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(de) Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa (Turin/Italien)einT Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa (Turin/Italien) ein Treffen gegen den TAV statt
From
06251983571-0001@t-online.de (ap)
Date
Thu, 20 Aug 1998 20:40:59 -0700
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
________________________________________________
Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa (Turin/Italien) ein Treffen
gegen den TAV statt
Kurzer Überblick zun besseren Verständnis:
Das Mordprojekt Hochgeschwindigkeit in Italien
Der TAV ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Zerstörung von Menschen
und Natur zwischen Turin und Lion vorsieht. Hochgeschwindigkeitszüge
sollen Turin mit Lion verbinden. Von Anfang an bildete sich im
italienische Tal "Val Susa" (ca. 30 Min. von Turin entfernt) seitens der
betroffenen Bevölkerung ein deklarierter Widerstand, der sich in den
unterschiedlichsten Formen und Mitteln äußerte, inklusive diverse
Sabotageaktionen gegen die Interessenten und UnterstützerInnen des
Mordprojektes TAV.
Im Rahmen der ständig steigenden Repression in Italien, die sich seit
über 5 Jahren gegen einen Teil der italienischen anarchistischen Szene
richtet, wurden drei Personen aus diesem Gebiet verhaftet. Edo, Silvano
und Soledad die Freundin von Edo, die zum ersten Mal nach Italien kam, da
Argentinierin.
Die Folge dieser Verhaftungen waren auch die Räumungen diverser besetzter
Strukturen in Turin, da einer der beiden Personen in diesen
Zusammenhängen lebte. Die Polizei, die besonders hart gegen die
Besetzerszene vorgegangen war, erzeugte somit Reaktionen aus der gesamten
Besetzerszene in Turin.
Edo, erhängte sich einige Wochen nach seiner Verhaftung.
Dieser Vorfall löste ein scheinheiliges Entsetzen unter den Medien,
PolitikerInnen, SoziologInnen usw. aus, sowie auch unter einem Großteil
der italienischen linken Szene.
Dazu einige genauere Darstellungen, die uns wichtig scheinen erwähnt zu
werden, um die Hintergründe dieses scheinheiligen Entsetzens besser
verstehen zu können:
a) Familienangehörige, Freunde und GenossInnen von Edo, hatten
ausdrücklich darum gebeten, daß keine JournalistInnen an der Beerdigung
teilnehmen sollten, sie wollten Edo im Rahmen seiner Freunde beerdigen.
Die JournalistInnen hielten sich jedoch nicht daran, schlichen immer
wieder rund um den Friedhof herum und belästigten sogar die
DorfbewohnerInnen des Herkunftsortes von Edo mit oft auch sehr
persönlichen Fragen.
Besonders klever kam sich ein Journalist vor. Er wagte sich bis ans Grab
und sprach sein "Mitleid" aus. Genau dieser Journalist der für die
Lokalzeitung dieses Gebietes schreibt, hatte ein paar Jahre vorher eine
Hetzkampagne gegen Edo gestartet, die ihm schon mal einige Zeit Knast
gekostet hatte. Diese Frechheit der "Mitleidsausprechung" kostete ihm ein
paar Watschen. Dies bedeutete ein paar Monate Knast für einen Freund von
Edo, andere konnten noch rechtzeitig verschwinden.
Medien und PolitikerInnen schlachteten die ganze Angelegenheiten zu ihrem
Gunsten (und dadurch natürlich zum Gunsten der Herrschenden) aus. Aus den
bösen TerroristInnen wurden plötzlich zukunftslose Jugendliche, denen man
doch entgegenkommen sollte, ihnen zumindestens ihre Freiräume (also
sozialen Zentren) geben sollte, wenn das Leben ansonst schon jegliche
Perspektivlosigkeit versagt, um sie resozialisieren zu können.
Genau an diesem Punkt befindet sich der Übergang mit der Scheinheiligkeit
der Politszene.
b) Wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit wäre mit dem Staat um die
eigenen Strukturen zu handeln, wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit
wäre seine EIGENEN politischen Inhalte an die Öffentlichkeit zu bringen,
veranstaltete die Gesamtszene ein regelrechtes Schauspiel, dies auf der
Leiche von Edo und über den Köpfen seiner GenossInnen. Der Gipfel wurde
bei einer Demo in Turin erreicht, bei der 5.000 Personen anwesend waren
die allen möglichen "Strömungen" - Rifondazione Comunista (tja man muß
doch die Gelegenheit nützen der Opposition eins auszuwischen), den Grünen
(wußten wir auch nicht, daß sie plötzlich mit den AnarchistInnen
sympathisieren, ach ja wenn sie tot sind, dann können sie ja nicht mehr
schaden), Autonomen und FreizeitrevolutionärInnen - angehörten.
Es muß der Informationsgerechtigkeit erwähnt werden, daß z.B.
Zusammenhänge wie die der Autonomia Operaia (und hier sei es noch einmal
betont: die italienischen Autonomi, sind nicht mit den deutschen
Autonomen gleichzusetzen. Es liegt eine grundsätzlich unterschiedliche
Struktur, sowie Vorgehensmethode zu Grunde, informiert euch bitte mal
über das was die vom Leoncavallo gerade so treiben!) und die FAI, seit
Jahren und Jahren in einem sehr ernsthaften und gar nicht mehr lustigen
Konflikt stehen, mit den anarchistischen Zusammenhängen denen sich Edo
zugehörig fühlte. Plötzlich aber konnte man aus o.g. Flugblättern lesen,
es würde sich um "ihren Genossen Baleno" handeln (Baleno war sein
Spitznahme unter seinen eigenen GenossInnen). Diesen Baleno, den sie
nicht mal kannten, und gegen dessen GenossInnen sie seit Jahren Abstand
nahmen. Dieser Abstand war so groß, daß o.g. Zusammenhänge es nicht für
nötig hielten an den Prozessen seiner Zusammenhänge teilzunehmen
(Prozesse bezogen gegen die Verhaftungswelle des Konstrukt "Marini") und
dieses Konstrukt bewußt in ihrer eigenen Presse verschwiegen, bzw. sich
die FAI darauf beschränkte, um es so auszudrücken wie ein italienisches
Sprichwort sagt, "um Gesicht und Arsch zu retten" einmal eine
Stellungnahme von sich gab, ein anderes Mal 4 erbärmliche Zeilen über die
Verhaftungen an sich brachte. Um das geht es uns aber auch gar nicht.
Wesentlich schlimmer empfinden wir die Tatsache, daß wenn wir hier im
Ausland (und das ist das Interessante daran, wir werden als irgendwelche
deutschen GenossInnen betrachtet, daher wird uns ganz ehrlich und
unbedarft geantwortet, ohne zu wissen, mit wem man da eigentlich
tatsächlich spricht) mal auf einzelne Individuen stoßen die sich der FAI
zugehörig fühlen und diese fragen, warum sie sich eigentlich um die halbe
Welt kümmern, aber nicht um das was in Italien selbst vorgeht, Antworten
erhalten haben, die wie hier nicht wiederbringen möchten, da sich nur
Strukturen wie der VS darüber freuen würden.
Edo aber konnte nun herhalten, um die eigenen politischen Interessen zu
vertreten.
Somit spielte der Großteil der italienischen Szene das Spielchen der
Herrschenden mit: Ablenken vom TAV und dem Projekt Hochgeschwindigkeit,
der eigentliche Grund der Verhaftung der drei Personen, der eigentliche
Grund des Todes von Edo und später von Soledad. Plötzlich standen jedoch
die "Squatters" im Rampenlicht, ihre "Besetzungen" und ihre Politik.
Edo war jedoch kein "Squatter" im wahren Sinne des Wortes. Er "kämpfte"
nicht dafür, um sich einen günstigen Wohnraum oder "Freizeitpark" zu
garantieren, er sah seinen Lebensinhalt nicht im Hausbesetzerkampf (den
es ja so wie er ursprünglich war, eh nicht mehr gibt), sondern lebte sein
Leben in einer Realität von der er davon ausging zumindest eine ähnliche
Gesinnung in den Grundsätzen zu haben; weder waren es Silvano (der
zwischenzeitlich als Leader dargestellt wurde und in einen
Hochsicherheitstrakt verlegt wurde) oder gar Soledad.
Da wo die Gelegenheit hätte wahrgenommen werden können, dem TAV konkret
und revolutionär etwas entgegenzusetzen, da wurde wiedereinmal ein
politischer Wettkampf geführt, dies im Namen einer "Solidarität" die wir
keineswegs nachvollziehen können, im Gegenteil die uns zum kotzen reizt.
Solidarität hätte bedeutet DA ANZUSEZTEN WO DER URSPRUNG DES KAMPFES von
Edo ausging und nicht dort anzusetzen, wo man die Möglichkeit sieht,
einen Kuhhandel zu betreiben.
