A - I n f o s
a multi-lingual news service by, for, and about anarchists **

News in all languages
Last 40 posts (Homepage) Last two weeks' posts

The last 100 posts, according to language
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

The First Few Lines of The Last 10 posts in:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
First few lines of all posts of last 24 hours || of past 30 days | of 2002 | of 2003 | of 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2015 | of 2016 | of 2017

Syndication Of A-Infos - including RDF | How to Syndicate A-Infos
Subscribe to the a-infos newsgroups
{Info on A-Infos}

(de) FDA-IFA Gai Dào N°82 - Rezension des Buchs "Anarcho­Syndikalismus. Eine Einführung in Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung" Von: madalton

Date Mon, 23 Oct 2017 11:01:47 +0300


In der deutschsprachigen anarcho-syndikalistischen Publikationslandschaft gehört Helge Döhring aktuell zu den aktivsten Autor*innen: In den letzten Jahren kommt er auf eine sehr beachtliche Anzahl an Buchund Textveröffentlichungen: Die Bandbreite seiner bisherigen anarchosyndikalistischen Veröffentlichungen umfasst Lokal- und Regionalgeschichte, geschichtliche Darstellung einzelner Zeiträume anarcho-syndikalistischer Bewegungen und Organisationen, Einzelbiographien sowie die Darstellung von Streiktheorien und wichtigen anarcho-syndikalistischen Klassikern. Einen Schwerpunkt seiner Forschung legt Döhring dabei auf die Zeit zwischen 1918 und 1933. ---- In seiner neuesten Veröffentlichung "Anarcho-Syndikalismus. Eine Einführung in Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung" im Verlag Edition AV betrachtet er die anarcho-
syndikalistische Bewegung aus einer internationalen Perspektive. Die
Vorstellung des Begriffs "Anarcho-Syndikalismus" und seiner Ziele so-
wie der geschichtliche Überblick über die Entwicklung des internatio-
nalen Syndikalismus machten etwa ein Drittel des Buchinhalts aus. Die
folgenden zwei Buchdrittel befassen sich mit Konzepten, Theorien und
organisatorischer Praxis in den Bereichen Wirtschaft, Politik sowie
Kultur und außergewerkschaftlicher Aktivitäten. Dabei bezieht sich
Döhring in diesem zweiten Teil fast ausschließlich auf die Mitgliedsfö-
derationen der "Internationalen Arbeiter-Assoziation" (IAA) im Zeit-
raum von 1918 bis in die 1950er Jahre. Im Schlusskapitel gibt Döhring
eine knappe Analyse der heutigen Situation des Syndikalismus inner-
halb gesellschaftlich veränderter Rahmenbedingungen und skizziert
Möglichkeiten und Perspektiven für die gegenwärtige syndikalistische
Bewegung.

Die vom Autoren selbst gesteckten Ziele des Buchs sind "Kontinuitäten,
Brüche und Kompromisse herauszustellen, die ihre Bedeutung auch für
künftige Generationen freiheitlich-sozialistischer Gewerkschafter haben
werden" sowie "eine Anatomie und ein historisch-repräsentatives Be-
wegungsbild des Syndikalismus in groben Zügen offenzulegen und
nachvollziehbar zu machen" (S. 10 - alle Zitate beziehen sich auf das
besprochene Buch). Zusätzlich der Aspekt, "dass viele der klassischen
Problemstellungen im Syndikalismus bie heute einer Lösung harren" (S.
11). Dies ist Döhring mit seiner Einführung gelungen.

Dabei bleibt Döhring im Buch nicht nur auf einer darstellenden, histo-
risch erforschten Ebene, sondern liefert auch diskussionsanregende
Thesen: Im Kapitel "Begriffsklärung" begründet er, warum der Syndi-
kalismus unabhängig vom Anarchismus eine eigenständige sozialisti-
sche Spielart darstellt und lediglich anarchistische Einflüsse aufweist (S.
18). Damit grenzt Döhring den Begriff Syndikalismus vom Anarchis-
mus ab und betont dessen eigenständige Entwicklung und praktische
Ausformungen, obwohl er gleichzeitig betont, dass der Syndikalismus
und dessen Ziele stark vom kommunistischen Anarchismus (Kropot-
kins) sowie den Theorien Proudhons und Bakunins geprägt sind (S. 18).

