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(de) FAU, direkte aktion: SKIZZE EINES KONSTRUKTIVEN SOZIALISMUS (TEIL 3)

Date Sat, 7 Sep 2019 10:36:06 +0300


Grundlagen der Konstruktion: Das Gefüge transformatorischer Organisationen -- Hintergrund Von: Holger Marcks ---- Großes verändert sich nur in der Kulmination vieler kleiner Prozesse, die für die Neuordnung einer komplexen Gesellschaft zu durchlaufen sind. In diesem Sinne gibt es»keine Abkürzungen«auf dem Weg zu einer sozialeren Welt.[1]Es erfordert, sich auf das long game einzulassen und die»Mühen der Berge«auf sich zu nehmen.[3]Der dafür nötige Atem und Weitblick gehen der radikalen Linken jedoch häufig ab. Frustriert über ihre isolierte Lage, will sie schon länger mit dem Kopf durch die Gebirgswand - und findet sich dadurch immer wieder im Jammertal wieder.[2]Multiple Gewerkschaften, die an den konkreten Interessen der unteren Klassen ansetzen, wären hingegen ein Weg aus jener Isolation. Wie im zweiten Teil dieser Serie dargelegt,[4]lassen sich aus einer strategischen Interaktion mit der Realität, die auf Handlungsmacht abzielt, utopische Keimformen so nähren, dass sie auch tatsächlich Gegenmacht erlangen. Mehr Realismus kann insofern das emanzipatorische Bestreben der Utopie näherbringen als ein radikaler Utopismus. Diese Dialektik der realutopischen Sozialtechnik ist, wie wir von Camus lernen, eine Frage des richtigen Maßes. Es gilt, mit der Wirklichkeit so zu arbeiten, dass sich am realistisch Machbaren eine breite Kollektivität entfaltet - um mit dieser Kollektivität die Situation»abzutragen«,[5]an denen die»praktischen Realisierungsmöglichkeiten«der Utopie ihre Grenzen finden.[6]
Diese Grenzen sind nicht einfach gesetzt durch objektive Bedingungen, sondern, das lehrt uns wiederum Schapiro, liegen auch in der Unzulänglichkeit der Emanzipationssubjekte selbst begründet.[7]Eben deswegen ist eine Mesopolitik erforderlich, die auf Handlungsmacht abzielt. Im Versuch, diese über Alltagspraxen entlang sozialer Widersprüche herzustellen, kann nämlich auch das Bewusstsein über die eigenen Widersprüche wachsen. Und diese verlangen in Konsequenz eine realistische Anpassung der Mikropolitik (also der Gestaltung der Keimform) und damit der Makropolitik (also der utopischen Konstruktion, die durch die Keimform vorgezeichnet wird). Ein solch praktischer Materialismus fehlt der radikalen Linken weitestgehend. Sie wünscht sich zwar Handlungsmacht - und unterstreicht dies mit Bekenntnissen zur Klassenpolitik -, dieses Desiderat bleibt aber illusorisch, weil sie alles in utopischen Idealen vollzogen sehen will, die praktisch nicht mit der Realität der unteren Klassen kompatibel sind. So soll die Bewegung organisch, ja geradezu naturwüchsig reifen, völlig horizontal wie auch inklusiv funktionieren und keinen Leistungs- oder Optimierungszwängen unterliegen. Zugleich soll sie innovative Beziehungsweisen und ein höheres Bewusstsein hervorbringen, subalterne Subjekte erheben und regressive Elemente exkludieren sowie die richtigen Strategien finden, um Herrschaft effektiv zu überwinden.

Es ist eine eierlegende Wollmilchsau, als die sich die radikale Linke imaginiert: eine Schimäre aus theoretischen Parametern, die, wie zu zeigen ist, praktisch unvereinbar sind. Allenfalls ließe sich zwischen ihnen vermitteln. Doch statt das mittlere Maß zu suchen, will jene Linke alles in vollem Maße - und geht so leer aus. Denn dadurch, dass ihre Vermittlungsformen selbst widersprüchlich sind, also nicht mal zwischen ihren eigenen Parametern vermitteln, sind sie auch nach außen nicht vermittelbar. Diese Formen missachten elementare Gesetze der sozialen Interaktion und sind der Realität entrückt. Sinnbildlich dafür mag der überstrapazierte Leitspruch der ZapatistInnen sein, die Schwerkraft besiegen zu wollen.[8]Dieser mag als Negation der angeblichen Alternativlosigkeit Sinn ergeben, nicht aber als Negation allgemeiner Gesetze der Vergesellschaftung, denen sich jede inter- und transpersonale Vermittlungsform beugen muss.[9]Im realutopischen Sinne kann ein»fragendes Voranschreiten«daher nur meinen,[10]diese Mechanismen in (mesopolitischen) Versuchen der Massenorganisierung abzutasten und entsprechend eine realistische Anpassung von (mikropolitischen) Beziehungsweisen und (makropolitischen) Institutionen vorzunehmen. Im Folgenden wird nun erörtert, was eine solche Heuristik für die Mikropolitik, also das konkrete Gefüge transformatorischer Organisationen bedeutet.

AUF SAND GEBAUT: DIE ENTZAUBERUNG DER UNVERSTANDENEN MOMENTE
Zwangsläufig muss so eine Reflexion von Praxiserfahrungen zu einer Kritik an der vorherrschenden Mikropolitik der radikalen Linken geraten. Denn in dieser werden die gewünschten Beziehungsweisen eben nicht daran gemessen, ob sie Handlungsmacht ermöglichen. Vielmehr gelten jene Beziehungsweisen, die als Keime der Utopie identifiziert wurden, selbst als Maßstab, an dem sich linke Praxis messen muss. Handlungsmacht ist zwar - ebenso wie Gegenmacht - wünschenswert, aber nur, wenn sie aus genau den Beziehungsweisen erwächst, die den eigenen Normen sozialer Interaktion entsprechen. Vielen gilt heute gerade das als Essenz des Radikalseins, lässt das doch ein Selbstverständnis als Garant der Utopie zu, die man nicht für machtpolitische Versuchungen zu verwässern bereit ist.[11]Als Kern der radikalen Identität, zu dem sie geworden ist, bildet die Mikropolitik in der linken Psyche den Ausgangspunkt aller praktischer Überlegungen, gilt die Implementierung durch und durch antiautoritärer Prinzipien in den eigenen Zusammenhängen doch als Vorbedingung aller weiteren Politik. Mesopolitische Zielstellungen wie erfolgreiche Massenorganisierung haben sich diesen Prinzipien unbedingt unterzuordnen. Denn als Leistungsanforderung, die diese darstellt, werden sie als Ausdruck der negierten Machtpolitik gesehen - und damit als Quelle der Verunreinigung für das radikale Projekt.

Wir werden noch darauf eingehen, wie es zu dieser kognitiven Verschiebung in der Linken kam, die ja durchaus mal erfolgsorientiert gearbeitet hatte. Hier soll es aber erstmal darum gehen, welche Probleme aus so einer radikalen Identität resultieren. Und dies betrifft zunächst die Selbstbezüglichkeit der Mikropolitik, die durch ihre Verabsolutierung keine Reflexionsinstanz mehr hat. Zwar soll sich in ihr die Utopie widerspiegeln (und andersrum), womit vermeintlich ein reflexives Moment vorliegt, doch werden Keimform und Utopie zumeist synchron gedacht. Das heißt, sie ziehen ihre Prinzipien aus ein- und derselben Quelle: der Negation sozialer Asymmetrien, wie man sie in der Realität vorfindet (z.B. Hierarchien oder Ungleichheiten) und denen man horizontale bzw. ausgleichende Vermittlungsformen als»gelebte Utopien«entgegenstellt.[12]Es ist ja gerade diese Synchronisierung, das keimförmige Handeln nach utopischen Prinzipien, die als besonders radikal, weil konsequent gilt.[13]Jedenfalls handelt es sich dabei tatsächlich um ein rekursives Denken, das um sich selbst kreist. Denn durch die Unterordnung oder gar Ablehnung von mesopolitischen Zielstellungen gibt es kein pragmatisches Moment, welches das Selbstgefallen der utopischen Prinzipien irritieren könnte. Die Mikropolitik (als absolute Spiegelung dieser Prinzipien) verkommt so zum Selbstzweck.

