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(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Pokémon Go Home -- Eine sarkastische Kolumne über die Verwirrungen durch Pokémon GO Von: Imgart Edelweiß, der beleidigten Anarchakonservativen

Date Fri, 16 Sep 2016 10:20:22 +0300


(Entgegnungen, am besten in literarischer Form, sind sehr erwünscht!) Wir saßen vor unserem Haus auf der Couch, als wir sie zum ersten Mal bemerkten. Dutzende Menschen, die standen oder auf Geländern saßen und in manischer Versessenheit auf ihre Smartphones glotzten. ---- Doch irgendetwas schien seltsam, ungewöhnlich, anders im Verhalten der internetverbundenen und dauerüberwachten Mobilfunknutzer*innen. Es war der zweite Tag, an dem Pokémon GO in der BRD rauskam. Desinformiert und von der Mehrheitsgesellschaft abgeschnitten wie stets erfuhr ich erst vom Freund, der bei mir saß, vom Hype, dessen Ankündigung schon an mir vorbeigegangen war. An dieser Stelle drängt es mich, mich zu outen: Ich verstand meine Umwelt nie und darum ist es eine traurige Tatsache, dass bei mir nicht mal Kindheitserinnerungen wach werden, wenn es um Pokémon geht. Das ist total langweilig, ich weiß. Dabei bin ich nicht mal ohne Fernseher aufgewachsen, sondern hatte früher wohl einfach keine Freund*innen. Oder habe ich mir meine rudimentären Pokémon-Erinnerungen über die Jahre weggesoffen?

Ich besitze kein Smartphone, wie ich früher auch lange Zeit kein Handy
hatte. Nicht, weil ich etwa aus einer primitivistischen Einstellung
heraus grundsätzlich technikfeindlich wäre, sondern aufgrund des
schlichten Gefühls, dass ich keines brauche und meine
Bedürfnisbefriedigung nicht an den Besitz und die Verfügung
elektronischer Geräte geknüpft ist. So dachte ich zumindest bisher. Aber
ging es mir nicht genauso, als ich mir vor Jahren das erste outgesourcte
Handy schenken ließ? Immerhin lernen wir in dieser
Konkurrenzgesellschaft ja auch kaum unsere Bedürfnisse kennen und
artikulieren, beziehungsweise allein warenförmig vermittelt zu
befriedigen - was bei Pokémon GO ja auf den ersten Blick nicht der Fall
zu sein scheint, da es sich kostenlos downloaden lässt und darum wie
alle derartigen Produkte als Segnung des Kapitalismus verkauft wird.
Vielleicht weiß ich also einfach nicht, was mir fehlt, wenn ich weder
Smartphone noch Auto und kaum Besitz habe, der nicht mit einem
konkreten Gebrauchswert für mich verbunden ist? Ist es am Ende
möglicherweise sogar so, dass hinter meinem Bedürfnis zu rauchen
eigentlich andere Bedürfnisse lauern?

Paradoxerweise scheinen trotzdem auch für mich die Pokémon
nunmehr in ihrer Abwesenheit anwesend zu sein. Was bisher keine
direkte Rolle spielte, wird deswegen real, weil es die Realität vieler
anderer prägt. Dass war vorher selbstverständlich auch so, wird mir
aber bewusster, wenn ich schon wieder fast jemanden mit dem Fahrrad
über den Haufen fahre, weil sie versessen auf ihr mobiles Endgerät
starrt, als sie wie ein Zombie die Straße kreuzt. Schadenfreude und
schwarzer Humor sind Wege, mit der unverständlichen Realität
umzugehen, die sich uns nicht erschließt, weil sie zu bitter ist. Auch
wenn das grenzwertig ist, erheitern mich bis jetzt die Berichte über
Autounfälle, von Leuten die Klippen hinabstürzen und solchen, denen
ihr Portemonnaie oder gleich ihr Smartphone geklaut wird, weil sie
vertieft drauf starren und alles andere vergessen. Oder der Mann, der
auf zwei Jugendlich schoss, weil sie nachts vor seinem Geschäft standen
und einer den anderen fragte, was er erbeutet hätte.1 Wirklich unlustig
ist, dass Menschen in Bosnien beim Zocken auf ein Landminenfeld
gelaufen sind2, während andere (ungewollt!) in eine Schießübung der
Bundeswehr stolperten.3 Oder der Typ, der seinen Job kündigte, um
Pokémon zu zocken, was ja erst mal sehr vernünftig ist. Richtig traurig
ist dann aber, dass er angab, dass erst das Spiel ihm den Traum zu
reisen ermöglicht hätte. 4

