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(de) FDA-IFA, Gai Dao #103: Für eine neue anarchistische Synthese! Von: Jonathan Eibisch

Date Sun, 11 Aug 2019 10:20:21 +0300


[Teil 4 von 4, Teile 1 bis 3 in Gai Dao No 99 03/2019 bis No 102 06/2019] ---- Rückblick ---- Anstatt die naheliegende Option zu wählen, in die soziale Revolution einzutreten, wurde im letzten Teil beschrieben, dass wir es weltweit mit einer vorweggenommenen Konterrevolution zu tun haben. ---- Dies ist keine spektakuläre Einsicht, gilt es jedoch endlich ernstzunehmen, um nicht selbst den problematischen Reaktionen von Irgendwie-Linken und Sozialdemokrat*innen zu folgen. Dazu wurde ebenfalls ein Blick auf das anarchistische Staatsverständnis geworfen, welches nur klar wird, wenn es als Herrschaftsverhältnis verstanden wird. Schließlich wurde die Möglichkeit eines utopischen Aufbruchs formuliert - wofür sich allerdings erst bei Anarchist*innen selbst einiges verändern müsste.
Anarchistische Formen des Streits erfinden (#!'@*~?)

Für Anarchist*innen ist entscheidend, dass die gewähl-
ten Mittel den angestrebten Zielen entsprechen sollen.
Angenommen wird, dass sich keine herrschaftsfreien
Verhältnisse einrichten lassen, wenn Menschen sich
herrschaftsförmiger Mittel bedienen. Dies lässt sich
nicht immer mustergültig umsetzen. Bei all dem hier
Geschriebenen geht es nicht um Perfektionismus. Au-
ßerdem ist es auch ein Streitpunkt, was ein "herr-
schaftsförmiges Mittel" ist. Ob etwa ein paar Steine
auf Polizist*innen zu werfen eher ein Herrschaftsmit-
tel ist oder nicht vielmehr eine handzahme "pazifisti-
sche" Haltung. Ähnlich sieht es aus mit der Frage,
inwiefern Technik heute noch für die Befreiung ge-
nutzt werden kann oder es keinen Ausweg aus ihrem
systematischen Herrschaftscharakter gibt. Das gleiche
gilt im Grunde genommen auch für "Spiritualität":
Kann sie als Ausdruck für die Suche nach einer holis-
tischen Verbundenheit zur Mitwelt verstanden werden
und damit befreiende Aspekte haben? Oder ist sie stets
nur Verblendung, Ablenkung, Betrug? Der größte
Streitpunkt zwischen Anarchist*innen ist aber die Fra-
ge, was unter "Gemeinschaft" und was unter "Einzel-
nen" verstanden und welches Verhältnis zwischen
ihnen angestrebt wird. Und daneben gibt es noch viele
andere Streitpunkte.

Weil sie oft hohe Ansprüche und eine großen Sehn-
sucht nach Anarchie haben, kann es geschehen, dass
sie sehr viel streiten. Dabei ist Streit gar kein schlech-
tes Wort. Wenn eine Angelegenheit "umstritten" ist,
muss das nicht negativ sein. Es heißt nur, dass sie eben
nicht abschließend geklärt ist und dass es verschiede-
ne Positionen zu ihr gibt. Wenn ein Mensch als "streit-
bar" gilt, bedeutet dies, dass er sich sehr für eine Sache
einsetzt, weil diese ihm wichtig ist. Er positioniert sich
und ist bereit, dafür in die Auseinandersetzung zu ge-
hen. Streitbarkeit muss überhaupt nicht dazu führen,
Andere abzuwerten, auszugrenzen oder ihnen Intelli-
genz oder Legitimität abzusprechen.

