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(de) FDA-IFA Gai Dào N°82 - Stadtteilanarchismus. Falsche Trennungen überwinden. Von: Ruymán Rodríguez (Mitglied der Anarchistischen Föderation Gran Canaria, FAGC) / Übersetzung: jt

Date Sun, 29 Oct 2017 10:51:17 +0200


"Wenn du kämpfst, kannst du verlieren, wenn du nicht kämpfst, bist du verloren" ---- Ich habe schon öfter zum Ausdruck gebracht, dass für mich der Gegensatz zwischen sozialem Anarchismus und Insurrektionalismus künstlich ist. Ich bin hingegen zu dem Schluss gelangt, dass es nur einen kontemplativen (den rein theoretischen) und einen kämpferischen (hauptsächlich praxisorientierten) Anarchismus gibt. Ich räume jedoch ein, dass diese Antwort womöglich nicht alle zufrieden stellen wird. ---- Die Richtungskonflikte spitzen sich zu und es mangelt gerade dann an Räumen der Begegnung, wenn wir sie am dringendsten benötigen. Die Mängel des "ideologischen Ghettos" sind zahlreich und durchaus bekannt: Elitismus, Verschlossenheit, Sektierertum, Selbstbezogenheit, moralisches Überlegenheitsgefühl, Losgelöstheit von der unmittelbaren
Umgebung usw. Darauf muss nicht näher eingegangen werden. Weniger
geredet wurde hingegen, zumindest auf fundierte Art und Weise, über
die Mängel des vermeintlich "ernsthaften und verantwortungsvollen
Anarchismus" geredet. Die Kritiken wurzelten im Dogma oder der In-
aktivität und nicht im Engagement oder dem Aktivismus auf der Straße.
Große Teile des besonnenen Anarchismus wollten uns glauben machen,
es wäre reif und nützlich, die Kritik an von bestimmten Parteien domi-
nierten Institutionen zurückzuschrauben. Sie reden von Querschnitts-
ansätzen, wenn sie in Wahrheit darüber sprechen, das Image der
Institutionen weißwaschen zu wollen, um dort selbst einen oder beide
Füße in die Tür zu bekommen. Sie haben dieses Nachgeben als Er-
wachsenwerden des Anarchismus verkauft und sich geweigert anzuer-
kennen, besiegt und am Ende zu sein, zumindest als transformatorische
Alternative. Andererseits bewirkt ihr harter, rauer, strenger, intoleranter
Anti-Ghetto-Diskurs nur eine Verhärtung der Positionen des Ghettos.
Wenn die Vorkämpfer*innen der bissigen Stadträt*innen dich beschul-
digen, "unnötige" Kampagnen zur Wahlenthaltung voranzutreiben, ver-
geht dir jegliche Lust, die gemütlichen affinen Räume zu verlassen. Der
Anti-Ghetto-Diskurs ist manchmal genauso moralistisch wie der Pro-
Ghetto-Diskurs, er vergisst, dass Aktivismus auch ein persönlicher Pro-
zess ist, und die Leute, die sich zu engagieren beginnen, verschiedene
Alternativen ausprobieren müssen, um ihre eigene Form zu finden. Wir
alle haben unser eigenes Stadium als Gläubige durchlebt. Wenn alles
gut geht, ist das nur ein Durchgangsstadium, aber wenn sie dich mit-
hilfe von Zensur und Vorwürfen zurichten, kannst du ein ganzes Leben
lang in ihm verbleiben. Das Ghetto ist eine unproduktive Fehlentwick-
lung, die auf Selbstmarginalisierung und eine Kultur des Scheiterns
ausgerichtet ist. Aber die Kritik daran muss von unten kommen und
nicht aus der komfortablen Position dessen heraus, der sich in den Bü-
ros andient oder versucht, gewisse Rathäuser vor Destabilisierung zu
schützen.