Auf jeden Fall ist wichtig, stets beschäftigt zu sein in dieser staatlich
verordneten Langeweile. Beschäftigt und mobil. Was in der Realworld
nicht alles für aufregende Sachen zu finden sind, wo mensch eigentlich
Pokémon fangen wollte! Schon zwei Spieler*innen stießen auf diese
Weise auf Leichen an etwas abgelegenen Orten.5 Schlimmer wäre es
wahrscheinlich, wenn sie militärische Geheimnisse aufdeckten, wie
gleichzeitig das chinesische und US-amerikanische Militär befürchten.6
Eine erheiternde Art durch Technik die Gesellschaft transparenter zu
gestalten und zu demokratisieren - abgesehen davon, dass Google
gleich mal alle Daten abgreift, die sich auf dem selbst-fremdgesteuerten
Weg befinden. In Zukunft wird er die Pokémon-Fans wohl immer
wieder zu den Filialen von Großunternehmen führen, welche es sich
leisten können, Nintendo die Kohle rüberzuschieben, um bei sich ein
paar rare Exemplare platzieren zu lassen.7 Eine Investition ins Spezielle
im Allgemeinen des für jeden Trottel der Industrienationen prinzipiell
Verfügbaren.14

Schließlich führt auch der Spannungsbogen im (aus ideologiekritischer
Perspektive hochinteressanten) Trailer für das Augmented Reality
Game vom Allgemeinen, Alltäglichen der vereinzelten und
vereinsamten, bürgerlichen Individuen zu ihrer mystischen Vereinigung
im neoliberalen Kollektiv unterworfener Vollidioten.8 Im Endfight alle
gegen Mewtwo, wird auf eine blonde, junge Frau fokussiert, wobei die
vorher verschleierten rassistischen, patriarchalen und Klassenunter-
schieden wieder zutage treten. Um über die Austauschbarkeit und
Konkurrenz menschlicher Player hinwegzutäuschen, dürfen alle auf das
ultimative Opfer einprügeln. Armes Mewtwo! Doch hier geht es nun
mal um vermeintliche "Urinstinkte", die in der kapitalistischen
Gesellschaft als natürlich behauptet werden: Sammeln, tauschen,
konkurrieren und natürlich kämpfen. Vögeln können die Viecher wohl
noch nicht miteinander. Doch dass für die Reproduktion gesorgt ist,
begriff ich, als vor mir jemand schrie: "Yeah, 10 Kilometer" und damit
nen Ei ausgebrütet hatte. Die Hausärztin wird ihn loben, weil er endlich
mal etwas draußen rumläuft. Unglaublich, was der technische
Fortschritt alles möglich macht: Menschen gehen spazieren! Doch ich
will spazieren gehen und höchstens mal ein schönes Blatt, Muscheln
oder Sperrmüll sammeln. Ich will nicht mobil sein, wie's das Jobcenter
verlangt, will nicht konkurrieren, um zu profitieren oder einem
armseligen Nationalismus zu frönen.

Wäre auch wirklich zu viel verlangt gewesen, dass ein einzelnes Online-
Game die gesellschaftlichen Verhältnisse über den Haufen wirft! Habe
ich mich am Ende also doch noch vom Hype blenden lassen, weil ich
damit fortwährend belästigt werde? So hängen weiterhin massig Leute
vor unserem Haus rum. Wir sitzen weiterhin auf dem Sofa und lachen
drüber. Wahrscheinlich, weil wir kein Leben haben. Stimmt schon:
Irgendwie fühlt es sich nicht so real an in diesen falschen Verhältnissen.
Abgesehen von dem Typen, der mit seinem Smartphone so auffällig nah
bei uns rumsteht und bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er
möglicherweise ein Fascho ist und uns belauscht.

Die Auseinandersetzung um die Aneignung dieser Tarnungsmethode ist
längst im Gange. So war die Zock-Verabredung, um "Pegimon" in
München zu stören, wohl ein ganz guter Anfang.9 Die Pegimon-Nazis
griffen das wiederum auf und reklamierten für sich die Realität, indem
sie mit drohendem Unterton versprachen, "wirkliche Ziele" zu
"sammeln". Tatsächlich geht es hierbei um eine Auseinandersetzung um
die Konstruktion der "Wirklichkeit". Doch was ist Wirklichkeit, wenn
durch technische Entwicklungen die Grenzen zwischen physischer
Umgebung und digitaler Überlagerung immer weiter verschmolzen
werden? Was ist "Realität" und was ist "Spiel", wenn intensiv Zocken
nicht mehr bedeutet, sich tagelang mit Chips und Cola im verdunkelten
Keller einzunisten, was meiner Ansicht nach keineswegs unsozialer ist,
als damit permanent andere Leute draußen zu belästigen? Wenn
wirklich mit seiner Umgebung zu spielen und beispielsweise
Hauswände mit Graffitis oder Plakaten zu verzieren hart bestraft wird?

