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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - Die (Wieder­) Entdeckung des Anarchismus Von: Benjamin

Date Fri, 10 Nov 2017 08:38:09 +0200


Mit diesem Artikel möchte ich auf die, meiner Ansicht nach lobenswerte (Wieder-)Entdeckung des Anarchismus (im Mainstream und an den Unis) aufmerksam machen, die derzeit zu beobachten ist. Insbesondere will ich hierzu zwei neuere Bücher vorstellen. Das eine davon - "Anarchismus zur Einführung" von Daniel Loick - wurde in der Gai Dào zwar schon zweimal besprochen (in der #79 von Jens Störfried und in der #82 von Hyman Roth), ich hoffe aber trotzdem noch etwas zum Diskurs beitragen zu können. ---- Neben dem altbekannten liberalen Vorurteil, beim Anarchismus handele es sich um eine Art Terrorideologie oder Chaostheorie, sind anarchistische Perspektiven immer auch durch Herrschaftsmechanismen und elitäre Arroganz aus bestimmten Diskursen ausgeschlossen worden. So wurde dem Anarchismus oft von verschieden Seiten vorgeworfen, nicht "wissenschaftlich" genug zu sein, dabei ist die Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen des Anarchismus schon immer auch auf wissenschaftliche Weise erfolgt.

Insbesondere dem englischen Vordenker des Anarchismus
und Sozialphilosophen William Godwin, dem
anarchistischen Ökonom und Soziologen Proudhon, dem
russischen Soziobiologen und Ethikforscher Kropotkin
oder dem französischen Geographen Reclus
vorzuwerfen, sie seien in ihren Werken nicht
wissenschaftlicher vorgegangen als andere, halte ich
für eine illegitime Anmaßung. Das lange Ausbleiben
anarchistischer Werke in universitären Diskursen
hatte exklusivere Gründe.

Erfreulicherweise lässt sich jedoch zurzeit in
vielen Zeitungen, Verlagen, Fernsehkanälen und
sogar an Universitäten eine (Wieder-
)Entdeckung des Anarchismus bemerken, die
zumindest eine teilweise Anerkennung
vermuten lässt. Obwohl sich die
anarchistische Bewegung sicherlich weiterhin v.a.
auf sich selbst verlassen muss, kann das entgegenkommende Interesse
durchaus als progressiv für alle Beteiligten betrachtet werden.
Letztendlich geht es ja nicht unbedingt um das Label "anarchistisch",
sondern um die Werte und Handlungen, für die diese Bezeichnung
steht. Eine sowohl als Stärke als auch Schwäche anarchistischer
Theoriebildung interpretierbare Tatsache ist die immer wieder
aufkommende Unklarheit über die essenziellen Inhalte der
anarchistischen Philosophie. So hat es im Laufe der Zeit von
Anarchist*innen selbst und Außenstehenden etliche Versuche gegeben,
eine aufklärende Einführung zu schreiben. So genießen bspw. "Der
Anarchismus" von Kropotkin und das "ABC des Anarchismus" von
Alexander Berkman mittlerweile Kultstatus. Im französischsprachigen
Raum war es v.a. die Schrift Guérins "Ni dieu, ni maître", die vielen den
Anarchismus näherbrachte, während es im deutschsprachigen Raum
v.a. Stowassers "Anarchie!" war.

Die derzeitige (Wieder-)Entdeckung der anarchistischen Theorien
macht sich besonders durch die über das bloße Klischee des
wahnsinnigen Bombenlegers hinweggehende journalistische
Beschäftigung mit dem Thema
bemerkbar. Die sehr gut
recherchierte Dokumentations-
reihe des Fernsehsenders ARTE
mit dem Titel "Kein Gott, kein
Herr!" (2013) steht exemplarisch für
dieses Interesse. Traurigerweise
wurde die ursprünglich als Dreiteiler
konzipierte Dokureihe, nach der
zweiten Sendung nicht mehr finanziert,
was daran lag, dass die Beleuchtung
derzeitiger anarchistischer Bewegungen
dem öffentlichen Fernsehen dann doch zu
gewagt war. Zu schade!