Zwischen Reformismus und Ghetto passen viele Welten und auch ein
Ansatz, der mit dieser Dichotomie brechen will: der Stadtteilanarchis-
mus.

Der Stadtteilanarchismus könnte ein Vorschlag sein, der die falsche
Trennung zwischen sozialen und aufständischen Anarchist*innen been-
den könnte (und auch die Trennung beider von den Autonomen, die
sehr oft keine Lust mehr auf die Last des anarchistischen Etiketts ha-
ben). So, wie der
Anarchismus
ohne Adjektive
seinerzeit den
Konflikt zwi-
schen Kommu-
nist*innen und
Kollektivist*in-
nen auflöste. Ich
werde das Kon-
zept absichtlich
in einfache Worte
packen und auf
Zitate völlig
verzichten.

Der Stadtteilan-
archismus ist
kein neuer Vor-
schlag; er ist nur
in Vergessenheit
geraten. Er
gründet auf die
Rückbesinnung
auf das, was den Anarchismus mal groß machte und ihn zu einer in den
Massen verbreiteten Waffe machte: im Konkreten zu wirken und sich
auf die Grundbedürfnisse zu konzentrieren.

Der Stadtteilanarchismus ist nicht rhetorisch, es ist unwichtig, welcher
theoretischen Strömung die Handelnden angehören. Sein Terrain ist
nicht die ideologische Diskussion. Der Stadtteilanarchismus erzeugt
Narrative und Ideen, aber auf Grundlage seiner Aktivität. Es handelt
sich nicht um ein von der abstrakten Theorie quantifizierbares Mittel.

Der Stadtteilanarchismus ist untrennbar mit der Praxis verbunden, und
seine Kraft liegt in seiner Wirkmächtigkeit, in seiner Möglichkeit, reso-
lut und nutzbringend zu sein. Er sucht greifbare Ergebnisse, die das Le-
ben der Menschen im Hier und Jetzt verändern.

Der Stadtteilanarchismus verliert nicht allzu viel Zeit in Organisati-
onsstreitigkeiten und definiert sich auch nicht durch die Strukturform,
die er wählt. Er ist kein identitärer und ausschließender Anarchismus,
sondern offen und für jeden erreichbar. Er kennzeichnet sich durch sei-
ne Aktivität, seine Tätigkeit, und konzentriert sich auf die Themen
Wohnung, Subsistenzlandwirtschaft, freie Alphabetisierung usw. Er legt
seinen Fokus auf das Grundlegende, denn ohne Lebensgrundlagen gibt
es auch keinen Platz für die Philosophie.

Der Stadtteilanarchismus wird im unmittelbaren Umfeld tätig, ohne
sich völlig in das Lokale zurückzuziehen, aber auch ohne die drän-
gendste Realität der Umgebung zu ignorieren. Sein Aktionsfeld ist der
gemeinschaftliche Raum des Stadtviertels, die nachbarschaftlichen
Kämpfe und der Aktivismus auf den Straßen, das Unmittelbare. Er igelt
sich nicht in
seiner kleinen
Bastion in der
Stadt ein, drif-
tet aber auch
nicht obsessiv
zu weit ent-
fernten Ma-
krothemen ab,
ohne fähig zu
sein, mit den
Menschen in
der Umgebung
Kontakt zu
pflegen und
die nahelie-
genden Pro-
bleme zu lösen.