Einige GenossInnen die sich in diesem Gebiet befinden, dort kämpfen und
dort leben, sind deklarierte GegnerInnen der Verhandlungen mit dem Staat
und den Medien, wie also kann von Solidarität gesprochen werden, wenn
genau das Gegenteil umgesetzt wird?
Nach diesem traurigen Polittheater, trat in Turin wieder die Ruhe ein.
Alle 5.000 DemonstrantInnen kehrten wieder nach Hause.
Geblieben ist aber das Projekt Hochgeschwindigkeit, geblieben sind die
GenossInnen und Zusammenhänge, die den Kampf von Edo weiterführen.
Geblieben ist auch die Leiche von Soledad, die sich vor ein paar Wochen
in ihrer Wohnung, in der sie sich im Hausarrest befand, erhängt hat.
Geblieben ist Silvano, der auf einen Schlag zwei Freunde verloren hat,
und sich jetzt im Hausarrest befindet.
Geblieben ist auch das Konstrukt Marini, es wurde sogar noch erweitert.
Geblieben ist uns die Wut im Bauch, aber auch der Überzeugung, daß nicht
die ganze europäische Szene zu einem einzigen Politikum und
Kuhhandelmarkt zusammengeschrumpft sein kann. Wir denken, daß es immer
noch einige GenossInnen gibt, die als Individuen dieses Leben nicht mehr
ertragen, die noch bereit dazu sind, einen kompromißlosen Kampf zu führen
weil sie sich einfach unwohl fühlen und nicht weil sie eine Macht, eine
politische Strategie (so Szene-intern diese auch sein mag) mit einer
anderen austauschen möchten. Die sich nicht von
Resozialisierungsprogrammen erobern lassen. Individuen die ihr Leben
leben und kompromißlos gegen all das kämpfen, was ihnen im Wege steht, um
an die Befreiung ihrer selbst zu gelangen; rebellisch, revoltierend, Tag
für Tag, ohne Programme ohne Plattformen. An diese Individuen ist die
folgende Einladung aus Italien gerichtet:
Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa ein Treffen gegen den TAV
statt. Der Ort befindet sich ca. 30 Min. von Turin entfernt. Wird
demnächst genauer mitgeteilt.
Wir glauben es sei notwendig wieder auf die ursprünglichen Gründe dieser
Repressionswelle zurückzukommen.
Am Treffen werden Diskussionen geführt bzgl. der Interessen, Effekte und
Sinn der Hochgeschwindigkeit. Es würde uns sehr freuen, wenn GenossInnen
aus Deutschland daran teilnehmen könnten, die uns etwas über ihren Kampf
in Gorleben berichten könnten. Es werden eine Reihe von Veranstaltungen
stattfinden, Videoabende usw.
-------
Es folgt die Übersetzung eines Flugblattes seitens der Koordination:
Die ÜbersetzerInnen: Wir bitten um Verständnis für das schlechte Deutsch,
standen aber unter Zeitdruck, der es uns nicht ermöglichte noch in
Korrektur zu gehen.
Mit Krallen und zähnefletschend
Wie viele wissen, sieht das Projekt des Hochgeschwindigkeitszuges auch
die "angenehme" Durchfahrt durch das Gebiet Val di Susa vor, um von Turin
nach Lion zu gelangen. In den letzten Jahren wurde viel über diese
Gelegenheit geredet. Geschäftsleute, Vorsitzende der Naturschutzbunde,
JournalistInnen, Bürgermeister, "FachkennerInnen" und die verschiedensten
MinisterInnen haben unverfehlbar mit ihren Argumentationen um sich
geworfen. Argumentationen, die unserer Ansicht nach irreleitend sind, um
nicht zu sagen, daß sie gewollt scheinheilig und verdummend sind. Diese
Überzeugung entsteht aus der Gewißheit, daß diejenigen die die
Hochgeschwindigkeit planen, unterstützen und finanzieren, nichts anderes
tun können als uns vorzugaukeln wie nützlich so ein Projekt sei. Auf der
anderen Seite können die Bürgermeister, Administratoren und
PolitikerInnen nichts anderes machen, als so zu tun, als würden sie auch
einige kleine Bedenken haben, um vor den mißgestimmten BürgerInnen ihre
politische Glaubwürdigkeit zu bewahren. Das was all diese stinkenden
Figuren nicht sagen können, ist genau das, was ihre infamen Projekte
kriseln lassen würde, Projekte die auf Kosten eueres Lebens, euerer
Zukunft aufgebaut werden. Genau das ist es aber, was wir sagen wollen;
was die Hochgeschwindigkeit überhaupt bedeutet, wen ein solches Projekt
tatsächlich interessiert, warum sich dagegen aufzulehen und als
Konsequenz, auf welche Art sich darüber aufzulehnen.
Die Hochgeschwindigkeit ist ein Projekt, daß als Objektiv ausdrücklich
die Erhöhung der Geschwindigkeit für den Transport der Waren und Menschen
hat. Dabei werden die Menschen zur Ware herabgesetzt. Die Verwirklichung
dieses Objektives wird als Errungenschaft verschäbert, eine
Errungenschaft die sich alle Menschen wünschen sollten. In Wahrheit
handelt es sich jedoch nur um eine Errungenschaft derer, die dieses
falsche Bedürfnis geschaffen haben.
Welchem Menschen der mit gesunden Verstand ausgerüstet ist, kann es
interessieren Gebiete zu durchqueren die von ihm selbst verwüstet wurden?
Wer ist daran interessiert die Entfernungen zu reduzieren, weil er sie
als Hindernis empfindet und nicht als einen Spielraum der eigenen
Aktivitäten und der eigenen Wünsche? Wem ist es wichtig Buch zu führen
über jede einzelne Minute unseres Lebens, uns vom Tyrann der Eile
aufsaugen zu lassen, Hügel zu verwüsten, Berge zu durchlöchern, ganze
Wälder abzuroden, nur um immer schneller zu sein?
Sicherlich sind daran nicht die Menschen interessiert die frei leben
wollen, sondern im Gegenteil, diejenigen die die Macht weiter verstärken
wollen, die Befehle geben wollen und alles noch unerträglicher machen
wollen. Also der Kapitalismus - der uns das Bedürfnis aufzwingt uns immer
schneller fortzubewegen, zu arbeiten um überleben zu können, uns
abzulenken und uns zum konsumieren verleiten - findet immer eine Weise
sich durchzusetzen und das auch noch in dem er den Menschen das Gefühl
geben will, daß sie an diesem "Progreß" teilnehmen und darüber glücklich
sind. Besonders was die so stolz verkündeten neuen Arbeitsplätze
betrifft, die genau von den UnterstützerInnen der Geschwindigkeit
frohlockt werden, so sind sie das deutlichste Beispiel, was mit dieser
sinnlosen Erpressung eigentlich gemeint ist: acht Stunden am Tag auf
gesundheitsschädlichen Bauplätzen, um ein Gebiet zu zerstören, in dem man
lebt und um - eines Tages der grauenvoll nahe steht - noch schneller zur
Arbeit fahren zu können. Eine Eroberung, auf die man wirklich nicht
verzichten kann.
Damit hört es aber nicht auf. Wie es normalerweise in der demokratischen
Welt passiert, ist die Scheinheiligkeit keine Prärogative einer einzigen
betroffenen Partei, sondern aller oder fast aller Parteien. Genau so ist
es auch passiert: kaum hat sich unter der Bevölkerung der Val di Susa dem
TAV gegenüber ein gewisser Unmut verdeutlicht, sind die Profis der
Resozialisation anmarschiert, um von diesem Unmut nicht übertroffen zu
werden, Unmut der sich auch auf andere Bereiche erweitern hätte können.
Die Rolle dieser Konsensgeier, im besonderen Falle Rifondazione
Comunista, die Grünen und die Bündnisse für Umweltschutz, war sehr
deutlich zu erkennen: sofort dort eingreifen, wo es zu einer Spaltung
zwischen den Interessen des Kapitals und der Bevölkerung gekommen ist um
den Konflikt zu schlichten, dies im Rahmen eines friedlichen und
unschlüssigem demokratischen Geschwätz, mit dem kleine Forderungen
gestellt werden, damit alles beim Alten bleiben kann.
Daß die Hochgeschwindigkeit der Umwelt hohen Schaden zufügt
(idrogeologische Verschiebungen, Lärm, noch höherer elektromagnetische
Verschmutzung, Zerstörung des Gleichgewichtes der Fauna, usw.) ist allen
bekannt, daß dieser Aspekt - der Offensichtlichste und der Einzige der
von den Umweltschützern kritisiert wird - sich nicht durch
Lärmschutzwände und ein paar Umleitungen der Linie, oder gar mit der
Umleitung in ein anderes Tal lösen läßt, ist wohl offensichtlich; das
Gegenteil zu behaupten, bedeutet eine Dummheit zu sagen, die keine
zusätzlichen Wörter verlangt.
