http://g20-entern.org/2017/06/aufruf-demo/
[22] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/g20-sek-einsatz-im-schanzenviertel-dann-herrschte-absolute-stille-a-1157522.html
[23] https://linksunten.indymedia.org/de/node/217697
[24] https://linksunten.indymedia.org/en/node/218193Gai Dào
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Am Abend war ich - obwohl ich mir eigentlich geschworen hatte, den
Ort nie wieder aufzusuchen -, wieder in der Schanze unterwegs und be-
gleitete eine kleine Samba-Aktion. Anschließend taumelte ich noch lan-
ge durch die Stadt, weil alle S-Bahn-Stationen geschlossen worden
waren und entschloss mich, keiner der Auseinandersetzungen mehr
beizuwohnen, zumal ich alleine
unterwegs war. Auf dem Rück-
weg traf ich jedoch noch einen
Bekannten und wir tauschten
uns noch eine Weile aus, wobei
mich gegen Ende der Gipfel-
proteste gerade die Sicht der
Hamburger*innen auf dieses
ganze Spektakel interessierte...

Sonntag, 09.07. - Zum Abschied: Solidarität mit allen Gefangenen! Und einige Schlussgedanken

Wie es sich gehört hatte ich mir vorgenommen, mich zum Ab-
schluss noch mit den um die 184 GeSa-Insassen zu solidarisieren und
zur Anti-Knast-Demo „Nobody forgotten, nothing forgiven“ im Stadt-
teil Harburg zu gehen. 25 Das gehört einfach dazu. Aus bestimmten
Gründen musste ich die Demo schon eher verlassen und erfuhr später,
dass sie noch härter schikaniert wurde und einige Leute dort ihre Per-
sonalien abgeben mussten...

Vieles konnte ich nicht gut heißen und an vielem in diesen Tagen ist
ausgiebig Kritik zu üben. Dennoch geht die widerlichste und brutalste
Gewalt immer vom Staat aus, wird Gewalt insgesamt verstaatlicht, weil
die Staatsgewalt keine neben sich duldet. Aus diesem Grund ist es eine
Selbstverständlichkeit für die Freilassung aller Gefangenen zu demons-
trieren. Denn das Unrecht der Regierenden der G20-Staaten steht in
keinem Verhältnis zu der einen oder anderen Sache, die in Hamburg ir-
gendwer angestellt haben mag. Zumal es eben tatsächlich auch nicht
krassere militante Aktionen gab, als zu früheren derartigen Events.
Doch die Vertreter*innen der regierenden Parteien und der rechten Op-
position begannen nun eine Hetzjagd gegen „extremistische gewaltbe-
reite Linksautonome“ zu starten. Ganz klar: Im Vorfeld der
Bundestagswahlen fehlte ihnen ein neuer Sündenbock, um die Krisen-
erscheinungen dieses Systems zu verschleiern. Statt wenigstens über
„soziale Gerechtigkeit“ zu sprechen, geht es nun darum, wer die
schwersten Strafen, die weitgehendsten Überwachungsmaßnahme, dass
härteste Vorgehen der Polizei und die grundlegendste Austrockung der
„links-autonomen Rückzugsräume und ihrer Unterstützer*innen“ for-
dert. Die herrschenden Populist*innen scheuen sich dabei nicht ausgie-
big Nazi-Vergleiche zu verwenden und den auf ein Stadtviertel
begrenzten, durchschnittlichen riot, mit der Welle der faschistischen
und rassistischen Brandanschlägen und Überfällen der letzten Jahre
gleichzusetzen.

Die Proteste in Hamburg gegen den G20-Gipfel waren legitim und
sinnvoll. Für die linken Bewegungen im deutschsprachigen Raum und
darüber hinaus waren sie ein bedeutender Moment der Zusammen-
kunft, der Diskussion, der Selbstverortung und Vernetzung. Tausende
Aktivist*innen steckten lange im Vorfeld der Proteste und während der
Chaos-Tage des Polizeistaates in Hamburg Leidenschaft, Energie, Ar-
beitskraft und Geld in die Organisierung und Durchführung dieser plu-
ralen Manifestation. Dass die Angriffe der Polizei dermaßen massiv
und rechtswidrig erfolgen
würden, hatte ich nicht er-
wartet. Ebensowenig wie die
Verschleierung der Polizeige-
walt einerseits und ihre Legi-
timierung andererseits – von
der strukturellen Gewalt in der
Herrschaftsordnung, in der wir
leben, einmal ganz abgesehen.
So oder so wird sich Hamburg
Anfang Juli 2017 in das kollek-
tive Gedächtnis der Bewe-
gungslinken, radikalen Linken
und Autonomen einschreiben.
Wie dies geschieht, liegt teil-
weise auch daran, ob es uns
gelingt, die Ereignisse aufzubewahren, differenziert darzustellen und
sinnvoll zu interpretieren. Deswegen habe ich diesen persönlichen Be-
richt geschrieben.

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[25] https://www.g20hamburg.org/de/content/nobody-forgotten-nothing-forgiven-demo-gesa
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