Gewiss, man könnte darin auch eine löbliche Haltung erkennen, eine nämlich, die Erfolg nicht um jeden Preis möchte und solcherlei Machtpolitik ablehnt, wo der Zweck die Mittel heiligt - und sich dadurch nur allzu oft korrumpiert. Dieser Impuls ist verständlich. Doch leider hat die Linke das Problem einfach invertiert, wenn sie nun die Mittel heiligspricht. Denn genau das bedeutet die Synchronisierung der Mikropolitik mit dem Zweck der Emanzipation. Es findet ein identitärer Verschluss statt, bei dem die Mittel als absolut in der Kognition gesetzt werden, womit sie von den Zielen entkoppelt werden, an denen konkrete Praktiken eigentlich zu messen sind. Durch diese Auflösung der Achse von Mittel - Ziel - Zweck sind die mikropolitischen Prinzipien,[14]die ja utopische sind, quasi konkurrenzlos, werden also nicht mehr mit realistischen Maßgaben (wie etwa Leistungsfähigkeit oder Erfolg) konfrontiert. Und eben jener Verschluss hat erhebliche Auswirkungen auf die Bearbeitung der Realität, die so keine strategische, sondern eine idealistische ist. Es ist ja gerade kennzeichnend für die Neue Linke ab 1968, die prägend für die Gegenwartslinke war, dass sie den politischen Fokus auf Subkulturen verschob, in denen das emanzipatorische Bedürfnis unmittelbar und subjektiv befriedigt werden sollte: durch (ideale) interpersonale Beziehungen, in denen autoritäre Zwänge praktisch-alltäglich negiert werden.

Es lohnt sich hier, bei Jürgen Habermas nachzuschlagen, der bereits 1969 diesen kulturrevolutionären Ansatz für seine»zwanghafte Abwehr von Kompetenzforderungen und Leistungsorientierungen«kritisierte, die der Zurückweisung von»Leistungsimperativen«bzw. der»autoritären Leistungsgesellschaft«folge.[15]Angesichts der daraus aufkeimenden politischen»Selbstbefriedigung«, bei der»Kriterien des Erfolgs zweckrationalen Handelns«nicht mehr galten,[16]sollte es nicht verwundern, dass die radikale Linke kaum mehr in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingreifen kann. Denn wo sie sich jeglicher Rationalität verweigert, die sich auf die Zwänge der realen Machtverhältnisse einlässt, kann sie eben keine Handlungs- oder Gegenmacht entfalten. Schließlich stellt der Aufbau solcher Macht, auch wenn sie emanzipatorisch verfasst sein soll, eine Bewegung vor vielschichtige Leistungs- und Kompetenzanforderungen.[17]Es erfordert Strukturen, die anschluss-, aufnahme- und durchsetzungsfähig genug sind, um die Interessen einiger gegen den Willen mancher geltend zu machen. Und das zwingt wiederum dazu, solchem Wissen Geltung zu verleihen, das versteht, wie sich Menschen zur Organisierung bewegen lassen und wie sich deren individuellen Differenzen kollektiven Zielen unterordnen lassen - um dieses effektiv für eine möglichst selbstbestimmte Bearbeitung der Realität zu nutzen.

Wo sich die Linke diesen immanenten Zwängen verweigert, ist sie zum reflexiven, strategischen Denken nicht in der Lage. Sie übt vielmehr ein»motiviertes Denken«aus,[18]in dem die Gedankenarbeit darauf verwendet wird, selbstverständlich gemachte, also zu Ideologie geronnene Prinzipien zu rationalisieren -[19]statt die Prinzipien dahingehend zu überprüfen, wie sie sich in der Realität bewähren, und sie für die Erlangung politischer Ziele (utopieverträglich) zu relativieren. Politisch-psychologisch betrachtet, handelt es sich bei dieser Rationalität, die so tut, als fände die soziale Interaktion bereits unter utopischen Bedingungen statt, um eine»Beeinträchtigung von Aneignungsvollzügen«.[20]Denn ohne eine Beziehung zu der Welt, in der diese als Voraussetzung des eigenen Handelns angenommen wird, ist das Vermögen gestört,»sich die Welt zu Eigen zu machen«und»das eigene Leben[zu]gestalten«.[21]Man beugt sich nicht ihren Zwängen, um die Kapazitäten ihrer Transformation aufzubauen, sondern ignoriert sie - womit man sich und die Welt ihnen umso mehr ausliefert. Die Rationalisierung dieser Entfremdung findet ihren Ausdruck in einem Transformationsverständnis, das nominell zwar konstruktiv ist, weil es den Aufbau neuer Beziehungsweisen betont. Diese stehen selbst aber in keiner Beziehung zur Realität, die ja die Bedingungen für deren Aufbau vorgibt - und sind somit auf Sand gebaut.

Das Transformationsverständnis ist daher ein magisches, in dem Handlungsmacht als Mysterium daherkommt.[22]Sie soll aus der Wirkungsmacht idealistischer Prinzipien folgen, die in Erzählungen des»Schöner wär's, wenn's schöner wär«beschworen werden - auf dass die Welt sie sich als Normen zu Eigen mache.[23]Und wenn der Berg doch nicht zur Prophetin kommt, dann stehen die Sterne eben nicht günstig! Das ist in etwa die Semantik, die viele radikale Linke, ob nun marxistischen oder anarchistischen Selbstverständnisses, zum Ausdruck bringen: Sie neigen dazu, die mangelnde Wirkungsmacht linker Prinzipien - und damit das Ausbleiben von Handlungsmacht - nur mit der Vorstellung rationalisieren zu können, dass die Bedingungen für sie nicht günstig seien oder nicht genug für ihre Vermittlung getan worden sei.[24]Ob dies nun in materialistischer oder spontaneistischer Terminologie daherkommt, in beiden Varianten gibt es»unverstandene Momente«der Emanzipation, die einer konstruktiven Bearbeitung der Welt im Wege stehen.[25]Insbesondere das Problem, wie Wirkungs- und Handlungsmacht zusammenhängen, erscheint als black box, die durch den identitären Verschluss - also die Verabsolutierung mikropolitischer Prinzipien - nicht geöffnet werden kann. Es ist dieser Bereich, der in der linken Theorie in die Ecke der Mysterien verbannt wurde und nach Entzauberung verlangt.

Die unverstandenen Momente und der Heilige Geist

Bini Adamczak hat klugerweise auf das Problem unverstandener Momente in Emanzipationsdiskursen aufmerksam gemacht (siehe Teil 2, Anm. 37). Allerdings verlangt dieser Hinweis danach, vom Kopf auf die Füße gestellt zu werden. Denn so richtig es ist, dass Probleme der Revolution eine Sprache benötigen, um intellektuell verarbeitet werden zu können (d.h. intelligibel zu sein), so verrutscht scheint es, diesen Gedanken auf»das Begehren nach solidarischen Beziehungsweisen«zu richten, das sich laut Adamczak in der Geschichte nicht ausreichend artikulieren konnte, um Revolutionen zu einem happy end zu verhelfen. Abgesehen davon, dass nach idealen - umfassenden, unteilbaren, queeren, ausgleichenden usw. - Solidarbeziehungen zu verlangen (siehe Adamczak, Beziehungsweise, S. 284-285), keine Problemdifferenzierung darstellt, sondern eine normative Versprechung, steht die Essentialisierung jenes Begehrens, die die dabei vorgenommen wird, für eine erneute Externalisierung der Kritik.

Indem das Begehren zur Essenz der Revolution erklärt wird, entziehen sich nämlich Lebensformen, welche ihre Normen zu verkörpern meinen, weiterhin der Reflexion eben jener Normen und werden ihre inneren Differenzen (ja, auch Solidarbeziehungen beinhalten Probleme, die sich über die Solidarität erheben können) nivelliert. Der Fokus der Kritik richtet sich dann auf externe Bedingungen, welche die Lebensform an der Entfaltung hindern, einschließlich des Menschen, der sich dem Ideal der Lebensform anzuvertrauen hat, wenn er auf einen glücklichen Ausgang von Revolutionen hoffen möchte. Diese Semantik, in der das Begehren, das sich artikulieren soll, einerseits menschliche Züge erhält und zum anderen purifiziert wird, ist der vom Heiligen Geist nicht unähnlich.

