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(de) FDA-1FA, Gai Dao Nr. 71 - Lucy Parsons ­ Die Prinzipien des Anarchismus Von: Lucy Parsons / Übersetzung: Benjamin

Date Fri, 18 Nov 2016 10:04:28 +0200


Anmerkung der Redaktion: Lucy Eldine González Parsons (1853-1942) war eine US-amerikanische kommunistische Anarchistin, war vor allem in der frühen Arbeiterbewegung aktiv und Mitglied der Industrial Workers of the World (IWW). Sie schrieb u.a. für die anarchistischen Zeitungen „The Alarm“ (U.S.A.) und „Les Temps Nouveaux“ (Frankreich). Die folgende Rede aus dem Jahre 1904 ist sowohl 2004 in dem Buch „Lucy Parsons: Freedom, Equality and Solidarity“ von Gale Ahrens als auch im Februar 2016 in dem von der Black Rose Anarchist Federation herausgegebenen „Black Anarchism Reader“ veröffentlicht worden. http://www.blackrosefed.org/black-anarchism-a-reader/ ---- Genoss*innen und Freund*innen: ---- Ich denke, ich kann meine Rede nicht geeigneter beginnen als über meine langjährige Erfahrung in der Reformbewegung zu berichten:

Es war während des großen Eisenbahnstreikes von 1877, als ich zum
ersten Mal Interesse an dem fand, was heute als "die Arbeiterfrage"
bekannt ist. Ich dachte damals wie viele aufrichtige, ehrliche Leute, dass
die gesamte Macht, die in der menschlichen Gesellschaft wirkt, auch als
'Regierung' bekannt, ebenfalls in den Händen der Unterdrückten zu
einem Mittel gemacht werden könnte, um deren Leiden zu mildern.
Aber eine genauere Beschäftigung mit dem Ursprung, der Geschichte
und der Veranlagung von Regierungen haben mich später davon
überzeugt, dass dies ein Irrtum war. Ich begann zu durchschauen wie
organisierte Regierungen ihre konzentrierte Macht nutzen um den
Fortschritt aufzuhalten, indem sie immer bereit sind kritische Stimmen zum Schwei-
gen zu bringen, wenn diese sich im heftigen Protest erheben gegen die
Machenschaften der intriganten Wenigen, welche schon immer

herrschten, immer herrschen werden und notwendigerweise auch" in
Nationalräten" immer herrschen müssten, in denen der
Mehrheitsentscheid als das einzige Mittel zur Regelung der politischen
Angelegenheiten betrachtet wird. Ich begann zu verstehen, dass solch
eine konzentrierte Macht immer nur im Interesse der Wenigen und auf
Kosten der Vielen ausgeübt werden kann. Eine Regierung als solche ist
letztendlich genau diese Macht, nur eben auf eine Wissenschaft
reduziert. Aber Regierungen führen eigentlich nie den Fortschritt, sie
müssen dem Fortschritt folgen. Wenn das Knastsystem, die Grenzen
und die Rüstungsindustrie die Stimme der protestierenden Minderheit
nicht länger zum Schweigen bringen können, geht der Fortschritt einen
Schritt weiter, aber noch nicht weit genug.

Ich werde diese Behauptung auf eine andere Art zu erklären versuchen:
Ich lernte durch genaue Beschäftigung, dass es gar keinen Unterschied
macht was für Veränderungen eine politische Partei, die gerade nicht an
der Macht ist, den Leuten auch versprechen würde um sich deren
Vertrauen zu sichern. Sobald sie sich sicher in der Machtposition über
die politischen Angelegenheiten aller etabliert haben, sind sie plötzlich
alles andere als menschlich, besitzen dann aber alle „menschlichen“
Eigenschaften eines*r Politiker*in. Zu diesen gehören: 1. An der Macht
zu bleiben, koste es was es wolle. Wenn auch nicht persönlich dann
müssen wenigstens die in den Kontrollpositionen bleiben, die
grundlegend die Ansichten der Verwaltung teilen. 2. Um an der Macht
zu bleiben, ist es notwendig eine ganze mächtige Maschinerie
aufzubauen, die stark genug ist um alle Opposition zu zerstören und
alle heftig raunenden Kritiker*innen still zu halten, sonst könnte ja die
ganze Maschinerie zerstört werden und die Partei ihre Kontrolle
verlieren.

