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(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°76 - Anarchismus in Ludwigsburg -­ Bericht einer Veranstaltungsreihe Von: madalton (Libertäres Bündnis Ludwigsburg)

Date Mon, 17 Apr 2017 08:34:33 +0300


Im Februar und März 2017 veranstaltete das Libertäre Bündnis Ludwigsburg, (LB)2, die Veranstaltungsreihe "Was ist Anarchie". Insgesamt sechs Veranstaltungen, eine selbst zusammengestellte Ausstellung sowie eine öffentliche Aktion umfasste diese Reihe. Sie sollte auch Menschen ansprechen, die sich noch nicht mit Anarchismus auseinandergesetzt haben. ---- Los ging es Anfang Februar mit dem Film "Projekt A - eine Reise zu anarchistischen* Projekten in Europa" und der Ausstellungseröffnung "Geschichte des Anarchismus in Ludwigsburg und Umgebung". ---- Der Dokumentarfilm "Projekt A" zeigt anhand selbstorganisierter, anarchistischer Projekte konkrete Versuche der Umsetzung anarchistischer Ideen in die Praxis und lässt Aktivist*innen aus verschiedenen Aktionsfeldern zu Wort kommen. Trotz kritisch anzumerkender Aspekte des Films (siehe z.B. die Rezension in der Gaidao Nr. 63 / März 2016) eignet sich der Film als leichter und facettenreicher Einstieg in den Anarchismus - gerade für Menschen, die sich bisher nicht genauer mit dem Thema Anarchismus befasst haben.

Bevor der Film anfing, wurde die Ausstellung "Geschichte des Anar-
chismus in Ludwigsburg und Umgebung" mit einer Eröffnungsrede
sowie Sekt, Saft und Häppchen eröffnet.

Die Ausstellung wurde vom Libertären Bündnis Ludwigsburg erstellt.
Anhand von Literaturrecherche, Kontakt zu Anarchist*innen aus der
Region, Durchstöbern der alternativen Stadtzeitungen der 1980er Jahre
sowie Erforschung lokaler (Stadt-) Archive oder bundesweiter Anfrage
von Bewegungsarchiven konnten einige historische anarchistische Ak-
tivitäten zusammengetragen werden. Auf 14 Din-A3-Seiten werden
nicht nur anarchistische bzw. anarchosyndikalistische Gruppen und
Aktivitäten in Ludwigsburg dargestellt. Es fand auch ein historisches
Ereignis in der Ludwigsburger Region statt: 1901 wurde bei einem Kon-
gress in Bietigheim und Gablenberg eine der ersten Föderationen anar-
chistischer Gruppen im Deutschen Kaiserreich gegründet (die
"Deutsche Föderation revolutionärer Arbeiter").

Da zu einigen anarchistischen Gruppen/Projekten keine näheren Infor-
mationen gefunden werden konnten, stellt die Ausstellung einen Zwi-
schenstand der Recherchen dar. Sie soll deshalb auch als Mittel dienen,
um mit den Besucher*innen ins Gespräch zu kommen und weitere In-
formationen und Erkenntnisse zusammenzutragen. Dies gelang am
Abend der Ausstellungseröffnung. Mit den ca. 30 Gästen kamen nicht
nur Gespräche zum gezeigten Film oder allgemein zum Thema Anar-
chismus auf. Ein Besucher konnte von einer Ludwigsburger, anarchisti-
schen Gruppe aus den 1980ern berichten, zu der es in der Ausstellung
nur wenig Informationen gab.

Eine Woche später hielten zwei Leute vom Libertären Bündnis Lud-
wigsburg den Vortrag "Einführung in die Idee des Anarchismus" .
Der Vortrag ging weder auf die Geschichte des Anarchismus, noch auf
die verschiedenen Strömungen oder Theoretiker*innen des Anarchis-
mus ein. Stattdessen wurden zunächst die Grundmerkmale Freiheit und
Herrschaftsablehnung erläutert. Es wurden anarchistische Prinzipien
wie Vielfalt (der Gesellschaftsentwürfe, der Revolutionsstrategien etc.),
Ergebnisoffenheit (des Gesellschaftsprozesses), Selbstorganisation sowie
die Umsetzung der Ideale möglichst im Hier und Jetzt dargestellt. Und
es wurden Werkzeuge der Umsetzung einer anarchistischen Gesell-
schaft vermittelt, wie die freie Vereinbarung, gegenseitige Unterstüt-
zung, die Entscheidungsfindung im kleinen Kreis wie auf
überregionaler Ebene. Ein kurzer Blick in die aktuelle Praxis der anar-
chistischen Bewegungen sowie auf ein paar der Kritikpunkte und Her-
ausforderungen einer anarchistischen Gesellschaft kamen ebenfalls zur
Sprache.

