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(de) FdA/IFA - gai dao #81 - „Alles gut!“ -­ „Sag mal gehts noch, du Alles­-Gut­-Mensch?“ Von: Irmgard, die beleidigte Anarchakonservative

Date Tue, 26 Sep 2017 07:37:36 +0300


Mensch, was brock ich mir jetzt wieder ein, wenn ich schon zu Beginn des Artikels befürchten muss, manche in ihren Empfindung, ihren Sicherheitsgefühlen – ungewollt! - anzugreifen, in unser Weltbild reinzugrätschen und damit auch ganz mich selbst in Frage zu stellen. ---- Verdammter Regentag, da kann ja nun nichts werden! Selbstzweifel nagen an mir, nagen an dir, die wir beide dann gewohnt sind, in Selbstkritik umzudeuten, welcher wir ja doch noch was Positives abgewinnen könnten. Aber darin liegt schon ein grundlegendes Missverständnis: Denn Kritik muss und braucht nicht „konstruktiv“ zu sein. Deswegen muss unsere Hoffnung dahingehend von vorn-herein enttäuscht werden. Immerhin: So eine Enttäuschung bringt dann vielleicht gelegentlich etwas Klarheit. Wenn der Zweifel zur Kritik wird, ist er schlechte Kritik. Wenn Kritik jemanden zur Verzweiflung bringt, ist sie*er nicht kritikfähig. Das ist aber auch nicht das Ziel von Kritik, sonst ist es keine, sondern lediglich verletzende Polemik. Nicht mehr und nicht weniger. Und das wiederum wäre manchen „Antideutschen“ noch mal zu erklären.

Politisch radikale Menschen sind oft (aber nicht immer) sehr selbstkriti-
sche Menschen. Gerade aus der kritischen Überprüfung eigener Gedan-
ken, Gefühle, Verstrickungen usw. entsteht sowohl die Möglichkeit, als
auch die Notwendigkeit, bestimmte Positionen zu vertreten. Die Mög-
lichkeit entsteht, weil die Ausarbeitung radikaler Positionen (nicht ir-
gendwelcher pseudo-radikaler Floskeln) erst durch die tiefgreifende
Auseinandersetzung und Reflexion mit den eigenen und anderen Posi-
tionen geschehen kann. Im selben Zuge, wo wir damit eine massive In-
fragestellung unserer Selbst (in psychologischer Hinsicht tatsächlich des
Konstruktes unserer „Ich-Identität“) vornehmen, verlangt es uns jedoch
auch nach Bindungen, nach etwas an das wir uns halten; nach jeman-
den, an die*den wir uns klammern; nach etwas, auf das wir hoffen kön-
nen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber sie stirbt. Was bringt uns
Hoffnung, wenn die ganze Welt zugrunde geht? Warum sollten wir mit
Hoffnung einen Baum durch ecosia pflanzen, ein Haus bezahlen oder
uns entmündigen lassen – wie es das Erwachsenwerden heutzutage
vorsieht?

Die Welt ist größer als wir; sogar größer, als unsere Ansprüche daran,
sie zu verändern. Auch wenn wir in schweren Stunden daran fast ver-
zweifeln mögen, ist das eigentlich doch auch eine gute Nachricht: Wir
können nur tun, was wir tun können. Mit unseren eigenen Händen. Zu-
mindest wenn wir nicht herrschen wollen. Der Rahmen, unsere Gestal-
tungsspielräume, in denen wir etwas verändern können, ist äußerst
begrenzt. Was uns nicht davon abhalten sollte, ihn zu erweitern und
nicht dazu führen sollte, dass wir das einfach akzeptieren müssen. Doch
auf der anderen Seite steht, dass alles ganz anders werden soll, alles
ganz anders werden muss, wenn wir Vorstellungen von nicht-zerstöre-
rischem, verständnisvollem, lebenswertem Miteinander für alle ver-
wirklichen wollen.