ωir sollten streitbarer werden. Wenn ωir Gruppen aus-
grenzen und ihnen Legitimität absprechen, dann aus-
schließlich, wenn diese uns grundlegend feindlich
gesinnt sind. Und in der Auseinandersetzung haben
wir gelegentlich mit Feind*innen zu tun. Deswegen
kann es aus einem Reflex und aus verinnerlichter Ver-
letzung heraus geschehen, dass Menschen mit ihrer
Streitbarkeit über die Stränge schlagen und auch Un-
beteiligte, bloße Konkurrent*innen, potenziell Verbün-
dete oder sogar Genoss*innen und Freund*innen
anfeinden. Leider sind oft gerade die Nahestehenden
jene, welchen Feindschaft entgegenschlägt, wenn diese
ungezügelt ausbricht. Eben weil sie nahe stehen – und
nicht fern, wie die Verursacher*innen unserer Verlet-
zung. ωir sollten ʋns streng davor hüten, so zu reagie-
ren. Stattdessen sollten ωir unbedingt schauen, wohin
ωir ʋnsere Streitbarkeit richten, wie ωir mit ihr agie-
ren, also mit wem ωir auf welche Weise in die Ausein-
andersetzung gehen...

} Gemeinsames Wachsen an der/ durch die/ in der
Vielfalt

Im Folgenden richte ich mich an jene, die sich selbst
als Anarchist*innen begreifen. Dabei bestimme nicht
ich, wer als Anarchist*in gilt oder nicht gilt. Oder zu
welchem „Grad“ wer als Anarchist*in gelten kann.
Selbstverständlich habe ich auch meine Erfahrungen
damit und eigene Ansichten dazu. Ich versuche mich
aber einen Schritt zurückzustellen. Hier geht es erst
mal um dich, um euch. Damit meine ich auch jene, die
einfach etwas eigenes mit dem anfangen können, was
ich schreibe – ohne sich zu definieren.

Bekannterweise sind die Anarchist*innen zersplittert
und in viele Lager und Szenen gespalten. Das ist umso
absurder, als dass es unter und neben den Irgendwie-
Linken ja gar nicht so viele Menschen gibt, die sich als
„Anarchist*innen“ verstehen. Sicherlich, es gibt viele
„Undogmatische“ und „Antiautoritäre“. Es gibt auch
noch ein paar Autonome. Es mag auch Menschen und
Gruppen geben, die sich als Kommunist*innen verste-
hen, aber mit den hier beschriebenen Positionen in
vielen Punkten mitgehen würden. Neben Personen, die
sich ein politisches Label geben, gibt es auch einfach
Menschen, welche auf Weisen handeln, die vns sehr
nahe liegen. Anarchist*innen gibt es aber nicht viele.
Egal, wie viele es jedoch sind: ?ir sollten mehr wer-
den (wollen). Denn wenn viele Andere mit vns die so-
ziale Revolution umsetzen wollen, müssen auch wir
mehr werden. Wird unter Mehr-werden Wachstum
verstanden, so bedeutet dies ein Wachsen in der Grö-
ße, aber auch ein Wachsen in die Tiefe und in die Brei-
te. Wir müssen zugleich in vnseren Organisationen,
vnseren Theorien und vnseren Beziehungen wachsen.

Die Grundlage dafür besteht in der Annahme, dass
vnsere Gefährt*innen, Genoss*innen und Freund*in-
nen schon wissen, was sie tun und warum sie dies tun.
Auf jeden Fall sollten sie sich und vns das respektvoll
erklären. Sie sollten sich gegenseitig und vns davon
erzählen. ?ir sollten miteinander darüber in Aus-
tausch treten. Und ?ir sollten vns darüber austau-
schen, wie das, was ?ir jeweils tun, sich ergänzen, wie
es vernetzt, aufeinander bezogen und zusammengehö-
ren kann, wenn vnser gemeinsames Ziel die Anarchie
ist.