Der Kernpunkt dieser Angelegenheit befindet sich in der Auffassung und
der Verwaltung unseres Lebens, unseres Zeitgefühls, unserer Freiräume und
somit ein störendes Element für die Produktion und die Weiterleitung der
Waren darstellt. Die Umweltschäden sind nichts anderes, als eine
unausweichbare Konsequenz des Kapitals über die Ressourcen. Also ist der
einzige Konflikt der es Wert ist geführt zu werden, um ihn zu gewinnen,
derjenige der auf der einen Seite die Menschen sieht, die immer noch die
Freiheit lieben und auf der anderen Seite, das Kapital mit all seinen
Strukturen und UnterstützerInnen. Die ReformistInnen, egal ob grün, rot
oder schwarz, werden diese Banalitäten nie zugeben, denn sie wissen ganz
genau, daß sie die Ersten wären, deren Arschbacken den Boden küssen
würden.
In diesem Sumpf von Lügen und Partialitäten, so scheint es uns, sind die
einzigen seriösen und ehrlichen Argumente die Angriffe und
Sabotageaktionen von denjenigen die von diesem Zug und dieser
zusätzlichen Unterdrückung nichts wissen wollen.
ReformistInnen und UmweltschützerInnen haben anfangs diese "Gewalttaten"
mit dem Argument "sie seien dem echten und demokratischen
Umweltschutzkampf schädlich" verurteilt - dann haben sie ein Wettrennen
der vollkommenen Idiotie gestartet: "das ist sicherlich das Werk eines
Wahnsinnigen, eines Provokateurs, der Wettbewerber der Asphalte, oder gar
des Geheimdienstes". Also hätten es alle gewesen sein können, außer
denjenigen die ein wirkliches Interesse daran haben, diesen weiteren
Umweltschaden zu sabotieren.
Später wurden drei Personen aus dem anarchistischem Spektrum festgenommen
und angeklagt, die Verantwortlichen dieser Angriffe zu sein. Ob sie es
tatsächlich waren oder nicht, scheint für die italienischen
Sondereinheiten (ROS) und die Richter nicht das Problem zu sein, genauso
wenig wie ihnen der Tod von Edoardo Massari im Gefängnis, und der
Selbstmord von Maria Soledad Rosas im Hausarrest Sorgen bereitet. Das
sind Dinge die vorkommen. Das wichtigste ist jemanden zu finden, dem man
die Kleider des Feindes überziehen kann.
Ökoterroristen. So wurden sie definiert. Was aber bedeutet dieses Wort?
Wer sind die wirklichen Terroristen? Diejenigen die ganze Täler
verwüsten, um ihre Profite und die soziale Kontrolle zu erhöhen, oder
diejenigen die sich dazu entscheiden sich dagegen aufzulehnen mit den
Mitteln die sie für angemessen halten? Was macht mehr Angst: ein
Strommasten vor der Haustür, oder eine Molotov gegen einen Bauplatz durch
den bleibende Umweltschäden erzeugt werden? Wir haben diesbzgl. keine
Zweifel. Terroristen sind diejenigen, die mit Lügen und Knast einen
Progreß aufzwingen der nur der Progreß der Herrschenden ist und dazu
dient unser Leben zu zerstören. Terroristen sind diejenigen die uns
einsperren, uns verwalten, uns entwürdigen und uns Tag täglich dem Tod
ein Stück näher bringen, dies im Namen eines "gemeinsamen Wohles", das
nichts anderes ist als das gemeinsame Wohl des Staates und des Kapitals.
Wir stehen auf der anderen Seite, mit all den Menschen die heute noch von
einem anderen Leben träumen, das nicht von solch einem Fluch überschattet
ist.
Wir schlagen vor nicht zu resignieren. Es stimmt nicht, daß - so wie sie
es uns sagen - es nur diese Welt geben kann, oder eine noch schlimmere.
Wir schlagen eine permanente Feindseligkeit, gegenüber solcher Projekte
wie das der Hochgeschwindigkeit, vor. Dieses ist ein konkretes Instrument
eines Progresses der unausweichbarer Feind des Menschen ist. Wer die
GenossInnen sein werden die diesen Kampf führen werden, wird sich auf dem
Weg dahin zeigen, die Feinde stehen jedoch schon in einer Reihe und sind
jetzt schon erkennbar. Es sind die UnterstützterInnen des technologischen
Wahns, es sind Männer und Frauen in Fleisch und Blut, es sind konkrete
Strukturen, es sind alle PolitikerInnen und ReformistInnen - die besten
Wachhunde die den Herrschenden zur Verfügung stehen - die den Kampf
anderer verwalten möchten, damit sich auch ja nichts ändern kann. Die
Methoden können die des wilden Streiks sein, die der Verweigerung der
Kooperation, der Boykott bis hin zur Sabotage und alle anderen Methoden
die sich im Laufe des Kampfes mit Phantasie und Konfrontation entdecken
und experimentieren lassen. Unsere Selbstbefreiung kann sich nicht auf
den Umweltschutz oder auf kleine vorausgegangene, vom Kampf erzeugte,
Ergebnisse begrenzen. Es ist unausweichbar zum Angriff überzugehen auf
all das Schadvolle was uns umgibt. Wir müssen uns immer vor Augen halten,
daß die Welt der wir gegenüberstehen aus einem einzigen Stück ist, daß
die Hochgeschwindigkeit nur ein Teil von ihm ist, und diesen zu
kritisieren und anzugreifen ein erster Schritt ist die historischen
Gründe zu eliminieren, die solche Horrors ermöglicht haben. Der unsere
ist der Schrei derer die es leid sind sich dauernd von den Schäden der
Herrschenden verteidigen zu müssen, um überleben zu können. Er ist
wiedereinmal, der Schrei der Revolte.
Vom 3. -
6. September findet in Val di Susa (Turin/Italien) ein Treffen gegen den
TAV statt
Kurzer Überblick zun besseren Verständnis:
Das Mordprojekt Hochgeschwindigkeit in Italien
Der TAV ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Zerstörung von Menschen
und Natur zwischen Turin und Lion vorsieht. Hochgeschwindigkeitszüge
sollen Turin mit Lion verbinden. Von Anfang an bildete sich im
italienische Tal "Val Susa" (ca. 30 Min. von Turin entfernt) seitens der
betroffenen Bevölkerung ein deklarierter Widerstand, der sich in den
unterschiedlichsten Formen und Mitteln äußerte, inklusive diverse
Sabotageaktionen gegen die Interessenten und UnterstützerInnen des
Mordprojektes TAV.
Im Rahmen der ständig steigenden Repression in Italien, die sich seit
über 5 Jahren gegen einen Teil der italienischen anarchistischen Szene
richtet, wurden drei Personen aus diesem Gebiet verhaftet. Edo, Silvano
und Soledad die Freundin von Edo, die zum ersten Mal nach Italien kam, da
Argentinierin.
Die Folge dieser Verhaftungen waren auch die Räumungen diverser besetzter
Strukturen in Turin, da einer der beiden Personen in diesen
Zusammenhängen lebte. Die Polizei, die besonders hart gegen die
Besetzerszene vorgegangen war, erzeugte somit Reaktionen aus der gesamten
Besetzerszene in Turin.
Edo, erhängte sich einige Wochen nach seiner Verhaftung.
Dieser Vorfall löste ein scheinheiliges Entsetzen unter den Medien,
PolitikerInnen, SoziologInnen usw. aus, sowie auch unter einem Großteil
der italienischen linken Szene.
Dazu einige genauere Darstellungen, die uns wichtig scheinen erwähnt zu
werden, um die Hintergründe dieses scheinheiligen Entsetzens besser
verstehen zu können:
a) Familienangehörige, Freunde und GenossInnen von Edo, hatten
ausdrücklich darum gebeten, daß keine JournalistInnen an der Beerdigung
teilnehmen sollten, sie wollten Edo im Rahmen seiner Freunde beerdigen.
Die JournalistInnen hielten sich jedoch nicht daran, schlichen immer
wieder rund um den Friedhof herum und belästigten sogar die
DorfbewohnerInnen des Herkunftsortes von Edo mit oft auch sehr
persönlichen Fragen.
Besonders klever kam sich ein Journalist vor. Er wagte sich bis ans Grab
und sprach sein "Mitleid" aus. Genau dieser Journalist der für die
Lokalzeitung dieses Gebietes schreibt, hatte ein paar Jahre vorher eine
Hetzkampagne gegen Edo gestartet, die ihm schon mal einige Zeit Knast
gekostet hatte. Diese Frechheit der "Mitleidsausprechung" kostete ihm ein
paar Watschen. Dies bedeutete ein paar Monate Knast für einen Freund von
Edo, andere konnten noch rechtzeitig verschwinden.
