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(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Was ist anarchistische Stadtpolitik? -- Grundbausteine, Aufgaben und Probleme Von: Jan Rolletschek

Date Thu, 22 Sep 2016 09:20:06 +0300


Anmerkung der Redaktion: Dieser Text von Jan Rolletschek ist ein Bericht über eine Veranstaltung der Anarchistischen Gruppe Neukölln zum Thema "Anarchistische Stadtpolitik". Er ist in vier Teile gegliedert. Teil 1 wurde in der Gai Dào Nr. 66 im Juni 2016, Teil 2 in Nr. 67 und Teil 3 in Nr. 68 veröffentlicht. Hier könnt ihr Teil 4 lesen. ---- Ohne Anfang und Prinzip ---- Anarchistische Stadtpolitik ist ohne Anfang und deshalb ohne Prinzip. Sie begibt sich in einen laufenden Prozess und orientiert sich in einer konkreten Situation, um ihre Initiativen darin zu entwerfen. Es gibt keine Taktik, die an und für sich radikal wäre oder anarchistisch, auch wenn es Näherungen gibt oder nützliche Maximen. Die Anarchie ist in dieser Hinsicht auch eine fröhliche Prinzipienlosigkeit, deren Prinzipien so tief begraben, so grundlegend und so wenige sind, dass jede*r selber aus ihnen schließen muss, wie gerade sie oder er in gerade dieser oder jener Situation zu handeln hat oder wie die Elemente des eigenen
Lebens am besten anzuordnen, in welches Verhältnis zueinander sie zu
bringen sind. Anarchistische Stadtpolitik schreibt nichts vor. Sie ist ein
Anfangen ohne Anfang. Ihr Denken der Politik und ihre Politik müssen
so komplex sein wie die Situation selbst und deshalb zugleich äußerst
konkret.

Es gibt anarchistische Stadtpolitik tatsächlich nur in dieser komplexen
Konkretion. Sie braucht immer den Fall und das konkrete Anliegen, um
sich zu organisieren, die Kräfte in der Erreichung eines Ziels zu
konzentrieren und die Konkretion der Situation zu erreichen. Staat-und-
Kapital lassen sich nicht abstrakt und allgemein beseitigen oder
angreifen, sondern immer nur in den konkreten Manifestationen, in
denen sie ganz allein existieren, durch die Proliferation anderer
Beziehungen in einer jeweiligen Situation, in der der Aufbau der
universellen Kommune und der Angriff auf die alte Welt nur sehr
relativ unterschiedene Werte ein und desselben Prozesses sind.

Anarchistische Stadtpolitik entwirft ihren Raum durch eine komplexe
Konstellation ineinandergreifender und sich gegenseitig stützender
Taktiken, von Mitteln und Unmittelbarkeiten, durch die sie in der
Situation ein dieser Situation möglichst gemäßes Vorgehen entwickelt.
Sie kann sich also nicht an starren und dieser Situation äußerlichen
Prinzipien ausrichten, was ein komplexes Denken der Politik geradezu
verhindern würde. In der Regel führt ein derartiger Dogmatismus, der
das grundlegend komplexe Denken durch einseitige Lieblingsideen und
die starre Gewissheit von "Prinzipien" ersetzt, in eine sterile Isolation.
Mitunter suhlt sich dieses Vorgehen, das mit Radikalität nicht zu
verwechseln ist, dann geradezu in der eigenen Marginalität, die
konsequenterweise früher oder später selbst zum Abzeichen der
Prinzipienfestigkeit einer "reinen Lehre" wird. In der anarchistischen
Stadtpolitik gibt es keine solche Reinheit. Sie ist nicht einfach. Ihre
Prinzipien müssen immer die Situation passieren, um sie zu verändern.
Ihre besondere Konsequenz ist selten geradlinig, ihre Geradlinigkeit
schlägt Haken. Lässigeren Gemütern bleibt sie womöglich verborgen.

Ein radikales Denken der Politik und eine radikale Politik sind
grundlegend komplex. Ihre Analyse konstruiert keine totalisierte und
geschlossene Situation, weshalb diese Politik auch weiß, dass sie
beginnen muss, ohne dass ihre Analyse der Lage bereits abgeschlossen
wäre. In gewisser Weise ist anarchistische Stadtpolitik deshalb
konstitutiv überstürzt und ein wenig riskant. Sie weiß, dass es den
letzten Stein der Analyse nicht gibt und sie deshalb auch über ihre
Fehler voranschreitet und aufbrechen muss vor dem Zuspätkommen
jeder abgeschlossenen Analyse.