Aber auch an Universitäten weltweit kann
derzeit ein wiederaufkommendes Interesse
am Anarchismus bemerkt werden, was sich
z.B. dadurch zeigt, dass es möglich ist, anarchistische Literatur in
Hausarbeiten zu verarbeiten. Zudem finden mittlerweile sogar ganze
Seminare zum Thema statt, ob in Philosophie, Politikwissenschaft,
Geschichte oder auch Kulturanthropologie. Zwei in den letzten Jahren
wirklich hervorragende Schriften zum Thema möchte ich nun
vorstellen. Im Jahr 2010 erschien das Buch Cindy Milsteins, das vom
U.S.-amerikanischen, von Chomsky mitgegründeten "Institute for
Anarchist Studies" herausgegeben wurde. Dieser ist es gelungen, den
"Anarchismus und seine Ideale" (dt.Titel) prägnant zu vermitteln.
Besonders wichtig erscheint mir, dass Milstein in der anarchistischen
Philosophie die ethischen Werte als essenziell betrachtet und zum
Schwerpunkt ihrer Schrift macht. V.a. hat mich die Idee des
Anarchismus als "ethischen Kompass" angesprochen. Auch die starke
Überzeugung von der Notwendigkeit einer sozialen Freiheit und die
Möglichkeit der Verwirklichung dieser in verschiedenen Sphären wird
in ihrem Werk sehr deutlich, was bspw. der knappe Satz "Niemand ist
frei, solange nicht alle frei sind." (1) zeigt, der von Bakunin entlehnt ist.

Den Sphären entsprechend heißt es: "Zu Erfahrungen des Anarchismus
kann es auf allen gesellschaftlichen Ebenen kommen." (2) Über die Ethik
des Anarchismus schreibt Milstein: "Die ethischen Impulse des
Anarchismus sind nach wie vor ein zentraler Bestandteil der Bewegung.
Sie sind auch der anziehendste Aspekt anarchistischer Praxis. Die
ethischen Werte des Anarchismus fordern
den Menschen heraus, sich dem Horizont
der Freiheit durch konkrete
Verbesserungen im Hier und Jetzt zu
nähern." (3) Auch beschreibt sie, warum
ausgerechnet der ethische Aspekt des
Anarchismus eine so große Faszination
ausübt: "Der Anarchismus bringt eine
egalitäre Ethik in die Welt und macht sie
transparent, öffentlich und allgemein. [...] Es ist
dieser Ethos, der viele Menschen am
Anarchismus anspricht" (4). Besonders sticht ihre
klare Vorstellung dieser Ethik heraus, von der sie
schreibt, diese orientiere sich an antiken Idealen
wie "dem Guten, dem Wahren und dem Schönen"
(5), werde niemals dogmatisch und ziele darauf ab,
"Menschen zu ermutigen, auf der Basis
emanzipatorischer Werte selbst zu denken und zu
handeln." (6) Ihre Gedanken zur anarchistischen Ethik fasst sie in der
Konzeption zusammen: "Im Zentrum der Bemühungen[...]steht ein
ethischer Kompass" (7) und ist überzeugt davon, dass "in keiner anderen
Philosophie[...]die ethische Stimme so zentral wie im Anarchismus"
(8) ist.

Obwohl ich mit Milstein durchaus einverstanden bin, wenn sie schreibt,
dass die anarchistische Ethik "auf der Basis" des "Handelns" und der
"politischen Praxis immer wieder neu" (9) ausgelegt wird und diese
"ständig für neue Vorstellungen von richtigem und falschem Handeln
offen" (10) sein muss, bin ich davon überzeugt, dass trotz der
kategorischen Offenheit das Ideal der Herrschaftslosigkeit den
Schlüsselwert anarchistischer Ethik ausmacht. Nun aber zu einer Schrift
des Philosophen Daniel Loicks, der mit seinem 2017 erschienenen
"Anarchismus zur Einführung" eine, in seiner Breite und Qualität,
wirklich erstaunliche Arbeit vorgelegt hat, die eher einer solidarisch-
kritischen Bestandsaufnahme entspricht als einer bloßen Einführung.

Das Buch zeichnet sich durch seine Anmerkungen zu hochaktuellen
Herausforderun gen der anarchistischen Bewegung aus und stellt,
ähnlich wie auch Milsteins Schrift, überzeugend dar,
dass der klassische Anarchismus längst durch
bestimmte solidarische Kritiken des Feminismus,
der Queer Theory, des Poststrukturalismus und der
Postkolonialen Kritik erweitert wurde, indem die
genannten Gruppen die anarchistischen Ideale
konstruktiv für sich genutzt haben und für deren
konsequente Umsetzung gekämpft haben.
Interessanterweise findet Loick schon in der
Nicht-Anerkennung der Autorität von
Alexander dem "Großen" durch Diogenes
eine erste anarchistische Praxis. (11)
Außerdem beschreibt er, dass die besondere
Qualität dieser und ähnlicher
anarchistischer "rebellischer Akte" darin
zu finden ist, dass sie sich "von Tugenden
ableiten" lassen, "die in dezidierte
Distanz zu allen etablierten Satzungen und
Institutionen treten" (12). Diesem Gedanken entspricht auch die
Konzeption des zivilen Ungehorsams Thoreaus, da auch in dieser
die*der Einzelne*r sich im Falle einer humanistisch radikaleren Moral
über ein illegitimes Gesetz hinwegsetzen sollte. Diese Hinwegsetzung
dürfte selbstverständlich nicht zu einer erneuten Repression führen. (13)