Diese wechselseitige Verortung, dieser nach Verständi-
gung suchende Kommunikationsvorgang, geschieht
nicht in Form von abstrakten Theoriedebatten oder
der gegenseitigen Vorhaltung von politischen Stand-
punkten (hinter denen wir uns oft verstecken). Selbst-
verständlich geschieht dies, indem wir uns anschauen,
was wir bereits tun, indem ?ir voneinander erfahren,
wer ?ir sind, was ?ir denken, was ?ir wollen. Die
Grundlage, auf der dieser Austausch, diese Bezugnah-
me und die mit ihr einhergehende Weiterentwicklung
möglich werden kann, sind die gemeinsamen Ziele.
(Über diese gilt es sich freilich ebenfalls zu streiten.)
?ir gehen also nicht von einem Nullpunkt aus, son-
dern von einem vorgeprägten Raum, zahlreichen Er-
zählungen und Lebenswegen. Hinzu kommt noch die
Einsicht darin, dass ?ir vnsere Ziele ohnehin nicht al-
leine erreichen können. Die Einsicht darin, dass ?ir
aufeinander angewiesen sind. Dabei geht es nicht dar-
um, dass wir alle die gleichen Wege gehen, die glei-
chen Mittel wählen, das Gleiche denken sollen. Es
geht nicht darum, dass ?ir alle miteinander befreun-
det sein sollen. Aber es geht darum, das wir uns
freundlich aufeinander beziehen. Schon gar nicht sol-
len ?ir alle in der gleichen Organisation sein. Im Ge-
genteil, auch wenn es pathetisch und altbacken klingt:
Unsere Vielfalt ist vnsere Stärke!

Suche nach gemeinsamen Grundlagen[durch die
Auseinandersetzung]

Jede Strömung im Anarchismus hat ihre eigene Be-
rechtigung, ihre eigenen Geschichten, organisiert sich
auf eigene Weisen, oft in eigenen Kreisen und geht
von teilweise verschiedenen Annahmen aus. Dies zu
leugnen würde bedeuten, den Inhalt des Anarchismus
selbst für unsinnig zu erklären. Viele haben das bereits
getan und sind "unpolitisch" geworden. Manche wur-
den Nur-Gewerkschafter*innen, Nur-Autonome, Nur-
Feminist*innen oder Nur-Individualist*innen. Viele
lernen den Anarchismus kennen und wenden sich
später von ihm enttäuscht ab. Doch statt ihre Ent-täu-
schung zu begrüßen, sie zu transformieren und sie zur
Grundlage ihres sozial-revolutionär-Werdens zu neh-
men, schließen sie sich irgendwie-linken oder sozial-
demokratischen Gruppen an. Und es gibt sogar die
Tendenz, von ent-täuschten Anarchist*innen, die
glauben Nur-Aktivist*innen, Nur-Theoretiker*innen,
Nur-Hedonist*innen oder Nur-Dogmatiker*innen sein
zu können.

Doch der Witz im Anarchismus liegt darin, dass er
Handlungsweisen, Themenfelder und Menschengrup-
pen in ihrer Unterschiedlichkeit verbindet. Nein, der
Anarchismus kettet die verschiedenen Bereiche der
Vielfalt nicht aneinander - er kann nur dort bestehen,
wo sich Menschen freiwillig verbünden. Wo sie Bünd-
nisse eingehen, sich auf gemeinsame Ziele hin aus-
richten und in Austausch treten, können
Anarchist*innen Selbstbewusstsein entwickeln. Durch
solidarische Auseinandersetzungen mit Anderen kön-
nen ?ir Bewusstsein über vns selbst und daraus Stärke
erlangen. Dies ist etwas völlig anderes, als nur neben-
einander her zu leben und sich zu "tolerieren". Die
Aus_ein_ander_setzung, das, was zwischen vns ist,
was zwischen vns stattfindet, begründet vnser starkes
Band, begründet vnser Bündnis.