Kein isolierter Raum im Raum

Ebenso wie es anarchistischer Stadtpolitik um die Vergesellschaftung
von Grund und Boden geht, entwickelt sie unmittelbar auch ein
agrarisches Interesse, das, der Stadtpolitik selbst innerlich, diese Politik
doch zugleich über die Stadt hinausführt. In der urbanen Abhängigkeit
von der kapitalistischen Agrarindustrie samt ihrer ökologischen
Verheerungen ist das Elend der Städte und die massenhafte
Vereinzelung in der Arbeit fürs Kapital nur die andere Seite des
ländlichen Elends und der Dominanz der industriellen Landwirtschaft.
Die Isolation von der ländlichen Umgebung Versailles und damit nicht
nur von den durch die Reaktion verhetzten Bevölkerungen, sondern
perspektivisch auch von den Bereichen der agrarischen Produktion war
eines der ernsthafteren Probleme der Pariser Kommune; 1919 tauchte es
in München wieder auf, so wie es heute in Syrien erneut in Erscheinung
tritt: "Die Abhängigkeit wird zu einer Waffe gegen Dich, also musst Du
unabhängig werden", sagt ein Medienaktivist aus Yarmouk, den die
Hungertoten der Belagerung zum Gärtner machten. Es wäre jedoch
illusorisch zu glauben, dass die landwirtschaftliche Produktion, nötig
zur Versorgung großer Städte, auf diese Städte selbst beschränkt
werden könnte. Die ernstgemeinte Revolution als sofort beginnender
Prozess der Modulation der gesellschaftlichen Bewegungsformen und
des Aufbaus einer demokratischen Föderation beginnt zugleich in der
Stadt und auf dem Land, weil beide nur durch ihre Beziehung auf das
jeweils andere sind, was sie sind. Es gibt keinen abgeschlossenen Raum
im Raum.

In jeder Stadt muss die Frage, was eine anarchistische Stadtpolitik tun
kann, konkret anders beantwortet werden. Ist es möglich, die
Privatisierung einer Brache zu verhindern, sich mit einer
landwirtschaftlichen Kooperative zu verbinden, einen neuen sozialen
Wohnungsbau zu erzwingen, ein Hausprojekt zu vergesellschaften, die
örtlichen Gruppen des Mietshäusersyndikats politisch zu vereinigen, um
ihre Politikfähigkeit zu steigern, ein Bündnis gegen Zwangsräumungen
zu bilden, eine Nachbarschaft zum Erhalt eines Gemüseladens oder
eines sozialen Zentrums zu organisieren, eine selbstverwaltete
Werkstatt ins Leben zu rufen, zusammen mit Geflüchteten eine Zeitung
herzustellen, dem Anarchismus ein Denkmal zu setzen, eine politische
Konsumgenossenschaft zu gründen und ihre Überschüsse einem
Syndikat landwirtschaftlicher Kooperativen zu Verfügung zu stellen?
Immer geht es um das aktuell Mögliche nicht nur um seiner selbst
willen, sondern auch in der Verbesserung der Ausgangsbedingungen für
den nächsten Schritt darüber hinaus, und in allem geht es um die
Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse durch die Entwicklung
neuer Beziehungen und den Aufbau einer Föderation frei assoziierter
Gruppen, die selber über die gemeinsamen Dinge des Lebens
beratschlagen und entscheiden.