Nach dem Vortrag traten die beiden Referent*innen aus ihrer Rolle als
Vortragende heraus und die Vortragssituation wurde zugunsten eines
Diskussions(stuhl)kreises aufgelöst, in dem es keine Expert*innen geben
soll, auf die alle Aufmerksamkeit gerichtet ist, sondern eine möglichst
gleichberechtigte Diskussion zwischen den ca. 40 Anwesenden auf Au-
genhöhe. Dies gelang erstaunlich gut, sodass die Referent*innen in der
Diskussion keinen höheren Redeanteil hatten als jede andere Person im
raum. Sogar die Moderation/Redeleitung wurde im Laufe der Diskussi-
on von einem der Besucher*innen übernommen.

Die über eine Stunde dauernde Diskussion spiegelte die Vielfalt der An-
wesenden wieder: Ein Teil der Diskussion drehte sich um grundlegende
Fragen wie "Warum kam im Vortrag kein einziges Mal der Begriff'De-
mokratie' vor?"; "Gibt es einen Unterschied zwischen 'Kapitalismus' und
'Neoliberalismus'?"; "Wie kann der dargestellte Freiheitsbegriff genauer
gefasst werden und was bedeutet dies für Menschen, die diese Freiheit
nicht umfassend leben wollen?".

Trotz der im Vortrag ausführlich geschilderten Methoden (beispielswei-
se zur Entscheidungsfindung) zeigte die Diskussion, dass für Leute au-
ßerhalb der anarchistischen Szene (schon) der gedankliche Bruch mit
den Mechanismen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung ein großer
Schritt darstellt. So kamen in der Diskussion weiterhin Annahmen zum
Vorschein, dass Entscheidungsprozesse NUR durch Mehrheiten ent-
schieden werden. Für einen Einführungsvortrag, der sich an Nicht-Sze-
nekundige richtet, bedeutet dies, dass das Hauptaugenmerk der
Umsetzung einer anarchisti-
schen Gesellschaftskonzep-
tion noch deutlicher auf die
grundlegende Methodik und
deren Unterschiede zum ak-
tuellen Gesellschaftssystem
gerichtet sein muss (was z.B.
die Entscheidungsfindung
oder die Verankerung des
Prinzips "Gegenseitige Hilfe"
angeht).

Weitere Aspekte der Diskus-
sion waren: Strategien, wie
Menschen für anarchisti-
sche/revolutionäre Ideen ge-
wonnen werden könnten,
anhand der Frage "Soll die
argumentative Kritik der
Verhältnisse (Kapitalismus,
Staat, Nation, Diskriminierungsformen) der Grundstein darstellen oder
können durch eine die Umsetzung der anarchistischen Ideale im Hier
und Jetzt die Menschen tiefgreifender erreicht werden?" Oder "Welche
(anderen) Möglichkeiten gibt es weiterzumachen, wenn die Inhalte des
Vortrags überzeugt haben?"

Der Vortrag "Die 5-Stunden-Woche" war mit ca. 30 Gästen sowie den
anwesenden Veranstaltenden gut besucht. Die Veranstaltung wurde zu-
sammen mit dem Anarchistischen Netzwerk Stuttgart organisiert. (Das
Anarchistische Netzwerk Stuttgart gibt es jetzt seit knapp einem Jahr
und versteht sich als offene Struktur für Anarchist*innen in Stuttgart
und Umgebung).