Dieser Zusammenhang ist kein Selbstzweck. Trotzdem
haben in ihm soziale Bedürfnisse ihre absolute Be-
rechtigung. Immerhin kann es - wenn wir von Ver-
bindungen sprechen - nicht sein, dass wir vns selbst in
einen "politischen" und in einen "sozialen" Menschen,
oder in eine*n Sozialrevolutionär*in und eine*n Bie-
dermeier*in aufspalten. Wenn die Erfüllung vnserer
sozialen Bedürfnisse also ein Zweck des anarchisti-
schen Bundes ist, so soll diese nicht der alleinige
Zweck sein und ich meine auch nicht ihr Hauptzweck.
Wenig ist anstrengender, als wenn Anarchismus zum
Feigenblatt für die Erfüllung nur-bürgerlicher Bedürf-
nisse genommen wird. Indem ?ir vns miteinander be-
wegen, wollen ?ir stattdessen ganz neue Bedürfnisse
entdecken und wecken - Bedürfnisse, die in dieser
Herrschaftsordnung nie erfüllt werden können, welche
somit auf Anarchie verweisen und ihre Verwirkli-
chung als erforderlich und wünschenswert enthüllen.
Und auch dies können wir nur in unserer Verschieden-
heit - miteinander - bewerkstelligen.

-> Die anarchistische Synthese neu eingehen und
bilden
Diese Herangehensweise an ein anarchistisches Mit-
einander in Vielfalt, ist aus bestimmten historischen
Erfahrungen erwachsen. Diese bestanden vor allem im
endlosen Streit untereinander, was nun die "richtigen"
Wege, die "richtigen" Mittel", die "richtigen" Positio-
nen und die "richtigen" Grundlagen sind. Damit
möchte ich nicht falsch verstanden werden: Genau um
vnsere Grundlagen, Positionen, Mittel und Wege soll
es gehen. Jene können wir jedoch nur gemeinsam be-
stimmen. Wie schon erwähnt, ist es wichtig, dass dies
immer wieder neu geschieht, weil sich Zeiten und
Umstände verändern, weil sich neue Generationen
von Menschen politisieren und auch wir selbst uns
verändern. (Wobei das Rad nicht jedes mal wieder neu
zu erfinden ist!) Solche Selbst-Verortungen und
Grundsatzdebatten "geschehen" allerdings nicht ein-
fach so.

Egal, ob punktuell und grundsätzlich oder kontinuier-
lich und alltäglich - Debatten werden von Menschen
initiiert und angestrebt, weil sie diese wichtig und
notwendig finden. Und weil sie außerdem finden, dass
sie daran ihre eigenen Ansprü-
che überprüfen und ihren Um-
gang mit ihnen
weiterentwickeln können. Es ist
immer leichter, andere zu kriti-
sieren oder sich von ihnen zu
entfernen, als die Spannungen
mit ihnen auszuhalten, um mit
diesen gemeinsam etwas Neues
zu schaffen. Es ist schwer, die
ätzenden Attacken verbitterter
"Genoss*innen" auszuhalten und
sie dennoch zu Gesprächen zu
bewegen, genauso wie es schwer
ist, die eigene Kritik konstruktiv
und wertschätzend vorzubrin-
gen - sie vor allem auch einzu-
bringen, anstatt sie in sich
hineinzufressen. Einige können
gar nicht mehr anders, als Di-
stanz zu wahren und Kritik zu
üben. Doch statt selbstgewählter und begründeter Di-
stanzierung haben sie vor allem Berührungsängste.
Und ihre vermeintliche "Kritik" wird zur krampfhaf-
ten Rechthaberei. Natürlich ist es auch leichter, ir-
gendwie nebeneinander her zu leben mit einem
komischen Verständnis von Toleranz. Schwierig ist es
dahingegen, Widersprüche auszuhalten und weiter zu
entwickeln. Doch wir müssen uns nicht für Wider-
sprüche schämen oder irgendwelche einseitige Aus-
flüchte aus ihnen nehmen. Wir haben auch nicht
"falsch" gedacht, wenn wir auf Widersprüche stoßen.
Denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir
leben sind widersprüchlich. Dies anzuerkennen und
ein Gespür für Widersprüche zu entwickeln, ermög-
licht vns erst, etwas mit diesen zu machen und aus ih-
nen eine Synthese zu bilden.