Als ich begann die Fehler, die Schwächen, die Defizite, die
Bestrebungen und Ambitionen der fehlbaren Menschen zu realisieren,
schlussfolgerte ich, dass es weder die sicherste noch beste Strategie für
die ganze Gesellschaft sein würde, die Organisation all ihrer
Angelegenheiten in ihren vielfältigen Differenzen und
Verzweigungen den Händen von begrenzten Leuten
anzuvertrauen noch von einer Partei organisiert zu werden, die
an die Macht kam, nur weil sie die „Mehrheitspartei“ war. Und
es machte weder damals noch jetzt für mich einen

Unterschied, was eine Partei verspricht, die gerade nicht an der Macht
ist. Es tendiert auch nicht gerade dazu meine Befürchtungen über eine
Partei zu mindern, wenn diese, eingespielt und in ihrer Machtposition
eingerichtet, dann die Opposition zerstört und die Stimme der
Minderheiten zum Schweigen bringt und auf diese Weise den Schritt
Richtung Fortschritt aufhält.

Mein Geist ist entsetzt von dem Gedanken, dass eine politische Partei
die Kontrolle über alle Bereiche haben könnte, die zusammen gefasst,
unser ganzes Leben betreffen. Denkt doch mal einen kurzen Moment
darüber nach was es eigentlich heißt, wenn eine Partei, die an der
Macht ist, alle Autorität darüber haben soll, uns vorzuschreiben welche
Bücher in der Schulen und Universitäten genutzt werden sollen. Die
offizielle Regierung allein soll darüber entscheiden wie unsere Literatur,
Geschichte und Presse geschnitten, gedruckt und verteilt wird und die
tausend und eins Aktivitäten des Lebens, die die Leute in einer
zivilisierten Gesellschaft eigentlich beschäftigen, gar nicht erst
erwähnen.

In meinem Verständnis ist der Kampf für die
Freiheit zu kostbar und die wenigen Schritte, die
wir bisher erreicht haben, haben wir durch ein zu
großes Opfer gewonnen, sodass wir als große
Masse der Leute dieses 20. Jahrhunderts doch
wenigstens darin übereinstimmen sollten die
Organisation unserer sozialen und industriellen
Angelegenheiten nicht irgendeiner Partei zu
überlassen. Allen, die mit der Geschichte
einigermaßen vertraut sind, wird bekannt sein,
dass Menschen politische Macht durchaus falsch
verwenden können, sobald sie sie besitzen.
Deswegen und auch aus anderen Gründen,
wendete Ich mich, nach sorgfältiger Beschäftigung
und nicht von Gefühlen geleitet, als eine ehemals
ehrliche, aufrichtige, politische Sozialistin einer
außerparlamentarischen Form des Sozialismus,
dem Anarchismus zu, weil ich glaube in dessen
Philosophie die richtigen Bedingungen für die
vollständigste Entwicklung der individuellen Anteile der Gesellschaft
zu finden, welche unter Einschränkungen von Regierungen niemals
möglich sein wird.

Die Philosophie des Anarchismus ist eigentlich schon in dem Wort
"Freiheit" enthalten, sie ist sogar umfassend genug, um alle Dinge
einschließen zu können, die dem Fortschritt dienlich sind. Keinen der
fortschrittlichen Ideen oder Untersuchungen der Menschen sind im
Anarchismus Grenzen gesetzt. Nichts wird als so wahr oder so sicher
betrachtet, dass eine zukünftige Entdeckung es nicht doch noch als
falsch erweisen könnte. Deshalb hat der Anarchismus auch nur ein
einziges, unfehlbares und unveränderliches Ideal: Freiheit. Die Freiheit
jede beliebige Wahrheit zu entdecken. Die Freiheit sich zu entwickeln
um ganz natürlich und erfüllt leben zu können. Andere Denkschulen
sind nur zusammengefasst aus kristallisierten Ideen, aus Prinzipien, die
auf Rednerpulten gefunden und nur erhalten wurden, weil sie als zu
heilig betrachtet werden, als dass sie durch eine genaue Erforschung
hinfällig gemacht werden dürften. In allen anderen Theorien gibt es
immer eine Begrenzung, irgendeine erdachte jenseitige Grenzlinie, die
der suchende Geist sich nicht traut zu überwinden und damit
irgendeine verwöhnte Idee zu einem Mythos macht. Der Anarchismus
aber ist eine Art Platzanweiser der Wissenschaft - ein Meister des
Zelebrierens der Wahrheitsfindung. Er könnte die Menschen von allen
Hindernissen ihrer natürlichen Entwicklung befreien. Von den
natürlichen Ressourcen der Erde würde er alle künstlichen
Einschränkungen trennen, die den Körper nur scheinbar nähren. Und
von universeller Wahrheit würde er alle beschränkenden Vorurteile und
Aberglauben lösen, die der Geist vielleicht parallel entwickelt hat.
Anarchist*innen wissen aber auch, dass eine lange Bildungsperiode
jeder großen fundamentalen Veränderung vorangehen muss. Deshalb
glauben sie auch nicht an das Bettelprinzip der Wahlen oder an
Kampagnen von Parteien sondern stattdessen an die Entwicklung von
selbst denkenden autonomen Individuen.

