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(de) FdA/IFA: Gai Dao, N°79 ­- 4-STUNDEN-LIGA - Vierstundentag! * Voller Lohnausgleich! * Vollständige Personalaufstockung! Von: Jürgen Mümken

Date Mon, 10 Jul 2017 08:22:10 +0300


Am 1. Mai riefen die August Spies Brigade und die Anarchistische Aktion und Organisierung (A&O) zum Block der 4-Stunden-Liga auf der 1.-Mai-Demonstration in Kassel auf. An dem antiautoritären Block beteiligten um die 60 Menschen. Die Forderung nach dem 4-Stunden-Tag hat eine historische Vorgeschichte. ---- 1884 beschloss der nordamerikanische "Kongress der föderierten Gewerkschaften und Arbeitervereine" (später "American Federation of Labor") die Forderung nach dem Achtstundentag als zentrales Motiv der künftigen Arbeitskämpfe. Die Verringerung des (meist 10stündigen) Arbeitstages um zwei Stunden erschien den Anarchist*innen als reformistisch, trotzdem unterstützen sie die Kampagne. Die seit 1860 bestehende Forderung sollte am 1. Mai 1886 mit landesweiten Streiks endlich durchgesetzt werden. In Chicago organisierte die "Central Labor Union" am Sonntag vor dem 1. Mai eine Großdemonstration mit rund 25.000 Teilnehmer*innen. Am 1. Mai selbst streikten in den Industriezentren der USA über 300.000 Arbeiter*innen, allein in Chicago legten 40.000 die Arbeit nieder und auf der Straße vereinigten sich 80.000 Demonstrant*innen.

Wenige Tage später, am 4. Mai, fand hier das
bekannt geworden Massaker vom Haymarket statt, bei dem durch eine
von einem bis heute Unbekannten geworfene Bombe ein Polizist ums
Leben kam und in einer folgenden Schießerei 6 Polizisten und 7 oder 8
Arbeiter*innen getötet wurden. In einem anschließenden Schauprozess
wurden sieben Anarchisten zum Tode verurteilt, von denen dann 5
hingerichtet wurden,
darunter der in Friedewald
(Nordhessen) geborene
August Spies (1855-1887).

Jetzt, 131 Jahre später, ist
Zeit für eine weitere radikale
Arbeitszeitverkürzung: den
4-Stunden-Tag bei vollem
Lohnausgleich und
Personalausgleich. Denn
bereits 1967 stellte Rudi
Dutschke fest: Heute
"arbeiten unsere
Arbeiterinnen und Arbeiter
und Angestellten lumpige
vier, fünf Stunden weniger pro Woche. Und das bei einer ungeheuren
Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die
eine wirklich sehr, sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnten,
aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden
Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch
möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewusstlosigkeit - das hat
etwas mit der Länge der Arbeitszeit zu tun - aufrechtzuerhalten."

Sicherlich ist der Vier-Stunden-Tag eine reformistische Forderung - wie
der 8-Stunden-Tag in Chicago -, denn das Ziel bleibt die
Abschaffung/Aufhebung der Lohnsklaverei. Trotzdem ist es auch aus
anarchistischer Perspektive sinnvoll für den 4-Stunden-Tag zu kämpfen:

"Schon damals hatten die Anarchist*innen vor, nach dem 8-Stunden-
Tag den 4-Stunden-Tag erkämpfen zu wollen. Wir schließen uns dieser
Forderung an. Eine Forderung, die wir nicht an die Herrschenden
richten, sondern an uns selbst und an alle, die mitmachen möchten. In
einer befreiten Gesellschaft arbeitet jede*r nach ihren oder seinen
Bedürfnissen und Fähigkeiten, selbstbestimmt, kollektiv, hierarchiefrei,
sicher und sozial. Die heutige Arbeit im kapitalistischen System ist
entfremdet, hierarchisch, fremdbestimmt, prekär, gefährlich, und oft
sinnlos. Nur wenn wir Kapitalismus und Autorität gemeinsam
zerschlagen, kommen wir dem Traum einer befreiten Gesellschaft
näher." (A&O in ihrem Aufruf zum 1. Mai)