Die Auseinandersetzung um das Gemeinsame in der
Unterschiedlichkeit zu suchen ist anstrengend und
aufwendig. Schlimmer noch: Sie hat nie ein Ende,
kann immer wieder zu Unzufriedenheit führen und
mündet regelmäßig in neuen Streit. Allerdings ist
Streit an sich ja überhaupt nichts Negatives, sondern -
wie schon gesagt wurde - im Gegenteil erforderlich.
Wichtig ist, dass gestritten wird. Aber selbstverständ-
lich auch, wie gestritten und was unter Streit verstan-
den wird.

Ein Streit, in welchem das Gegenüber gar nicht gese-
hen wird, wo sich gar nicht die Mühe gemacht wird,
die*den Andere*n zu verstehen, ist ein sinnloser Streit
und führt zu nichts. Ein Streit, indem es lediglich dar-
um geht, die eigene Position zu behaupten und andere
unterzuordnen (egal auf welche Weise) ist kein anar-
chistischer Streit. Ein Streit, der darauf abzielt, ande-
ren Grenzen aufzuzeigen, kann berechtigt und
notwendig sein – zumal wir erst an unseren Grenzen
einen realistischen Blick auf uns selbst entwickeln
(auch wenn dies wiederum zu Ent-täuschung führen
kann). Doch ein Streit, der allein auf Abgrenzung zielt
und in welchem nicht das potenziell Gemeinsame ge-
sucht wird, der nicht die freiwillige Verbindung zum
Ziel hat, ist nicht im anarchistischen Sinne. Und eine
anarchistische Haltung ist es schließlich ebenfalls
nicht, wenn das Gegenüber im Streit abgewertet, aus-
gegrenzt und ihm Legitimität und Vernunft abgespro-
chen werden.

Jene, die Debatten initiieren und das Gemeinsame in
der Unterschiedlichkeit suchen, tun dies nicht nur
zum Spaß. Sie tun es nicht, weil sie harmoniesüchtig
sind, in dieser auf Gewalt gegründeten und durch Ge-
walt aufrechterhaltenen Gesellschaft. Unsere Verbin-
dungen, ʋnser anarchistisches Bündnis, ʋnsere
Föderation, ist deswegen einzugehen, damit wir stär-
ker und selbstbewusster, damit wir sozial-revolutionär
und wirksam werden. Für diese Herangehensweise
gibt es eine Bezeichnung. Sie wurde "anarchistische
Synthese" oder "synthetischer Anarchismus" genannt.

Lasst uns aufdie Suche nach dem vielfältigen ?ir ge-
hen und es miteinander verwirklichen! Lasst vns diese
neue anarchistische Synthese wagen! Lasst vns den
konstruktiven, respektvollen Streit miteinander su-
chen, um mehr zu werden, um stärker und selbstbe-
wusster zu werden! Und, um vnseren
sozial-revolutionären Ansprüchen gerecht zu werden!

Ausklang

In diesem Text ging es darum, einige Überlegungen
zur anarchistischen Synthese zu formulieren. Damit
behaupte ich nicht, etwas völlig Neues erfunden zu
haben. Mein Anliegen war es im Gegenteil, Grundla-
gen zu vermitteln, aus alten Erfahrungen zu schöpfen,
neue Wege aufzuzeigen, Mut und Lust zu machen, sich
auf vielfältige Weise anarchistisch zu organisieren.
Dabei ist mir klar, dass ein Aufruf wie dieser sehr

Dabei ist mir klar, dass ein Aufruf wie dieser sehr
deutliche Grenzen hat. Als ich von notwendiger Ent-
täuschung sprach, meinte ich das ernst. Ich wollte kei-
ne schillernden Illusionen zeichnen. Hoffnung, Be-
geisterung und Leidenschaft können Strategie,
Organisation und Inhalte nicht ersetzen. Dennoch
kann auch die Sehnsucht ein legitimer Ausgangspunkt
sein, wenn sie die Sinne nicht trübt, sondern schärft.