Mit dieser religiösen bzw. magischen Projektion lässt sich zwar eine spannende Theologie der Revolution begründen, aber keine Praxistheorie, welche die Widrigkeiten transformatorischer Prozesse heuristisch auslotet. Das Begehren ist so gesehen ein Platzhalter für die nach wie vor unverstandenen Momente der Emanzipation: die immanenten Probleme der Beziehungsweisen, mit denen Transformation vollzogen werden soll. In diesem Bereich liegen nicht nur die Antworten darauf, warum (vermeintlich) emanzipatorische Beziehungsweisen nicht aufnahme-, leistungs- und durchsetzungsfähig sind, sondern auch darauf, warum ihnen die epistemische Kapazität fehlt, intelligible Probleme der Revolution angemessen in Theorie und Praxis zu verarbeiten.

DIE MACHTLOSIGKEIT ABSOLUTER PRINZIPIEN: WARUM WENIGER OFTMALS MEHR IST
Im Grunde steht die Linke sich selbst im Weg. Denn im Zentrum des unverstandenen Bereichs liegt das linke Subjekt selbst, das in seiner Rolle als (unzulänglicher) Emanzipationsakteur untertheoretisiert ist, ja, dem ganz besonders mit der von Habermas attestierten»Theoriefeindschaft«begegnet wird.[26]Wo Erfolgskriterien aus der eigenen Rationalität verbannt sind, gibt es eben kein reflexives Moment, an dem sich das Selbst in Form seiner Mikropolitik überhaupt verstehen lernen könnte. Dann baut die Mikropolitik allein auf Affekten der Verweigerung auf und verheddert sich in Widersprüchen. Erfolgskriterien sind nun mal wichtig, um zu überprüfen, ob die Prinzipien tatsächlich dem Zweck der Emanzipation dienlich sind. Ohne sie sind keine»interne Kritik«des Selbst möglich - geschweige eine»immanente Kritik«.[27]Es ist dann einerlei, ob die deduktiv aufgestellten Prinzipien bei den adressierten Massen Resonanz erfahren, ja mit deren Klassenrealität kompatibel sind. Solche empirischen Erfahrungen, an der sich die Zwänge der Realität wie auch die eigenen Widersprüche abzeichnen, zählen nicht; sie werden daher nicht auf die Prinzipien zurückgeführt, um sie induktiv anzupassen. Und damit ist denn auch der Weg verbaut, das Selbst in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, in dem man diese zielgerichtet, also strategisch bearbeitet, was ja die Arbeit mit den Zwängen voraussetzt.

Eine reflexive Praxistheorie, wie sie Schapiro andeutete, richtet sich also gegen die Entfremdung, die sich in der Ausblendung eigener Unzulänglichkeiten spiegelt. Sie zielt nicht auf Abstriche in der Selbstbestimmung, sondern auf deren Erweiterung. Selbstbestimmung ist nämlich niemals absolut, sondern (doppelt) relativ: Sie endet theoretisch dort, wo die Zwänge, die man (zunächst) nicht ändern kann, beginnen; und sie ist praktisch dann am größten, wenn die eigene agency die strukturellen Spielräume voll ausfüllt, die ja immer auch durch die agency anderer Akteure beschnitten werden.[28]Es liegt jedenfalls nichts Selbstbestimmtes darin, seine Linie ungeachtet aller»unbeabsichtigten (Neben-)Folgen«durchzuziehen,[29]die aus den Interaktionen mit Gegnern, aber auch der angenommenen Bezugsgruppe hervorgehen. Mit solch einer»Gesinnungsethik«setzt man sich schachmatt,[30]noch bevor das Spiel von Herrschaft und Widerstand so richtig begonnen hat. Anders gesagt: Selbstbestimmt agieren kann nur die Schachspielerin, welche nicht nur die Spielregeln beherrscht, sondern auch das Verhalten anderer Spieler einzuschätzen vermag.[31]Insofern setzt Selbstbestimmung das größtmögliche Wissen darüber voraus, wie die Umwelt - unter gegebenen Bedingungen - auf die eigenen Praxen reagiert, und die Fähigkeit, diese verstandenen Momente in die eigenen Praxiserwägungen zu integrieren.

Die Spielregeln für die Veränderung von Spielregeln

Vordergründig lautet die Aufgabe von Transformationspolitik natürlich:»Wie lassen sich die Beziehungen der Figuren zueinander neu konstruieren, wodurch sich sowohl das Spiel als auch die Figuren transformieren?«(Adamczak, Beziehungsweise, S. 238). Aber auch diese Aufgabe vollzieht sich unter Regeln, die zwar nicht»vermachtet und verdinglicht«(ebd.), aber - weil sie allen sozialen Interaktionen immanent sind - umso zwingender sind. Wer z.B. unilateral die Funktionen der Figuren und ihre Beziehung neudefiniert, wird wahrscheinlich alleine spielen müssen; und wer die anderen eigenmächtig am gewohnten Spiel hindert, läuft wohl sogar Gefahr, die Hucke voll zu kriegen.

Diese überpolitischen Regeln zu verstehen, unter denen kontextunabhängig Vergesellschaftung und Vermittlung stattfindet, ist die eigentliche, hintergründige Kunst der Transformationspolitik. Wie aber das spezifische Selbst, welches das Spiel und seine Figuren transformieren will, überhaupt in eine Beziehung zu den anderen SpielerInnen tritt, in der man in der Lage wäre, alternative Beziehungsweisen erfolgreich vermitteln zu können, gehört allgemein immer noch zu den unverstandenen Momenten linker Emanzipationsdiskurse, die sich entsprechenden Einsichten aus der Soziologie und Psychologie verschließen. Vgl. dazu auch Anm. 25.

Eine solche»Verantwortungsethik«, die (voraussehbare) Reaktionen auch als Folge der eigenen Praxis versteht, für sie also Verantwortung übernimmt,[32]ist der Schlüssel zum strategischen Denken. Im Gegensatz zur gesinnungsethischen Rationalität, Misserfolge einer nicht begreifen wollenden Welt anzukreiden,[33]reflektiert sie heuristisch, ob man bei der Annäherung an ein Problem - das ja stets in eine komplexe Realität eingebettet ist, die von Interaktionsdynamiken geprägt ist - die»durchschnittlichen Defekte des Menschen«nicht hinreichend berücksichtigt hat.[34]Es nützt eben auch die gutgemeinteste Praxis nichts, wenn ihre Folgen keine guten sind bzw. am Problem nichts ändern. Und diese Folgen ergeben sich nun mal aus den (Nicht-)Reaktionen anderer auf die eigene Praxis, womit sowohl die von Gegnern als auch die des Publikums, das man eigentlich mobilisieren will, gemeint sind. Kolja Möller hat hierzu passend bereits in der Oxi festgestellt, dass der Linken eine»Politik der Sache selbst«guttun würde. Darunter ist, in Anlehnung an Machiavelli, die Methode zu verstehen, eine gegebene Situation einzuordnen, indem man die Verfasstheit und die Einflüsse der verschiedenen Akteure in dem betreffenden Problemfeld versachlicht - um anhand dieser Sachfaktoren dann»Handlungsoptionen zu bestimmen, Handlungsfehler zu identifizieren und neue Wege auszuloten«.[35]
Bei dieser Methode nähert man sich Problemen nicht auf eine prinzipielle Weise, sondern orientiert sich in der jeweiligen Gemengelage an den Widersprüchen, um durch Versuch und Irrtum einen handlungsmächtigen Ansatz zu finden. Freilich kann so eine Heuristik aus emanzipatorischer Perspektive nicht im Sinne des Machiavellismus gedacht sein, dessen Zweck allein darin besteht, Herrschaft zu erlangen oder zu erhalten, und der keine Prinzipien kennt. Die am emanzipatorischen Zweck ausgerichteten Prinzipien haben ebenso also Orientierung zu dienen, sind aber zu den Erfordernissen für Handlungsmacht in Relation zu setzen. Das bedeutet keineswegs, die Prinzipien bloß für Erfolge zu opfern und den radikalen Kern der Utopie aufzugeben. Vielmehr kommt der Radikalismus in seiner Anpassung an sachliche Zwänge überhaupt erst zu sich selbst. Denn eine Politik, die nicht kompatibel mit den Menschen ist, die es für eine Neuordnung der Verhältnisse nun mal bedarf, kann gar nicht radikal sein. Sie ist schlichtweg zwecklos. Wie der Rätekommunist Sam Moss bereits in den 1930ern feststellte, sind die Massen im fortgeschrittenen Kapitalismus vor allem an der Erhaltung oder Verbesserung ihrer Lebensbedingungen interessiert.[36]Akteure, die ihre Prinzipien nicht relativieren wollen, um erfolgreich entlang dieser Interessen zu mobilisieren, sind zur Machtlosigkeit verdammt.