Eine Woche vor der Veranstaltung organisierte das A-Netz Stuttgart ei-
ne Flyeraktion am Ludwigsburger Bahnhof, an der sich auch das Liber-
täre Bündnis Ludwigsburg beteiligt hat. Es wurden zur morgendlichen
Rushhour zwischen 7 und 10 Uhr Broschüren mit einer Zusammenfas-
sung des Konzepts der "5-Stunden-Woche" sowie Flyer zu den Veran-
staltungsterminen sowie Anarchismus-Einführungsbroschüren an
Passant*innen verteilt, aber auch Kaffee ausgeschenkt. Im Laufe der
Aktion ergaben sich immer wieder spannende Gespräche und es konnte
viel Material verteilt werden.

Am Veranstaltungsabend selbst stellte Darwin Dante in seinem Vortrag
dar, wie in der BRD die Arbeitszeit auf ca. 5 Stunden in der Woche für
alle (arbeitsfähigen) Menschen reduziert werden könnte. Gleichzeitig
verbindet er dadurch anschauliche Kapitalismuskritik mit der Skizzie-
rung eines Weges hin zu einer freieren und gerechteren Gesellschaft.
Denn mit der Umsetzung der "5-Stunden-Woche" würden die Grundla-
gen des Kapitalismus und damit der Kapitalismus selbst wegfallen.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Überproduktionskrise: Die
heutige Wirtschaft produziert so viel, dass Konsumgüter oder Lebens-
mittel in großen Dimensionen vernichtet werden müssen, damit die
Warenpreise "stabil" bleiben. Gleichzeitig existiert eine strukturelle Ar-
beitslosigkeit in Europa, die mittlerweile bei mindestens 10-20% liegt
(inklusive Dunkelziffer). Das bedeutet, dass immer mehr Menschen
vom Arbeitsprozess ausge-
schlossen werden (um nicht
noch mehr Überproduktion
herzustellen). Diese Betrach-
tungen legen eine gleich ver-
teilte Arbeitszeitreduzierung
für alle nahe.

Wie könnte bei gleichem Le-
bensstandard eine "5-Stun-
den-Woche" für alle
umgesetzt werden? Darwin
Dante führt mehrere Mecha-
nismen auf:
-bestimmte Branchen wer-
den nicht mehr gebraucht
(Staatsbeamte, Geld- und
Bankenbranche, Werbebran-
che, Versicherungsbranche,
Militär und Rüstungsindus-
trie etc.). Die aktuell in diesen Branchen arbeitenden Menschen können
umgeschult werden und sich in andere Bereiche einbringen.

-Konsumgüter, die aktuell aufVerschleiß und Kurzlebigkeit ausgerichtet
sind (um einen höheren Konsum und damit mehr Profit zu erwirt-
schaften) werden auf Langlebigkeit produziert (durch Wegfall der Soll-
bruchstellen oder Fertigungstechniken, welche die Lebensdauer
erheblich verlängern). Die verlängerte Lebensdauer der Güter führt zu
geringeren Herstellungszahlen und damit zu weniger Arbeit.

-Umweltschutz und strukturelle Einsparungen: Eine geringere Güter-
produktion erfordert weniger Rohstoffverbrauch und weniger Fabriken;
Wegfall langer Fahrzeiten, Wegfall der Urlaubsindustrie, da mit mehr
Zeit Urlaube anders geplant werden können etc.

-Vollautomatisierung bestimmter Bereiche durch Computer- oder Ro-
botertechnik, sodass weniger Menschen in diesen Bereichen arbeiten
müssen.
-Die Einbeziehung aller arbeitswilligen Menschen, also der aktuell ar-
beitslosen Menschen sowie die größere Gruppe der arbeitswilligen
Rentner*innen und Menschen mit Behinderung.

Die Einführung der "5-Stunden-Woche" würde eine tiefgreifende Ge-
sellschaftsumwälzung darstellen: Arbeit wäre kein Zwang mehr, son-
dern eine sinnvolle Unterbrechung des Müßiggangs.