In diesem Zusammenhang begann ich diese Abhand-
lung damit, dass es innerhalb der anarchistischen Sze-
ne und auch innerhalb einzelner anarchistischer
Gruppen teilweise viel Unzufriedenheit gibt. Diese hat
bestimmte Gründe und es gilt der Frustration ehrlich
ins Auge zu schauen. Sie hat viel damit zu tun, wie
wir mit unseren berechtigten Ansprüchen und Sehn-
süchten umgehen und ob wir uns wirklich aufeinan-
der einlassen und beziehen können. Es ist meine
Überzeugung, dass weder die anarchistischen theore-
tischen Grundgedanken, noch unsere Beziehungen
zueinander „an sich“ das Problem darstellen. Außer-
dem ist meine Einschätzung, dass sich die von mir
wahrgenommenen und selbst erfahrenen Schwierig-
keiten in der anarchistischen Szene oder einzelnen
Gruppen nicht einfach durch eine "andere" Organisati-
onsform lösen lassen. Auch dahingehend gibt es unter-
schiedliche Einschätzungen, Perspektiven und
Bestrebungen. Meine sind nur ein Auszug.

Wenn der Anarchismus wieder stärker, selbstbewuss-
ter und sozial-revolutionärer werden soll, braucht es
dafür viele Veränderungen. Die verschiedenen not-
wendigen Erneuerungen lassen sich jedoch nur sinn-
voll angehen oder durchführen, wenn ?ir überhaupt
eine Haltung entwickeln, mit der ?ir in unserer Viel-
falt das Gemeinsame suchen - und es immer wieder
neu aushandeln, ohne deswegen an Selbstzweifeln zu-
grunde zu gehen. Dies hat auch etwas mit unseren ei-
genen Ansprüchen zu tun, andere Beziehungen und
Organisationsformen zu finden, einzugehen und auf-
zubauen. Ich weiß, es gibt Menschen, die das sehr gut
begriffen haben, umsetzen und leben.

Diese Schrift richtete sich vor allem an Menschen, die
sich selbst als Anarchist*innen verstehen - wozu sie
jeweils ihre eigenen und ganz persönlichen Gründe
haben. Mit der Formulierung des "?ir" habe ich ver-
sucht, den Horizont über die anarchistische Blase oder
auch die irgendwie linke Szene hinaus zu erweitern.
Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass linke Szenen
zwar Rückzugsorte und Ausgangsbasen sein können,
aber keine (privilegierten) Horte zur Bildung von sozi-
al-revolutionären Perspektiven oder Bestrebungen
darstellen. Gleichzeitig habe ich die Notwendigkeit
betont, dort anzufangen, wo wir stehen.

Die gezeichnete konkrete Utopie der Anarchie können
wir schon im Hier&Jetzt direkt erfahren. Dies versetzt
uns überhaupt in die Lage, sie nicht lediglich für eine
idealistische Träumerei oder das idiotische Horror-
Szenario von "Chaos" zu halten. Mich selbst inspiriert
es, wenn ich sehe, dass andere Anarchie leben - auch
wenn sie es vielleicht nicht so nennen würden. (Aller-
dings fände ich eine persönliche Benennung ganz gut).
Dies wahrzunehmen hat nichts damit zu tun, sich die
Verhältnisse schönzureden. Ich weiß, dass sie sehr
schlimm sind. Wir müssen sie scharf kritisieren. Es
geht darum, sehen zu lernen, was auch da ist. Es geht
also darum, Potenziale zu sehen. Denn nur dies kann
die Ausgangsbasis für alles sein, was wir zu verwirkli-
chen anstreben.