Wir sehen von der Regierung ab um uns zu
befreien, weil wir wissen, dass legalisierte Gewalt
die persönliche Freiheit der Menschen bedroht,
natürliche Elemente des Lebens angreift und sich
zwischen den Menschen und die Naturgesetze
stellt. Aus diesem Gewaltakt der Regierungen
fließt nahezu alle Misere, Armut, Verbrechen und
Verwirrung, die in Gesellschaften existieren.

Wir bemerken aber auch, dass es tatsächliche,
materielle Barrieren gibt, die den Weg blockieren.
Diese müssen abgeschafft werden. Wenn wir
hoffen könnten, dass sie wegschmelzen würden
oder abgewählt werden könnten oder gebeten
werden könnten zu verschwinden, würden wir
damit zufrieden sein abzuwarten, zu wählen oder
zu beten. Sie ragen aber wie große, düstere
Barrieren zwischen uns und dem Land der
Freiheit empor, während Kluften einer hart
umkämpften Vergangenheit hinter uns ihre Mäuler aufreißen. Vielleicht
werden die Barrieren unter ihrer eigenen Last im Abklingen der Zeit
zerbröckeln, aber nur ruhig stehen zu bleiben bis sie auf uns fallen
werden, würde bedeuten sich freiwillig in ihren Ruinen zu vergraben.
Es gibt etwas zu tun in einem Fall wie diesem - die Barrieren müssen
abgeschafft werden. Passiv zu bleiben, während die Sklaverei sich über
uns her macht, wäre ein Verbrechen. Vielleicht müssen wir aber auch
manchmal für einen Moment vergessen, dass wir Anarchist*innen sind,
denn wenn die Arbeit vollendet sein wird, werden wir vielleicht auch
vergessen haben, dass wir Revolutionär*innen waren. Viele
Anarchist*innen denken nämlich, dass die kommende Veränderung nur
durch eine Revolution kommen kann, weil die besitzende Klasse eine
friedliche Veränderung nicht zulassen wird. Wir sind dennoch gewillt
uns um jeden Preis für den Frieden zu engagieren, nur eben nicht um
den Preis der Freiheit.

Denn was ist mit der Begeisterung der Armen, die ihre Gesichter so
erstrahlen lässt, dass manche sagen es sei nur eine Illusion? Es ist kein
Traum, es ist echt, von Visionär*innen enthüllt und materialisiert in
Positionen, Überzeugungen, Gerüchten und Verteidigung. Es ist die
Natur die nach ihren eigenen inneren Gesetzen handelt, wie in all ihren
anderen Organisationsformen. Ist es nicht eine Rückkehr zu frühen
Prinzipien, in denen das Land, das Wasser und das Licht noch frei
waren, bevor Regierungen Gestalt und Form annahmen? In diesem
freien Zustand werden wir wieder verlernen alle Dinge als "Eigentum"
zu betrachten. Es ist echt, denn wir, als eine Spezies, wachsen daraufhin
zu. Die Idee von weniger Einschränkung und mehr Freiheit und einem
starken Vertrauen, dass die Natur gleich zu ihrer Arbeit ist, durchdringt
alle modernen Gedanken. Von dem noch nicht so lange vergangen
düsteren Zeitalter, als Menschen noch annahmen, dass der menschliche
Geist völlig verkommen war und jeder menschliche Impuls schlecht sei,
als die Ausgestoßenen noch erkrankten, verbluteten, erstickten und so
weit wie möglich von den Heilmitteln der Natur fern gehalten wurden,
als der Geist an sich gerissen und verzerrt wurde, bevor er Zeit hatte
einen natürlichen Gedanken zu entwickeln - von jenen bis zu diesen
Tagen war der Fortschritt dieser Idee schnell und stetig. Und es wird
immer offensichtlicher, dass wir in jederlei Hinsicht "am besten regiert
sind wo wir am wenigstens regiert werden".