Der Stadt-
teilanarchis-
mus ignoriert
keinen Kampf,
ist aber ein
Anarchismus hauptsächlich für arme Leute, von und für die Marginali-
sierten, Ausgeschlossenen und Prekären. Sein Hauptkampffeld erstreckt
sich auf die dringendsten Bedürfnisse: Brot, Dach und Kleidung. Weder
ordnet er diesem die anderen Kämpfe unter noch negiert er die Vielzahl
an Unterdrückungsformen. Aber indem er dieses Feld beackert, mit den
Nachbar*innen arbeitet, Netzwerke mit den von der Gesellschaft am
meisten verfolgten und übergangenen Personen knüpft, geht er von der
Tiefe her, vom Asphalt und nicht vom Labor oder der Bibliothek ausge-
hend, die Themen Migration, Rassismus, Geburtenrate, Unterdrückung
aufgrund des Geschlechts, ethische Ernährungssouveränität usw. an.
Kein Kampf findet jenseits konkreter Personen statt, und diese müssen
sie auch anfachen. Viele Kämpfe spielen sich in den Vierteln ab, wo die
verschiedenen Facetten der Herrschaft, Hierarchie und Ungleichheit ihr
grausamstes und kaum verfälschtes Gesicht zeigen.

Der Stadtteilanarchismus ist nicht für Anarchist*innen gedacht, welche
die Armen missionieren wollen. Er ist gedacht für arme Leute, die bereit
sind, Anarchie herzustellen. Die Trennlinie zwischen Aktivist*innen
und Zielpersonen dieses Aktivismus muss im Stadtteilanarchismus ver-
schwinden. Es sind das Viertel verteidigende Nachbar*innen, die Armut
bekämpfende Arme, es sind wir, die unsere eigenen Probleme angehen.

Der Stadtteilanarchismus hat es nicht nötig, die Armen zu idealisieren.
Er bedient sich nicht des Mythos von den "guten Armen". Er glaubt
nicht, dass wir mittellosen Menschen frei von niederen Leidenschaften,
von niederträchtigen Handlungen wären und nicht die Unterdrückung
reproduzieren. Aber er ist sich darüber im Klaren, dass trotz des tau-
sendjährigen Wirkens des Autoritätsprinzips nur diejenigen, die nichts
besitzen, zugleich auch ein Motiv dafür haben, die Dinge zu verändern.
Er ist sich auch darüber im Klaren, dass niemand unseren Kampf für
uns selbst steuern kann, und dass uns niemand irgendetwas geben
kann, das wir uns nicht selbst nehmen. Jedes System, das sich ohne un-
sere Mitwirkung organisiert, ist zum Scheitern verurteilt.

Der Stadtteilanarchismus ist ehrlich. Er denkt laut über die eigenen
Misserfolge nach, aber ohne die Notwendigkeit, dem Mythos der Nie-
derlage zu verfallen. Er ist auch nicht euphorisch, er redet nicht von
Siegen, denn dabei handelt es sich einfach nur um Waffenruhen. Er ist
bescheiden und realistisch, und er weiß, dass eine kleine Eroberung nur
eine Vorstufe für die nächste Anstrengung ist.

Der Stadtteilanarchismus paktiert nicht mit Parteien und will auch
nichts von den Institutionen wissen. Sie sind der Feind und dafür da,
kritisiert und bekämpft zu werden, um ihnen alles zu entreißen, was
wir können. Sie sind nicht dafür da, ihnen ein Lächeln, Fotos oder
Schlagzeilen zu schenken. Der Stadtteilanarchismus ist wild in seiner
Unabhängigkeit. Er baut sich von unten auf und zeigt keinerlei Interesse
an Wahlurnen oder an denjenigen, die sich von Wahlstimmen ernähren.

Der Stadtteilanarchismus ist der Weg, um die Straße zurückzugewin-
nen, für den kollektiven Raum zu kämpfen, Immobilien und Plätze zu-
rückzuerobern, sich das Gemeinschaftliche zu nehmen und es den
Nachbar*innen zurückzugeben. Seine Grundlagen bilden die kollektive
Verwaltung der Ressourcen und des Territoriums sowie der Kampf ge-
gen die Verwahrlosung des Viertels, gegen die erzwungene Verdrän-
gung, gegen die Verteuerung des Lebens. Und er tut dies, ohne dass sich
der Protagonismus jemals von Betroffenen entfernen würde. Dieser
Weg der Straße kann von allen Libertären eingeschlagen werden: von
den "Insus" 1 , ohne ihren Diskurs abzuschwächen oder auf ihre Grund-
annahmen zu verzichten; von den "Sozialen", indem sie wirklich die
Themen in der Praxis und mit realen Personen, jenseits von Büchern
und Artikeln über soziale Eingliederung, angehen. Es ist möglich, ein
Haus Schulter an Schulter mit einer obdachlosen Familie zu enteignen,
ohne die Radikalität aufzugeben oder Wohlfahrt zu betreiben. Es ist
möglich, eine Barrikade angesichts einer Zwangsräumung zu errichten,
Konflikte und Ausschreitungen zu erzeugen, um eine solche zu behin-
dern, ohne unverantwortliche Avantgarde zu sein oder der Massenakti-
on die kalte Schulter zu zeigen.