Ja ich weiß, dass ich über meine Ansichten reflektieren und meine
Ressentiments in Frage stellen muss. Ich halte mich an ihnen fest, um
der Tatsache zu begegnen, dass ich die Realität um mich herum nie
vollends begreifen kann; dass ich immer nur Ausschnitte sehe und diese
auf bestimmte Weise interpretiere. Veränderungen verunsichern mich.
Ich bin wohl etwas konservativ. Anarchakonservativ. Vielleicht sogar
bio-konservativ, wie die Transhumanist*innen sagen und damit Leute
meinen, die es nicht so geil finden, wenn in Körper von Lebewesen
unbedingt Biotechnologie eingebaut werden muss. Also bin ich
fortschrittsskeptisch, weil mir noch keine technische Errungenschaft
begegnet ist, die soziale Probleme löst und sie nicht nur kompensiert.

Was hat das jetzt aber mit Pokémon GO zu tun? Nur so viel, dass wir
grundsätzlich mal wieder Debatten über Techniken und unseren
eigenen Umgang damit führen sollten. Brauchen wir für unsere
Veranstaltungsreihe wirklich eine Facebook-Seite oder muss auf
unserem Plakat ein QR-Code sein? Warum? Einfach nur, weil das
irgendwie hip und modern ist? Rechnen wir wirklich damit, dass
signifikant mehr Menschen mit unseren Inhalten in Berührung
kommen und sich auch damit beschäftigen? Warum nehmen immer
noch so viele Leute ihre Smartphones mit auf die Demo? Wie oft
konnten sie sich damit dort dann wirklich selbstermächtigen? Auf der
Metaebene gefragt: Was sind die Voraussetzungen dafür, dass wir uns
Techniken aneignen und damit Anarchie verwirklichen können?

Doch ich will nicht mit der gefühlten Moralkeule, sondern mit einer
wahren Anekdote schließen, um den ironischen Charakter der
Erzählung zu bewahren: Vor einiger Zeit wurde mal ein Haus besetzt.
Im Haus direkt gegenüber, nur ein dutzend Meter Luftlinie, zockte ein
Typ in seiner Bude am Rechner. Dies tat er stundenlang bis in die späte
Nacht, während die Besetzer*innen ihm dabei zuschauen konnten, die
unten versammelten Leute Barrikaden errichteten und von weiter Ferne
Blaulicht blinkte. Es handelte sich genau um den Typ Bürger*in, die*der
auch kein Stück gezuckt hätte, wenn seine Nachbar*innen von der
Gestapo abgeholt worden wären. Auch als ein Bengalo auf dem Dach
gezündet wurde, veränderte das nichts an seiner kontemplativen
Haltung. Hätten wir damals Pokémon GO gehabt, wäre er vielleicht
vorbei gesteuert und hätte bei Team Schwarzrot einige Antimon
gefunden...


Endnoten

1 http://www.n-tv.de/technik/Mann-schiesst-auf-Pokemon-Go-Spieler-
article18217026.html
2 http://www.n-tv.de/panorama/Bosnier-stolpern-ins-Landminenfeld-
article18229171.html
3http://www.abendblatt.de/region/niedersachsen/article207951395/Bunde
swehr-Spione-koennten-sich-als-Pokemon-Spieler-tarnen.html
4 http://www.huffingtonpost.de/2016/07/15/pokemon-go-neuseeland-
monster_n_11013132.html
5 http://www.n-tv.de/technik/Alle-wollen-Pokemon-Go-spielen-
article18171391.html
6http://www.eurasischesmagazin.de/ticker/Pokemon-Go-bedroht-
Chinas-Sicherheit/371
7 http://onlinemarketing.de/news/werbung-geplant-pokmon-go-
unternehmen
8 https://www.youtube.com/watch?v=2sj2iQyBTQs
9 http://www.huffingtonpost.de/2016/07/19/pokemon-go-pegida-
muenchen_n_11064076.html
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