Vielleicht noch unzufrieden, sucht die*der Fragende nach Details, nach
Wegen und Mitteln, nach dem Wieso und Warum? Würde es uns
schlecht gehen, wenn wir einfach ohne eine Regierung essen und
schlafen, arbeiten und lieben, uns austauschen und handeln würden?
Wir haben uns so sehr an eine "organisierte Autorität" in jedem
Lebensbereich gewöhnt, dass wir uns alltägliche Beschäftigungen ohne
ihre Einmischung und ihren "Schutz" gar nicht mehr vorstellen können.
Aber der Anarchismus ist auch nicht dazu verpflichtet eine komplette
Organisation einer freien Gesellschaft zu skizzieren. Das zu tun, mit
einer erneuten Autorität, würde wieder bedeuten den folgenden
Generationen eine Barriere in den Weg zu stellen. Denn selbst der beste
Gedanke von heute könnte vielleicht morgen nur noch eine nutzlose
Laune sein. Etwas zu einem unwiderruflichen Glaubensbekenntnis zu
kristallisieren bedeutet auch etwas sperrig zu machen.

Wir urteilen aus Erfahrung, dass der Mensch ein geselliges Tier ist und
sich instinktiv mit seinen Mitmenschen zusammenschließt, sich in
Gruppen vereinigt und vorteilhafter mit seinen Mitmenschen arbeitet
als allein. Dies zeigt sich auch in der Gründung von kooperativen
Gemeinschaften, von denen zum Beispiel unsere heutigen
Gewerkschaften schon gute Vorbilder sind. Jeder Industriezweig wird
zweifelsohne seine eigene Organisation, Regulation und Koordination
etc. haben müssen, aber es wird Methoden direkter Kommunikation
zwischen jedem Mitglied dieses Industriezweiges weltweit einführen
können und auch gerechte Beziehungen mit allen anderen Zweigen
etablieren. Es wird wahrscheinlich industrielle Kongresse geben, an
denen Delegierte teilnehmen würden, auf denen sie das jeweils
notwendige Geschäft abschließen oder vertagen und von diesem
Moment an keine Delegierte sondern einfach nur Mitglieder der
Gruppe sein würden. Ein dauerhaftes Mitglied eines einzigen
weitergehenden Kongresses jedoch zu sein, würde wiederum bedeuten
eine bestimmte Macht zu etablieren, die sicherlich früher oder später
ausgenutzt werden würde.

Denn keine große zentrale Macht, wie beispielsweise ein
übergeordneter Kongress, der aus Leuten besteht, die nichts über die
wesentlichen Verhandlungen, Interessen, Rechte oder Pflichten der
anderen wissen, würde die verschiedenen anderen einzelnen
Organisationen oder Gruppen ersetzen können. Sie dürften auch
keinesfalls Sheriffs, Polizist*innen, Gerichte oder
Gefängnisaufseher*innen einstellen um die auf dem Kongress
erreichten Lösungen durchzusetzen. Die Mitglieder anderer Gruppen
würden ja auch vermutlich profitieren von dem durch gegenseitigen
Austausch von Gedanken erreichten Wissen, wenn ihnen denn erlaubt
ist an den Kongressen teilzunehmen. Aber sie sollten nicht dazu
verpflichtet sein oder von irgendeiner außenstehenden Kraft dazu
gezwungen werden.

Erworbene Vorrechte, Privilegien, Freibriefe und Eigentumsurkunden,
die von all den Institutionen der Regierung, den sichtbaren Symbolen
der Macht, aufrechterhalten werden (z.B. das Gefängnis, die
Rüstungsindustrie und die Armeen) werden nicht mehr existieren.

Keine Privilegien dürften gekauft oder verkauft werden[...]Jeder
Mensch wird im Leben auf dem selben Fundament stehen wie sein
Bruder oder seine Schwester und weder Ketten noch ökonomische
Knechtschaft oder Handschellen durch Aberglauben sollen die Einen
zum Vorteil der Anderen einschränken.

Das Eigentum wird ein bestimmtes Element verlieren, welches es jetzt
noch heiligt. Der absolute Besitz von etwas - "Das Recht zu nutzen oder
auszunutzen" - wird abgeschafft worden sein und zweckvolles
Gebrauchen wird der einzige dementsprechende Begriff sein. Der
Mensch wird einsehen, wie unmöglich es für eine Person sein würde
eine Million Hektar Land zu "besitzen", welche als "Privatbesitz" von der
Regierung mit allen Mitteln verteidigt werden würde und sogar den
Verlust von tausenden Menschenleben in Kauf nehmen würde. Doch
weder könnte diese Person allein eine Million Hektar Land gebrauchen
noch könnte sie überhaupt dem Boden die gesamten Ressourcen
entnehmen, die er enthält.