Der geschichtliche Rückblick ist für eine Einführung sehr breit angelegt
ohne sich in (unwichtigen) Details zu verlieren. Angefangen beim
"Frühsozialismus" Robert Owens und den ersten Gewerkschaften in
Englands hin zum Aufbau der Ersten Internationalen. Im Zuge der
weiteren Entwicklung der prägendsten syndikalistischen Föderationen
bis nach dem 1. Weltkrieg wird auch das Konzept der Arbeiterbörsen
nach Fernand Pelloutier (CGT Frankreich) in Kürze vorgestellt - ein
Konzept, dass in den 1920ern den Syndikalist*innen nicht nur der Frei-
en Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) als Modell für eine nachrevo-
lutionäre Organisation der Gesellschaft diente. Mit einigen
Anpassungen an die heutige Zeit könnte das Konzept der Arbeiterbör-
sen auch in der Gegenwart wichtige Antworten auf die Fragen liefern,
wie nachkapitalistische, bedürfnisorientierte Gesellschaften organisiert
werden könnten. Nach dem Ersten Weltkrieg geht Döhring auf die In-
ternationale Arbeiter-Assoziation und ihre Landessektionen genauer
ein: Organisatorischer Aufbau, Ziele, Überblick der Tätigkeiten sowie
die geschichtliche Entwicklung bis in die 1950er. Hier werden erste Brü-
che und Spannungsfelder mit Relevanz bis in die Gegenwart skizziert
(zum Beispiel die Regierungsbeteiligung der CNT in Spanien 1936/1937;
Reformistische Ausrichtung unter anderem der SAC in Schweden nach
dem Zweiten Weltkrieg).

Im zweiten Teil des Buches (in welchem Konzepte und praktische Fra-
gen in den Berei-
chen Wirtschaft,
Politik sowie Kul-
tur beleuchtet
werden), werden
wichtige syndika-
listische Grundla-
gen vermittelt:
Durch die Wieder-
gabe von Analysen
zur Rationalisie-
rung der Wirt-
schaft oder zur
Erwerbslosigkeit
vermittelt Döhring
die Blickwinkel
sowie Reaktionen
der syndikalisti-
schen Bewegung
(beispielsweise) aus
den 1920er Jahren.
Die damaligen Etappenforderungen sind bis heute nicht erkämpft wor-
den und somit immer noch aktuell.

Im Kapitel "Syndikalistische Methoden der 'Direkten Aktion'" wird ex-
emplarisch eine große Stärke des Buches deutlich (die sich auch in den
weiteren Kapiteln des Buches durchzieht): Döhring gelingt es syndika-
listische Theorien und Konzepte durch viele praktische Beispiele ver-
gangener Kämpfe und Ereignisse von unterschiedlichen
Landessektionen der IAA zu veranschaulichen. Ergänzt werden von
Döhring außerdem Auszüge aus Originalquellen (Zeitungsartikel, Kom-
mentare und Zitate von Zeitzeug*innen etc.). Dadurch werden die
Theorien lebendig und die internationale Dimension des Syndikalismus
unterstrichen. Und die landes- und regionsspezifischen Unterschiede
machen eine weitere Stärke des Syndikalismus deutlich: Bei allen ge-
meinschaftlich geteilten Grundsätzen des Syndikalismus ist er fähig sei-
ne Praxis an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen.

Bis heute aktuelle (historische) Problemfelder werden in der Frage des
Umgangs mit Betriebsräten, zur Tarifpartnerschaft, zum Schlichtungs-
wesen und zur Organisation von Streik- und Solidaritätsregelungen be-
handelt. Zu jedem dieser Problemfelder führt Döhring eine detaillierte
Analyse der FAUD aus den 1920ern auf, aber auch andere (zum Teil da-
zu gegensätzliche Positionen) innerhalb der IAA-Landessektionen wer-
den dargestellt. Diese Analysen und Debatten können die Leser*innen
im Kern auf die heutige Zeit übertragen. Dadurch wird nicht nur die
aus der Geschichte sich entwickelte Beschaffenheit dieser Instrumente
in Deutschland (und darüber hinaus) klar, sondern auch fundierte
Grundlagen syndikalistischer Kritik vermittelt.

Ähnlich ergiebig und zum Teil kontrovers sind die weiteren Unterkapi-
tel, die sich aus syndikalistischem Blickwinkel beispielsweise mit dem
Staat auseinandersetzen (und einer syndikalistischen Regierungsbeteili-
gung der CNT in Spanien oder der Integration der SAC in Schweden),
mit Parlamentarismus, Zentralgewerkschaften oder dem Marxismus.

Auf das Unterka-
pitel zum Verhält-
nis der
syndikalistischen
Föderationen zu
den anarchisti-
schen Bewegun-
gen und
Strömungen soll
hier etwas genau-
er eingegangen
werden, da es ein
paar (historische)
Antworten darauf
gibt, warum die
Zusammenarbeit
zwischen den bei-
den Bewegungen
auch in der heuti-
gen Zeit nicht so
stark ausgeprägt
ist, wie man anhand der gemeinsamen Bezugspunkte und Ziele meinen
könnte: Döhring hebt den kommunistischen Anarchismus Kropotkins
hervor, welcher das verbindende Element zwischen dem Syndikalismus
und vielen Strömungen des Anarchismus darstellt. Er beschreibt das
Verhältnis zwischen den beiden Bewegungen jedoch als ambivalent und
schwierig (S. 147). Anhand von kurzen Betrachtungen aus acht Landes-
sektionen und der Position der IAA selbst versucht Döhring dieses Ver-
hältnis in ihrer Komplexität darzustellen. Dabei lassen sich folgende
Kooperations- und Spannungslinien ausmachen: Eine Zusammenarbeit
funktioniere dann gut, wenn die Anarchist*innen stark syndikalistisch
geprägt sind (Argentinien) oder wenn es klare Aufgabenverteilungen
und Absprachen gibt - beispielsweise wenn die Ideologie- und Propa-
gandaarbeit (hauptsächlich) von Anarchist*innen übernommen wird
und der Aufbau von Organisationsstrukturen durch Syndikalist*innen
(Bulgarien). Eine konstruktive Zusammenarbeit verhindert hat (aus
syndikalistischer Sicht), wenn syndikalistische Inhalte und Praxisfor-
men durch anarchistische Inhalte in den Hintergrund gedrängt werden
(Argentinien, Portugal);