Vorausgesetzt, dass dieses menschliche Problem in der Natur der revolutionären Sache liegt, dann ist das radikale Maximum der relative Utopiegehalt, der sich realistisch in Massenorganisierungen einbauen lässt. Akteure hingegen, die utopische Prinzipien absolut setzen, sind zu transformativer Interaktion nicht in der Lage, so dass ihr Radikalismus in Selbstgefälligkeit umschlägt. Damit sind zwei Abhänge angezeigt, zwischen denen die realutopische Sozialtechnik manövrieren muss: Eine Mesopolitik, mit der sich Massen interessieren lassen (Handlungsmacht), schafft Beschränkungen für die Makropolitik, die sich zur Utopie erheben soll (Gegenmacht); und zugleich vermag eine Mikropolitik, die zu sehr utopieschwanger ist, keine Massen einzubinden, um die Mesopolitik hinreichend interessant zu machen (Wirkungsmacht). Für eine kritische Keimformtheorie ist das wesentlich, weil es realutopische Organisationen vor epistemische Leistungsanforderungen stellt. Denn um in dieser kurvenreichen Gratwanderung die Passgenauigkeit zwischen sachlichen Zwängen und utopischem Gehalt herzustellen, müssen sie eine komplexe Gemengelage analysieren, die Wirkung von Beziehungsweisen qualifizieren und strategische Folgen antizipieren können. Für so eine (kollektive) Heuristik bedarf es Mechanismen, durch die entsprechende Kompetenzen und Erfahrungen in der Organisation zur Geltung kommen.

Genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil die radikale Linke sich in einem identitären Verschluss befindet, entziehen sich ihre mikropolitischen Prinzipien einer kritischen Reflexion.[37]Und diese selbstgefälligen Prinzipien, in denen sich die vermeintliche Utopie widerspiegelt, äußern sich vor allem in Beziehungsweisen, die antiautoritär wirken sollen. An diesem Impuls ist erstmal nichts falsch - in der Linken ab 1968 nahm er aber geradezu infantile Ausmaße an. Nun ging es nicht mehr nur darum, möglichst hierarchiearm zu arbeiten, sondern darum, jeglicher Autorität aus Prinzip zu trotzen. Damit jedoch erfuhren auch Kompetenz und Erfahrung eine Abwertung. Denn in dem Maße, wie nun den TrägerInnen solchen Wissens - der natürlichsten Quelle von Autorität - als potentiellen Machtsubjekten misstraut wurde, verlor auch deren Wissen selbst an Geltung. Und damit wiederum schlitterte die Linke in eine epistemische Krise,[38]die sich selbst reproduziert. Denn es bedarf einer Geltung sozialtechnisch relevanten Wissens, um Mikropolitik so zu gestalten, dass in ihr solches Wissen auch zur Geltung kommt. Anders gesagt: Die Abwertung des Wissens macht es unmöglich, die Wissensprobleme einer Mikropolitik zu fassen, die sich nur als Spiegelung der utopischen Prinzipien begreift. Insofern ist der infantile Antiautoritarismus sowohl Ausdruck als auch Stabilisator des identitären Verschlusses.[39]
Der infantile Antiautoritarismus und der Kampf gegen Wissen

›Infantil‹ ist diese Autoritätsfeindlichkeit, die über die Autoritätskritik hinausschießt, nicht nur deswegen, weil im Zentrum ihres trotzigen Überschwangs allein das unreife Motiv steht, dass niemand über etwas verfügen soll, über das man nicht selbst verfügt. Sie ist es auch deswegen, weil sich das zwangsläufig gegen ältere Menschen richtet. Denn deren natürlichen Erfahrungs- und Wissensvorsprünge werden aus dieser verkürzten Perspektive, die auf Personen anstelle von Inhalten und Strukturen schaut, als unzumutbare Machtasymmetrie wahrgenommen.

Statt also derlei Vorsprünge hinzunehmen und aus ihnen einen kollektiven Nutzen zu ziehen, werden die TrägerInnen solchen Wissens zurechtgestutzt - und damit das Wissen selbst eingehegt. Der Kampf gegen Wissenshierarchien, der ja eine Anerkennung und Verbreitung von Wissen voraussetzen würde, ist daher im Endeffekt ein Kampf gegen Wissen.

EXKLUSIVER HORIZONTALISMUS: MECHANISMEN EINER KLASSISTISCHEN KLASSENPOLITIK
Der Mangel an Wirkungsmacht ist also ein immanentes Problem linker Lebensformen. Denn seine Lösung erfordert, einen heuristischen Blickwinkel einzunehmen, der innerhalb der selbstverständlich gemachten Autoritätsfeindlichkeit versperrt ist.[40]Damit schreibt diese Ideologie das Problem immer weiter fort, ja verstärkt es sogar zunehmend, so dass, in einer Art Keimformschmelze, die linke Mikropolitik die Grundlagen einer realutopischen Mobilisierung untergräbt. Denn es ist zwar primär die Funktion der Mesopolitik, breite Massen für eine Organisation zu interessieren, doch hängt deren Anschlussfähigkeit letztlich auch von den anderen Ebenen der Transformationspolitik ab. Wenn etwa die makropolitische Vision keine realistische Korrektur erfährt, weil die Zwänge ignoriert werden, die sich in der Mikropolitik - dem Labor der Utopie - als Grenze der Möglichkeiten erweisen, bestimmte Beziehungsweisen zu realisieren, dann kann das realutopische Programm nicht glaubhaft vermitteln, eine praktikable Alternative zu sein, die der komplexen Aufgabe gesellschaftlicher Reorganisation gerecht wird. Und ebenso werden auch gute mesopolitische Ansätze ihr Potential an Handlungsmacht nicht entfalten können, wenn die Mikropolitik nicht mit den Realitäten der zu mobilisierenden Menschen resoniert, man diese also nicht mit wirkungsmächtigen Prinzipien einbinden kann.

Probleme und Lösungen erster, zweiter, dritter Ordnung

Ein immanentes Problem kann auch als Problem zweiter Ordnung bezeichnet werden. Wenn etwa eine Organisation vorgibt, besonders inklusiv zu sein, aber letztlich nur eine erlesene Klientel einzubinden vermag, dann ist das erstmal ein Problem erster Ordnung. Wenn aber die Organisation diesen Widerspruch nicht erkennen kann oder nur zu Lösungsversuchen imstande ist, die es verschärfen, dann haben wir es mit einem Problem zweiter Ordnung zu tun, insofern die epistemische Verfasstheit der Lebensform den Widerspruch immer wieder reproduziert. Vgl. Rahel Jaeggi,»Experimenteller Pluralismus. Lebensformen als Experimente der Problemlösung«, auf: polar-zeitschrift.de, 2. Apr. 2015 (online hier).

Um das Problem aufzuheben, bedürfte es also einer Lösung zweiter Ordnung, die mit der Logik bricht, die das Problem verursacht hat. Das Problem dabei ist: Damit eine Lösung zweiter Ordnung von der Lebensform angenommen wird, müsste diese epistemisch so verfasst sein, dass sie ein Problem zweiter Ordnung - also ihr eigenes epistemisches Unvermögen - erkennen kann (gewissermaßen ein Problem dritter Ordnung). Es setzt also eine Verfasstheit voraus, die als Teil der Problemlösung überhaupt erst noch herzustellen wäre. Deswegen kommen Organisationen so häufig nicht aus ihrer Pfadabhängigkeit heraus: Es setzen sich in ihnen nur Lösungen erster Ordnung durch, die gewöhnlich nur ein Mehr des üblichen Problemumgangs darstellen - und das Problem somit verschärfen.