Die Leute haben sich so daran gewöhnt
überall mit Formen von Autorität zu leben,
sodass die meisten von ihnen ernsthaft daran
glauben, dass sie völlig verloren wären, wenn
es den Polizistenclub oder das
Soldatenbajonett nicht mehr gäbe. Aber die
Anarchist*innen sagen: "Lösen wir uns lieber
von diesen Institutionen der rohen Gewalt
und gewähren wir uns die wiederbelebenden
Einflüsse von eigener Verantwortung und
Selbstkontrolle und schauen wir wie wir auf
diese besseren Einflüsse reagieren werden."

Der religiöse Glaube, als ein
nervenraubendes Element ist schon fast
ausgestorben. Und anstatt den
vorhergesagten entsetzlichen Ergebnissen
haben wir heute einen höheren und
wahreren Standard von Menschlichkeit
erreicht. Die Leute interessieren sich nicht
dafür Schlechtes zu tun, wenn sie erkennen, dass sie es auch ebenso
lassen können. Viele Individuen sind sich ihren eigenen Motiven Gutes
zu tun jedoch nicht bewusst. Während sie sich in ihrem Handeln nach
ihrer Umgebung und ihren Umständen richten, glauben sie weiterhin,
dass sie von irgendeiner äußeren Macht auf dem richtigen Weg gehalten
werden. Einige scheinen von der Kirche oder dem Staat richtig
vereinnahmt worden zu sein. Daher glaubt manche betrachtende
Person, dass mit dem Recht auf Rebellion und Ablösung, die ihr
durchaus wertvoll erscheint, sie für immer rebellieren und sich ablösen
müsste und dadurch bleibende Verwirrung und Aufruhr stiften würde.
Aber ist es denn wahrscheinlich, dass sie dies tatsächlich immer tun
würde, nur weil sie es eben tun könnte? Die Menschen sind doch aber
auch zu einem Großteil Gewohnheitstiere und lieben mehr und mehr
Vereinigungen. Unter angemessenen guten Bedingungen würden sie
sicher bleiben wo sie begonnen haben, wenn sie es sich denn
wünschten. Und wenn sie es sich nicht wünschten, wer hat denn dann
irgendein natürliches Recht sie zu Beziehungen zu zwingen, die ihnen
missfallen? In der dann bestehenden Ordnung der sozialen
Angelegenheiten könnten sich Personen weiterhin in Gesellschaften mit
ihren Mitmenschen verbinden, aber gleichzeitig könnte doch auch
durchaus das Recht sich zurückzuziehen immer gewährleistet sein.

Wofür wir Anarchist*innen also stehen ist eine größere Möglichkeit die
freiwilligen Vereinigungen in der Gesellschaft zu fördern, damit die
Menschen das Recht besitzen sich ähnlich einem Klang zu dem zu
entwickeln, was am umfassendsten, edelsten, höchsten, besten und
ungehindertsten von irgendeiner zentralisierten Autorität sein würde
und von wo aus sie aktiv nach dem Zusammenleben mit ihren
Mitmenschen streben sollten. Letztendlich wissen wir also, nachdem
wir aufgeklärt wurden, dass wir durch diese größere Freiheit wachsen
werden und immer weniger auf die genaue Verteilung von materiellem
Reichtum achten müssten, welcher in unseren giergenährten
Verblendung jetzt noch so unmöglich
scheint. Gute Menschen dieser Zeit denken
schon nicht so sehr an die Reichtümer, die
durch ihre Bemühungen errungen werden
könnten, als an das Gute, dass sie für ihre
Mitmenschen tun können. Es gibt eine Art
entspringenden Frühling von natürlichem
gutem Handeln in allen Menschen von
Geburt an, welche sie vor und zurück
treiben, falls sie nicht durch Armut und
Schufterei zu sehr zerstört und abgestumpft
wurden. Sie können es sich nicht mehr
leisten faul zu sein. Und selbst wenn sie
etwas faul sein würden, würden sie sich
weiterhin natürlich entwickeln, wachsen
und die ihnen eigenen Kräfte nutzen, sofern
diese denn nicht zu sehr unterdrückt sind,
so wie auch die Rose natürlicherweise im
Sonnenlicht blüht und ihren Duft mit dem
vorbeiziehenden Lufthauch verteilt.