wenn es entgegengesetzte
Arbeitsweisen und Stra-
tegien zwischen den Be-
wegungen gibt
(Frankreich, zum Teil in
Spanien); oder bei Versu-
chen von Einzelpersonen
oder Strömungen (z.B: des
Individualanarchismus)
durch Störungen, Streit-
diskussionen oder ande-
ren destruktiven
Verhaltensweisen die Or-
ganisationsstrukturen und
-abläufe innerhalb der
syndikalistischen Födera-
tionen zu behindern
(Deutschland, Japan,
Bulgarien, Niederlande).
An dieser Stelle wird die
Begrenztheit der Einführung deutlich und ich hätte mir eine tieferge-
hende (und in einem Einführungsband nicht leistbare) Auseinanderset-
zung gewünscht. Denn um dieser Thematik in ihrer Komplexität
gerecht zu werden, hätte der Autor deutlich mehr als die 3,5 Seiten ver-
wenden müssen. Beispielsweise hätte noch detaillierter auf die Unter-
schiede in der strategischen Ausrichtung eingegangen werden können.

Im Kapitel zur Kultur- und außergewerkschaftlicher Arbeit wird dann
nochmals die Breite und Vielfalt an Aktivitäten und Betätigungsfelder
der damaligen syndikalistischen Bewegung ersichtlich. Dies kann auch
insgesamt über dieses Einführungsbuch gesagt werden: Die historische
Bewegung zeigt, wie ausdifferenziert und breit angelegt der Syndikalis-
mus in der Praxis und der Theoriebildung sein kann. Dennoch habe ich
mir beim Lesen des Buchs immer wieder die Frage nach der heutigen
Lage des Syndikalismus gestellt (und nur wenige Beschreibungen aktu-
eller Gegebenheiten gefunden, beispielsweise zur Tarifpartnerschaft auf
Seite112ff). Am Ende des Buches gibt Döhring jedoch auch darauf
(wenn auch sehr knappe) Antworten: Er geht auf die gegenwärtigen
Hindernisse der internationalen syndikalistischen Bewegung ein (indem
er äußere Hindernisse wie die Ausprägungen der Herrschaftsverhält-
nisse aus einer westlichen Perspektive, aber auch bewegungsinterne
Barrieren wie die Spaltung an praktischen Streitfragen nennt); er liefert
Erklärungen, welche Voraussetzungen (historisch) für eine wirksame
Entfaltung des Syndikalismus günstig sind; und er geht auf die aktuelle
Beschaffenheit der syndikalistischen Bewegung in Deutschland ein. So-
mit schafft es Döhring den historischen Bogen bis in die Gegenwart zu
spannen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es dem Autor gelingt die vielen Fa-
cetten und Tätigkeitsfelder des Anarcho-Syndikalismus prägnant und
anschaulich darzustellen. In seinem Themenumfang, und Facetten-
reichtum stellt diese Veröffentlichung die bisher fundierteste Darstel-
lung zum internationalen
Anarcho-Syndikalimus in
deutscher Sprache dar.
Die Vielzahl an Quellen
und Literaturverweise
zeigen die sorgfältig re-
cherchierte Arbeit auf
und sorgen dafür, dass
ein tiefergehendes Befas-
sen zu Teilaspekten des
Buches möglich ist. In
der Einleitung werden
zudem Anregungen zur
weitergehenden Lektüre
aufgeführt sowie Verwei-
se zu Literatur, welche
die in diesem Buch (qua-
si) nicht erwähnten - und
sicher auch spannenden,
eigenständigen - syndi-
kalistischen Bewegungen
in Afrika, Australien sowie in Russland bzw. der Sowjetunion behan-
deln. Ein Index zu Personen, Orte, sowie Organisationen und Zeit-
schriften runden die Einführung ab. Aufgrund der Fülle an Details
sowie die Diskussion vieler heute noch relevanter Spannungsfelder
syndikalistischer Praxis ist dieses Buch nicht nur für neu ins Thema
Einsteigende zu empfehlen, sondern birgt auch für schon Syndikalis-
musbelesene spannende und informative Aspekte.

------------------------------
Infos zum Buch
!
Helge Döhring: Anarcho-Syndikalismus. Eine Einführung in
Theorie und Geschichte einer internationalen
sozialistischen Arbeiterbewegung. 228 Seiten, 16€
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de
A-Infos Information Center