Der Stadtteilanarchismus stützt sich nicht aufWorte, sondern aufTaten.

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass es ein grob vereinfachter An-
satz ist. Viele werden sagen, das alles wird bereits praktiziert, und an-
dere werden das direkt umsetzen, ohne diesen oder einen anderen
Namen zu verwenden. Aber ich glaube, es war notwendig, dieses Kon-
zept ein wenig zu entwickeln, es mit einem Minimum an Gehalt, egal
ob gering, einfach oder bescheiden, auszustatten, und vielleicht damit
zu beginnen, die Aktivitäten und Projekte rund um diesen Ansatz zu
bündeln, der sicher kritisierbar und veränderbar ist, aber auf den wir
uns alle beziehen können, die keine Lust mehr auf ideologische Gra-
benkämpfe haben, weil wir die Notwendigkeit verspüren, auf der Stra-
ße zu kämpfen.
------------------------------------------------
[1]
Aufständische oder insurrektionalistische Anarchist*innen
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Der Stadtteil- und Straßenanarchismus nutzt heutzutage neue Formen
und verbreitet sich ohne Notwendigkeit einer Bezeichnung in be-
stimmten Regionen des Staates. Vielleicht zerschlägt die hohe Politik
ihn, vielleicht hindern die Dynamiken ideologischer Rückkopplung ihn
am Wachsen, vielleicht ist er nur ein isoliertes und vorübergehendes
Phänomen oder vielleicht ist er eine Fata Morgana, die nur ich aus
meiner extremen Peripherie der Kanarischen Inseln sehe. Wie dem auch
sei, angesichts solch unaufhaltsamer und wachsender Prozesse - wie
Gentrifizierung, Touristifizierung, Zwangsräumungen, Arbeitslosigkeit,
Prekarisierung der Arbeiterklasse, Verfolgung der migrantischen Bevöl-
kerung, soziale Ausgrenzung, hohe Frauen- und Kinderarmut, sich ver-
schlimmernde Bedürftigkeit, Einsperren ganzer Generationen in
Gefängnisse, drastische Veränderung des städtischen Umfelds und Zer-
störung unserer Sozialisierungsorte - ist es klar, dass wir keine andere
Wahl haben als die Wiederaneignung unserer Stadtteile, wenn wir der
Offensive widerstehen und in der Lage sein wollen, damit zu beginnen
zurückzuschlagen. Die kommenden sozialen Kämpfe werden in den
Stadtteilen ausgetragen werden. Und wenn wir nicht aus ihnen vertrie-
ben werden und sie widerstandslos den Spekulanten überlassen wollen,
müssen wir wieder Boden unter die Füße bekommen und uns darauf
vorbereiten, ihnen keinen Fußbreit zu überlassen. Wenn wir nicht einen
Stadtteilanarchismus entwickeln, werden andere uns ihren Stadtteilfa-
schismus aufzwingen und uns überrollen. Der Kampf um diesen kleinen
Raum ist auch ein Kampf ums Überleben, und Sterben sollte nicht auf
unserer Agenda stehen.

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Quelle
http://www.alasbarricadas.org/noticias/node/38843
(Spanisch)
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