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(de) fda-ifa: gai dao N°69 - Über den Tellerrand geschaut Teil 4: Zu Gast bei der Sociedad de Resistencia Antofagasta Von: Popov

Date Thu, 15 Sep 2016 22:19:49 +0300


Wir waren um 17 Uhr auf der plaza de colón im Zentrum von Antofagasta mit einem Menschen verabredet, mit dem ich mich nur mit Mühe auf Spanisch über das Telefon verständigen konnte. Den Kontakt hatte uns ein Genosse geschickt den wir zuvor in Santiago de Chile getroffen hatten und der uns gerne half Kontakt zu weiteren anarchistischen Gruppen und Projekten die auf unserem Weg lagen zu finden. ---- So saßen wir also da und warteten was passieren würde. 18 Uhr beschlichen mich langsam leise Zweifel ob ich Ort und Zeit des Treffens auch richtig verstanden hatte. Zu Unrecht, denn gegen 18.30 Uhr näherten sich uns zielstrebig zwei Personen in schwarzen Trainingsjacken und stellten sich vor. So wurden wir die ersten Gäste der SRA und für einige Genoss*innen die ersten Anarch@s aus Europa die sie in ihrem Leben trafen. Wir wurden im Haus der Eltern (welche
mit uns einen sehr freundlichen Umgang pflegten) eines Genossen
untergebracht und befanden uns von diesem Moment an für eine
Woche lang fast in Vollbetreuung durch die Gruppe. Wir gingen
zusammen zu Veranstaltungen, Treffen, Konzerte oder hingen einfach
nur gemeinsam herum und unterhielten uns bzw. teilten papas fritas
und weed, ein Bestandteil des täglichen Lebens einiger Genossen*innen.

Dabei erfuhren wir aus Gesprächen einiges über die Gruppe, ihre
Menschen und das Leben in Antofagasta, und machten uns natürlich
auch unser eigenes Bild, welches ich im Folgenden ein wenig vorstellen
möchte. Antofagasta ist eine Küsten-
Wüstenstadt im Norden Chiles welche aus
einem nur wenige Kilometer breitem aber
dafür sehr viele Kilometer langem Streifen
zwischen Meer und Bergen besteht. Sie stellt
das Zentrum des Nordens von Chile dar, ist
aber von anderen Städten ziemlich isoliert.

Die Minen sind wie im gesamten Land der
wichtigste Wirtschaftsfaktor und gleichzeitig
auch die Verursacher enormer Umwelt-
schäden. Durch ihren Einfluss wird das
ohnehin schon sehr mineralhaltige Grund-
wasser der Region zusätzlich mit Schwer-
metallen wie z.B. Arsen belastet, was für den
Alltag in Antofagasta bedeutet dass alles
Trinkwasser extra gekauft werden muss oder
die Leute nehmen die gesundheitlichen
Risiken aufgrund von Geldmangel in Kauf.
Des Weiteren gibt es entlang der Küste
innerhalb der Stadt vier Verladestationen in
denen fein gemahlenes Gestein auf Schiffe
verladen wird. Die Folge ist eine krasse Feinstaubbelastung der Luft
und perverserweise befindet sich eine der Stationen direkt gegenüber
einem Krankenhaus (!) und in unmittelbarer Nähe mehrerer Schulen.
Kein Wunder also, dass die Anzahl der Krebserkrankungen drei mal
höher ist als im chilenischen Durchschnitt. Gegen diese Zustände regte
sich im letzten Jahr Protest, welcher aber vor allem von etablierten
Parteien instrumentalisiert wurde und nach den Wahlen abebbte.

Generell, so wurde uns berichtet, gibt es in der Stadt recht wenige
Proteste, was mit einer großen Fluktuation der Bevölkerung und einem
hohen Anteil an Immigrant*innen in der Stadt in Zusammenhang
gebracht wird. Zwar gibt es zum Beispiel eine organisierte
kolumbianische Community, allerdings sei diese eher patriotisch.
Insgesamt ist auch Antofagasta stark in arm und reich unterteilt. Im
Süden gibt es schicke Häuser und Wohnblöcke mit Grün dazwischen
sowie einen nett gestalteten Strand, nach Norden hin nimmt die
Qualität und Größe der Häuser/Hütten immer weiter ab, es gibt keine
asphaltierten Wege mehr zwischen den
Hauptstraßen und die Wohndichte ist
unglaublich groß. Mensch kann von den fünf
verschiedenen Nachbar*innen ringsherum
jedes lautere Geräusch hören. Und Grün
sucht mensch vergebens. Zum Sinnbild
wurde für mich ein Mensch, der verkleidet als
Mr. Monopoly vor einem der zahlreichen
Automatencasinos tanzte, um Menschen zum
Eintreten zu motivieren. An den Automaten
saßen im Übrigen zum großen Teil alte
Frauen. Des Weiteren waren auch in
Antofagasta, wie in allen anderen Häfen die
wir sahen, die Boote der Fischer*innen
schwarz beflaggt. Uns wurde erklärt, dass die
Fahnen für den Verlust der Lebensgrundlage
und damit den Tod der Fischer*innen stehen
da ein neues Gesetz über die Vergabe der
Fischerei-Lizensen Großunternehmen bevor-
zugt und somit kleine Kooperationen illegal-
isiert. Dennoch tut sich auch was. So wurde
während unserer Zeit in Antofagasta ein Ex-Geheimfolterzentrum
welches von 1973 bis 1983 direkt neben einer Kirche und einer Schule
existierte, nach jahrelangem Kampf in eine offizielle Gedenkstätte
umgewandelt. Zu diesem Anlass gab es eine Performance in
der die Erinnerung an die Getöteten wachgehalten
wurde und ein paar Tage später noch ein Straßenfest
mit Essen, Bands und vielen Aktivitäten für Kinder.
Nun geht der Kampf weiter für eine Nutzung des
Hauses als soziales Zentrum, da sich das Gebäude
nach wie vor im Besitz der Geheimpolizei
befindet.