Medien und PolitikerInnen schlachteten die ganze Angelegenheiten zu ihrem
Gunsten (und dadurch natürlich zum Gunsten der Herrschenden) aus. Aus den
bösen TerroristInnen wurden plötzlich zukunftslose Jugendliche, denen man
doch entgegenkommen sollte, ihnen zumindestens ihre Freiräume (also
sozialen Zentren) geben sollte, wenn das Leben ansonst schon jegliche
Perspektivlosigkeit versagt, um sie resozialisieren zu können.
Genau an diesem Punkt befindet sich der Übergang mit der Scheinheiligkeit
der Politszene.
b) Wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit wäre mit dem Staat um die
eigenen Strukturen zu handeln, wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit
wäre seine EIGENEN politischen Inhalte an die Öffentlichkeit zu bringen,
veranstaltete die Gesamtszene ein regelrechtes Schauspiel, dies auf der
Leiche von Edo und über den Köpfen seiner GenossInnen. Der Gipfel wurde
bei einer Demo in Turin erreicht, bei der 5.000 Personen anwesend waren
die allen möglichen "Strömungen" - Rifondazione Comunista (tja man muß
doch die Gelegenheit nützen der Opposition eins auszuwischen), den Grünen
(wußten wir auch nicht, daß sie plötzlich mit den AnarchistInnen
sympathisieren, ach ja wenn sie tot sind, dann können sie ja nicht mehr
schaden), Autonomen und FreizeitrevolutionärInnen - angehörten.
Es muß der Informationsgerechtigkeit erwähnt werden, daß z.B.
Zusammenhänge wie die der Autonomia Operaia (und hier sei es noch einmal
betont: die italienischen Autonomi, sind nicht mit den deutschen
Autonomen gleichzusetzen. Es liegt eine grundsätzlich unterschiedliche
Struktur, sowie Vorgehensmethode zu Grunde, informiert euch bitte mal
über das was die vom Leoncavallo gerade so treiben!) und die FAI, seit
Jahren und Jahren in einem sehr ernsthaften und gar nicht mehr lustigen
Konflikt stehen, mit den anarchistischen Zusammenhängen denen sich Edo
zugehörig fühlte. Plötzlich aber konnte man aus o.g. Flugblättern lesen,
es würde sich um "ihren Genossen Baleno" handeln (Baleno war sein
Spitznahme unter seinen eigenen GenossInnen). Diesen Baleno, den sie
nicht mal kannten, und gegen dessen GenossInnen sie seit Jahren Abstand
nahmen. Dieser Abstand war so groß, daß o.g. Zusammenhänge es nicht für
nötig hielten an den Prozessen seiner Zusammenhänge teilzunehmen
(Prozesse bezogen gegen die Verhaftungswelle des Konstrukt "Marini") und
dieses Konstrukt bewußt in ihrer eigenen Presse verschwiegen, bzw. sich
die FAI darauf beschränkte, um es so auszudrücken wie ein italienisches
Sprichwort sagt, "um Gesicht und Arsch zu retten" einmal eine
Stellungnahme von sich gab, ein anderes Mal 4 erbärmliche Zeilen über die
Verhaftungen an sich brachte. Um das geht es uns aber auch gar nicht.
Wesentlich schlimmer empfinden wir die Tatsache, daß wenn wir hier im
Ausland (und das ist das Interessante daran, wir werden als irgendwelche
deutschen GenossInnen betrachtet, daher wird uns ganz ehrlich und
unbedarft geantwortet, ohne zu wissen, mit wem man da eigentlich
tatsächlich spricht) mal auf einzelne Individuen stoßen die sich der FAI
zugehörig fühlen und diese fragen, warum sie sich eigentlich um die halbe
Welt kümmern, aber nicht um das was in Italien selbst vorgeht, Antworten
erhalten haben, die wie hier nicht wiederbringen möchten, da sich nur
Strukturen wie der VS darüber freuen würden.
Edo aber konnte nun herhalten, um die eigenen politischen Interessen zu
vertreten.
Somit spielte der Großteil der italienischen Szene das Spielchen der
Herrschenden mit: Ablenken vom TAV und dem Projekt Hochgeschwindigkeit,
der eigentliche Grund der Verhaftung der drei Personen, der eigentliche
Grund des Todes von Edo und später von Soledad. Plötzlich standen jedoch
die "Squatters" im Rampenlicht, ihre "Besetzungen" und ihre Politik.
Edo war jedoch kein "Squatter" im wahren Sinne des Wortes. Er "kämpfte"
nicht dafür, um sich einen günstigen Wohnraum oder "Freizeitpark" zu
garantieren, er sah seinen Lebensinhalt nicht im Hausbesetzerkampf (den
es ja so wie er ursprünglich war, eh nicht mehr gibt), sondern lebte sein
Leben in einer Realität von der er davon ausging zumindest eine ähnliche
Gesinnung in den Grundsätzen zu haben; weder waren es Silvano (der
zwischenzeitlich als Leader dargestellt wurde und in einen
Hochsicherheitstrakt verlegt wurde) oder gar Soledad.
Da wo die Gelegenheit hätte wahrgenommen werden können, dem TAV konkret
und revolutionär etwas entgegenzusetzen, da wurde wiedereinmal ein
politischer Wettkampf geführt, dies im Namen einer "Solidarität" die wir
keineswegs nachvollziehen können, im Gegenteil die uns zum kotzen reizt.
Solidarität hätte bedeutet DA ANZUSEZTEN WO DER URSPRUNG DES KAMPFES von
Edo ausging und nicht dort anzusetzen, wo man die Möglichkeit sieht,
einen Kuhhandel zu betreiben.
Einige GenossInnen die sich in diesem Gebiet befinden, dort kämpfen und
dort leben, sind deklarierte GegnerInnen der Verhandlungen mit dem Staat
und den Medien, wie also kann von Solidarität gesprochen werden, wenn
genau das Gegenteil umgesetzt wird?
Nach diesem traurigen Polittheater, trat in Turin wieder die Ruhe ein.
Alle 5.000 DemonstrantInnen kehrten wieder nach Hause.
Geblieben ist aber das Projekt Hochgeschwindigkeit, geblieben sind die
GenossInnen und Zusammenhänge, die den Kampf von Edo weiterführen.
Geblieben ist auch die Leiche von Soledad, die sich vor ein paar Wochen
in ihrer Wohnung, in der sie sich im Hausarrest befand, erhängt hat.
Geblieben ist Silvano, der auf einen Schlag zwei Freunde verloren hat,
und sich jetzt im Hausarrest befindet.
Geblieben ist auch das Konstrukt Marini, es wurde sogar noch erweitert.
Geblieben ist uns die Wut im Bauch, aber auch der Überzeugung, daß nicht
die ganze europäische Szene zu einem einzigen Politikum und
Kuhhandelmarkt zusammengeschrumpft sein kann. Wir denken, daß es immer
noch einige GenossInnen gibt, die als Individuen dieses Leben nicht mehr
ertragen, die noch bereit dazu sind, einen kompromißlosen Kampf zu führen
weil sie sich einfach unwohl fühlen und nicht weil sie eine Macht, eine
politische Strategie (so Szene-intern diese auch sein mag) mit einer
anderen austauschen möchten. Die sich nicht von
Resozialisierungsprogrammen erobern lassen. Individuen die ihr Leben
leben und kompromißlos gegen all das kämpfen, was ihnen im Wege steht, um
an die Befreiung ihrer selbst zu gelangen; rebellisch, revoltierend, Tag
für Tag, ohne Programme ohne Plattformen. An diese Individuen ist die
folgende Einladung aus Italien gerichtet:
Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa ein Treffen gegen den TAV
statt. Der Ort befindet sich ca. 30 Min. von Turin entfernt. Wird
demnächst genauer mitgeteilt.
Wir glauben es sei notwendig wieder auf die ursprünglichen Gründe dieser
Repressionswelle zurückzukommen.
Am Treffen werden Diskussionen geführt bzgl. der Interessen, Effekte und
Sinn der Hochgeschwindigkeit. Es würde uns sehr freuen, wenn GenossInnen
aus Deutschland daran teilnehmen könnten, die uns etwas über ihren Kampf
in Gorleben berichten könnten. Es werden eine Reihe von Veranstaltungen
stattfinden, Videoabende usw.
-------
Es folgt die Übersetzung eines Flugblattes seitens der Koordination:
Die ÜbersetzerInnen: Wir bitten um Verständnis für das schlechte Deutsch,
standen aber unter Zeitdruck, der es uns nicht ermöglichte noch in
Korrektur zu gehen.