Selbstverständlich sehne ich mich nach einer größe-
ren, wirkungsmächtigeren anarchistischen Szene, ei-
gentlich jedoch vor allem danach, dass anarchistische
Perspektiven und Gruppen verschiedene emanzipato-
rische soziale Bewegungen inspirieren können. ~
Wenn es Anarchist*innen nicht schaffen, eine kon-
struktive und respektvolle Art des Streitens zu entwi-
ckeln, beziehungsweise sich auf diese einzulassen, um
Gemeinsames zu finden und es herzustellen und um
gemeinsam mehr-zu-werden, so werden sie dies auch
niemals in einem größeren Maßstab hinbekommen.
Zwar können sie - wie es auch in der ganzen Ge-
schichte der anarchistischen Bewe-
gung der Fall war - Arbeiter*innen
bei Streiks und Lohnkämpfen, Ge-
flüchtete für ein Bleiberecht,
Queer-, Trans-, Inter-Personen bei
der Anerkennung ihrer Ge-
schlechtsidentität, Lesben, Schwule
und Bisexuelle bei ihrer sexuellen
Orientierung, Gefangene im Knast,
Betroffene in anti-neokolonialen,
ökologischen und sozialen Kämp-
fen etc. unterstützen . Das sollten
sie auch. Schließlich sind sie ja
auch lohnabhängig, diskriminiert,
ausgegrenzt, unterdrückt usw. Ka-
tegorisierungen und Bewertungen
von Betroffenheiten helfen uns
mithin nicht weiter. Sich wirklich
mit Menschen in anderen Positio-
nierungen auseinanderzusetzen
und im beschriebenen Sinne eine
Synthese anzustreben, ist noch
einmal etwas anderes. Immerhin
zieht die Herrschaftsordnung gna-
denlos Grenzen zwischen verschie-
denen Gruppen von Menschen, die wir nicht einfach
überspringen können - weswegen wir sie einreißen
müssen.

In Hinblick auf potenzielle politische Verbündete sehe
ich dies allerdings ähnlich. Meiner Ansicht nach führt
erst eine bessere Organisierung, Beziehungsarbeit und
Theoriearbeit von Anarchist*innen dazu, sich auch ge-
genüber anderen Sozialist* innen zu behaupten. Es
braucht eben keine Marxist*innen, die Anarchist*in-
nen die Theorie "bringen". Bini Adamczak in Bezie-
hungsweise Revolution , Simon Sutterlütti und Stefan
Meretz in Kapitalismus aufheben , Erik Olin Wright in
Reale Utopien , adaptieren anarchistische Denkfiguren
als Ecksteine ihrer Theorien, deren Herkunft sie aller-
dings verschleiern. Auch John Holloways und Antonio
Negris Konzeption von Autonomie ist eine (nicht be-
nannte) Aneignung anarchistischer Grundgedanken.
Womöglich konnte auch Antonio Gramsci seine He-
gemonietheorie nur entwickeln, weil er sich mit anar-
chistischen Strategien (kulturelle und ökonomische
Kämpfe zu führen) auseinandersetzte und sie in eine
Theorie zur kommunistischen Übernahme der Staats-
macht überführte.

Anarchist*innen brauchen auch keine Parteien, be-
stimmte zentralisierte "post-autonome" bewegungs-
linke oder gar autoritäre Gruppierungen, die ihnen
eine funktionierende Organisation nahelegen. Sowohl
anarcho-syndikalistische Gewerkschaften, als auch
autonome Bezugsgruppen, die dezentrale Föderation,
zum Teil vielleicht auch die strategische Arbeit in
Bürger*inneninitiativen, wie auch kollektive Wohn-
und Lebensformen, sind ur-anarchistische Organisati-
onsformen. Genau dies sollten wir ernstnehmen und
darauf aufbauen (was nicht bedeutet, überall ein A
draufzukleben). Etwas anders gelagert scheint mir das
in Hinblick auf die Beziehungsarbeit zu sein, wo ich
durchaus sagen würde, dass es feministischer Inputs
bedarf, um sie sinnvoll hinzubekommen (was ich al-
lerdings gar nicht so sehr auf den zwischenmenschli-
chen Bereich beziehe).