Die Frage lautet immer: Wie lassen sich die eigenen Kapazitäten
möglichst weitgehend ihrer Bindung in ausbeuterische und
unterdrückerische Verhältnisse entziehen, um sie auf den Aufbau einer
Welt der kollektiven Freiheit zu verwenden? Alle Kampfmittel werden
zu diesem Zweck und zu ihrem gegenseitigen Nutzen konstelliert und
zueinander ins Verhältnis gesetzt: die Nachbarschaftsversammlungen,
die gewerkschaftliche Organisierung, der Konsumstreik oder Boykott,
die kollektiven Werkstätten, die agrarischen Kooperativen, die radikalen
Bibliotheken, die Infiltration der Politik, die Demonstrationen und
direkten Aktionen, die Medien, Häuser, Kongresse usw. Es gibt nicht
den einen privilegierten Weg, nicht die eine Taktik, die allein richtig
wäre. Eine solche Perspektive hätte Recht, jede einzelne Taktik als
ungenügend zurückzuweisen - und es ginge nicht weiter! Diese
Perspektive selbst muss zurückgewiesen werden. Anarchistische
Stadtpolitik entwirft ein komplexes Ensemble von Taktiken und eine
Kommune von Kommunen in der Durcheinanderschichtung
unterschiedlicher Zugehörigkeiten. Diese föderalistische Konstellation
gegenseitiger Unterstützung und Stabilisierung, die sozusagen den
Kombinationsgewinn einer kollektiv größeren Wirkmacht und
Politikfähigkeit einfährt, ist dabei nicht die Verbindung von Entitäten,
die vor ihrer Verbindung ganz genau so schon bestanden hätten,
sondern eine der aktuellen Situation gegenüber heterogene
Individualisierung der so Verbundenen durch die Verbindung selbst.

Enteignung der Enteigner

Die Enteignung der Enteigner, also die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel ebenso wie des Wohnraums, ist ein zentrales
Anliegen anarchistischer Stadtpolitik. "Von der richtigen oder
verfehlten Durchführung dieser Expropriation", schreibt Kropotkin,
"wird der endgültige Erfolg oder der zeitweilige Mißerfolg der
Revolution abhängen." 1 Das grundlegendste Produktionsmittel ist der
Boden. Zu ihm führen alle Produktionsketten zurück. Unbeschadet der
hohen präskiptiven Bedeutung von Investitionsentscheidungen und der
Beharrungskraft von Kapitalinteressen in noch nicht abgetragenen
Infrastrukturen (Kohle, Petrochemie etc.), von Gesetzgebung und
Finanzialisierung usw., unbeschadet auch der Bedeutung von neuen
und kollektiven Formen der urbanen Produktion geht doch alle
Produktion auf zwei Quellen zurück: Naturstoff und lebendige Arbeit.
Es gibt nichts, was nicht dem Boden, was nicht der Natur entnommen
wäre und seien es die "seltenen Erden", die im Elektro-Schrott von
morgen verarbeitet sind und die zu sichern, ganze Regionen in einem
Zustand des permanenten Bürgerkrieges gehalten werden.

Es genügt letztlich also nicht, das ganze Netz von Produktionsketten zu
kontrollieren oder selber zu verwalten, wenn nicht auch die Quelle aller
Ressourcen und Rohstoffe, wenn nicht auch Grund und Boden
kontrolliert werden. Wer als Grundeigentümer darüber verfügt, kann
auch bei einer sonst selbstverwalteten urbanen Produktion und
Weiterverarbeitung der Rohstoffe das Mehrprodukt in Form von
Bodenrenten abpressen und die Produktion aus der Distanz dominieren.
Dazu wäre - zumal wenn die assoziierten Produzent*innen wirklich
nicht mehr konkurrierten - lediglich noch ein entsprechend größerer
Polizeiapparat nötig. 2

Es wundert uns daher nicht, wenn Fredric Jameson kürzlich auf die
unmittelbare Verbindung von Spekulationsgeschäften und
kapitalistischen Landnahmen anspielte und schrieb: "Postmodern
politics is essentially a matter of land grabs, on a local as well as global
scale[...]today everything is about land." 3 Das Phänomen massiver
Landnahmen und die Kapitalflucht in diesen Bereich, sei es in Afrika,
Süd-Ost-Asien oder Brandenburg, im Verlauf der sogenannten
Finanzkrise bezeugt es. Das Kapital weiß es instinktiv, ob es nun
Ackerflächen in Ostdeutschland aufkauft oder in "Betongold" in den
Metropolen investiert.