Die besten Werke der Vergangenheit wurden noch nie wegen des Geldes
vollbracht. Wer kann schon das Werk eines Shakespeares, eines
Michelangelos oder Beethovens in Dollars und Cents bemessen? Auch
Agassiz sagte er hatte gar "keine Zeit um Geld zu verdienen", da es eben
höhere und bessere Ziele im Leben gab. Und so wird es auch sein, wenn
die Menschheit eines Tages entlastest sein wird von der erdrückenden
Furcht, dem Hunger, der Not und der Sklaverei. Sie wird immer
weniger betroffen sein von dem Eigentum und den riesigen
Anhäufungen von Reichtum. Solche Besitztümer würden nichts weiter
als Ärger und Probleme bedeuten. Wenn zwei, drei oder vier Stunden
am Tag von leichter und gesunder Arbeit all den Komfort und Luxus
produzieren würden, die die Menschen brauchen und ihnen die
Möglichkeit zu arbeiten niemals verweigert wird, werden die Leute
endlich gleichgültig gegenüber denen sein, die Reichtum besitzen, den
sie sowieso nicht brauchen. Reichtum wäre nicht mehr erwähnenswert
und die Menschen würden es nicht mehr akzeptieren sich damit
bezahlen zu lassen, bestochen zu werden oder gezwungen zu werden
etwas zu tun was sie natürlicherweise und bereitwillig nicht tun
würden. Ein viel größerer Anreiz sollte und wird es dann sein die Gier
nach Gold zu verdrängen. Das unfreiwillige Bestreben der Menschen
das Beste aus sich zu machen, geliebt und geschätzt von den
Mitmenschen zu sein und "die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu
machen" wird sie zu edleren Handlungen drängen als es die
erbärmlichen und selbstsüchtigen Triebe nach materiellem Gewinn
jemals getan haben.

Falls im derzeitigen chaotischen und beschämenden Existenzkampf, in
welchem die Gesellschaft Gier, Grausamkeit und Betrug sogar noch
belohnt, Menschen gefunden werden können, die abseits und fast
alleine in ihrer Bestimmung mehr für
Güter arbeiten als für Gold, welche lieber
Not und Verfolgung erleiden anstatt ihre
Prinzipien zu verraten, welche sich mutig
für das Gute einsetzen, dass sie für die
Menschheit tun können: Was können wir
dann von denen erhoffen, die sich befreit
haben von der zermahlenden
Bedürftigkeit den besten Teil ihrer selbst
verkaufen zu müssen nur um Brot zum
Überleben zu haben? Die schrecklichen
Bedingungen, unter denen Arbeit
abgehalten wird, die furchtbare Alternative, falls man sein Talent und
seine Moral nicht im Dienste des Geldes prostituiert und die mit
immerfort ungerechten Mitteln erworbene Macht des erlangten
Reichtums, scheinen kombiniert das Konzept von freier und freiwilliger
Arbeit fast unmöglich zu machen. Aber dennoch gibt es schon jetzt
Beispiele von diesem Prinzip. In einer wohlerzogenen Familie
beispielsweise hat jede Person bestimmte Aufgaben, welche auch frohen
Mutes erfüllt werden und welche nicht bemessen und nach irgendeinem
vorherbestimmten Standard bezahlt werden. Wenn die vereinten
Mitglieder sich zusammen an den gut gedeckten Tisch setzen, zanken
sich die Stärkeren nicht etwa darum das meiste zu bekommen, während
die Schwächeren - auch nicht gierig - mehr Essen um sich scharren als
sie eigentlich essen können. Jede Person erwartet geduldig und höflich
darauf bedient zu werden und überlässt das, was sie nicht möchte, den
Anderen. Und trotzdem kann sie sich sicher sein, dass wenn sie wieder
hungrig ist, sie mit einer Menge von gutem Essen ausgestattet sein
wird. Dieses Prinzip könnte auf die gesamte Gesellschaft angewandt
werden, wenn die Leute denn zivilisiert genug wären um dies auch zu
wollen.