Die Interdependenz der Mikropolitik lässt sich gut am Beispiel der FAU verdeutlichen. Diese unterscheidet sich durchaus von den neoanarchistischen und autonomen Gruppen, die sich einer»Tyrannei der Strukturlosigkeit«hingeben,[41]mit der potentielle Machtpolitik bereits im Keim erstickt werden soll - mit der Folge eines Verzichts auf jegliche Handlungsmacht. Im Gegensatz dazu lässt der Versuch der FAU, formale Gewerkschaftsorganisationen aufzubauen, schon eher»Strukturen der Tyranneilosigkeit«erwarten,[42]die ein Potential an Handlungsmacht zulassen. Jedoch sind auch ihren Strukturen Prinzipien eingeschrieben, die keine Wirkungsmacht haben. Denn auch hier wirkt das neoanarchistische Erbe fort, eine ausgesprochen autoritätsfeindliche Funktionsweise als selbstverständlich anzunehmen.[43]Ihrem Gefüge mangelt es daher an Beziehungsweisen, die in strukturellen und strategischen Fragen das sozialtechnische Wissen zur Geltung bringen könnten, das für eine resonanzfähige Transformationspolitik nötig wäre. Und auch hier verhindert die Ablehnung von Erfolgskriterien, dass mikropolitische Gewissheiten hinterfragt werden, die den Anspruch einer mesopolitischen Massenorganisierung ad absurdum führen und die makropolitische Vision fragwürdig erscheinen lassen. Dass die FAU von einer reflexiven Praxistheorie angeleitet würde, wie sie in den ersten Teilen dieser Serie als notwendig für einen konstruktiven Sozialismus herausgearbeitet wurde, darf durchaus bezweifelt werden.

Deutlich wird das etwa an den Widersprüchen des (Ultra-)Horizontalismus.[44]Während man der bürgerlichen Demokratie stets vorzuhalten weiß, dass ihre formale Gleichheit durch materielle Verhältnisse unterlaufen wird - politische Einflüsse also eine Klassenfrage sind -, scheint man mit Blick auf die eigenen Beziehungsweisen keine klassistischen Mechanismen erkennen zu wollen. Dabei wohnt der»Basisdemokratie«, wie sie heutige Syndikate praktizieren, selbst eine starke Asymmetrie zwischen sozialen Gruppen inne. Zwar ist auch hier jedes Mitglied formal gleichberechtigt, faktisch aber ist Einfluss an den Einsatz von Ressourcen gebunden: Wer immer an den Versammlungen teilnimmt, wo seriell abgestimmt wird, hat implizit mehr Stimmgewicht als Mitglieder, die dies nur selten können. Und umso mehr fällt das ins Gewicht, als dass diese Abstimmungen häufig und auf verschiedenen Ebenen stattfinden, um in langatmigen Verfahren kleinste Entscheidungen durch die Basis verantworten zu lassen. Das ist nicht nur mit Blick auf die Makropolitik abstoßend - man stelle sich etwa eine»Utopie«vor, wo Mitbestimmung vom individuellen Einsatz abhängig wäre -,[45]es unterminiert auch die mesopolitischen Ziele. Denn in dieser Mikropolitik wird insbesondere ein sozialer Typus übervorteilt: arbeitende Menschen mit wenig (Zeit-)Ressourcen - die eigentliche Basis linker Klassenpolitik.

Der dystopische Schatten in utopischen Versprechungen

Transformationstheorie muss sich auch fragen, ob die utopische Versprechung, die so manche horizontale Mikropolitik macht, überhaupt so verheißungsvoll ist. Denn eine sich ständig in Versammlungen ergehende Gesellschaft, in der diejenigen, die sich nicht ständig mit KollegInnen, NachbarInnen usw. in Endlosplena auseinandersetzen wollen, verhältnismäßig weniger Stimmgewicht haben, kann man durchaus als Dystopie begreifen. Im schlimmsten Falle schafft sie eine Aristokratie von AktivistInnen, die über so einen Ressourcenwettbewerb überproportionalen Einfluss generieren; im besten Falle bedeutet sie eine ständige Mobilisierung, da alle regelmäßig teilnehmen müssen, um gleichwertigen Einfluss zu haben. Nicht nur hält der damit verbundene Sozialterror ein enormes Potential für personalisierte Konflikte bereit, er treibt auch einen Keil zwischen die Bevölkerung, wie es die bestehende Ordnung nicht könnte. Wo nämlich die Mitmenschen in Basisversammlungen die Gestaltung ihrer Umwelt selbst klären sollen, treffen die subjektiven Vorstellungen ungefiltert aufeinander, so dass sich die Menschen - ohne vermittelnde, repräsentative Instanz, die den Druck aus dem Kessel zwischenmenschlicher Dynamiken nimmt - schnell die Köpfe einschlagen.

Solche Schattenseiten der»Basisdemokratie«denken Vorschläge basisorganisierter communities selten mit; siehe exemplarisch Erna Rauch,»Perspektiven gewinnen: Organisierte Nachbarschaften und Föderationen Hand in Hand!«, auf: direkteaktion.org, 17. Jan. 2018 (online hier). Sie sehen nur eine generalisierte»Kreativität«, die unterdrückt wird, nicht aber, dass in den unterschiedlichen Vorstellungen dieser Kreativität ein destruktives Potential liegt. Ganz abgesehen davon, dass solche Modelle auch Legitimationskonflikte auslösen können. Wo z.B. Nachbarschaftsräte den Stadtteil umgestalten, weil sie sich qua ihrer basisdemokratischen Funktionsweise dazu berufen sehen, mag es eine Mehrheit von Betroffenen geben, welche die Entscheidungen dort gar nicht getroffen sehen möchte. Sie können daher auch als anmaßende Selbstermächtigung empfunden werden - und so die Distanz zwischen AktivistInnen und Bevölkerung noch vergrößern.

Tom Wetzel hat bereits dargelegt, dass eine Organisation, die besonders ressourcenaufwendig funktioniert, keine Arbeiterorganisation sein kann.[46]Diese Feststellung folgt ganz logisch aus einem praktischen Materialismus, wie er im zweiten Teil der Serie dargelegt wurde. Setzt man nämlich die Implikationen von Organisationspraxen ins Verhältnis zur materiellen Realität, dann ist leider festzustellen, dass der Horizontalismus des Gegenwartssyndikalismus die unteren Klassen strukturell auf Distanz hält. Denn insgesamt können diese kein Interesse daran haben, ihre knappen Ressourcen in eine Struktur zu investieren, die mehr Aufwand als Nutzen erzeugt.[47]Es sollte daher nicht verwundern, dass die alten syndikalistischen Organisationen, die noch Massen interessierten, weniger horizontal funktionierten und durchaus Verantwortung vertikal delegierten.[48]An solchen Beziehungsweisen kann man sicherlich kritisieren, dass sie zu einer Entmächtigung der Basis führen können. Aber in der Basisdemokratie ist, so paradox das klingt, diese Entmächtigung schon von vornerein eingebaut. Repräsentation garantiert eben allen Mitgliedern erstmal ein gleiches Mindestmaß an Stimmgewicht, das nicht vom Ressourceneinsatz abhängt. Horizontalismus hingegen bedeutet für die Mitglieder von Beginn an ungleiche Stimmgewichte, abhängig davon, wieviel Mitsprache sie sich leisten können.[49]
Asymmetrische Basis: Der Ressourcenwettbewerb im Horizontalismus

Es ist hier klar zu unterscheiden zwischen einer Machtasymmetrie, die zwischen FunktionsträgerInnen und ›einfachen‹ Mitgliedern besteht, und einer Machtasymmetrie zwischen jenen Mitgliedern selbst. Ersteres delegiert formale Macht in einer kontrollierten Weise aus einer Basis von absolut Gleichen heraus: bei zyklischen Wahlen von VertreterInnen hat jedes Mitglied das gleiche Stimmgewicht. Letzteres bedeutet eine Basis von Ungleichen, die sich die Macht zwar formal teilen, in der aber die jeweiligen Anteile an dieser Macht immer relativ sind: bei seriellen Abstimmungen summiert sich das Stimmgewicht durch die Teilnahme - und zählt umso mehr desto weniger andere Mitglieder teilnehmen. Durch diese Relativität findet implizit immer ein politischer Ressourcenwettbewerb statt, insofern die Richtung der Organisation davon abhängt, welche TrägerInnen von Standpunkten am häufigsten zu den Versammlungen mobilisiert werden. Im Endeffekt läuft das auf eine ständige Mobilisierung heraus, weil diejenigen im summarischen Stimmgewicht einbüßen, die hier und da keine Präsenz zeigen.