Mit Krallen und zähnefletschend
Wie viele wissen, sieht das Projekt des Hochgeschwindigkeitszuges auch
die "angenehme" Durchfahrt durch das Gebiet Val di Susa vor, um von Turin
nach Lion zu gelangen. In den letzten Jahren wurde viel über diese
Gelegenheit geredet. Geschäftsleute, Vorsitzende der Naturschutzbunde,
JournalistInnen, Bürgermeister, "FachkennerInnen" und die verschiedensten
MinisterInnen haben unverfehlbar mit ihren Argumentationen um sich
geworfen. Argumentationen, die unserer Ansicht nach irreleitend sind, um
nicht zu sagen, daß sie gewollt scheinheilig und verdummend sind. Diese
Überzeugung entsteht aus der Gewißheit, daß diejenigen die die
Hochgeschwindigkeit planen, unterstützen und finanzieren, nichts anderes
tun können als uns vorzugaukeln wie nützlich so ein Projekt sei. Auf der
anderen Seite können die Bürgermeister, Administratoren und
PolitikerInnen nichts anderes machen, als so zu tun, als würden sie auch
einige kleine Bedenken haben, um vor den mißgestimmten BürgerInnen ihre
politische Glaubwürdigkeit zu bewahren. Das was all diese stinkenden
Figuren nicht sagen können, ist genau das, was ihre infamen Projekte
kriseln lassen würde, Projekte die auf Kosten eueres Lebens, euerer
Zukunft aufgebaut werden. Genau das ist es aber, was wir sagen wollen;
was die Hochgeschwindigkeit überhaupt bedeutet, wen ein solches Projekt
tatsächlich interessiert, warum sich dagegen aufzulehen und als
Konsequenz, auf welche Art sich darüber aufzulehnen.
Die Hochgeschwindigkeit ist ein Projekt, daß als Objektiv ausdrücklich
die Erhöhung der Geschwindigkeit für den Transport der Waren und Menschen
hat. Dabei werden die Menschen zur Ware herabgesetzt. Die Verwirklichung
dieses Objektives wird als Errungenschaft verschäbert, eine
Errungenschaft die sich alle Menschen wünschen sollten. In Wahrheit
handelt es sich jedoch nur um eine Errungenschaft derer, die dieses
falsche Bedürfnis geschaffen haben.
Welchem Menschen der mit gesunden Verstand ausgerüstet ist, kann es
interessieren Gebiete zu durchqueren die von ihm selbst verwüstet wurden?
Wer ist daran interessiert die Entfernungen zu reduzieren, weil er sie
als Hindernis empfindet und nicht als einen Spielraum der eigenen
Aktivitäten und der eigenen Wünsche? Wem ist es wichtig Buch zu führen
über jede einzelne Minute unseres Lebens, uns vom Tyrann der Eile
aufsaugen zu lassen, Hügel zu verwüsten, Berge zu durchlöchern, ganze
Wälder abzuroden, nur um immer schneller zu sein?
Sicherlich sind daran nicht die Menschen interessiert die frei leben
wollen, sondern im Gegenteil, diejenigen die die Macht weiter verstärken
wollen, die Befehle geben wollen und alles noch unerträglicher machen
wollen. Also der Kapitalismus - der uns das Bedürfnis aufzwingt uns immer
schneller fortzubewegen, zu arbeiten um überleben zu können, uns
abzulenken und uns zum konsumieren verleiten - findet immer eine Weise
sich durchzusetzen und das auch noch in dem er den Menschen das Gefühl
geben will, daß sie an diesem "Progreß" teilnehmen und darüber glücklich
sind. Besonders was die so stolz verkündeten neuen Arbeitsplätze
betrifft, die genau von den UnterstützerInnen der Geschwindigkeit
frohlockt werden, so sind sie das deutlichste Beispiel, was mit dieser
sinnlosen Erpressung eigentlich gemeint ist: acht Stunden am Tag auf
gesundheitsschädlichen Bauplätzen, um ein Gebiet zu zerstören, in dem man
lebt und um - eines Tages der grauenvoll nahe steht - noch schneller zur
Arbeit fahren zu können. Eine Eroberung, auf die man wirklich nicht
verzichten kann.
Damit hört es aber nicht auf. Wie es normalerweise in der demokratischen
Welt passiert, ist die Scheinheiligkeit keine Prärogative einer einzigen
betroffenen Partei, sondern aller oder fast aller Parteien. Genau so ist
es auch passiert: kaum hat sich unter der Bevölkerung der Val di Susa dem
TAV gegenüber ein gewisser Unmut verdeutlicht, sind die Profis der
Resozialisation anmarschiert, um von diesem Unmut nicht übertroffen zu
werden, Unmut der sich auch auf andere Bereiche erweitern hätte können.
Die Rolle dieser Konsensgeier, im besonderen Falle Rifondazione
Comunista, die Grünen und die Bündnisse für Umweltschutz, war sehr
deutlich zu erkennen: sofort dort eingreifen, wo es zu einer Spaltung
zwischen den Interessen des Kapitals und der Bevölkerung gekommen ist um
den Konflikt zu schlichten, dies im Rahmen eines friedlichen und
unschlüssigem demokratischen Geschwätz, mit dem kleine Forderungen
gestellt werden, damit alles beim Alten bleiben kann.
Daß die Hochgeschwindigkeit der Umwelt hohen Schaden zufügt
(idrogeologische Verschiebungen, Lärm, noch höherer elektromagnetische
Verschmutzung, Zerstörung des Gleichgewichtes der Fauna, usw.) ist allen
bekannt, daß dieser Aspekt - der Offensichtlichste und der Einzige der
von den Umweltschützern kritisiert wird - sich nicht durch
Lärmschutzwände und ein paar Umleitungen der Linie, oder gar mit der
Umleitung in ein anderes Tal lösen läßt, ist wohl offensichtlich; das
Gegenteil zu behaupten, bedeutet eine Dummheit zu sagen, die keine
zusätzlichen Wörter verlangt.
Der Kernpunkt dieser Angelegenheit befindet sich in der Auffassung und
der Verwaltung unseres Lebens, unseres Zeitgefühls, unserer Freiräume und
somit ein störendes Element für die Produktion und die Weiterleitung der
Waren darstellt. Die Umweltschäden sind nichts anderes, als eine
unausweichbare Konsequenz des Kapitals über die Ressourcen. Also ist der
einzige Konflikt der es Wert ist geführt zu werden, um ihn zu gewinnen,
derjenige der auf der einen Seite die Menschen sieht, die immer noch die
Freiheit lieben und auf der anderen Seite, das Kapital mit all seinen
Strukturen und UnterstützerInnen. Die ReformistInnen, egal ob grün, rot
oder schwarz, werden diese Banalitäten nie zugeben, denn sie wissen ganz
genau, daß sie die Ersten wären, deren Arschbacken den Boden küssen
würden.
In diesem Sumpf von Lügen und Partialitäten, so scheint es uns, sind die
einzigen seriösen und ehrlichen Argumente die Angriffe und
Sabotageaktionen von denjenigen die von diesem Zug und dieser
zusätzlichen Unterdrückung nichts wissen wollen.
ReformistInnen und UmweltschützerInnen haben anfangs diese "Gewalttaten"
mit dem Argument "sie seien dem echten und demokratischen
Umweltschutzkampf schädlich" verurteilt - dann haben sie ein Wettrennen
der vollkommenen Idiotie gestartet: "das ist sicherlich das Werk eines
Wahnsinnigen, eines Provokateurs, der Wettbewerber der Asphalte, oder gar
des Geheimdienstes". Also hätten es alle gewesen sein können, außer
denjenigen die ein wirkliches Interesse daran haben, diesen weiteren
Umweltschaden zu sabotieren.
Später wurden drei Personen aus dem anarchistischem Spektrum festgenommen
und angeklagt, die Verantwortlichen dieser Angriffe zu sein. Ob sie es
tatsächlich waren oder nicht, scheint für die italienischen
Sondereinheiten (ROS) und die Richter nicht das Problem zu sein, genauso
wenig wie ihnen der Tod von Edoardo Massari im Gefängnis, und der
Selbstmord von Maria Soledad Rosas im Hausarrest Sorgen bereitet. Das
sind Dinge die vorkommen. Das wichtigste ist jemanden zu finden, dem man
die Kleider des Feindes überziehen kann.
Ökoterroristen. So wurden sie definiert. Was aber bedeutet dieses Wort?