Noch einmal: Die völlig unmögliche Vergabe eines exakt dem Ertrag der
erbrachten Arbeit entsprechenden Lohnes wird das Aufbringen des
absoluten Sozialismus früher oder später notwendig werden lassen. Das
Land und alle seine Rohstoffe, ohne die Arbeit ja keine Anstrengung
wert wäre, gehören niemanden aber gleichzeitig auch allen. Die
Erfindungen und Entdeckungen der Vergangenheit sind der
gemeinsame Nachlass für die kommenden Generationen. Und wenn ein
Mensch einen Baum gebraucht, den die Natur frei geschaffen hat und
diesen zu einem nützlichen Gegenstand umgestaltet oder der Person ein
über mehrere Generationen hinweg perfektioniertes Werkzeug
hinterlassen wurde, wer kann denn dann bestimmen, welche Menge ihr
und nur ihr Anteil daran ist? Die frühen Menschen hätten mit ihren
unpraktischen Werkzeugen eine Woche gebraucht um einem
Gegenstand von heute eine grobe Ähnlichkeit zu verleihen, während
die modernen Arbeiter*innen dafür heute nur eine Stunde beschäftigt
sind. Der fertige Artikel hat bei weitem einen höheren Wert als die
groben Versuche, die die Menschen vor langer Zeit unternahmen. Aber
sicherlich haben die frühen Menschen am längsten und härtesten
geschuftet. Wer kann nun also mit präzisester Gerechtigkeit bestimmen
welcher jedes*r Einzelnen*r Anteil ist? Es müsste eine Zeit kommen, in
der wir aufhören werden diesen Versuch überhaupt erst zu
unternehmen. Die Erde ist so freigiebig,
so großzügig, das menschliche Gehirn so
leistungsstark und die menschlichen
Hände so ruhelos, dass Wohlstand wie
durch Magie sprießen würde und bereit
sein würde von den Bewohner*innen der
Erde genutzt zu werden. Eines Tages
werden wir uns so darüber schämen über
die Schätze der Erde zu streiten wie wir
uns jetzt schon schämen über das Essen
zu zanken, welches auf einem gut
gedeckten Tisch verteilt vor uns liegt.
"Aber das alles", mahnen die kritischen Betrachter*innen, "ist ja sehr
schön in der fernen Zukunft, wenn wir alle Engel sein werden. Aber es
wird doch jetzt nicht dazu führen Regierungen und repressive Gesetze
abzuschaffen. Die Menschen sind dazu doch nicht bereit."

Das ist die Frage. Wir haben - die Geschichte studierend - gesehen, dass
wo auch immer repressive Einschränkungen abgeschafft wurden, die
Menschen ihre neu gewonnene Freiheit nicht unbedingt ausgenutzt
haben. Es wurde früher beispielsweise angenommen, dass Menschen
dazu gezwungen werden müssten ihre Seelen durch Regierungen und
die Kirche retten zu lassen. Bis zur Gründung der U.S.-amerikanischen
Republik wurde es als absolut essentiell betrachtet, dass Regierungen
die Kirchen in ihren Bemühungen unterstützen sollten die Menschen
dazu zu zwingen die Beichtstühle zu besuchen. Aber jetzt haben wir
herausgefunden, dass der moralische Standard unter den Massen
gestiegen ist, seitdem sie frei entscheiden dürfen ob, wann und wie sie
beten, wenn sie es denn überhaupt wollen. Auch wurde geglaubt
Versklavte hätten nicht gearbeitet, wenn der*die Aufseher*in und die
Peitsche abgeschafft worden wären. Derzeit sind die Arbeiter*innen im
Kapitalismus aber eine ebenso große Profitquelle, dass sogar ehemalige
Versklavende nicht zu dem alten System zurückkehren würden.

So viele fähige Schriftsteller*innen haben uns mittlerweile gezeigt, dass
die ungerechten Institutionen, die unter den Massen so viel Elend und
Leid hervorrufen, ihre Ursache in der Regierung als solcher haben und
ihre ganze Existenz der von den Regierungen abgeleiteten Macht
verdanken, sodass wir zu keinem anderen Schluss gelangen können als
zu glauben, dass wenn jedes Gesetz, jede Eigentumsurkunde, jeder
Gerichtssaal und jede*r Polizist*in oder Soldat*in mit einem Male
abgeschafft wären, wir um einiges besser dran wären als jetzt. Die
wirklich nützlichen materiellen Dinge, die die Menschen zum Leben
brauchen, würden immer noch existieren. Die
Stärken und Fähigkeiten der Menschen würden
weiterhin bestehen und ihre instinktiv sozialen
Neigungen würden ihre Kraft sichern und alle
Ressourcen für das Leben würden für alle frei
gemacht werden, sodass sie keine Kraft mehr
außer der starken Gesellschaft selbst und die
Meinung der Mitmenschen benötigen würden um
ein moralisch aufrichtiges Leben zu leben.