Wer das Interesse hat, dass die Organisation einem bestimmten Kurs oder Stil folgt (und sei es nur der bestehende), ist gezwungen, das immer wieder mit aktiver Teilnahme zu vertreten bzw. verteidigen. Denn weil es - im Gegensatz zu repräsentativen Strukturen, die mit zyklischen Wahlen Kurs und Stil für eine bestimmte Periode festlegen - keine Atempause für Richtungsfragen gibt, ergibt sich die Richtung aus der Summe der vielen Einzelentscheidungen. Obendrauf gibt es dann auch noch ein verschärftes Konfliktpotential, da solche Entscheidungen - vgl. Anm. 45 - nicht etwa über Wahlen abstrahiert werden, sondern durch ihre Unmittelbarkeit viel stärker die konkreten Personen in den Fokus von Entscheidungskritik rücken. Und diese Konflikte einzudämmen, ist wiederum besonders zeitaufwendig, weil in der horizontalen Verfasstheit die Dynamiken ungefiltert und unter Einbezug vieler aufeinandertreffen. Für Menschen mit wenig Ressourcen ist dieses Gemisch (relativ geringes Stimmgewicht + hoher Mobilisierungszwang + personalisierte Konflikte + zeitaufwendige Klärungsprozesse) geradezu toxisch.

Repräsentation wirkt daher in erster Linie inklusiv und setzt die Basis in eine symmetrische Beziehung; auf dieser horizontalen Breite bauen sich dann exklusivere Kompetenzebenen vertikal auf. Dagegen wirkt Basisdemokratie in erster Linie exklusiv und schafft vertikale Asymmetrien bereits in der Basis; horizontal ist sie nur insofern, als dass dann ein erlesener Kreis in der Breite aller Fragen mitsprechen kann. Im Gegenwartssyndikalismus wird letztere Asymmetrie jedoch kaum problematisiert. Aufgrund des autoritätsfeindlichen bias werden nur die möglichen Probleme zwischen Basis und FunktionärInnen wahrgenommen. Positive Aspekte der Repräsentation werden ebenso ausgeblendet wie die Probleme des Horizontalismus. Dadurch wird nicht nur eine Mikropolitik aufrechterhalten, die inkompatibel mit den Klassenrealitäten ist; auch werden die Interessen der ressourcenschwachen Mitglieder, um die es ganz wesentlich bei syndikalistischer Klassenpolitik gehen sollte, wenig bis gar nicht in der Willensbildung und Organisationsentwicklung abgebildet.[50]Wenn sich der Syndikalismus also nicht durch solche klassistische Mechanismen ad absurdum führen will, muss er Repräsentation beinhalten. Nur wenn Mitglieder RepräsentantInnen wählen können, von denen sie ihre Interessen vertreten sehen, ist es möglich, die für Transformationspolitik nötigen Massen einzubinden.

In Konsequenz erfordert dieser Sachzwang weitere Prinzipien heraus. Das Prinzip der Ehrenamtlichkeit etwa verhindert ebenso, dass Verantwortung in einer Weise delegiert wird, die ressourcenschwache Menschen nicht übervorteilt. Denn es dreht die klassistische Schraube nur weiter, wenn Funktionen nur von denen übernommen werden, die sich das leisten können.[51]Nicht nur schließt es viele Mitglieder davon aus, selbst Verantwortung zu übernehmen, letztlich haben sie sogar keine andere Wahl, als sich von denen stellvertreten zu lassen, die ihre Lebensrealität nicht verstehen.[52]Lösen lässt sich das auch keineswegs damit, Aufgaben auf vielen Schultern zu verteilen und das Personal häufig zu rotieren, wie es in anarchistischen Kreisen beliebt ist. Zum einen schafft es weiteren Koordinations- und Beratungsaufwand, der den Entscheidungskorpus zeitaufwendiger macht; zum anderen macht das die Organisation insgesamt ineffektiver, da die Aufgabenerfüllung starken Kompetenzschwankungen und Diskontinuitäten unterliegt.[53]Eine Organisation aber, die ineffektiv ist und enorme Mengen Zeit allein für ihre Aufrechterhaltung frisst, ist für die unteren Klassen doppelt uninteressant. Insofern ist Professionalisierung tatsächlich ein mikropolitischer Schlüssel für breite Inklusion - und damit Bedingung einer Mesopolitik, welche die unteren Klassen entlang ihrer Interessen effektiv mobilisiert.

Warum geteilte Arbeit nicht gleich weniger Arbeit ist

Bei den Versuchen, die Überforderung der Organisation durch weitere Dezentralisierung zu beheben, handelt es sich um eine Lösung erster Ordnung (vgl. Anm. 40), wie sie für die neoanarchistische Logik typisch ist: Sind Aufgaben aber einer gewissen Größe nicht mehr zu bewältigen - und das setzt bei ultrahorizontalen Gruppen schon im Übergang von der Kleinst- zur Kleingruppe ein -, wird intuitiv vorgeschlagen, die Gruppe aufzuteilen, Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen und/oder diese noch stärker rotieren zu lassen. Diese streng mathematische Sichtweise lässt aber grundlegende Mechanismen sozialer Interaktion außer Acht und verschärft letztlich die Ressourcenprobleme.

Denn durch jeden weiteren Grad der Dezentralisierung erhöht sich auch der Koordinationsaufwand (sowohl zwischen den Mandatierten als auch zwischen den Organisationseinheiten), so wie auch die Basis mehr Aufwand im Besetzen, Kontrollieren, Entlasten, Abwählen und Neubesetzen von Aufgaben zu erbringen hat. Zugleich müssen immer mehr Aufgaben an Menschen übertragen werden, welche nicht hinreichend kompetent dafür sind, während die durch Überforderung oder Rotation geschaffene höhere Frequentierung dafür sorgt, dass mehr Zeit für Einarbeitung und Übergabe aufgebracht werden muss, als kontinuierlich an einer Sache gearbeitet werden kann.

Fatal ist diese Herangehensweise vor allem auch deshalb, weil sie auf kleinster Ebene den Anschein machen mag, das Problem gelöst zu haben, den Druck aber auf die höheren Ebenen der Föderation verlagert. Denn da steigt durch die Fragmentierung nicht nur der Koordinationsaufwand bei zugleich knapperen Ressourcen für die Mandatsbesetzung, sondern wird auch die gemeinsame Entscheidungsfindung so weit verkompliziert, dass kaum mehr Handlungsfähigkeit gegeben ist. Letztlich wird damit dann auch die utopische Vision unglaubwürdig, da das Modell nicht vermitteln kann, breitere gesellschaftliche Kreise entscheidungs- und handlungsfähig integrieren zu können.

AUSSCHLUSS DURCH EINSCHLUSS: DAS EPISTEMISCHE VERSAGEN DES HORIZONTALISMUS
Gerade eine klassenpolitische Transformationsorganisation steht und fällt mit ihrer Effektivität. Davon hängt nicht zuletzt auch die Glaubwürdigkeit der utopischen Perspektive ab, muss diese doch auch vermitteln, komplexe Probleme bewältigen zu können. Dabei versteht es sich von selbst, dass Vertikalisierung und Professionalisierung auch akute Risiken beinhalten. Aber erstens können diese durchaus eingehegt werden, etwa durch Konzepte des Föderalismus und der Autonomie oder spezifische Mechanismen von Input, Kontrolle und Gewaltenteilung.[54]Und zweitens stehen dem ja der chronische Klassismus von Horizontalität und Ehrenamtlichkeit gegenüber. Es ist daher falsch, Emanzipation und Effektivität als Antagonismen zu verstehen, die sich gegenseitig beschneiden. Vielmehr ist eine Emanzipation der unteren Klassen ohne Effektivität nicht möglich. Eine Organisation, die Instrument zur Gewinnung von mehr Ressourcen sein soll, kann ihre Nützlichkeit nicht glaubhaft machen, wenn sie in erster Linie Ressourcen verbrennt. Was etwa die FAU an Verbesserungen zu gewinnen vermag, steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den sie erzeugt. Ihre Ökonomie, in der - zugespitzt gesagt - ein Dutzend Leute im Einsatz sind, um eine Glühbirne auszuwechseln, stellt eine herbe Verlustrechnung dar, die auf Dauer nur besonders opferbereite AktivistInnen zu binden vermag.[55]
Die Kontextabhängigkeit von Vertikalisierung und Professionalisierung

Die neoanarchistische Kritik an vertikalen und professionellen Strukturen beruht im Wesentlich auf einem unzulässigen Vergleich. Denn sie nimmt zentralistische Organisationen mit ganz spezifischen Arbeitsweisen und Programmatiken, wie etwa den DGB oder (autoritäre) Parteien, als Beispiel, um die Gefahren solcher Strukturen zu belegen. Die Wirkungsweise von Organisationen zu qualifizieren, erfordert aber eine holistische Betrachtung, welche das Zusammenspiel der Organisationselemente als Ganzes in den Blick nimmt. Immerhin hängt in jedem sozialen System die Funktion eines bestimmten Elements von seiner kontextualen Einbettung ab.