Den radikalen Linken und auch den Anarchist*innen fehlt heute mehr
denn je eine utopische Meta-Erzählung, die weder in dogmatischen
Abhandlungen bestehen kann, noch eine abstrakte gesellschaftliche To-
talität sein könnte, die in einer unbestimmten Zukunft an Stelle der jet-
zigen treten würde. Vielmehr müsste sie tatsächlich im Leben Einzelner
als konkrete Befreiung im Alltag erfahrbar werden – eine Hoffnung mit
materialistischer Basis sozusagen. Aber eben doch was anderes als die
Ausflucht darin, wir könnten uns die bessere Gesellschaft ja noch über-
haupt nicht vorstellen und würden aus Angst aus Versehen zu herr-
schen, uns eben keinerlei Vorstellungen davon machen. Doch niemand
herrscht aus Versehen. Wir ziehen keine Herrschaft an uns, wenn wir
konkrete Vorstellungen davon entwickeln, was wir verändern wollen –
unmittelbar oder langfristig. Die emanzipatorische Meta-Erzählung als
motivierendes Prinzip fällt nicht vom Himmel, sondern ist von uns und
anderen zu erarbeiten.

Doch bis dahin sagen viele in meiner Umgebung inzwischen: „Alles
gut“. Erst dachte ich, ich höre nicht richtig. Doch es wurde immer und
immer wieder geäußert. Erst von wenigen, dann inflationär von vielen.
Und als ich andere Städte bereiste und feststellte, dass mir vorher Unbe-
kannte ebenfalls in einem Fort versicherten, dass „alles gut“ sei, begriff
ich, dass es sich um ein Modewort, eine momentan, vielleicht seit An-
fang dieses Jahres, inflationär gebrauchte Floskel handeln musste. Ich
behaupte dies – nach Überprüfung – feststellen zu können, weil ich
ziemlich resistent gegen jegliche Form von Modeerscheinungen bin.
Damit deute ich positiv um, dass ich – gefühlt im Gegensatz zu den
Menschen, die ich noch so kenne – einfach ein riesiges Defizit darin ha-
be, trendige Entwicklungen, soziale Normen und Verhaltensweisen in-
stinktiv zu begreifen. Kurzum: Mir fällt es eben auf, wenn plötzlich
viele um mich herum „Alles gut!“ sagen und zwar zu jedem Scheiß-
dreck und gerade zu den Dingen, die eigentlich richtig beschissen sind,
aber auch sonst so häufig,
dass es im Grunde ge-
nommen überhaupt keine
Rolle mehr spielt, ob ir-
gendwas noch gut ist
oder werden könnte und
worin das Gute über-
haupt bestünde.

Der letzte Punkt ist viel-
leicht sogar der entschei-
dende bei meiner
Aufregung: Ich selbst
weiß eigentlich gar nicht
mehr, was denn „gut“
beschreibt, worin es be-
stehen soll. Okay, ich hab das für mich selbst auch sehr grundsätzlich
kritisiert, als moralische Kategorie und so. Das heißt jetzt aber nicht,
dass es mir scheißegal ist, wie irgendetwas ethisch zu bewerten ist. Nur
fehlen mir leider die grundlegenden Diskussionen darum häufig. Wer
sich und anderen dauernd einredet, „alles sei gut“, entzieht sich dieser
Auseinandersetzung ja auch vollständig. Weder das Wie (es ist eben
einfach „gut“, was auch immer das sein soll), noch das Was (eben alles,
das heißt: nichts) ist geklärt. Meine affektive Reaktion darauf war dem-
zufolge auch: „Nichts ist gut!“ zu sagen. Nun merke ich aber, dass dies
keineswegs weiterführt, denn wie angedeutet beinhaltet „Alles gut“
aufgrund seiner enormen Unbestimmtheit ja bereits, dass es ohne Be-
deutung sei, was gut ist und wie es gut wäre, was also Kriterien für die
Einordnung als „gut“ sein sollen. Dementsprechend wissen die Alles-
Gut-Sager*innen also, dass nichts gut ist und verschleiern es im selben
Moment. Je ausgeprägter ihr Bewusstsein von und ihr Gefühl zu den sie
tatsächlichen umgebenden Herrschaftsverhältnissen ist, desto höher ist
das Level an Ideologie, das sie erreichen müssen, um sich darüber hin-
weg zu täuschen. Bei sensiblen und intelligenten Menschen ist das Level
offensichtlich so hoch, dass sich die Verschleierung im scheinbar sim-
plen Chiffre „Alles gut“ verdichtet und sich somit des Begreifens und
Verstehens umfassend entzieht, während gleichzeitig der absurde
Schein gewahrt bleibt, mensch würde sich ja verstehen. Die bewusst ge-
wählte Irrationalität soll zur letzten Bastion unserer enttäuschten Hoff-
nungen werden. Traurig, aber wahr.