In der anschließenden Diskussion wurde z.B. die Frage nach reproduk-
tiven Tätigkeiten aufgeworfen. Diese müssen zur "5-Stunden-Woche"
noch hinzugezählt werden, da der Vortrag lediglich auf die Güterpro-
duktion, das Sozial- und Gesundheitswesen sowie die Verteilung Bezug
genommen hat. Ebenso kam die Frage auf, ob nach Einführung der "5-
Stunden-Woche" auch unangenehme Tätigkeiten ausgeführt werden
würden (z.B.Kanalarbeiten). Hier müsse es ein Bewusstseinswandel ge-
ben: Mir geht es gut, wenn es allen gut geht. Auch könnte durch eine
Würdigung bzw. Form der Anerkennung der Gesellschaft für die Aus-
führung dieser Arbeiten ein Anreiz entstehen (Anerkennung als
menschliches Bedürfnis). Außerdem wurde thematisiert, dass zwischen
der Vision der "5-Stunden-Woche" und dem aktuellen Ist-Zustand eine
ziemliche Lücke klafft. Was die Frage aufwarf, wie wir dahin kommen
und wo heute angesetzt werden kann.

Kritisch anzumerken ist, dass die Diskussion vom Referenten stellen-
weise nicht solidarisch gestaltet wurde. Der Hinweis auf einen respekt-
vollen Umgang hätte von den Veranstaltenden früher kommen sollen.
Nach diesem Hinweis verbesserte sich das Diskussionsklima, sodass die
Veranstaltung zufriedenstellend zu Ende gebracht werden konnte.

Anfang März las Christian Rehmenklau aus "Lazarus" , einem 2008 in
deutscher Sprache erschienenen Roman von Aleksandar Hemon. Das
Buch verarbeitet und erzählt zwei Handlungsebenen: Einerseits wird
die Geschichte von Lazarus Averbuch erzählt, einem Juden, der Anfang
des 20. Jahrhunderts aus seiner osteuropäischen Heimat flieht aufgrund
der Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Er gelangt in die USA, wo
er 1908 als vermeintlicher Anarchist vom Polizeichef von Chicago er-
schossen wird. Die zweite Handlungsebene beschreibt den in den heuti-
gen USA lebenden (und ebenfalls eingewanderten) Schriftsteller
Vladimir Brik, der die Geschichte von Lazarus Averbuch recherchieren
will. Er reist deshalb auf Spurensuche in die Ukraine sowie Bosnien und
damit auch zurück zu seiner eigenen früheren Vergangenheit.

Christian Rehmenklau las aus dem Buch die historischen Passagen über
den vermeintlichen Anarchisten Lazarus Averbuch. Darin wird das da-
mals angespannte und aufgehetzte gesellschaftliche Klima im Chicago
der Mittel- und Oberklasse gut beschrieben, das nach der anarchistisch
geprägten Bewegung für den Acht-Stunden-Tag um die "Haymarket-
Bombe" 1886 sowie den damals aktuellen anarchistischen Aktionen
zwischen "Propaganda der Tat" und verstärkter Agitation (u.a. durch
Emma Goldman) eine überall lauernde, anarchistische Gefahr be-
schwor.

Im Anschluss diskutierten die diesmal deutlich geringere Anzahl an
Anwesenden (ca. 10 Personen) über Stereotype und Vorurteile in staat-
lichen Institutionen, die Propaganda der Tat sowie die Chicagoer Bewe-
gung für den 8-Stunden-Tag.

Den Vortrag "Geschichte und Gegenwart des Anarchafeminismus"
hielten zwei Personen der anarchistischen Gruppe "Auf der Suche"
Nürnberg. Diesmal fand die Veranstaltung an einem Dienstag statt und
war mit ca. 15 Gästen (aus der Szene und darüber hinaus) in Ordnung
besucht.