Die Kritik müsste sich daher an einem vergleichbaren Kontext orientieren, etwa den früheren syndikalistischen Organisationen. Und da lässt sich nicht gerade sagen, dass die vertikalen und professionellen Elemente immer zu einer autoritären Degeneration oder reformistischen Korruption der Organisation geführt hätten. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass in einem von Föderalismus und Autonomie geprägten Kontext vielfältige Mechanismen möglich sind, mit denen sich Probleme der Vertikalisierung und Professionalisierung einhegen oder gar vermeiden lassen. Im DGB-Kontext werden diese Mechanismen aber ebenso wenig praktiziert wie in gewöhnlichen Parteien. Und auch der Gegenwartssyndikalismus ist weit davon entfernt, sie für sich nutzbar zu machen, wenn er über die Feinheiten vertikaler oder professioneller Strukturen aufgrund von pauschalen, falschen und ahistorischen Urteilen gar nicht erst nachdenken will.

Auf kurze Sicht lässt sich die Lebenslüge des Gegenwartssyndikalismus, er könne mehr erkämpfen als die viel gescholtene»Stellvertreterpolitik«, übertünchen, indem Einzelne außergewöhnlich viel Einsatz erbringen. Auf mittlere Sicht erstickt dieser Raubbau an Ressourcen aber die Handlungs- und Entwicklungsfähigkeit. Denn ein Funktionärsapparat ermöglicht nicht nur Routinen, mit denen vermieden wird, dass in jedem Problemfall vieles aufs Neue geklärt werden muss.[56]Er kann auch die nötigen Kapazitäten freisetzen, um Probleme der Organisationspraxis zu evaluieren und Reformen zu implementieren. Ansonsten führen Wachstumsschübe, die eine Anpassung der Organisation verlangen, zu Reformstau und letztlich Krisen, die nicht lösbar sind. Denn deren Lösung setzt eben Strukturen voraus, in denen das relevante Wissen zielgerichtet allokalisiert wird. In Strukturen, wie sie etwa die FAU pflegt, sind aber erfahrene AktivistInnen - die potentiellen Träger solchen Wissens - ständig damit beschäftigt, Minimalstandards einer fluktuierenden Mitgliedschaft nahezubringen und Neumitglieder für Aufgaben anzulernen.[57]Statt also wichtige Aufgaben zu erledigen und die Organisation weiterzuentwickeln, müssen sie all ihre Kapazitäten darauf verwenden, Grundlagen zu vermitteln und Rückentwicklungen zu verhindern. Und umso breiter der Horizont der Basis wird, desto größer wird der dafür nötige Aufwand.

Was hier als Einschluss und Aktivierung gedacht ist, hat letztlich den gegenteiligen Effekt. Zum einen sind ad-hoc angelernte Mitglieder häufig überfordert mit wichtigen Aufgaben, was nicht nur bei ihnen zu Frustration und Rückzug führen kann, sondern auch bei Mitgliedern, die Kontinuität und Effektivität erwarten.[58]Zum anderen müssen erfahrene Mitglieder dadurch immer wieder Lücken stopfen, was im Kontext eines autoritätsfeindlichen Klimas jenen Aktivposten zusätzliche Rechtfertigungsbemühungen abverlangt.[59]In dieser Mühle werden letztlich auch die erfahrenen Mitglieder aufgerieben, nicht zuletzt deshalb, weil sie in der Regel älter sind, also häufig mehr berufliche und/oder familiäre Verpflichtungen haben, die diesen Einsatz nicht auf Dauer leistbar machen. Im Endeffekt hat dies denn auch fatale Konsequenzen für die soziale Zusammensetzung einer Organisation. Denn dieses Organisationsmodell, das sich nur durch die Selbstaufopferung von AktivistInnen einigermaßen stabil halten kann, ist vornehmlich kompatibel mit Sozialtypen, die entweder noch nicht so sehr in beruflichen und familiären Verpflichtungen sind oder Lebensentwürfen folgen, die sich solchen Verpflichtungen weitestgehend entziehen.[60]Es liegt auf der Hand, dass sich so die Reihen des Gegenwartssyndikalismus - trotz aller Arbeiterrhetorik - vor allem aus studentischen und subkulturellen Linken füllen.[61]
Die Gewerkschaft als Feigenblatt individueller Selbstfindung

Im neoanarchistischen Denken gilt es als hoher Wert, ja fast schon als Essenz von Emanzipation, dass Menschen Aufgaben übernehmen und persönlich daran reifen können. Damit wird letztlich sogar begründet, dass Aufgaben häufig rotieren sollen und Kompetenzanforderungen erstmal nicht so wichtig seien. Während dieser Fetisch individueller Selbstentfaltung in Kleinstgruppen ohne nennenswerte Praxis noch sozialverträglich funktionieren mag, haut das in Zusammenhängen mit gewachsener Verantwortung (z.B. hohes Finanzaufkommen, juristische Risiken, Arbeitskämpfe, wo es um Existenzen geht usw.) bei Weitem nicht hin. Vielmehr existieren hier notwendigerweise hohe Anforderungen an die Aufgaben als auch ein sozialer Druck, diese hinreichend zu erfüllen. Wo Leuten solche Aufgaben anvertraut werden, denen sie nicht gewachsen sind, reifen sie nicht, sondern werden verheizt. Und zugleich fördert es die Frustration bei denen, die etwa viel Lebenszeit in den Aufbau von etwas gesteckt haben, das durch eine schlechte Mandatsausführung zurückgeworfen oder gar zunichtegemacht wird, so wie auch Mitglieder, die für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen eine belastbare Organisation benötigen, die nicht ständig wie ein Kartenhaus zusammensackt, davon verprellt werden.

Im Endeffekt zeigt sich hier eine weitere Facette des infantilen Antiautoritarismus, die den Zweck des Syndikalismus ad absurdum führt: Damit sich ein paar wenige Menschen, denen es an sozialer Einbindung und Verantwortungserfahrung mangelt, ausprobieren können, muss die gesamte Organisation Defizite in Kauf nehmen, die eine effektive Organisierung und die Durchsetzung von subalternen Interessen verunmöglichen. Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, dass dieses Modell nur für einen sehr speziellen Sozialtypus einen Nutzen hat: sozial isolierte Menschen, die mangels beruflicher und familiärer Verpflichtungen, aber auch Qualifikationen ein Bedürfnis haben, sich in Aufgaben auszuprobieren. Gerade für ältere Menschen, die beruflich und familiär im Leben stehen und dabei natürlich stets Verantwortung nehmen, muss es als Hohn wirken, dass sie als Experimentiermasse in einer Art Sozialtherapie für postadoleszente Subjekte herhalten sollen. Vgl. dazu auch Anm. 55.

Gerade dieses Problem ist nicht zu unterschätzen, weil es die epistemische Krise, die der mangelnden Allokation von Kompetenz und Erfahrung entspringt, noch weiter verschärft. Es ist ohnehin ein Widerspruch des Gegenwartssyndikalismus, dass er vorgibt, dynamisch und progressiv zu sein, aber Entscheidungen von einem Schwarm treffen lässt, in dem nur eine kleine Minderheit aktiv zu gestalten bereit ist.[62]Und selbst wenn versucht wird, ein wenig Verantwortung zu delegieren, macht es das selten besser. Denn viele der Aufgaben, die sich einer Transformationsorganisation stellen, sind einfach zu komplex, als dass der Durchschnitt der zufälligen Versammlungskonstellationen kompetent bewerten könnte, wer kompetent für ihre Erledigung wäre.[63]Von lernfähigen Organisationen, wie sie Pouget einst als»Schule der Revolution«einforderte, ist der Gegenwartssyndikalismus weiter entfernt als der klassische Syndikalismus, dessen strukturelle, strategische und programmatische Ausrichtung durchaus von führenden Köpfen geprägt wurde.[64]In der genannten sozialen Zusammensetzung kommt noch hinzu, dass mit der Entwicklungsunfähigkeit ein Zustand konserviert wird, der besonders inkompatibel mit der breiten Masse ist. Denn dank ihr sind es vor allem Szenenormen, welche die Wahrnehmung falscher und richtiger Beziehungsweisen ordnen.