Es hat einen präzisen Sinn, dass das Kapitalverhältnis als solches, d.h.
das Auseinandertreten von lebendiger Tätigkeit und Produktionsmitteln
in der Form von abhängiger Arbeit und Kapital, in der "sog.
ursprünglichen Akkumulation" gegründet ist, die Marx im ersten Band
des "Kapital" (MEW 23) als historischen Prozess der Einschließung und
gewaltvollen Aneignung der Almenden, der Gemeindewiesen,
Kirchengüter, Wälder usw. beschrieben hat. Es ist deshalb ebenso
richtig, dass das Kapitalverhältnis nur aufgehoben werden kann, wenn
Kapital und Arbeit unter grundlegend anderen Bedingungen
reintegriert und als solche aufgehoben werden und dass es deshalb ein
politisches Primat der kollektiven Wiederaneignung von Grund und
Boden gibt, auf das alle anarchistische Politik in letzter Instanz immer
schon gerichtet ist. Die Losung "Tierra y Libertat!" aus der
Mexikanischen Revolution spricht den unveräußerlichen Kern dieser
Politik klar und fasslich aus. Nicht weniger präzise und völlig
zutreffend nennt Gustav Landauer den Kampf um "Grund und Boden"
die "eigentliche Kernfrage des Sozialismus".4 Die Verfügungsgewalt über
den Boden ist in letzter Instanz determinierend.

Die Wohnungsmiete kommt als besondere Form der Grundrente hinzu.
In der bourgeoisen Ideologie und ihrer "trinitarische[n]Formel", über
die Marx sich im "Kapital" (dritter Band, MEW 25) belustigt, taucht sie
nicht gesondert auf (ebd. 822). Wie das Kapital den Zins und die Arbeit
den Lohn hervorbringen würde, so der Boden die Grundrente. Nicht
mehr als das Kapital bringen jedoch Grund und Boden überhaupt einen
Wert hervor, sondern sichern ihren Eigentümer*innen ein lediglich
durch Monopolisierung erpressbares, leistungsloses Einkommen. Die
Miete, als von allen Erhaltungskosten der Wohnung gereinigter Betrag,
ist ganz einfach ein den Arbeiter*innen im Lohn mitgegebener, durch
den Vermieter realisierter Teil des Mehrwerts.5 Sie ist - darin dem
"stummen Zwang" zur Lohnarbeit ähnlich - möglich nur durch die
rechtliche und dabei äußerst reale Fiktion des privaten Eigentums und
gedeckt durch die Drohung, die säumigen Mieter*innen äußerstenfalls
aufs Pflaster zu werfen, also durch Erpressung. Nicht nur die
Gründerzeithäuser, die in Berlin derzeit so satte Mieten einspülen, sind,
worauf kürzlich auf einem Plakat von "Kotti und Co." hingewiesen
wurde, schon vielfach abbezahlt. Was im gesellschaftlichen
Durchschnitt an Wohnungsmiete nachgelassen würde, behielte das
sogenannte produktive Kapital an Lohn zurück. Da die Dinge nicht von
selber "durchschnittlich"
funktionieren, stellt sich
der Ausgleich über
sozialstaatliche Instru-
mente, wie den
"Wohnberechtigungssche
in" oder das "Wohngeld",
sowie über regionale
Lohn- und Mietpreis-
differenzen her, dadurch
also, dass die unsichtbare
Hand die verarmten
Bevölkerungen in günsti-
gere Wohnlagen geleitet.
Der marxistische Theo-
retiker David Harvey hat
auf den Status des Wertes
von Grund und Boden als notwendige Fiktion und auf den direkten
Zusammenhang von Spekulation und Monopol-Renten hingewiesen.
Die kollektiv erzeugte kulturelle Anziehungskraft einer Metropole wird
so zum Hebel, um in die gesellschaftliche Verteilung des Mehrwertes
einzugreifen.6 Worauf beim Kauf und Verkauf von Wohnungen oder
Baugrund in München, Hamburg, Berlin oder Leipzig eigentlich
Anspruch erhoben wird, ist die Kraft und Lebenszeit der Leute in der
gesellschaftlichen Verteilung des Mehrwertes: "Under such conditions
the land is treated as a pure financial asset which is bought and sold
according to the rent it yields. Like all such forms of fictitious capital,
what is traded is a claim upon future profits from the use of the land or,
more directly, a claim upon future labour." 7 Dem gilt es sich zu
entziehen.

Kleinstadtanarchismus

In einer komplexen, niemals gänzlich totalisierten oder stillgestellten
Situation sich gegenseitig überdeterminierender, sich abbiegender und
verlagernder Widersprüche spürt eine anarchistische Stadtpolitik die
Spielräume auf, die sich zu ihren Gunsten nutzen lassen. Sie tut das
gerade Mögliche, um ihre Macht auszudehnen und derart den Horizont
des Möglichen selbst zu verschieben.

