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(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken ­ Eine Rezension Von: Peter Schadt

Date Mon, 19 Sep 2016 14:11:21 +0300


Henning, Markus / Raasch, Rolf 2016: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Reihe Black Books, Schmetterling Verlag. 3-89657-079-X ---- Das schmale Bändchen erschien bereits vor 10 Jahren, damals noch unter dem passenderen Titel "Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien" im Berliner Oppo-Verlag. Warum der Untertitel zu "Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken" geändert wurde ist nicht nachvollziehbar, da der "Perspektive" des Neoanarchismus ganze 5 Seiten gewidmet wurden, dem "Bilanz" Ziehen gar keine. ---- Henning und Raasch liefern mit diesem Buch eine durchaus zwiespältige Geschichte des Neoanarchismus. Der erste Teil des Buches führt den Titel "Studentenbewegung, APO, Neoanarchismus und Neue Soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland" und beleuchtet zuerst die selten dargestellte Vorgeschichte des SDS vor 1968.

Der Versuch zwischen "Antiautoritären" und "Traditionalisten",
"Marxisten" und "Anarchisten" in und um die 68-Revolte zu
unterscheiden muss so nicht immer geteilt werden, schafft aber eine
gute Übersicht über verschiedene Theoriefragmente. Die ersten 176
Seiten des Bandes lohnen sich allemal, nicht nur für Interessierte des
Neoanarchismus, sondern für Interessierte an linker Geschichte in
Deutschland allgemein.

Anders sieht es mit dem zweiten Teil des Buches aus, der den Titel
"Anarchismus in der DDR - Eine libertäre Spurensuche" trägt. Der
ständige Verweis auf eine angeblich "friedliche Revolution in der DDR
1989/1990" (264) macht diesen Gedanken nicht weniger falsch, und dass
diese vermeintliche Revolution auch noch einen "anarchistischen Kern"
(264) aufwies, erscheint absurd. Es mag ja sein, dass sich die SED von
Bittgottesdiensten, Massenkundgebungen und kritischen Bewegungen
hat beeindrucken lassen. Ihre Macht hat sie nicht deswegen verloren.
Von Streiks, die der Staatsgewalt ihre Mittel entzogen und sie zum
Aufgeben gezwungen hätte, kann ebenfalls keine Rede sein, und schon
gar nicht von gewaltsamen Auseinandersetzungen, die die Staatsmacht
gebrochen hätten. Die hat anfangs befürchtete Gewaltaktionen gegen
unbewaffnete Demonstrant*innen unterlassen und keine "Pekinger
Verhältnisse" hergestellt. Das Buch sieht also erstens völlig davon ab,
dass die Entscheidung nicht auf die Demonstrant*innen zu schießen
allemal von der verhassten SED und nicht von den Demonstrant*innen
gefällt wurde.

Aber nicht nur das friedliche, sondern auch die Revolution ist ein
Irrtum: Wenn ein Aufruhr damit anfängt, dass ein paar
Volksgenoss*innen in die Freiheit ausreisen dürfen, die meisten aber
nicht; wenn dann die Staatspartei zurückweicht und dem abgrundtiefen
Misstrauen ihres Volkes Zug um Zug recht gibt; wenn schließlich das
Volk auf seinem Misstrauen besteht und der Regierung auch noch das
Recht zum souveränen Nachgeben bestreitet; und wenn das alles ohne
organisierte Kritik an dem alten Laden geschieht, nur zuerst angeleitet
und dann begleitet von wohlmeinenden Beschwerden über das
unheilbar gestörte Einvernehmen zwischen Staat und Volk - dann
handelt es sich nicht um eine Revolution. Dann machen sich die
protestierenden Massen für einen Führungswechsel stark, der so radikal
und konterrevolutionär ausfallen soll, dass das Ergebnis feststeht, noch
ehe es die Veranstalter*innen selbst gemerkt haben: Die eine
Staatsmacht wird zugrunde gerichtet, aber nur, damit eine stärkere an
ihre Stelle tritt. Das dieser Vorgang ausgerechnet "anarchistisch" sein
soll, kann man sich nur zusammenschustern, wenn man die
Begleiterscheinungen der Machtablösung: "entmachtete Bürgermeister
und Betriebsdirektoren, verweigerte Befehle, gegründete
Gegengewerkschaften, besetzte Geheimdienstzentralen, belagerte
Kasernen" (265) etc. zum Eigentlichen erklärt: Anarchistisch wird das
Ende der DDR wirklich nur, wenn man von dem absieht, was eigentlich
passiert ist und statt dessen thematisiert, wie es passiert ist:

Ja, das neue Großdeutschland setzte sich durch, indem massenweise
alte DDR-Funktionär*innen abgesetzt und ihre Befehle missachtet
wurden. Mit dem Urteil "Anarchie, also eine Ordnung ohne Herrschaft,
war an der Tagesordnung" (265) kann man aber wohl nicht weiter
entfernt sein von dem, was dieser Tage geschah.

Der erste Teil des Buches ist also durchaus zu empfehlen, der zweite
jedoch liefert nicht die Geschichte des Neoanarchismus in der DDR,
sondern vielmehr eine falsche Geschichte der Abwicklung der DDR als
angeblich anarchistisches Projekt. Wer sich für eine Kritik der DDR
sowie der angeblichen "friedlichen Revolution" interessiert sei an dieser
Stelle also auf andere Literatur verwiesen 1.

Endnote

1 Z.B. "DDR kaputt, Deutschland ganz: Eine Abrechnung mit dem
"Realen Sozialismus"und dem Imperialismus deutscher Nation"aus
dem Resultate Verlag
_________________________________________
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