Das epistemische Versagen spiegelt sich daher auch in einer politischen Kultur, die sich gegen die eigentlichen Zielgruppen richtet. Deutlich wird das an der linken Identitätspolitik, die auch im Gegenwartssyndikalismus Einfluss hat. Darunter kann ein normativer Modus verstanden werden, in dem politische Wahrheiten qua Identität definiert werden.[65]Zentral ist dabei die Standpunkt-Theorie, wonach der Blickwinkel einer deprivilegierten über den einer privilegierten Gruppe zu stellen ist.[66]Für sich genommen ist diese Norm sinnvoll, in Verbindung mit anderen Normen der Szenelinken wirkt sie aber toxisch. Zum einen werden durch das Paradigma, dass das Persönliche politisch sei, individuelle Verhaltensweisen zu Machtfragen aufgeblasen, die durch eine Hierarchie von Identitäten zu entscheiden sei.[67]Zum anderen sorgt die»Politik der ersten Person«dafür, dass dabei das Empfinden von Individuen, die mit einer deprivilegierten Gruppe identifiziert werden, als definitionsmächtig gilt.[68]Wenn aber die standpunkttheoretische Annahme stimmt, dass privilegierte Positionen blinde Flecken in der Wahrnehmung von Machtverhältnissen erzeugen, dann muss eine so komponierte Identitätspolitik in der Linken klassistisch ausfallen. Denn wo der Kontext vor allem von Abkömmlingen des Bildungsbürgertums bevölkert ist, werden kulturelle Konflikte zwangsläufig zuungunsten der proletarischen Identitäten entschieden.[69]
Der doppelte Strohmann: Die Verwirrung um Identitätspolitik

Es ist in der Linken Mode geworden, unter Identitätspolitik den Einsatz für die Interessen von minoritären Gruppen - oder besser gesagt: subalternen Gruppen (Frauen etwa sind ja keine Minderheit) - zu verstehen. Das ist ideengeschichtlich nicht nur schlecht informiert, sondern hat ein regelrechtes Chaos im Diskurs über»Neue Klassenpolitik«angerichtet, weil sie die Frage, für wen Politik gemacht wird, mit der Frage gleichsetzt, wie Politik gemacht wird. Denn grundsätzlich sind etwa Feminismus und Anti-Rassismus (aber auch Klassenpolitik) keine Identitätspolitik, sondern (subalterne) Interessenpolitik. Und natürlich hat jede Form von Politik auch immer mit Identität zu tun, weswegen Identitätspolitik sich nicht einfach darüber definiert, das Identität im Spiel ist. Vielmehr ging es bei der (linken) Identitätspolitik stets darum, dass die Zugehörigkeit zu einer deprivilegierten Gruppe bzw. die Identifikation mit dieser ein zentrales Kriterium epistemischer Autorität im politischen Diskurs ist.

Deutlich wird das an ihrer Formierungsphase, als die US-amerikanische Neue Linke - das Epizentrum linker Identitätspolitik - die bedingungslose Unterstützung von nationalen Befreiungsbewegungen als Devise ausgegeben hatte und alle, die sich ihren Postulaten nicht unterordnen, als»objektiv reaktionär«qualifizierte. Es geht also um einen epistemischen Modus von Politik, in dem der kategorische Imperativ über subjektgebundene Definitionsmacht gebildet wird. Insofern stehen Identitätspolitik und Klassenpolitik grundsätzlich nicht im Widerspruch, da auch Klassenpolitik in diesem Modus operieren kann. Allerdings ist gerade eine identitätspolitische Klassenpolitik - d.h. eine Politik, die Angehörige einer bestimmten Klasse zu epistemischen Autoritäten macht - in der Linken nicht sonderlich angesagt. Der Vorstellung, dass ArbeiterInnen allein aufgrund ihrer deprivilegierten Lage das politisch Richtige zu definieren vermögen, steht sie ja durchaus skeptisch gegenüber. Zurecht gilt das vielen als eine zu simplifizierende Epistemologie, da die Welt zu komplex und die Identitätsgruppe zu heterogen ist, als dass sich ihr eine Art Leitbewusstsein zuschreiben ließe.

Diese essentialisierende und anti-aufklärerische Wissenslogik wendet die Linke in Bezug auf Feminismus und Anti-Rassismus aber begeistert an. Das ist der Kern der Kritik an Identitätspolitik, die sich zunächst nur unbeholfen artikulierte, bevor sie zunehmend ihre Sprache fand. Allerdings trifft diese Sprache auf eine Semantik, an der sie abprallen muss. Denn jetzt, wo Identitätspolitik mit subalterner Interessenpolitik gleichgesetzt ist, wird unter nomineller Kritik an Identitätspolitik eine Relativierung von subalternen Interessen verstanden, wo doch ein Modus kritisiert wird, der mit Feminismus und Anti-Rassismus keineswegs in Eins zu setzen ist. Für die einen ist z.B. ›identitätspolitischer Feminismus‹ ein Pleonasmus wie ›weißer Schimmel‹, für die anderen eine fragwürdige Verbindung wie ›illiberale Demokratie‹. Diese Indifferenz im Diskurs über»Neue Klassenpolitik«führt einerseits zu einem Unverständnis über den Sinn der Debatte (warum sollten Klassenpolitik, Feminismus und Anti-Rassismus denn nicht zusammengehen!?) und andererseits zu einem Unverstandensein (will man denn nicht verstehen, wie irrational und regressiv Identitätspolitik ist!?).

Damit ist eine Verwirrung perfekt, die durch ein Strohmann-Argument genuiner IdentitätspolitikerInnen in Gang gesetzt wurde, dem viele Linke auf den Leim gingen (exemplarisch Bini Adamczak im Interview mit Raul Zelik, online hier). Denn als die Kritik am Modus der Identitätspolitik Form annahm, bezichtigten sie diese, Kritik an Feminismus und Anti-Rassismus selbst zu sein, ganz nach dem identitätspolitischen Credo: wer meine Definitionsmacht nicht anerkennt, richtet sich gegen meine Gruppe! Im Ergebnis dieses effektiven Gerüchts muss sich die Kritik an der Identitätspolitik selbst des Vorwurfs erwehren, einen Strohmann der Identitätspolitik zu zeichnen, da diese (also subalterne Interessenpolitik) doch viel facettenreicher sei, als es die Kritik nahelege.

Immerhin sind Diskriminierungslagen so komplex, dass oft unklar ist, wer in der Privilegienkumulation die Nase vorne hat.[70]Und wie eine Gemengelage interpretiert wird, ist eben standpunktabhängig, so dass vor allem Deprivilegierte gehört werden, die Privilegien des tonangebenden Milieus teilen.[71]Dass das im linken Kontext ein bildungsbürgerliches ist, zeigt sich etwa in der dominanten Lesart des Feminismus, die linke Mikropolitik besonders prägt. Dieser gilt es nämlich als frauenfreundlich, Verhaltensfragen viel Raum zu geben und besonders autoritätsfeindlich zu arbeiten.[72]Gerade solche Praxen steigern aber den Aufwand enorm, so dass sie eher für privilegierte Frauen von Interesse sind. Denn wenn generell für die unteren Klassen gilt, dass ressourcenaufwendige Praxen nicht mit ihrer Realität kompatibel sind, dann fällt dies umso mehr bei deren weiblichen Angehörigen ins Gewicht, die durchschnittlich noch weniger Zeit haben.[73]Was also einschließend auf ein privilegiertes Segment der deprivilegierten Gruppe»Frau«wirkt, schließt die Breite der unteren Klassen - einschließlich ihrer Frauen - aus.[74]Womit erneut eine Zusammensetzung reproduziert wird, welche die mikropolitischen Normen bekräftigt und mesopolitische Ziele unterläuft. Auch damit wird der Teufelskreis aus sozialer Exklusivität und epistemischem Versagen angekurbelt, der dem linken Horizontalismus immanent ist.

Im abschließenden Teil wird diskutiert, welche programmatischen Konsequenzen aus den mikropolitischen Erfahrungen zu ziehen sind und wie sich das auf die utopische Vision auswirkt.

https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-3/
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