Die konkrete Existenz
des Menschen ist aber
nicht die Arbeit (und
auch nicht das
Konsumieren): "Denn
das Leben und die Zeit
des Menschen sind nicht
von Natur aus Arbeit,
sie sind Lust,
Unstetigkeit, Fest, Ruhe,
Bedürfnisse, Zufälle,
Begierden, Gewalttätigkeiten,
Räubereien etc. Und
diese ganze explosive,

augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muß das Kapital in
kontinuierliche und fortlaufend aufdem Markt angebotene Arbeitskraft
transformieren. Das Kapital muß das Leben in Arbeitskraft
synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems der
Beschlagnahme" (Michel Foucault). Die Zeit ist nicht nur ein Feld der
Herrschaft, sondern auch des Kampfes. Holen wir unser das Leben
zurück, verwandeln wir Arbeitszeit wieder in Lebenszeit, über die wir
frei verfügen können, ohne jeden Leistungsgedanken und an irgendeine
Nützlichkeit für das System oder für uns zu denken. Bei dem Vier-
Stunden-Tag geht es aber um mehr als nur weniger zu arbeiten und die
Zurückeroberung des Lebens, deshalb noch mal einen Auszug aus dem
Aufruf der Vier-Stunden-Liga:

"[...]Die 4-Stunden-Liga stellt sich gegen die Vergeudung des Lebens
durch Lohnarbeit. Wir wollen unsere Zeit zurück, wir wollen gelebte
Zeit und ein gutes Leben im Hier und Jetzt! Und zwar für alle! Die 4-
Stunden-Liga fordert eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit, um ein
erfülltes, solidarisches, auf gegenseitigem Respekt beruhendes und
demokratisches Leben zu ermöglichen! Wir fordern den Vierstundentag
bei vollem Lohn- und Personalausgleich! Zahlen muss das Kapital!

[...]Er könnte so schön sein, der technische Fortschritt: Die Plackerei
könnte der Vergangenheit angehören und alle könnten die schönen
Dingen des Lebens genießen. Stattdessen regiert der harte Imperativ der
Zeit: Erlaubt der technische Fortschritt die Produktion von mehr Gütern
in kürzerer Zeit, so ist dies kein Anlass zur Freude, nun weniger
arbeiten zu müssen. Vielmehr entwickelt sich daraus der Zwang für alle
anderen, nun mindestens ebenso effizient zu produzieren. Ein
irrationales System, das zu Überproduktion, Einkommensverlust und
Arbeitslosigkeit führt und uns zu permanenter Anpassung und
Leistungssteigerung drängt.[...]

Der Arbeitsprozess fordert heute unsere persönlichsten
Eigenschaften ein. Flexible Arbeitszeiten, selbstbestimmte
Arbeitsgruppen und Leistungsanreize haben nicht nur das
Ziel, die Organisation der Produktion zu transformieren,
sondern unsere individuellen Bedürfnisse, unsere
Glücksvorstellungen, unsere Kreativität und Autonomie,
mit den Anforderungen der Arbeitswelt zu verschmelzen.
Bereitwillig telefonieren wir dann schon mal beim
Abendessen mit unseren Vorgesetzten wegen des
Dienstplans oder springen aus unserer Freizeit heraus und
für den Betrieb ein, wenn es einen Engpass gibt.

Der Kapitalismus steht derzeit an der Schwelle zur vierten
industriellen Revolution. Nach Mechanisierung,
Industrialisierung und Automatisierung folgt nun die
Digitalisierung. Über»Arbeit 4.0«wird momentan viel
geredet. Es geht um die unternehmerische Utopie der»intelligenten
Fabriken«, eine durch Technikanwendung weitgehend selbstorganisierte
Produktion. Während sich das Kapital neue Wachstumsschübe und
mehr Profite verspricht, wird dies auf der anderen Seite zu einer
weiteren Flexibilisierung und Entgrenzung der Arbeit führen. Erst
jüngst haben die Wirtschaftsverbände wieder zum Angriff auf den
Achtstundentag geblasen. Dabei kann die Nachfrageentwicklung schon
seit Jahrzehnten nicht mehr mit der Steigerung der Produktivkräfte
mithalten. Diese Schere wird immer größer und bedeutet den Verlust
von Arbeitsplätzen. Klimawandel und die Endlichkeit natürlicher
Ressourcen machen zudem deutlich, dass eine Steigerung der
Nachfrageseite zumindest in den reichen Industrieländern auch nicht
erstrebenswert ist, im Gegenteil: hier müssten weniger Rohstoffe und
weniger Energie
verbraucht werden. Die
reichen Industrieländer
müssen unproduktiver
werden, nicht nur aus
ökologischen Gründen,
sondern vor allem auch
um ärmeren Ländern
Räume und Möglichkeiten
zur Entwicklung zu
eröffnen.[...]"

Für den
4-Stunden-Tag,
für die soziale
Revolution!
Es lebe die Anarchie!

https://4hour-league.org/
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