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(de) FdA/IFA - gai dao #81 - Here’s to you – Niccola and Bart Von: Maurice Schuhmann

Date Fri, 29 Sep 2017 10:35:36 +0300


Neue Dokumentation über Sacco & Vanzetti im Kino ---- Vor 90 Jahren, am 22. August 1927, wurden drei Männer im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts unter enormem Medienrummel auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Sie sollen gemeinsam mit einem vierten Komplizen am 15. April 1920 einen Geldtransporter überfallen haben, wobei es auch Tote gab. Ihre Namen lauteten Celestino Madeiros, Niccola Sacco und Bartholemeo Vanzetti. Erst genannter bekannte sich zu dem ihm zur Last gelegten Verbrechen, die anderen Beiden beteuerten ihre Unschuld, was auch von Madeiros Aussagen vor Gericht bestätigt wurde. Dennoch wurden sie auch hingerichtet. Sie wurden erst posthum – im Jahre 1977 – offiziell von Massachusetts Gouverneur Michael Dukakis von jeglicher Schuld freigesprochen.

Das Verfahren gegen die beiden aus Italien stammenden Anarchisten
Sacco (1891-1927) und Vanzetti (1888-1927) war aber nicht „lediglich“
ein Justizirrtum, sondern ein politisches Verfahren. Sie wurden augen-
scheinlich nicht für die Tat, sondern für ihre politische Einstellung ver-
urteilt. Die beiden Migranten, die 1908 mit großen Hoffnungen ins
„Land der Freiheit“ zogen,
waren Vertreter des insur-
rektionalistischen Anarchis-
mus, den zu jener Zeit ein
anderer italienischstämmiger
Anarchist vertrat – Luigi
Galleani, dem sie inhaltlich
nahestanden. Zudem spielte
in das Verfahren gegen die
beiden aber auch die, in jener
Zeit durch die Presse ge-
schürte Xenophobie gegen
Einwanderer*innen aus Itali-
en, die man sowohl mit sozi-
alrevolutionären Ideen als
auch mit der Mafia assozi-
ierte, mithinein. Historisch
fiel das Verfahren in die erste Red Scare-Periode (1917-1920) in Amerika,
die durch eine irrationale Furcht vor Sozialist*innen geprägt war und
ihren Ausdruck in einer Vielzahl politischer Repressalien ihren Aus-
druck fand. Im Zuge der Red Scare (roten Furcht) kam es unter anderem
zu zahlreichen Ausweisungen und Deportationen (vermeintlich) kom-
munistischer, sozialistischer und anarchistischer Ausländer*innen. Be-
troffen davon waren unter anderem „Red Emma“ Goldman und
Alexander Berkman.

Trotz mangelnder Beweise und schwacher Indizien verurteilte der Rich-
ter die beiden Anarchisten zum Tode. Alle Versuche, sie zu retten – sei
es durch einen Gnadengesuch oder durch Proteste auf der Straße schei-
terten.

Das (politische) Verfahren gegen Sacco und Vanzetti reiht sich dabei in
eine ganze Geschichte von politischen Verfahren ein – angefangen bei
den Verfahren gegen die vermeintlichen Haymarket-Attentäter (+ 1886),
den Wobbly-Liedermacher Joe Hill (+ 1915), dem kommunistischen
Ehepaar Ethel und Julius Rosenheim (+ 1953) oder den, immer noch in
Gefängnissen einsitzenden Aktivisten Leonard Peltier (seit 1977) und
Mumia Abu-Jamal (seit 1982).

Der Fall Sacco und Vanzetti hat damals weltweit für Aufsehen gesorgt.
In jeder europäischen Großstadt, aber auch in Asien und Afrika, gingen
die Menschen auf die Straße, um gegen dieses Todesurteil zu demons-
trieren. Wie kein zweites Verfahren fand der Protest aber auch im Wir-
ken von Kulturschaffenden seinen Niederschlag – Erich Mühsam
schrieb sein Theaterstück
„Staatsräson“ basierend auf
den Fall und der amerikani-
sche Sozialist Upton Sinclair
griff in seiner Geschichte
„Boston“ das Thema auf und
mit Joan Baez’ Lied „Here’s
to you - Niccola and Bart“,
welches auch die Grundlage
für die erweiterte Fassung
von Franz Josef Degenhardt
wurde, wurde der Fall auch
musikalisch unsterblich.

Baez’ Beitrag erschien ur-
sprünglich als Soundtrack zu
Giuliano Montaldos’ Spiel-
film „Sacco & Vanzetti“ (F/I
1971). Baez hatte in ihrem Lied Originalbriefe von Vanzetti aufgegriffen,
die dieser während seiner Inhaftierung schrieb. Selbst heute tauchen die
Namen der beiden noch vereinzelt in der Popkultur auf – zum Beispiel
in der amerikanischen TV-Serie „Sopranos“, einer Serie über eine Ma-
fiafamilie.

Nun kommt eine - wenn auch nicht mehr ganz so neue - Dokumentati-
on von Peter Miller endlich als Originalversion mit deutschen Unterti-
teln in die Kinos. Die Doku entstand bereits 2006 – und gilt als die erste
Kino-Dokumentation des Falls, der gleichzeitig schon mehrfach in Fil-
men aufgegriffen wurde. Peter Miller hat sich in Italien und Amerika
auf Spurensuche begeben. Er hat dabei unter anderem Zeitgenossen der
beiden Anarchisten, den bekannten amerikanischen Aktivisten Howard
Zinn, Historiker*innen, Arlo Guthrie, Sohn des berühmten Folksängers,
und selbst die Nichte von Sacco zu Wort kommen lassen. Sie vermitteln
ein sehr lebendiges Bild der beiden Männer und ihres Falls, der bis heu-
te für Empörung sorgt. Zur Illustration der Dokumentation werden his-
torische und aktuelle Aufnahmen mit Spielfilmsequenzen aus der oben
erwähnten Verfilmung von Giuliano Montaldos ergänzt. Dabei verbleibt
der Regisseur nicht lediglich in einer historischen Perspektive verhaftet,
sondern stellt eine Verbindung zu heutigen Erscheinungsformen des
Rassismus in den USA her. Obwohl die Dokumentation keine neuen Er-
kenntnisse präsentiert, ist es eine sehr gute und sehenswerte Dokumen-
tation.

Sacco und Vanzetti (OmU), USA 2006, 80 min, Regie: Peter Miller
Weitere Informationen (auf Englisch):
https://www.fandor.com/films/sacco_and_vanzetti

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Weiterführende Literaturempfehlungen
!
Erich Mühsam: Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und
Vanzetti, Trotzdem Verlag Grafenau 1992.
Helmut Ortner: Zwei Italiener in Amerika. Der Justizmord
Sacco & Vanzetti, Verlag Arthur Moewig Rastatt 1988.
Augustin Souchy: Sacco und Vanzetti. Dokumentation,
Verlag Freie Gesellschaft Frankfurt / M. o.J.
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