Die Spielräume aufsuchen und ausfüllen, gegen den Wind kreuzen, in
ein Vakuum einströmen. Für eine Kraft, die wachsen will, kann dies
bedeuten, sich vorzugsweise antizyklisch zu bewegen. Es kann
bedeuten, sich eine Weile in einer Metropole aufzuhalten, vielleicht zu
studieren, sich zu treffen und endlich das metropolitane Insel-Dasein
wieder hinter sich zu lassen. Die Lower East Side in den 70ern, die
Amsterdammer Altstadt in den 80ern, Ost-Berlin in den 90er Jahren.
Aber heute? Die Situation hat sich verändert.

In einem kleinstädtisch geprägten Land wie der BRD und in der
gegenwärtigen Situation8 wäre es für eine langfristig denkende Linke,
die überhaupt noch etwas will, geradezu fahrlässig, es den allermeisten
gleichzutun und einem gewissen Hauptstadtprovinzialismus wohl
ebenso wie einem Apriori der bequemen Zerstreuung folgend
ausschließlich in die Großstädte und vorzugsweise nach Berlin zu
drängen, wo dann die
sich überschlagenden
Profiterwartungen von
Grundeigentümer*innen
zu erfüllen sind durch die
Lohnarbeit, die es hier,
wie man einwendet, ja
immerhin noch ab und
zu gibt. Warum also nicht
gemeinsam woanders
hingehen?

Es fällt heute kaum noch
jemandem ein, sich zu
binden, um so etwas zu
tun. Es fällt kaum jeman-
dem ein, das eigene
Erwachsenenleben nicht

in einem Singular zu denken, der zwischen Jobs und Projekten ebenso
wie zwischen verschiedenen Orten hin und hergeworfen wird. Allein
kann man die Provinz wohl wirklich niemandem zumuten, und was
wäre hier alleine schon zu tun? Aber sich in einer großen Stadt zu
finden mit 20, 30, 100 Leuten, um von hier aus eine Kleinstadt zu
übernehmen, wem fällt das ein? Wer kann sich schon vorstellen, dass
dies kein Opfer wäre, sondern eine Lust, ein Abenteuer und ein
gemeinsam ergriffenes Glück? Jede*r für sich, das ist das Gesetz dieser
Zeit. Sich alle Möglichkeiten offenhalten und nichts realisieren, bis man
zu spät die Leere der bloßen Möglichkeit, die Einsamkeit und objektive
Verkümmerung bemerkt. Also fällt die Stadt, die nicht Berlin oder
Hamburg oder vielleicht noch Leipzig ist, für diese zaghafte Linke aus,
bis auch Berlin ausgefallen sein wird.

Wer heute in Berlin ist und möchte, dass es auch in zehn Jahren noch
halbwegs möglich ist, dass Leute mit eher geringen Einkommen (also so
ziemlich alle unsere linken Freund*innen) in Berlin leben oder
Jugendliche aus brandenburgischen Arbeiterfamilien hier studieren und
sich vielleicht ja auch politisieren und organisieren können, sollte sich
heute, etwa zusammen mit "Kotti und Co." oder dem "Stadtteilbüro
Friedrichshain-Kreuzberg", für einen neuen sozialen Wohnungsbau
engagieren, der über die gegenwärtigen Pläne weit hinausgeht oder sich
einer der vielen stadtpolitischen Initiativen anschließen, die sich in
Berlin gegen Aufwertung und Verdrängung gebildet haben und die zum
Teil in dem Bündnis "Stadt von Unten" organisiert sind.