Wofür es sich dann noch zu kämpfen lohnt, weiß keine*r...deswegen
rennen wir wie Wahnsinnige, wir fliehen wie die Narren, vor der Reali-
tät und der Verantwortung vor der wir stünden, wenn wir denn begrei-
fen wollten, das eben kaum was gut ist und daraus Konsequenzen
ziehen würden. Da gibt es (mindestens) diese fünf Tendenzen, die gera-
de dann problematisch werden, wenn sie isoliert voneinander verfolgt
werden:

1) Die einen ziehen sich in die Selbstbearbeitungsschleife zurück: Mit
den Herrschaftsverhältnissen zuerst bei uns selbst aufräumen. Bessere
Menschen werden. Doch die Umstände dafür sind nicht gut. Diese gilt
es zu benennen. Ein paar Unterdrückungs- und Ausbeutungsdimensio-
nen vor sich her zu beten
und andere danach zu
bewerten, ist dabei noch
keine Gesellschaftskritik.

2) Fast authentischer ist
dahingehend die degene-
rierte „Feierkultur“ der
Linken: Pille oder Bier-
chen rein, tanzen, flirten,
glücklich sein. Alles gut
eben. Gut, aber wir hat-
ten das jetzt auch schon.
Aus dem Techno-Schup-
pen heraus entsteht keine
Revolte. Und anti-sexisti-
sche Verhaltensregeln auf der Party sind noch kein politischer Kampf.
Abgesehen davon: Wie viel Zeit Menschen auf „Parties“ und mit deren
Vorbereitung verbringen!

3) Oder: Der Aktionismus. Hauptsache, da wird was gewuppt! Ist ja
sonst auch egal. „Starke Bilder“ produzieren, unbedingt. Da haben wir
aber mal wieder ein deutliches Zeichen gesetzt – Yeah! Zugegebener-
maßen ist in meinem Umfeld leider kaum noch Aktionismus, weil
kaum noch politische oder direkte Aktion ist. (Subjektive Wahrneh-
mung - der Text entstand bei schlechtem Wetter...). Trotzdem gibt es
auch Tendenzen, Hauptsache irgendetwas zu machen – und da ist nun
mal nicht immer gut und bringt nicht immer weiter...

4) Deswegen finde ich es aber auch unsinnig, sich auf einen Standpunkt
vermeintlich „reiner Kritik“ zurückzuziehen, wie es einige tun. Es kann
keine reine Kritik geben, da die Wirklichkeit schmutzig ist und Kritik in
einer politisch radikalen Bewegung „im Handgemenge“ stattfindet. Ich
mag auch gar keine Reinheit. Darum kritisiere ich die Kritik*innen,
welchen es lediglich darum geht, sich professionell raus zu halten und
auf Kosten anderer in ihrem Selbstwertgefühl zu bestätigen. Und es ist
auch die idealistische Kritik zu kritisieren, wie sie zum Beispiel Tsveyfel
vorbringt 1 .
---------------------------------------------
[1] https://tsveyfl.blogspot.de/p/zweifel_22.html
---------------------------------------------

5) Raus streben meistens die „drinnen“ Enttäuschten. Und das „Drin-
nen“ ist oft ein imaginäres Kollektivsubjekt, von „der Linken“, „den Lin-
ken“, „dem linken Mosaik“, „der radikalen Linken“ oder auch „der
anarchistischen Szene“. „Ich wurde so gebor'n, ich werde so bleiben wie
ich bin. Antifaschist, für immer, für immer“ (Irié Revoltés) – Identitäts-
politik lässt grüßen. Niemand will Volk sein – schon klar. Aber eigent-
lich wollen „wir“ ja alle das selbe. Warum wählen die Arbeiter*innen
denn entgegen ihren Interessen AfD? Wieso müssen wir so vehement
darauf pochen, das unsere Position ja die allgemeingültige, richtige, ist
und Menschen sie teilen müssten, wenn sie nur mal nachdenken wür-
den? Dazugehören, mitreden können, Anerkennung finden sind alles
verständliche soziale Bedürfnisse. Es ist auch völlig in Ordnung, sich ei-
ner politischen Szene angehörig zu fühlen. Aber warum da so nen Ding
draus machen, sich dauernd selbst darin abfeiern und über die Zugehö-
rigkeit anderer dazu urteilen?