Dennoch verortet ich "den" Anarchismus - trotz eige-
ner, auch sehr persönlicher Kritik, die ich habe - in-
nerhalb des Sozialismus, weil seine Grundintention in
der Verwirklichung von Gleichberechtigung und der
sozialen Freiheit aller Menschen liegt. Dass dies nicht
durch staatliche Politik ermöglicht werden kann, zei-
gen die Erfahrungen in den "realsozialistischen" Staa-
ten, von sozialdemokratischen Parteien innerhalb
demokratisch-kapitalistischer Staaten, wird aber auch
schon an jeder autoritären kommunistischen Gruppie-
rung sichtbar. Ja, Anarchist*innen haben das "schon
immer" gesagt. Und indem sie dies sagten, wiesen sie
Rechtfertigungsmuster, den merkwürdigen Glauben
an das "Absterben" des Staates "nach" seiner Über-
nahme und die Verlogenheit des politischen Gescha-
chers und Verhandelns zurück.

Auf der anderen Seite halte ich nichts von einer dog-
matischen und identitären Abgrenzung gegenüber an-
deren, aus dem bloßen Grund, weil sie selbst andere
Selbstbezeichnungen wählen oder andere Sprachen
sprechen. Auch sie stehen an bestimmten Punkten, in
bestimmten Gruppen, haben bestimmte Erfahrungen
und Gründe, warum sie welche Bezeichnungen wäh-
len oder Positionen beziehen. Es ist lächerlich, dau-
ernd nur an der Oberfläche zu bleiben. Denn, ja, es
geht darum, "was die Leute machen" und nicht "wie
sie sich bezeichnen". Mit "Mehr-werden" ist also nicht
gemeint, konkurrierenden "linken" Gruppen ihre Leu-
te abzuwerben, sondern Menschen wirklich zu über-
zeugen. Meine Kritik diente dahingehend der
(Aufforderung zur) eigenen reflektierten Positionie-
rung.

Wenn Anarchist*innen ein echtes und tiefgehendes
Bewusstsein von sich selbst, ein Selbstbewusstsein,
entwickeln - wozu sie jeden Grund haben! - brauchen
sie sich durch andere Bezeichnungen und Positionen
nicht zu verunsichern lassen. Im engeren Sinne sollte
der gemeinsame Bezugsrahmen deswegen in einem li-
bertären Sozialismus bestehen. Denn für die soziale
Revolution braucht es wie erwähnt sehr viele - und
sehr verschiedene - Menschen. Um ihr jedoch gleich-
zeitig eine bestimmte Richtung zu geben (weil die an-
archistische Vorstellung von sozialer Freiheit eine
bestimmte ist), sollten sie sich auch mit politisch na-
hestehenden sozialistischen (und anderen) Strömun-
gen verbünden. Damit wird das Eigene nicht
aufgegeben, sondern im Gegenteil erst herausgearbei-
tet. Das, was Anarchist*innen meiner Ansicht nach in
den Prozess der sozialen Revolution einbringen kön-
nen - was sie besonders auszeichnet - ist in diesem
Zusammenhang die konkrete Utopie einer herr-
schaftslosen Gesellschaft.

So paradox es klingen mag: Die Anarchie kann nicht
allein, auch nicht hauptsächlich, von Anarchist*innen
verwirklicht werden. Unter der Voraussetzung, dass
sie wissen, was, wie und warum sie etwas tun, können
sie sich auch in ihrer Vielfalt verbünden. (Ob sie sich
formal assoziieren oder informell gut zusammenarbei-
ten ist dabei nebensächlich). Wenn sie in dieser Aus-
einandersetzung einen neuen Aufbruch wagen,
können sie stärker, selbstbewusster und schöner wer-
den.
--------------------------------
!
Informationen
Verständlicherweise bin ich mit dem Thema die-
ses Textes noch nicht fertig. Im Gegenteil, eigent-
lich fange ich gerade erst damit an. Im Verlauf
des Schreibens, kamen noch viele Fragen bei mir
auf. Es handelte sich um einen Vorschlag, um
einen Anstoß. Um nicht noch mehr zu schreiben
und bei der Hauptaussage zu bleiben, kamen
wahrscheinlich manche wichtigen Aspekte zu
kurz.
Der Text ist als Borschüre erhältlich bei Syndikat-
A - schöner gestaltet und besser lesbar.Gai Dào
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