Wer sind die wirklichen Terroristen? Diejenigen die ganze Täler
verwüsten, um ihre Profite und die soziale Kontrolle zu erhöhen, oder
diejenigen die sich dazu entscheiden sich dagegen aufzulehnen mit den
Mitteln die sie für angemessen halten? Was macht mehr Angst: ein
Strommasten vor der Haustür, oder eine Molotov gegen einen Bauplatz durch
den bleibende Umweltschäden erzeugt werden? Wir haben diesbzgl. keine
Zweifel. Terroristen sind diejenigen, die mit Lügen und Knast einen
Progreß aufzwingen der nur der Progreß der Herrschenden ist und dazu
dient unser Leben zu zerstören. Terroristen sind diejenigen die uns
einsperren, uns verwalten, uns entwürdigen und uns Tag täglich dem Tod
ein Stück näher bringen, dies im Namen eines "gemeinsamen Wohles", das
nichts anderes ist als das gemeinsame Wohl des Staates und des Kapitals.
Wir stehen auf der anderen Seite, mit all den Menschen die heute noch von
einem anderen Leben träumen, das nicht von solch einem Fluch überschattet
ist.
Wir schlagen vor nicht zu resignieren. Es stimmt nicht, daß - so wie sie
es uns sagen - es nur diese Welt geben kann, oder eine noch schlimmere.
Wir schlagen eine permanente Feindseligkeit, gegenüber solcher Projekte
wie das der Hochgeschwindigkeit, vor. Dieses ist ein konkretes Instrument
eines Progresses der unausweichbarer Feind des Menschen ist. Wer die
GenossInnen sein werden die diesen Kampf führen werden, wird sich auf dem
Weg dahin zeigen, die Feinde stehen jedoch schon in einer Reihe und sind
jetzt schon erkennbar. Es sind die UnterstützterInnen des technologischen
Wahns, es sind Männer und Frauen in Fleisch und Blut, es sind konkrete
Strukturen, es sind alle PolitikerInnen und ReformistInnen - die besten
Wachhunde die den Herrschenden zur Verfügung stehen - die den Kampf
anderer verwalten möchten, damit sich auch ja nichts ändern kann. Die
Methoden können die des wilden Streiks sein, die der Verweigerung der
Kooperation, der Boykott bis hin zur Sabotage und alle anderen Methoden
die sich im Laufe des Kampfes mit Phantasie und Konfrontation entdecken
und experimentieren lassen. Unsere Selbstbefreiung kann sich nicht auf
den Umweltschutz oder auf kleine vorausgegangene, vom Kampf erzeugte,
Ergebnisse begrenzen. Es ist unausweichbar zum Angriff überzugehen auf
all das Schadvolle was uns umgibt. Wir müssen uns immer vor Augen halten,
daß die Welt der wir gegenüberstehen aus einem einzigen Stück ist, daß
die Hochgeschwindigkeit nur ein Teil von ihm ist, und diesen zu
kritisieren und anzugreifen ein erster Schritt ist die historischen
Gründe zu eliminieren, die solche Horrors ermöglicht haben. Der unsere
ist der Schrei derer die es leid sind sich dauernd von den Schäden der
Herrschenden verteidigen zu müssen, um überleben zu können. Er ist
wiedereinmal, der Schrei der Revolte.
Koordination gegen die Hochgeschwindigkeit
Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa (Turin/Italien) ein Treffen
gegen den TAV statt
Kurzer Überblick zun besseren Verständnis:
Das Mordprojekt Hochgeschwindigkeit in Italien
Der TAV ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Zerstörung von Menschen
und Natur zwischen Turin und Lion vorsieht. Hochgeschwindigkeitszüge
sollen Turin mit Lion verbinden. Von Anfang an bildete sich im
italienische Tal "Val Susa" (ca. 30 Min. von Turin entfernt) seitens der
betroffenen Bevölkerung ein deklarierter Widerstand, der sich in den
unterschiedlichsten Formen und Mitteln äußerte, inklusive diverse
Sabotageaktionen gegen die Interessenten und UnterstützerInnen des
Mordprojektes TAV.
Im Rahmen der ständig steigenden Repression in Italien, die sich seit
über 5 Jahren gegen einen Teil der italienischen anarchistischen Szene
richtet, wurden drei Personen aus diesem Gebiet verhaftet. Edo, Silvano
und Soledad die Freundin von Edo, die zum ersten Mal nach Italien kam, da
Argentinierin.
Die Folge dieser Verhaftungen waren auch die Räumungen diverser besetzter
Strukturen in Turin, da einer der beiden Personen in diesen
Zusammenhängen lebte. Die Polizei, die besonders hart gegen die
Besetzerszene vorgegangen war, erzeugte somit Reaktionen aus der gesamten
Besetzerszene in Turin.
Edo, erhängte sich einige Wochen nach seiner Verhaftung.
Dieser Vorfall löste ein scheinheiliges Entsetzen unter den Medien,
PolitikerInnen, SoziologInnen usw. aus, sowie auch unter einem Großteil
der italienischen linken Szene.
Dazu einige genauere Darstellungen, die uns wichtig scheinen erwähnt zu
werden, um die Hintergründe dieses scheinheiligen Entsetzens besser
verstehen zu können:
a) Familienangehörige, Freunde und GenossInnen von Edo, hatten
ausdrücklich darum gebeten, daß keine JournalistInnen an der Beerdigung
teilnehmen sollten, sie wollten Edo im Rahmen seiner Freunde beerdigen.
Die JournalistInnen hielten sich jedoch nicht daran, schlichen immer
wieder rund um den Friedhof herum und belästigten sogar die
DorfbewohnerInnen des Herkunftsortes von Edo mit oft auch sehr
persönlichen Fragen.
Besonders klever kam sich ein Journalist vor. Er wagte sich bis ans Grab
und sprach sein "Mitleid" aus. Genau dieser Journalist der für die
Lokalzeitung dieses Gebietes schreibt, hatte ein paar Jahre vorher eine
Hetzkampagne gegen Edo gestartet, die ihm schon mal einige Zeit Knast
gekostet hatte. Diese Frechheit der "Mitleidsausprechung" kostete ihm ein
paar Watschen. Dies bedeutete ein paar Monate Knast für einen Freund von
Edo, andere konnten noch rechtzeitig verschwinden.
Medien und PolitikerInnen schlachteten die ganze Angelegenheiten zu ihrem
Gunsten (und dadurch natürlich zum Gunsten der Herrschenden) aus. Aus den
bösen TerroristInnen wurden plötzlich zukunftslose Jugendliche, denen man
doch entgegenkommen sollte, ihnen zumindestens ihre Freiräume (also
sozialen Zentren) geben sollte, wenn das Leben ansonst schon jegliche
Perspektivlosigkeit versagt, um sie resozialisieren zu können.
Genau an diesem Punkt befindet sich der Übergang mit der Scheinheiligkeit
der Politszene.
b) Wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit wäre mit dem Staat um die
eigenen Strukturen zu handeln, wahrgenommen, daß es eine gute Möglichkeit
wäre seine EIGENEN politischen Inhalte an die Öffentlichkeit zu bringen,
veranstaltete die Gesamtszene ein regelrechtes Schauspiel, dies auf der
Leiche von Edo und über den Köpfen seiner GenossInnen. Der Gipfel wurde
bei einer Demo in Turin erreicht, bei der 5.000 Personen anwesend waren
die allen möglichen "Strömungen" - Rifondazione Comunista (tja man muß
doch die Gelegenheit nützen der Opposition eins auszuwischen), den Grünen
(wußten wir auch nicht, daß sie plötzlich mit den AnarchistInnen
sympathisieren, ach ja wenn sie tot sind, dann können sie ja nicht mehr
schaden), Autonomen und FreizeitrevolutionärInnen - angehörten.
Es muß der Informationsgerechtigkeit erwähnt werden, daß z.B.
Zusammenhänge wie die der Autonomia Operaia (und hier sei es noch einmal
betont: die italienischen Autonomi, sind nicht mit den deutschen
Autonomen gleichzusetzen. Es liegt eine grundsätzlich unterschiedliche
Struktur, sowie Vorgehensmethode zu Grunde, informiert euch bitte mal
über das was die vom Leoncavallo gerade so treiben!) und die FAI, seit
Jahren und Jahren in einem sehr ernsthaften und gar nicht mehr lustigen
Konflikt stehen, mit den anarchistischen Zusammenhängen denen sich Edo
zugehörig fühlte. Plötzlich aber konnte man aus o.g. Flugblättern lesen,
es würde sich um "ihren Genossen Baleno" handeln (Baleno war sein
Spitznahme unter seinen eigenen GenossInnen). Diesen Baleno, den sie
nicht mal kannten, und gegen dessen GenossInnen sie seit Jahren Abstand
nahmen. Dieser Abstand war so groß, daß o.g. Zusammenhänge es nicht für
nötig hielten an den Prozessen seiner Zusammenhänge teilzunehmen
(Prozesse bezogen gegen die Verhaftungswelle des Konstrukt "Marini") und
dieses Konstrukt bewußt in ihrer eigenen Presse verschwiegen, bzw. sich
die FAI darauf beschränkte, um es so auszudrücken wie ein italienisches
Sprichwort sagt, "um Gesicht und Arsch zu retten" einmal eine
Stellungnahme von sich gab, ein anderes Mal 4 erbärmliche Zeilen über die
Verhaftungen an sich brachte. Um das geht es uns aber auch gar nicht.