Um Unklarheiten zu minimieren gingen die Referent*innen nicht nur
auf Verständnisfragen schon während des Vortrags ein, sondern hatten
auch einen Glossar ausgelegt, der Begriffe der anarchafeministischen
Theorie kurz und prägnant erklärt. Inhaltlich näherten sich die Refe-
rent*innen dem Kern "Anarchafeminismus" auf zwei Wegen: Nach ei-
ner kurzen Definition von Anarchismus wurde einerseits die positiven
und negativen Aspekte der Frauenbilder der wichtigen anarchistischen
Theoretiker des 19. Jahrhunderts sowie der damaligen anarchistischen
Bewegung prägnant und differenziert dargestellt. Andererseits wurde
die Geschichte der feministischen Theorie und
Bewegungen kurz skizziert. Obwohl die Refe-
rent*innen sich bei der Darstellung der femi-
nistischen Bewegungsgeschichte an der
klassischen Einteilung in drei "Wellen" orien-
tierten, gingen sie auch auf (die proletarisch-
sozialistischen) Frauenbewegungen abseits der
"Drei-Wellen-Theorie" ein. So vermieden sie
eine eindimensionale und an der bürgerlichen
Geschichtsschreibung orientierte Darstellung.
Danach gingen die Referent*innen auf die an-
archistischen Standpunkte und Tätigkeitsgebie-
te der beiden anarchistischen Frauen Louise
Michel und Emma Goldman ein. Auch hier
wurden einseitige (positiv-idealisierende) Dar-
stellungen vermieden und zum Beispiel auch
inhaltliche Widersprüche und biologistische
Denkmuster von Emma Goldman kritisiert.
Anhand mehrerer (historischer) anarchistischer
Frauenorganisationen wurde u.a. die Frage
nach der geeigneten Organisationsform anar-
chistischer Frauen innerhalb der anarchistischen Bewegung erörtert:
Gehen in gemischtgeschlechtlichen Organisationen feministische Posi-
tionen unter? Sind separate Interessenorganisationen für Frauen eine
Lösung und falls ja: Wie müssen sie aufgebaut sein? Mit welchen Reak-
tionen (von Seiten der Männer) waren sie historisch konfrontiert? Ge-
gen Ende wurde auf die Entwicklung des theoretischen Ansatzes
"Anarchafeminismus" ab den 1970ern eingegangen und wichtige Inhalte
wie die Verbindung des Kampfs gegen Patriarchat und Kapitalismus,
das Aufdecken und die Abschaffung von (geschlechtsspezifischen)
Hierarchien innerhalb der anarchistischen Bewegung sowie eine ge-
meinsame revolutionäre Praxis erläutert. Zuletzt wurden aktuell beste-
hende anarchafeministische Gruppen und Organisationen weltweit
benannt und damit der Anschluss an aktuelle Entwicklungen und
Kämpfe hergestellt. Als Fazit gingen die Referent*innen auf die Weiter-
entwicklung anarchafeministischer Theorie und Praxis ein. Sie sprachen
sich für eine Einbeziehung geeigneter theoretischer Konzepte aus Post-
strukturalismus, queerer und intersektionaler Analysen aus, kritisierten
aber auch an der aktuellen Praxis der (oftmals) fehlende Bezug auf so-
ziale Kämpfe und die fehlende Wahrnehmbarkeit der anarchafeministi-
schen Bewegung. Diese solle sich nicht an der Diskussion der (reichlich
vorhandenen) Missständen innerhalb und außerhalb der anarchisti-
schen Bewegung erschöpfen, sondern durch Organisierung neue Per-
spektiven eröffnen.

Die anschließende Diskussion ging nochmal auf die Frage einer separa-
ten Organisierung von Frauen-, Trans- und Interpersonen in eigenen
Strukturen ein. Diese können einen wichtigen Raum für Entfaltung,
Emanzipation und Selbstermächtigung darstellen. Aber auch in diesen
Strukturen kann es zu Hierarchien zwischen Personen kommen, die re-
flektiert und abgebaut werden müssen. Dennoch kann diese Art der Or-
ganisierung ein wichtiges Instrument zur Auflösung der
Geschlechterrollen darstellen. Insgesamt könne die separate Organisie-
rung jedoch nur als Ergänzung zur Organisierung mit allen betrachtet
werden um eine Abkapselung zu vermeiden und bestehende Missstände
(auch innerhalb der anarchistischen Bewegung) zu verändern. Auch
wurde die aktuell fehlende Organisation von Männer in Männergrup-
pen zur Hinterfragung eigener Privilegien und Rollenmuster kritisiert.
Ein weiterer Diskussionspunkt drehte sich um die Bewertung der (feh-
lenden) Anerkennung der (anarcha)feministischen Positionen und Akti-
vitäten innerhalb der männlich dominierten anarchistischen Bewegung.
Kann Anerkennung nicht auch eine Herrschaftstechnik sein um kriti-
sche Strömungen zu absorbieren? Braucht es Anerkennung, damit ein
Thema wichtig ist? Kann Anerkennung innerhalb sozialer Beziehungen
auch ein Machtinstrument sein? Braucht es Anerkennung für politische
Organisierung? Macht man sich damit nur abhängig? Zuletzt wurde in
der Runde versucht die aktuelle Entwicklung feministischer Positionen
und die Einbeziehung von Frauen-, Trans- und Interpersonen in anar-
chistischen Strukturen zu bestimmen. Hier konnte trotz aller Kritik eine
positive Tendenz in den letzten Jahren in Bezug auf die Sichtbarkeit und
Beteiligung ausgemacht werden.