Es ist nicht so, dass die Großstädte aufgegeben werden dürften. Das
nicht! Die Verdichtung der Begegnungen macht sie zu wichtigen
Zentren der Organisation, auch wenn die Selbstbezüglichkeit der
"Szene" mitunter erschreckend sein kann. Kleinstadtanarchist*innen
machen andere Erfahrungen: "Wir müssen in bürgerlichen Lokalen auf
spießigen Theken Werbung für anarchistische Veranstaltungen auslegen,
damit überhaupt irgendjemand[...]kommt. Wir beginnen sogar
irgendwann, uns dabei wohlzufühlen und uns mit dem*der Wirt*in zu
unterhalten. Selbige*r stellt uns dann irgendwann sein*ihr Lokal für
eine anarchistische Veranstaltung zur Verfügung.[...]Und dann sehen
wir plötzlich bisher unbekannte Gesichter auf vielen unserer
Veranstaltungen und da ist sie schon wieder: Die Konfrontation mit
dem Bürgertum und dieses positive Gefühl. Wenn wir die richtigen
Worte finden, können wir an dem, was wir denken, andere doch recht
leicht teilhaben lassen.[...]Das berauschende Gefühl, jemenschen mit
seinen Gedanken angesteckt und einen Prozess eingeleitet zu haben,
wird zu einem Suchtmittel für Kleinstadtanarchist*innen, sie können
irgendwann einfach nicht mehr aufhören." 9 Es gibt also schon
vereinzelte Nester. Wäre es nicht reizend, kollektiv die verfallenden
Infrastrukturen und spottbilligen Immobilien halb verlassener
Kleinstädte (wie Wittenberge, Chemnitz oder Zeits) und ländlicher
Gegenden zu übernehmen, um von dort aus eine ganze Region zu
verändern? Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein gut
konstelliertes Sowohl-Als-Auch. 10

In diesem Zusammenhang ließe sich vielleicht gleich noch eine
Handwerkslehre ans Studium der Politikwissenschaft oder Philosophie
dranhängen, das man ohnehin nicht aufgenommen hatte, um sich
anschließend im Wissenschaftsbetrieb ausbeuten zu lassen oder sich
falschen Hoffnungen auf bezahlte Arbeit in einer Position hinzugeben,

in der man sich nicht ständig auf die Zunge beißen muss. Allein in
Mecklenburg-Vorpommern gibt es etwa 2200 offene Lehrstellen
überwiegend im Handwerk und für Antifas auch sonst genug zu tun.
Mit dem Schreiben von Texten allein lässt sich schließlich keine neue
Welt aufbauen.

Endnoten

1 Peter Kropotkin: Worte eines Rebellen, Reinbek 1972, S. 188.
2 Es lassen sich in einer immer schon komplexen Situation aber keine
"Entwicklungstendenzen"isolieren und einfach in die Zukunft
verlängern. Vielmehr ist es immer wahrscheinlich, dass die Dynamik an
einem nicht vorher zu bestimmenden Punkt in eine unvorhersehbare
Richtung kippt.
3 Fredric Jameson: The Aesthetics ofSingularity, in: New Left Review 92
(March/April 2015), S. 101-132, hier: S. 130f.
4 Gustav Landauer: Das zweite Flugblatt: Was ist zunächst zu tun?, in:
Ders.: Beginnen 1977, S. 96-104, hier: S. 100., wieder in: GLAS Bd. 3.1,
a.a.O., S. 137.
5 Jedoch ist es offenbar nicht nötig, die Miete aus dem Lohn zu
bezahlen. Ebenso gut kann sie aus Kapitalerträgen beglichen werden.
6 David Harvey: The Art ofRent: Globalization, Monopoly and the
Commodification ofCulture, online: www.generation-
online.org/c/fc_rent1.htm.
7 David Harvey: The Limits to Capital, Chicago 1982, S. 347, zit. nach:
Fredric Jameson: The Brick and the Balloon: Architecture, Idealism and
Land Speculation, in: New Left Review I/228 (March/April 1998), S. 25-
46, hier: S. 43.
8 Vgl. online die Empirica-Studie "Schwarmstädte".
9 Libertäre Aktion Frankfurt (Oder): Kleinstadtanarchist*innen,
organisiert euch!, in: Gai Dào Nr. 57 (September 2015), S. 18.
10 Die Warnungen vor der Gefahr der Isolation sind alt. Vgl. etwa: Peter
Kropotkin: Small Communal Experiments and Why They Fail, online:
www.theyliewedie.org oder Elisée Reclus: On Anarchist Colonies, online:
libcom.org/library/anarchistcolonieseliséereclus.

Veranstaltungshinweis für Berliner*innen (u.a.)
Workshop mit Enrico Schönberg (Regionalberatung des
Mietshäsersyndikats), Stadt von Unten und der
Nachbarschaftsakademie.
Inputvortrag von Jan Rolletschek.
Donnerstag 22. September in der Laube im Prinzessinnengarten,
Berlin. Um 18:00.
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