Wesentlich schlimmer empfinden wir die Tatsache, daß wenn wir hier im
Ausland (und das ist das Interessante daran, wir werden als irgendwelche
deutschen GenossInnen betrachtet, daher wird uns ganz ehrlich und
unbedarft geantwortet, ohne zu wissen, mit wem man da eigentlich
tatsächlich spricht) mal auf einzelne Individuen stoßen die sich der FAI
zugehörig fühlen und diese fragen, warum sie sich eigentlich um die halbe
Welt kümmern, aber nicht um das was in Italien selbst vorgeht, Antworten
erhalten haben, die wie hier nicht wiederbringen möchten, da sich nur
Strukturen wie der VS darüber freuen würden.
Edo aber konnte nun herhalten, um die eigenen politischen Interessen zu
vertreten.
Somit spielte der Großteil der italienischen Szene das Spielchen der
Herrschenden mit: Ablenken vom TAV und dem Projekt Hochgeschwindigkeit,
der eigentliche Grund der Verhaftung der drei Personen, der eigentliche
Grund des Todes von Edo und später von Soledad. Plötzlich standen jedoch
die "Squatters" im Rampenlicht, ihre "Besetzungen" und ihre Politik.
Edo war jedoch kein "Squatter" im wahren Sinne des Wortes. Er "kämpfte"
nicht dafür, um sich einen günstigen Wohnraum oder "Freizeitpark" zu
garantieren, er sah seinen Lebensinhalt nicht im Hausbesetzerkampf (den
es ja so wie er ursprünglich war, eh nicht mehr gibt), sondern lebte sein
Leben in einer Realität von der er davon ausging zumindest eine ähnliche
Gesinnung in den Grundsätzen zu haben; weder waren es Silvano (der
zwischenzeitlich als Leader dargestellt wurde und in einen
Hochsicherheitstrakt verlegt wurde) oder gar Soledad.
Da wo die Gelegenheit hätte wahrgenommen werden können, dem TAV konkret
und revolutionär etwas entgegenzusetzen, da wurde wiedereinmal ein
politischer Wettkampf geführt, dies im Namen einer "Solidarität" die wir
keineswegs nachvollziehen können, im Gegenteil die uns zum kotzen reizt.
Solidarität hätte bedeutet DA ANZUSEZTEN WO DER URSPRUNG DES KAMPFES von
Edo ausging und nicht dort anzusetzen, wo man die Möglichkeit sieht,
einen Kuhhandel zu betreiben.
Einige GenossInnen die sich in diesem Gebiet befinden, dort kämpfen und
dort leben, sind deklarierte GegnerInnen der Verhandlungen mit dem Staat
und den Medien, wie also kann von Solidarität gesprochen werden, wenn
genau das Gegenteil umgesetzt wird?
Nach diesem traurigen Polittheater, trat in Turin wieder die Ruhe ein.
Alle 5.000 DemonstrantInnen kehrten wieder nach Hause.
Geblieben ist aber das Projekt Hochgeschwindigkeit, geblieben sind die
GenossInnen und Zusammenhänge, die den Kampf von Edo weiterführen.
Geblieben ist auch die Leiche von Soledad, die sich vor ein paar Wochen
in ihrer Wohnung, in der sie sich im Hausarrest befand, erhängt hat.
Geblieben ist Silvano, der auf einen Schlag zwei Freunde verloren hat,
und sich jetzt im Hausarrest befindet.
Geblieben ist auch das Konstrukt Marini, es wurde sogar noch erweitert.
Geblieben ist uns die Wut im Bauch, aber auch der Überzeugung, daß nicht
die ganze europäische Szene zu einem einzigen Politikum und
Kuhhandelmarkt zusammengeschrumpft sein kann. Wir denken, daß es immer
noch einige GenossInnen gibt, die als Individuen dieses Leben nicht mehr
ertragen, die noch bereit dazu sind, einen kompromißlosen Kampf zu führen
weil sie sich einfach unwohl fühlen und nicht weil sie eine Macht, eine
politische Strategie (so Szene-intern diese auch sein mag) mit einer
anderen austauschen möchten. Die sich nicht von
Resozialisierungsprogrammen erobern lassen. Individuen die ihr Leben
leben und kompromißlos gegen all das kämpfen, was ihnen im Wege steht, um
an die Befreiung ihrer selbst zu gelangen; rebellisch, revoltierend, Tag
für Tag, ohne Programme ohne Plattformen. An diese Individuen ist die
folgende Einladung aus Italien gerichtet:
Vom 3. - 6. September findet in Val di Susa ein Treffen gegen den TAV
statt. Der Ort befindet sich ca. 30 Min. von Turin entfernt. Wird
demnächst genauer mitgeteilt.
Wir glauben es sei notwendig wieder auf die ursprünglichen Gründe dieser
Repressionswelle zurückzukommen.
Am Treffen werden Diskussionen geführt bzgl. der Interessen, Effekte und
Sinn der Hochgeschwindigkeit. Es würde uns sehr freuen, wenn GenossInnen
aus Deutschland daran teilnehmen könnten, die uns etwas über ihren Kampf
in Gorleben berichten könnten. Es werden eine Reihe von Veranstaltungen
stattfinden, Videoabende usw.
-------
Es folgt die Übersetzung eines Flugblattes seitens der Koordination:
Die ÜbersetzerInnen: Wir bitten um Verständnis für das schlechte Deutsch,
standen aber unter Zeitdruck, der es uns nicht ermöglichte noch in
Korrektur zu gehen.
Mit Krallen und zähnefletschend
Wie viele wissen, sieht das Projekt des Hochgeschwindigkeitszuges auch
die "angenehme" Durchfahrt durch das Gebiet Val di Susa vor, um von Turin
nach Lion zu gelangen. In den letzten Jahren wurde viel über diese
Gelegenheit geredet. Geschäftsleute, Vorsitzende der Naturschutzbunde,
JournalistInnen, Bürgermeister, "FachkennerInnen" und die verschiedensten
MinisterInnen haben unverfehlbar mit ihren Argumentationen um sich
geworfen. Argumentationen, die unserer Ansicht nach irreleitend sind, um
nicht zu sagen, daß sie gewollt scheinheilig und verdummend sind. Diese
Überzeugung entsteht aus der Gewißheit, daß diejenigen die die
Hochgeschwindigkeit planen, unterstützen und finanzieren, nichts anderes
tun können als uns vorzugaukeln wie nützlich so ein Projekt sei. Auf der
anderen Seite können die Bürgermeister, Administratoren und
PolitikerInnen nichts anderes machen, als so zu tun, als würden sie auch
einige kleine Bedenken haben, um vor den mißgestimmten BürgerInnen ihre
politische Glaubwürdigkeit zu bewahren. Das was all diese stinkenden
Figuren nicht sagen können, ist genau das, was ihre infamen Projekte
kriseln lassen würde, Projekte die auf Kosten eueres Lebens, euerer
Zukunft aufgebaut werden. Genau das ist es aber, was wir sagen wollen;
was die Hochgeschwindigkeit überhaupt bedeutet, wen ein solches Projekt
tatsächlich interessiert, warum sich dagegen aufzulehen und als
Konsequenz, auf welche Art sich darüber aufzulehnen.
Die Hochgeschwindigkeit ist ein Projekt, daß als Objektiv ausdrücklich
die Erhöhung der Geschwindigkeit für den Transport der Waren und Menschen
hat. Dabei werden die Menschen zur Ware herabgesetzt. Die Verwirklichung
dieses Objektives wird als Errungenschaft verschäbert, eine
Errungenschaft die sich alle Menschen wünschen sollten. In Wahrheit
handelt es sich jedoch nur um eine Errungenschaft derer, die dieses
falsche Bedürfnis geschaffen haben.
Welchem Menschen der mit gesunden Verstand ausgerüstet ist, kann es
interessieren Gebiete zu durchqueren die von ihm selbst verwüstet wurden?
Wer ist daran interessiert die Entfernungen zu reduzieren, weil er sie
als Hindernis empfindet und nicht als einen Spielraum der eigenen
Aktivitäten und der eigenen Wünsche? Wem ist es wichtig Buch zu führen
über jede einzelne Minute unseres Lebens, uns vom Tyrann der Eile
aufsaugen zu lassen, Hügel zu verwüsten, Berge zu durchlöchern, ganze
Wälder abzuroden, nur um immer schneller zu sein?