Doch nun möchte ich zur Vorstellung der Sociedad
de Resistencia Antofagasta kommen. Diese versteht
sich selbst als Bezugsgruppe von Freund*innen
(Schüler*innen, Student*innen) welche seit zwei Jahren
gemeinsam zum Thema Anarchie arbeitet. Sie nahmen sich zuerst
ein Jahr Zeit um zu diskutieren und ihre Vorstellungen kennen zu
lernen und sindnun seit ca. einem Jahr aktiv. Gemeinsame Aktionen
stehen somit auch im Vordergrund der Gruppe. Neue Menschen sollten
erst mal eine ganze Weile Zeit mit ihnen verbringen bevor sie
aufgenommen werden. Aktionen der Sociedad sind zum Beispiel das
Organisieren von Konzerten, Vorträgen oder Tee trinken mit veganem
Essen, Säften und Tee. Des Weiteren nehmen sie an organisierten
Kundgebungen mit eigenen Inhalten teil. Der Konsum von Alkohol
wird von der Gruppe kritisiert, Treffen und Aktivitäten sind prinzipiell
alkoholfrei. Allerdings trinken fast alle danach gerne das ein oder
andere Bier. Weed dagegen stellt für sie keine Droge dar und ist
akzeptiert. Mit der Kritik des Alkoholkonsums möchte sich die Gruppe
auch von der lokalen Punkszene abgrenzen, da es innerhalb dieser
aufgrund des Alkohols immer wieder zu Problemen und Aggressivität
kommt und keine politischen Aktivitäten stattfinden. Thematisch
arbeitet die Gruppe derzeit vor allem zum Thema Xenophobie und
Rassismus sowie Umweltverschmutzung. Zum Thema Umweltver-
schmutzung gibt es derzeit gemeinsame Aktionen mit kommunistischen
und Umweltschutzgruppen. Allerdings erschweren verschiedene
Grundverständnisse die Zusammenarbeit, da zum Schluss eigentlich
nur eine antikapitalistische Grundhaltung als Konsens übrig bleibt. Für
die Treffen stellt ein lokales Bergarbeitersyndikat die Räumlichkeiten.
Längerfristige Ziele der Gruppe sind ein eigenes soziales Zentrum oder
ein Infoladen, allerdings ist dies sehr schwer zu realisieren
da in der Gruppe nicht viel Geld zum mieten vorhanden
ist und Raum zum besetzen in der Stadt noch
weniger. Des Weiteren wollen sie mehr mit
anderen Gruppen in Chile in Kontakt treten und
versuchen ein informelles Netzwerk aufzubauen.
Auch dies ist nicht so einfach da der dichter
bevölkerte Süden Chiles über 1000 km weit weg
ist und es in der ,,näheren" Umgebung nicht viele
Genoss*innen gibt.

Außerdem geben Menschen der Gruppe noch die
anarchistische Zeitung ,,El Sol Ácrata" heraus, ein Format
von acht Seiten welches unregelmäßig (sieben-acht mal im Jahr)
seit fünf Jahren erscheint und über regionale Kämpfe und Geschichte
berichtet. Des Weiteren ist unter dem Namen auch ein Newsblog zu
finden der täglich neue Beiträge aus ganz Chile und den
Nachbarländern postet. Die Arbeit wird allerdings erschwert da die
Redaktion nur aus zwei Menschen besteht und die Papierpreise in
Antofagasta sehr hoch sind. Zu erwähnen ist auch die ,,feria libertaria
el gato negro"(übs.: libertärer Buchmarkt schwarze Katze) deren Logo
aus einer schwarzen Fahne, auf der acht Bücher liegen, besteht. Sie
beteiligt sich an Aktivitäten, ist aber auch auf Underground-Konzerten
präsent und verkauft anarchistische Literatur, wobei auch Tauschhandel
praktiziert wird.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz über die Jonglier-Szene
berichten, der einige Mitglieder der Sociedad angehören. Diese setzt
sich aus vielen jungen Menschen zusammen welche sich fast täglich auf
Plätzen oder an Ampeln treffen um Geld zu verdienen und gemeinsam
zu jonglieren. Sie lernen ausschließlich voneinander oder aus dem
Internet und nutzen diese Form der Kunst um selbstbestimmt Geld zu
verdienen. Jongliert wird mit 3,4,5,6 Bällen, Keulen und Macheten - auf
Rollbrettern stehend oder auch Einrad fahrend. In einer guten Stunde
soll mensch bis zu 15 Luca (ein Luca=tausend Peso) verdienen können,
was in etwa 20 Euro sind. Dafür muss mensch allerdings schon eine
besondere Show zeigen, da die Konkurrenz groß ist und die
Autofahrer*innen deshalb nicht mehr so leicht zu beeindrucken sind.
Dennoch kann auch ein/e Anfänger*in so etwas Kleingeld machen.
Autos auf dem Weg zum Einkaufszentrum sollen wohl am
freigiebigsten sein.

Kontakte:

elsolacrata@gmail.com
facebook.com/ferialibertariaelgatonegro
(https://www.facebook.com/profile.php?id=100012963543891&fref=ts)
facebook.com/socresinstenciaantofahttps://periodicoelsolacrata.wordp
ress.com/
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