Ich will damit nicht sagen, dass Selbstbearbeitung, Feiern, Aktionismus,
Kritik oder Kollektivsubjekt falsch wären. Sie sind es erst, wenn sie iso-
liert als Wege vorgelebt werden, mit der Problematik umzugehen, dass
eben gar nichts gut ist. Es können sinnvolle Wege sein, sich selbst zu
verändern, zu feiern, Aktionen zu machen, Kritik zu üben und sich auch
zur einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Selbstbearbeitung, um sich neo-
liberal selbst zu optimieren; feiern, um sich in das bestehende Schlechte
zu integrieren; Aktionismus, um das Gefühl zu bekommen, überhaupt
irgendwas zu machen; Kritik zur Selbstbestätigung durch Abwertung
anderer und Hauptsache der coolsten Clique anzugehören können ei-
ne*n darin bestätigen, dass alles gut wäre. Ist es aber nicht. Logisch, war
zuvor immer nur von „Gesamtscheiße“ und den bedrückenden angeb-
lich „totalen Verhältnissen“ die Rede, stempelten sich Linksradikale zu-
meist als radikale Miesepetras ab. „Alles schlecht“ und „Alles gut“ sind
aber wie gesagt zwei Seiten einer Medaille. Und denen es ums Ganze
geht – worum geht es ihnen im Konkreten?

Das Mantra „Alles gut“ soll den tief Erschütterten auf magische Weise
Kraft geben, damit sie so ein klein wenig an ihren Idealen und ihrer
Kritik, vielleicht auch an ihren politischen Aktivitäten festhalten kön-
nen und deren Verwirklichung dabei in weite Ferne schieben. Klar, die
anarcha-kommunistischen Gesellschaften sehen sehr anders aus, als das
Bestehende. Aber können wir nicht erst mal nen paar kleinere Brötchen
backen?

Für mich muss überhaupt nicht alles gut sein. Vielleicht bin ich zu ab-
gefuckt von Politik und großen Ansprüchen oder zu angenervt von be-
geisterten Polit-Hipstern, die neuen Schwung in die Bewegung bringen
aber immer wieder meinen, nun das Rad neu erfunden zu haben. Viel-
leicht habe ich einfach weniger Kraft für Auseinandersetzungen. Mög-
licherweise verachte ich aber auch die vermeintliche Politisierung des
Privaten als tatsächlichen Rückzug aus dem Politischen, wie sie zum
Teil auch in den fünf Flucht-Tendenzen enthalten ist, die ich oben be-
schrieben habe. Wahrscheinlich pöble ich auch, weil ich es blöderweise
einfach nicht sein lassen kann, in Widersprüchen zu leben und zu den-
ken. Ich kann sie eben nicht in eine Richtung auflösen, wie andere in
meiner Umgebung, denen ich unterstelle, dass sie es leichter haben da-
mit.

Und wenn ihr mir die Wahrheit vor mich hinstellt und mir sagt: Das ist
die Wahrheit. Dann würde ich sie in beide Hände nehmen, sie drehen
und wenden, sie anschauen und sie schütteln, mein Ohr dran halten
und an ihr riechen. Damit ich wüsste, wie ich sie am grundlegendsten
und endgültigsten zerstören kann. Denn es ist nicht viel gut. Mir ist
nicht gut in dieser täglich autoritärer, ausbeuterischer und zerstöreri-
scher werdenden Gesellschaft. Wenn jemand mit mir Hoffnung auf-
bauen will, dann baue ich gerne mit. Da ist nicht alles gut und wird
wohl auch nicht alles gut. Genau deswegen muss ich mir das auch nicht
dauernd als nichtssagende Floskel versichern.

Die Geschichten der Menschheit sind keine Märchen, die dann irgend-
wann gut ausgehen werden, weil wir uns das nun mal so sehnlich
wünschen. Sie schreiten nicht ins Positive voran. Wir leben heute in der
Apokalypse. Aber sie ist kein Schicksal sondern von Menschen ge-
macht. Und nur das Handeln von Menschen, wird uns in eine qualitativ
neue Zeit führen. Viele Ströme sind die Geschichten, deren Verlauf wir
hier und da mit gezielten Aktionen und langfristiger Organisierung be-
einflussen können. Davon – und vor allem vom Kampf aller Unter-
drückten, Ausgebeuteten, Unterworfenen – hängt ab, ob wir besseren
Zeiten entgegengehen werden. Auf das alles gut werde!
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