Ende März ging die Veranstaltungsreihe mit einer " Anarchie&Luxus-
Party " zu Ende: Die mehr als 30 Gäste kamen in den Genuß eines vega-
nen Drei-Gänge-Menüs im fantasievoll geschmückten sozialen Zentrum
demoZ. Zwischen den Essensgängen konnten die Besucher*innen Zita-
te anarchistischen Theoretiker*innen, Bands oder Pamphlete zuordnen.

Nach dem Essen wurde die Tanzfläche eröffnet. Bei Klängen zwischen
Punk, New Wave und Klassiker wurde die Nacht durchgetanzt.

Als Fazit der Veranstaltungsreihe lässt sich sagen, dass ein Interesse an
anarchistischen Ideen nicht nur in der linksradikalen Szene vorhanden
ist. Wir konnten durch die verschiedenen Veranstaltungen viele Men-
schen aus unterschiedlichen Zusammenhängen erreichen. Einzelne
Besucher*innen kamen sogar aus Karlsruhe oder Ulm zu
Veranstaltungen. Auch neues DemoZ-Publikum wurde vom Programm
angesprochen, wenn auch nur in geringer Anzahl. Hier stellt sich die
Frage, ob durch einen Nicht-Szene-Ort mehr Menschen außerhalb der
Szene gekommen wären (wobei Erfahrungen aus der Vergangenheit
dies in Ludwigsburg tendenziell nicht bestätigt haben).

Durch eine breite Bewerbung auf unterschiedlichen Kanälen (Online-
bewerbung in sozialen Netzwerken und per E-Mail, Flyer in Kneipen,
regionalen Jugendzentren und anderen öffentlichen Orten außerhalb
der Szene sowie einem Infostand am Bahnhof Ludwigsburg) waren fast
alle Veranstaltungen sehr gut besucht. Hilfreich bei der Bewerbung der
Veranstaltungsreihe war außerdem eine vorhergehende öffentliche Ak-
tion (die Verteilung der 10.000 Flyer gegen Vorurteile gegenüber Flücht-
lingen, siehe Bericht in der Gaidao Nr. 74 / Februar 2017). Dadurch
berichtete die lokale Stuttgarter Zeitung über das Libertäre Bündnis
Ludwigsburg und verlinkte auf der Online-Version des Zeitungsartikels
unsere Gruppenhomepage. Dies geschah zur selben Zeit, wie die Wer-
bung der Veranstaltungsreihe anlief, sodass neugierige Leser*innen der
Flyer und Zeitungsartikel online direkt auf die Veranstaltungswerbung
stießen.

Durch die große positive Resonanz der Veranstaltungsreihe ist im An-
schluss ein offenes anarchistisches Organisierungstreffen in Ludwigs-
burg geplant. Hier sollen bisher un- oder anders organisierte Menschen,
die am Anarchismus interessiert sind, zusammengebracht werden.

Eine weiterer Effekt durch die Veranstaltungsreihe ist die Vernetzung
mit Anarchist*innen im Großraum Stuttgart. Auch wenn dieser Aspekt
noch größer hätte ausfallen können, lassen sich positive Effekte beob-
achten: So soll der Anarchismus-Einführungsvortrag auch in weiteren
Städten im Großraum Stuttgart gehalten werden um bestenfalls das an-
archistische Potential in dieser Region zu bündeln und die bisher sehr
rudimentär ausgeprägte anarchistische Organisierung auf stärkere Füße
zu stellen.

Links
Libertäres Bündnis Ludwigsburg: lbquadrat.org/
Mehr Infos zur 5-Stunden-Woche: 5-stunden-woche.de/
Auf der Suche Nürnberg: aufdersuche.blogsport.de/
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