Sicherlich sind daran nicht die Menschen interessiert die frei leben
wollen, sondern im Gegenteil, diejenigen die die Macht weiter verstärken
wollen, die Befehle geben wollen und alles noch unerträglicher machen
wollen. Also der Kapitalismus - der uns das Bedürfnis aufzwingt uns immer
schneller fortzubewegen, zu arbeiten um überleben zu können, uns
abzulenken und uns zum konsumieren verleiten - findet immer eine Weise
sich durchzusetzen und das auch noch in dem er den Menschen das Gefühl
geben will, daß sie an diesem "Progreß" teilnehmen und darüber glücklich
sind. Besonders was die so stolz verkündeten neuen Arbeitsplätze
betrifft, die genau von den UnterstützerInnen der Geschwindigkeit
frohlockt werden, so sind sie das deutlichste Beispiel, was mit dieser
sinnlosen Erpressung eigentlich gemeint ist: acht Stunden am Tag auf
gesundheitsschädlichen Bauplätzen, um ein Gebiet zu zerstören, in dem man
lebt und um - eines Tages der grauenvoll nahe steht - noch schneller zur
Arbeit fahren zu können. Eine Eroberung, auf die man wirklich nicht
verzichten kann.
Damit hört es aber nicht auf. Wie es normalerweise in der demokratischen
Welt passiert, ist die Scheinheiligkeit keine Prärogative einer einzigen
betroffenen Partei, sondern aller oder fast aller Parteien. Genau so ist
es auch passiert: kaum hat sich unter der Bevölkerung der Val di Susa dem
TAV gegenüber ein gewisser Unmut verdeutlicht, sind die Profis der
Resozialisation anmarschiert, um von diesem Unmut nicht übertroffen zu
werden, Unmut der sich auch auf andere Bereiche erweitern hätte können.
Die Rolle dieser Konsensgeier, im besonderen Falle Rifondazione
Comunista, die Grünen und die Bündnisse für Umweltschutz, war sehr
deutlich zu erkennen: sofort dort eingreifen, wo es zu einer Spaltung
zwischen den Interessen des Kapitals und der Bevölkerung gekommen ist um
den Konflikt zu schlichten, dies im Rahmen eines friedlichen und
unschlüssigem demokratischen Geschwätz, mit dem kleine Forderungen
gestellt werden, damit alles beim Alten bleiben kann.
Daß die Hochgeschwindigkeit der Umwelt hohen Schaden zufügt
(idrogeologische Verschiebungen, Lärm, noch höherer elektromagnetische
Verschmutzung, Zerstörung des Gleichgewichtes der Fauna, usw.) ist allen
bekannt, daß dieser Aspekt - der Offensichtlichste und der Einzige der
von den Umweltschützern kritisiert wird - sich nicht durch
Lärmschutzwände und ein paar Umleitungen der Linie, oder gar mit der
Umleitung in ein anderes Tal lösen läßt, ist wohl offensichtlich; das
Gegenteil zu behaupten, bedeutet eine Dummheit zu sagen, die keine
zusätzlichen Wörter verlangt.
Der Kernpunkt dieser Angelegenheit befindet sich in der Auffassung und
der Verwaltung unseres Lebens, unseres Zeitgefühls, unserer Freiräume und
somit ein störendes Element für die Produktion und die Weiterleitung der
Waren darstellt. Die Umweltschäden sind nichts anderes, als eine
unausweichbare Konsequenz des Kapitals über die Ressourcen. Also ist der
einzige Konflikt der es Wert ist geführt zu werden, um ihn zu gewinnen,
derjenige der auf der einen Seite die Menschen sieht, die immer noch die
Freiheit lieben und auf der anderen Seite, das Kapital mit all seinen
Strukturen und UnterstützerInnen. Die ReformistInnen, egal ob grün, rot
oder schwarz, werden diese Banalitäten nie zugeben, denn sie wissen ganz
genau, daß sie die Ersten wären, deren Arschbacken den Boden küssen
würden.
In diesem Sumpf von Lügen und Partialitäten, so scheint es uns, sind die
einzigen seriösen und ehrlichen Argumente die Angriffe und
Sabotageaktionen von denjenigen die von diesem Zug und dieser
zusätzlichen Unterdrückung nichts wissen wollen.
ReformistInnen und UmweltschützerInnen haben anfangs diese "Gewalttaten"
mit dem Argument "sie seien dem echten und demokratischen
Umweltschutzkampf schädlich" verurteilt - dann haben sie ein Wettrennen
der vollkommenen Idiotie gestartet: "das ist sicherlich das Werk eines
Wahnsinnigen, eines Provokateurs, der Wettbewerber der Asphalte, oder gar
des Geheimdienstes". Also hätten es alle gewesen sein können, außer
denjenigen die ein wirkliches Interesse daran haben, diesen weiteren
Umweltschaden zu sabotieren.
Später wurden drei Personen aus dem anarchistischem Spektrum festgenommen
und angeklagt, die Verantwortlichen dieser Angriffe zu sein. Ob sie es
tatsächlich waren oder nicht, scheint für die italienischen
Sondereinheiten (ROS) und die Richter nicht das Problem zu sein, genauso
wenig wie ihnen der Tod von Edoardo Massari im Gefängnis, und der
Selbstmord von Maria Soledad Rosas im Hausarrest Sorgen bereitet. Das
sind Dinge die vorkommen. Das wichtigste ist jemanden zu finden, dem man
die Kleider des Feindes überziehen kann.
Ökoterroristen. So wurden sie definiert. Was aber bedeutet dieses Wort?
Wer sind die wirklichen Terroristen? Diejenigen die ganze Täler
verwüsten, um ihre Profite und die soziale Kontrolle zu erhöhen, oder
diejenigen die sich dazu entscheiden sich dagegen aufzulehnen mit den
Mitteln die sie für angemessen halten? Was macht mehr Angst: ein
Strommasten vor der Haustür, oder eine Molotov gegen einen Bauplatz durch
den bleibende Umweltschäden erzeugt werden? Wir haben diesbzgl. keine
Zweifel. Terroristen sind diejenigen, die mit Lügen und Knast einen
Progreß aufzwingen der nur der Progreß der Herrschenden ist und dazu
dient unser Leben zu zerstören. Terroristen sind diejenigen die uns
einsperren, uns verwalten, uns entwürdigen und uns Tag täglich dem Tod
ein Stück näher bringen, dies im Namen eines "gemeinsamen Wohles", das
nichts anderes ist als das gemeinsame Wohl des Staates und des Kapitals.
Wir stehen auf der anderen Seite, mit all den Menschen die heute noch von
einem anderen Leben träumen, das nicht von solch einem Fluch überschattet
ist.
Wir schlagen vor nicht zu resignieren. Es stimmt nicht, daß - so wie sie
es uns sagen - es nur diese Welt geben kann, oder eine noch schlimmere.
Wir schlagen eine permanente Feindseligkeit, gegenüber solcher Projekte
wie das der Hochgeschwindigkeit, vor. Dieses ist ein konkretes Instrument
eines Progresses der unausweichbarer Feind des Menschen ist. Wer die
GenossInnen sein werden die diesen Kampf führen werden, wird sich auf dem
Weg dahin zeigen, die Feinde stehen jedoch schon in einer Reihe und sind
jetzt schon erkennbar. Es sind die UnterstützterInnen des technologischen
Wahns, es sind Männer und Frauen in Fleisch und Blut, es sind konkrete
Strukturen, es sind alle PolitikerInnen und ReformistInnen - die besten
Wachhunde die den Herrschenden zur Verfügung stehen - die den Kampf
anderer verwalten möchten, damit sich auch ja nichts ändern kann. Die
Methoden können die des wilden Streiks sein, die der Verweigerung der
Kooperation, der Boykott bis hin zur Sabotage und alle anderen Methoden
die sich im Laufe des Kampfes mit Phantasie und Konfrontation entdecken
und experimentieren lassen. Unsere Selbstbefreiung kann sich nicht auf
den Umweltschutz oder auf kleine vorausgegangene, vom Kampf erzeugte,
Ergebnisse begrenzen. Es ist unausweichbar zum Angriff überzugehen auf
all das Schadvolle was uns umgibt. Wir müssen uns immer vor Augen halten,
daß die Welt der wir gegenüberstehen aus einem einzigen Stück ist, daß
die Hochgeschwindigkeit nur ein Teil von ihm ist, und diesen zu
kritisieren und anzugreifen ein erster Schritt ist die historischen
Gründe zu eliminieren, die solche Horrors ermöglicht haben. Der unsere
ist der Schrei derer die es leid sind sich dauernd von den Schäden der
Herrschenden verteidigen zu müssen, um überleben zu können. Er ist
wiedereinmal, der Schrei der Revolte.
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