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(de) Gai Dao N°80 - Warum ich gegen den Kapitalismus bin... Von: RalfBurnicki

Date Sun, 10 Sep 2017 09:55:29 +0300


Im Kapitalismus bzw. in einer kapitalistischen Gesellschaft geht es zentral um die Schaffung von Profit. Ein solches Gesellschaftssystem ist ökonomiezentrisch und privilegiert ökonomische Ziele gegenüber anderen Interessen, zum Beispiel. dem menschlichen Interesse an Freundschaft, Gemeinschaft, Kultur, Kunst usw... In einem kapitalistischen Gesellschaftssystem wird versucht, sämtliche Interessenbereiche auf ökonomische Definitionen hin auszurichten und der Ökonomie - also Profitinteressen - unterzuordnen. ---- So wird verstehbar, dass sogar Kunst noch einen Wert erhält im Sinne von Geld und Verkaufswert. Der Kapitalismus lebt davon, soziale Ausdrucksformen in Waren zu verwandeln. Ein kapitalistisches Gesellschaftssystem bedeutet folgerichtig, dass Menschen sich in ein gegenseitiges Verhältnis bringen, das einem Warenverhältnis entspricht, also voneinander profitieren lernen und Freundschaften als Zweck-
Mittelrelation und Beziehungen als rationale Nutzverhältnisse
verstehen sollen. Kapitalistische Werte werden verinnerlicht, dazu
gehören die Aufwertung des Konkurrenzgedankens und des
Wettbewerbs, des Leistungsstrebens, das Einteilen von Menschen in
angebliche „Sieger“ und „Verlierer“, die geistige Hochstellung
materiellen Besitzes, die Umwandlung subjektiver und dem System
geschuldeter Unzufriedenheit in eine gesellschaftskonforme Strategie
der Selbstbelohnung, also in Konsum und Eigentumsvermehrung.

Menschen lernen früh, kapitalistische Werte zu verinnerlichen und
nicht zu hinterfragen, lernen sich als Konkurrent*innen im Kampf um
Ressourcen zu begreifen, lernen, sich stets zu vergleichen,
beispielsweise bei Leistungsmessungen in der Schule über
Notensysteme und durch Lob dort, wo es im Unterricht in Wahrheit um
Anpassung von Menschen an fremdbestimmte Situationen geht und
darum, bedürfnisferne Kompetenzen zu
entwickeln, um später für die Wirtschaft und ihre
Zwecke verwertbar zu sein. Erreicht ein junger
Mensch dann das Ziel, einen guten Abschluss zu
erhalten, geht es mit hoher Geschwindigkeit
weiter, denn die Arbeitsgesellschaft verlangt nach
Subjekten, die jung und dynamisch sind, stets in
Bewegung, denn Stillstand verhindert
wirtschaftliches Wachstum. Die kapitalistische
Moderne mit ihrem Appell an hohe
Geschwindigkeiten hat dabei zur Konsequenz,
dass der Mensch verschwindet , weil er zum
Partikel verkommt, das in den gesellschaftlichen
Strom geworfen wird, sich zum Leistungsfaktor
entmenschlicht und wir dies auch noch mit dem
Begriff der „Individualität“ und „Freiheit“
verherrlichen.

Als Lohn für seine herrschaftskompatible
Individualität steht der kapitalistische Konsumbereich bereit mit
vielfältigen Produkten, die keiner wirklich braucht, die aber das Gefühl
vermitteln, durch ihren Kauf ein besonderer Mensch zu sein. Auf diese
Weise erklärt sich der Markenhype , oder dass wir Uhren kaufen,
wasserdicht bis hundert Meter, obwohl wir keine Taucher sind, oder
Geländewagen, mit denen man durch eine Wildnis fahren könnte, mit
denen wir als urbane Wesen allerdings im nächsten Stau stecken
bleiben. Hierbei bringt sich das kapitalistische System in Schwung. So
zitieren die Arbeitsphilosophen Schnack und Gesterkamp in ihrem
Buch „Hauptsache Arbeit“ den Philosophen André Gorz:

„Die Individuen davon zu überzeugen, dass die ihnen angebotenen
Konsumgüter die während der Arbeitszeit erforderlichen Opfer bei
weitem ausgleichen und dass sie eine Nische privaten Glücks darstellen,
die dem allgemeinen Schicksal zu entfliehen erlaubt – das ist die
klassische Aufgabe der Werbung“ (Reinbek 1996, S. 49).

Die Verheißung lautet: Wenn du schon nicht glücklich werden kannst,
dann kauf dir Ersatz. Kauf dir „happiness“. „Doch die
Konsumgesellschaft, die zur Erlebnisgesellschaft geworden ist,
verabreicht ihren vergnügungshungrigen Mitgliedern immer stärkere
Dosen. Mitten im Überfluss entsteht so stets aufs Neue das Gefühl von
Knappheit. Die meisten Menschen reagieren darauf mit Hilfe der
Ideologie, die sie im Laufe der letzten 150 Jahre tiefverinnerlicht haben:
Arbeit, Arbeit, Arbeit“ (Schnack/Gesterkamp, S. 58).

Die Philosophen der Kritischen Theorie Theo W. Adorno und Max
Horkheimer schrieben es nicht anders: „Die Gewalt der
Industriegesellschaft wirkt in den Menschen ein für allemal. Die
Produkte der Kulturindustrie können daraufrechnen, selbst im Zustand
der Zerstreuung (schnell) konsumiert zu werden. Aber ein jegliches ist
ein Modell der ökonomischen Riesenmaschinerie, die alle von Anfang
an, bei der Arbeit und der ihr ähnlichen Erholung, in Atem hält...“
(Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1971, S.
114). Und so bleiben wir in einem ewigen Kreislauf menschlicher
Sackgassen, rennen weiter und weiter, passen uns und andere an,
während Menschlichkeit durch das ökonomische System jeden Tag
unterlaufen wird.

Was uns angesichts dessen bleibt, ist der Versuch, nicht den
kapitalistischen Verheißungen nachzurennen und eine kritische Distanz
zu kapitalistischen Werten. Setzen wir statt auf Konkurrenz auf
Solidarität, dazu gehört Solidarität mit jenen, denen es nicht gut geht,
Solidarität mit Benachteiligten, die Solidarität mit den Armen hier und
in der Welt, die Solidarität mit Geflüchteten, bauen wir auf
Freundschaft statt auf Nutzbeziehungen, setzen wir auf Entfaltung
unserer wirtschaftsfernen Fähigkeiten, machen wir uns nicht zur Ware.
Setzten wir auf Langsamkeit statt Eile, auf Selbstentfaltung und Muße
statt auf Leistungsstreben, setzen wir auf Phantasie statt Karriereplan,
auf Selbstbestimmung statt Gehorsamkeit, machen wir uns als
Menschen zum Selbstzweck und nicht zum Mittel für materiellen Profit,
und hören wir auf, so zu tun, als wäre mit Konsummöglichkeiten die
Aussicht auf Glück bereitgestellt. Hören wir auf mit dem
kapitalistischen Leben als Gesamtfließband. Es gibt kein richtiges Leben
im Falschen, sagte der Philosoph Adorno, hören wir also mit dem
Falschen auf.
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