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(de) FdA/IFA: Gai Dao, N°79 ­- Filmkritik zu "Nocturama" von Bertrand Bonello Von: zottel

Date Wed, 12 Jul 2017 08:48:39 +0300


"Nocturama" handelt von einer Gruppe junger Pariser*innen aus verschiedenen sozialen Schichten, die eine Serie Sprengstoffanschläge verüben und sich anschließend in einem Kaufhaus - ein Mitstreiter arbeitet beim dortigen Sicherheitsdienst - über Nacht verstecken. Am Ende werden alle Personen, die sich im Kaufhaus aufhalten, von einem Sonderkommando der Polizei exekutiert. ---- Der Film dreht sich also mal wieder um den "Terror". Bei einem derart gelagertem Streifen rechnet die geübte Filmkonsument*in mit einer Mischung aus Spannung, Aktion und einem voyeuristischen Moralismus. Wie konnten die Kids von nebenan sich derart "radikalisieren" und bei aller berechtigten Kritik unser schönen "offenen Gesellschaft" den Rücken kehren und zu Verbrechern werden?

Nun handelt es sich aber nicht um eine deutsche oder amerikanische,
sondern eine französische Produktion, die an eine weniger
staatstragende Filmtradition anknüpft und immer ein Herz für Outlaws
hatte. Genau das macht den leider in vielen Aspekten schwachen Film
sehenswert. Er will die Welt nicht in ihre Angeln heben, eine runde
Geschichte erzählen, uns mit Moralin die Augen zuschmieren. Eben
darum sei der/die mögliche Zuschauer*in gewarnt: Der Film tut weh
und verzehrt einen innerlich.

Wer sich die Kinokarte leistet, muss sich mit dem Komfort der
bekleckerten Polstersessel begnügen, Bertrand Bonello sorgt ansonsten
für einen maximal unbequemen Abend mit Überlänge. Man wird
"Nocturama" nicht gerecht, wenn man ihm vorwirft, Längen zu haben.
Hier werden Längen zum Stilmittel. Die Protagonist*innen fahren
Metro, holen Pakete ab, wechseln Handys, checken ein, platzieren
Sprengstoff, Sachen laufen nach Plan, andere nicht, irgendwann wird
eine Zielperson erschossen und irgendwann einer der Gruppe. Dabei
gibt es keine filmerische Zuspitzung, kurze Schnitte oder
Filmmusik. Es passiert
einfach. Im zweiten
Teil lässt er sich
entsprechend Zeit für
die Darstellung der
locked-in-Situation
im Konsumtempel, der Dekadenz, der medialen Vermittlung von
Wirklichkeit. Dadurch muss sich die Zuschauer*in auf das Dargebotene
einlassen und die Größe der Trivialität neben der Ungeheuerlichkeit
erzeugt eine Distanzlosigkeit, die schmerzt - besonders am Ende. Der
Staat kommt maskiert, anonym in Form eines
Sondereinsatzkommandos, und tötet gemächlich jede*n Einzelne*n
Schuss für Schuss für Schuss und wir sehen jede*n verrecken in der
Mausefalle auf ihre/seine Art zwischen Widerstand und Kapitulation.
Es erinnert an die Bonnot-Bande oder den Fall der Pariser Commune,
wobei im Kaufhaus von vornherein mehr Exzess, Dekadenz und
Nihilismus als Utopie herrschte.

Leider schafft es "Nocturama" nicht, zu einem zwar ungefälligen, aber
in sich geschlossenen Werk zu werden. So stilsicher er sich traut mit
Längen zu arbeiten, geschlossene Narrative zu zerschlagen und einen
düsteren Nihilismus zu malen, so unfähig ist Bertrand seine Charaktere
zu entwickeln. Diese sollen einen Schnitt durch die Gesellschaft
abbilden, nicht die von unten, keinen Klassenkampf, sondern eine
allgemeine Ablehnung der Realitäten, in denen wir leben, eine
Verwesung von
innen. Er hätte sich
einen Gefallen getan
es dabei zu belassen,
statt diese als
Symbole in die
Geschichte eingeführten
Personen hier und da
wahllos

psychologisch aufzubauen, denn sie bleiben Stereotype. Man muss
beispielsweise nicht sehen, dass "das romantische Liebespaar" tut, was
es tun muss. Dabei fällt dann auch auf, wer Regie bzw. Drehbuch näher
steht und wer eben nicht. So fehlt vor allem das Gespür dafür, den
Quotenmigranten mit Leben zu füllen, aber auch die Frauenrollen
bleiben schwach. Hingegen erhält der Elitestudent so etwas wie eine
eigene Persönlichkeit. So verliert sich der Film im Kaufhausteil in
fragmentarischen Darstellungen der Einzelcharaktere und verkünstelt
sich in extrovertiertem Gehabe und unpassenden Verfremdungen, wie
in einer musicalartigen Szene in der sonst so kühl realistisch gehaltenen Darstellungsweise.

All diese Zeit hätte der Film für wesentlich elementarere Aspekte
nutzen können. Etwa aus welchem Bewusstsein da gehandelt wird, was
die Gruppe bewegt: der Nihilismus in der Zivilisation, die
revolutionären Ansatzpunkte. Bertrand liefert uns da nur in der Mitte
des Films eine kurze Rückblende nach dem Motto: "Ach ja, so haben die
das übrigens geplant und die sind so irgendwie links." Auch hätte die
Gruppe im Kaufhausteil ebenso gut entwickelt werden können, durch
Darstellung von Gruppenprozessen im Kontext des Eingesperrtseins -
ein Thema, das dramaturgisches Potential hat und daher auch den Kern
vieler Werke aus dem Horror- und Psychothriller-Genre bildet.

Die deutsche Kritik kann mit "Nocturama" nichts anfangen. In den
Abgrund, der sich auftut, mag man nicht hinein schauen. Zur
Darstellung von Staat und Gesellschaft fällt kein Wort. Über die
Atmosphäre und den Aufbau lässt sich etwas schreiben,
kulturhistorische Parallelen werden gezogen, Stilmittel beschrieben.
Den Inhalt aber findet man unbefriedigend. Für einen Thriller ist es
nicht spannend genug, für ein Drama zu unmoralisch und nach den IS-
Anschlägen ohnehin überholt. Ein Kritiker findet, Bertrand hätte sich
besser mit Problemen befassen sollen, die die Jugend in Frankreich
wirklich bewegen, wie etwa Arbeitslosigkeit.
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