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(de) FDA-IFA Gai Dào N°82 - Anarchistische Stimmen aus Belarus: Rezen­ sion von "Auf dem Weg nach Magadan" von Ihar Alinevich Von: thiel

Date Thu, 26 Oct 2017 10:31:25 +0300


Ich erinnere mich noch daran, dass ich Ende 2010 vor der Botschaft von Belarus (in Berlin) stand und für die Freilassung einiger anarchistischer Gefährt*innen, die kurz zuvor vom Geheimdienst des Landes festgenommen wurden, demonstriert habe. Davor war mir Belarus eigentlich kein Begriff gewesen. Dann wurde es aber für eine Weile ein Fokus für anarchistische Politik, weil in diesem kleinen Land nicht nur eine diktatorische Regierung an der Macht war (und immer noch ist), sondern auch weil über einen längeren Zeitraum immer wieder anarchistische, antiautoritäre und antifaschistische Gefährt*innen in Gefängnisse verschleppt und vom Geheimdienst verhört wurden (was natürlich auch in einem so genannten demokratischen Land jederzeit passieren kann). ---- Ich kannte keine*n dieser Gefährt*innen persönlich, aber das ist für anarchistische Solidarität natürlich kein Hindernis. Dennoch war es spannend, Jahre später, ein Dokument über diese Zeit von einem
dieser festgenommen Gefährt*innen zu lesen. Ihar (Alinevich) hatte sei-
ne Erlebnisse aufgeschrieben - vom Beginn seiner Festnahme bis hin zu
seiner Verurteilung und dem Transport in ein Straflager. Gefährt*innen
vom Anarchist Black Cross Dresden haben diesen Text zusammen mit
einigen anderen übersetzt und uns damit zugänglich gemacht. Sie wei-
sen bereits in ihrer Einleitung daraufhin, dass sie nicht mit allem ein-
verstanden sind, was Ihar geschrieben hat und dem würde ich mich
auch so anschließen.

Auffällig ist bereits am Anfang das Vorwort von Ihars Mutter, die sehr
bewegend über diese Zeit und ihren Sohn schreibt - und dass es wichtig
sei Widerstand in solchen Zeiten zu leisten. Leider kommt es dann aber
zu einer sehr verkürzten Ansicht dieses Widerstandes. Ihr geht es nur
um den Kampf gegen das Regime und nicht um einen allgemeinen
Kampf gegen Unterdrückung, Nationalismus und Kapitalismus. So
schreibt sie, dass es traurig sei, dass so viele junge Leute "ihrem Land"
den Rücken kehren müssten und ihr Sohn - und andere die Widerstand
gegen die Diktatur Lukaschenkos leisten - ehrliche und aufrichtige
"Patriot*innen" seien. Leider sind diese Worte und die damit verbunde-
nen Hoffnungen alles andere
als das, was ihr Sohn und
andere anarchistische Ge-
fährt*innen in Belarus (eben-
so wie in anderen Teilen der
Erde) vertreten. So kommt
bereits am Anfang des Bu-
ches ein kleiner Wehmuts-
tropfen auf. Wir können
seiner Mutter allerdings da-
für dankbar sein, dass sie
Ihar ermutigt hat, über seine
Zeit im Gefängnis zu schrei-
ben.

Der eigentliche Text von Ihar
beginnt mit der Beschreibung
seiner Zeit im Untergrund in
Russland und der Gewissheit,
dass er von einem weiteren
Gefährten verraten wurde. Mensch spürt hier, wie schlimm es sein
muss von Gefährt*innen verkauft zu werden und hofft einmal erneut,
dass das einem*einer nie selbst passieren wird. Danach folgen die Be-
schreibungen von den Verhören und die Zeit im Gefängnis. Ihar be-
schreibt diese Zeit relativ detailliert - Betroffene von Polizeigewalt
sollten bei einer solchen plastischen
Darstellung vorsichtig sein und
überlegen, ob sie dieses Buch den-
noch lesen wollen.

Ihar zeigt in seinen Zeilen deutlich
die Angst, die er in dieser Zeit fühlt
und die Fragen, welche vielleicht
vielen Gefangenen durch den Kopf
gehen könnten. Er spart auch nicht
mit Selbstkritik, wenn er in Verhö-
ren zu viel verrät und zeigt wie
leicht es passieren kann, mehr zu
sagen als mensch vielleicht will. Er
beschönigt diese Momente auch
nicht, um sich in einem besseren
Licht darzustellen und hilft dadurch
allen Leser*innen, besser zu verste-
hen was in solchen Momenten ge-
schehen kann. Durch das lesen
dieser Zeilen erinnert mensch sich
wieder einmal an den alten Spruch
"Anna und Arthur halten‘s Maul".
Das Geschriebene zeigt so zwar die
Gefahr von Aussagen, aber auch das
mensch nicht immer stark sein
kann.

Weiterhin schreibt er über die Ge-
richtsverhandlung und zeigt deutlich, wie voreingenommen und unge-
recht angebliche unabhängige Gericht sind und Ihar nie einen fairen
Prozess erwarten konnte. Am Ende wird er zu acht Jahren im Straflager
verurteilt. Dies verdeutlicht wie leicht die Gerichte den Interessen von
Regierungen und kapitalistischen Konzernen nachgehen.

Viel Zeit widmet er auch der Solidarität unter den Gefangenen, genauer
wie diese aufeinander aufpassten und sich unterstützten - auch über
ideologische Differenzen hinweg. Allerdings klingt mir der damit
manchmal aufkommende Bezug
auf Belarus "als Heimat" oft zu na-
tionalistisch. So eine Haltung bin
ich aus einem anarchistischen
Buch nicht gewöhnt. Dadurch ver-
lieren Ihars Worte zwar nicht an
Bedeutung, haben aber an man-
chen Stellen einen fahlen Nachge-
schmack.

Es ist viel Verzweiflung in Ihars
Worten zu lesen, zum Beispiel
wenn er von Brüchen in der anar-
chistischen/antiautoritären Bewe-
gung berichtet, von Verräter*innen,
die so tun als seien sie Gefährt*in-
nen oder vom Beginn der Repres-
sionen und Verhaftungswellen. So
sind auch Wut und Hoffnung im-
mer wieder zu spüren. Sei es die
Wut über die ungerechten Haftbe-
dingungen, die im Laufe der Zeit
immer schlimmer werden, aber
auch die Hoffnung, die immer
wieder durch Briefe an ihn ge-
weckt wurde. Solche Worte helfen
zu verstehen, wie wichtig Briefe an
Gefangene sind und wie diese helfen können, die Zeit besser zu über-
stehen - Also schreibt an Gefangene! Am besten heute noch...

Das Buch erzählt nicht die ganze Geschichte seiner Gefangenschaft,
sondern endet mit dem Transport von Ihar in ein Straflager. Alles in al-
lem ist es eine spannende und lesenswerte Erzählung, wenn auch nicht
immer geradlinig geschrieben und mit Ansichten die kritisierbar sind.
Dennoch zeigt sie auf, wie wichtig die Unterstützung von Gefangenen
ist und dass wir sie nicht vergessen sollten. Demnach ist "Auf dem Weg
nach Magadan" ein wichtiges Stück unbekannter und neuer anarchisti-
scher Geschichte.

Ihar wurde am 22. August 2015 freigelassen.

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Weitere Infos
Mehr Infos auf: https://abcdd.org/
Zu bestellen unter: https://black-mosquito.org/ihaz-
alinevich-auf-dem-weg-nach-magadan.html.html
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