Um derartige Situationen und Handlungen auf ihre Legitimität hin zu
überprüfen, würde sich ein herrschaftsloses Prinzip besonders gut
eignen. Mit dessen Hilfe könnten auch als "anarchistisch" bezeichnete
Aktionen auf ihre Kohärenz hin überprüft werden. Spannend ist, dass
auch Loick erkennt, dass es genau "dieser ethische Aspekt des
Anarchismus (im Unterschied zum Anarchismus als politische
Philosophie im Sinne einer Staatsformlehre)[ist], der heute häufig
übersehen wird" (14). Loick sieht interessanterweise in den
anarchistischen Idealen einen antiken Ursprung: "In der Tradition der
antiken Lebenskünstler_innen stehend, geht es[...]um ein 'gutes Leben'.
Ethik und Politik sind dabei[...]miteinander verflochten: das Leben ist
nur dann gut, wenn und weil es auch gerecht und solidarisch ist." (15)

Spannend liest sich auch seine Herangehensweise an die anarchistische
Transformationstheorie, die im Gegensatz zu manch anderen
revolutionären Bewegungen immer auch die Idee einer "sozialen
Revolution" anstatt nur einer "politischen Revolution" vertrat. (16) Im
Sinne einer basisdemokratischen Graswurzelpolitik können in der
anarchistischen Konzeption Gesellschaftsverhältnisse auch oder gerade
von unten verbessert werden. Und auch Loick spricht davon, dass "sich
die Umgestaltung der gesellschaftlichen Beziehungen auf dem Terrain
der jeweiligen sozialen Sphären selbst vollziehen" (17) kann. Sehr
überzeugend beschreibt er zudem, wie sich eine solche Vorstellung
sozialer Revolution und präfigurativer Politik (18) mit Konzepten der
Poststrukturalist*innen, der Feminist*innen und postkolonialen
Kritiker*innen vereinbaren lässt, die Macht und Herrschaft immer auch
in ihren jeweiligen Strukturen verstanden haben und durch die Idee der
intersektionalen Unterdrückungsformen immer schon eine
multidimensionale Form des Widerstandes befürwortet haben, welcher
innerhalb jeder beliebigen sozialen Situation möglich bleiben muss.
Treffender und radikaler kann anarchistische Ethik wohl kaum
anerkannt und umgesetzt werden.

Dank der aktuellen Schriften Milsteins und Loicks und vor allem der
immer schon dagewesenen Anarchafeminist*innen, queeren
Anarchist*innen und Anarchist People of Color kann heute niemensch
mehr leugnen, dass Anarchismus immer auch feministisch, queer und
antirassistisch sein muss.

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(1) Milstein, Cindy: Der Anarchismus und seine Ideale. Münster: Unrast 2013, S.12, Z.12
(2) Ebd., S.13, Z.19-20
(3) Ebd., S.27, Z.24-29
(4) Ebd., S.57, Z.18-24
(5) Ebd., S.58, Z.15-16
(6) Ebd., S.58, Z.8-10
(7) Ebd., S.59, Z.3-6
(8) Ebd., S.59, Z.13-14
(9) Vgl. Ebd., S.8, Fußnote 5, Z.6-7
(10) Vgl. Ebd., S.8, Fußnote 5, Z.11-12
(11) Vgl. Loick, Daniel: Anarchismus zur Einführung. Hamburg: Junius 2017, S.17, Z.15-22
(12) Ebd., S.17, Z.27-28
(13) Vgl., Ebd. S.39 ab Z.5
(14) Ebd., S.17, Z.28-31
(15) Ebd., S.37, Z.30 - S.38, Z.3
(16) Vgl., Ebd. S.200, Z.13-19
(17) Ebd., S.200, Z.22-24
(18) Ebd., S.208, Z.13-17
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