Befreit von den Systemen, die ihnen so
ausschließend gegenüber waren, werden sie sich
wohl kaum mehr ausgestoßen fühlen, wenn diese
Systeme abgeschafft worden sind. Es ist weit mehr
enthalten in dem Gedanken, dass die Bedingungen
den Menschen zu dem machen, was er*sie ist. Und
Gesetze und Strafen schienen nicht zur
moralischen Orientierung erfunden worden zu
sein, sondern vermutlich eher mit unzureichender
Beobachtung und voreiligen Schlüssen. Gesetze, Gefängnisse,
Gerichtssäle, Armeen, Gewehre und Waffenarsenale hätten wir ja
schließlich genug um aus uns allen Heilige zu machen, wenn diese denn
tatsächlich Verbrechen vorbeugen könnten. Eigentlich wissen wir aber
unterbewusst schon, dass sie dies nicht können und dass Bosheit und
Verdorbenheit trotz ihnen immer noch existieren. Nein, der Kampf
zwischen den Klassen wird zunehmend heftiger. Der Reichtum wird
größer und mächtiger und die Armut wird schlimmer und
verzweifelter.

Zu der herrschenden Klasse sagen die Anarchist*innen also: "Damen
und Herren, wir verlangen kein Privileg, wir beabsichtigen keine
Einschränkungen anderer, wir werden sie aber ebensowenig dulden.
Wir wollen keine neuen Ketten legen, denn wir streben ja die Befreiung
aller Ketten an. Wir fragen nicht nach einer "gesetzesausführenden
Sanktion". In unserer Zusammenarbeit auf dem freien Feld werden wir
euch um keine Gefallen bitten, aber auch keine Einmischung dulden."
Der Anarchismus erklärt, dass in der Freiheit der sozialen Vereinigung
der freiheitliche soziale Zustand selbst schon erlangt ist. Er erklärt,
Ordnung nur da existieren kann wo Freiheit besteht und das Fortschritt
nie der Ordnung folgt sondern die Ordnung antreibt. Er erklärt
schließlich, dass diese Befreiung feierlich eröffnet werden wird und
zwar als Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ich glaube, dass
das existierende industrielle System schon jetzt zu seiner Nutzlosigkeit
ausgewachsen ist, falls es denn jemals einen Nutzen besaß und dies
auch von all jenen bestätigt wird, die sich
ernsthaft über diese Phase der sozialen
Bedingungen Gedanken gemacht haben.

Die Erscheinungsformen der sozialen Kritik, die
nun überall auftauchen, zeigen doch, dass die
gegenwärtige Gesellschaft von falschen
Prinzipien geleitet wird und das bald etwas getan
werden muss, weil die lohnabhängige Klasse
sonst in noch schlimmere Sklaverei abgleiten
wird, als sie es bereits für die feudalistischen
"Leibeigenen" war. Ich sage zur lohnabhängigen
Klasse: Denkt klar und handelt schnell oder ihr
seid verloren! Streikt nicht nur für ein paar Cents
mehr die Stunde. Den Preis für den
Lebensunterhalt werden sie schon bald wieder
erhöhen. Streikt, damit ihr auch wirklich alles
verdient, was ihr zum Leben braucht und gebt
euch mit nichts weniger als dem zufrieden!

[...]

Definitionen des Anarchismus (Lucy Parsons):

Anarchismus: Philosophie einer neuen sozialen Ordnung, die auf
Freiheit beruht und nicht von staatlichen Gesetzen eingeschränkt wird.
Theorie, dass alle Formen von Herrschaft auf Gewalt basieren, welche
falsch, schädlich und ebenso unnötig ist.

Anarchie: Abwesenheit von Herrschaft. Zweifel an - und Verachtung
von Übergriffen und Autorität, welche auf Nötigung und Zwang
beruhen. Ein Gesellschaftszustand, der durch freiwillige
Übereinstimmung und nicht durch Herrschaft reguliert wird.

Anarchist*in: 1. Eine Person, die an den Anarchismus glaubt. Eine
Person, die sich allen Formen erzwungener Herrschaft und
übergrifflicher Autorität entgegensetzt.

2. Eine Person, die die Anarchie, also die Abwesenheit von Herrschaft
als ein Ideal von politischer Freiheit und sozialer Harmonie
befürwortet
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