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(de) FDA-IFA, Gai Dào N°65 Mai 2016 - Feminismus und Kofliktbewältigung: Die britische anarchistische Föderation und ihre Safer-Spaces-Policy Von: Anarchistisches Radio Berlin / Übersetzung: madalton

Date Fri, 13 May 2016 17:53:03 +0300


Als Anarchistisches Radio Berlin hatten wir die Gelegenheit mit einer Gefährtin der britischen Anarchist Federation über ihre Safer-Spaces-Policy zu sprechen. In diesem Interview erzählt sie uns von den Anfängen dieses Konzepts, den Missverständnissen und den gängigsten Abwehrstrategien sowie von der tatsächlichen Praxis und der ständigen Weiterentwicklung dieser Methode, die sich mit der Konfliktbewältigung in politischen Strukturen befasst und deren Abläufe sich im Fall von körperlichem Übergriffen nach den Bedürfnissen der Betroffenen richten. ---- A-Radio Berlin: Bei mir ist Emma, ein Mitglied der britischen Anarchist Federation. Wir werden uns über Safer Spaces unterhalten. Könntest du uns als Einstieg kurz beschreiben, was ein Safer Space im Allgemeinen ist?

Emma: Das Konzept der Safer Spaces entwickelte sich im Umfeld der
sozialen Zentren und der emanzipatorischen Bewegungen in den USA
und wurde zu diesem Zeitpunkt Safe Spaces genannt. Die Idee war, in-
dem wir die Verhaltensweisen definieren, nach denen wir streben, und
genauer festlegen, wie wir uns gegenseitig behandeln wollen und wie
nicht, können wir ein klareres Bild davon erlangen, wie wir uns ohne
Autoritäten, ohne Polizei, ohne Gerichtshöfe und ohne das autoritäre
Justizsystem organisieren können und wie wir selbst mit Problemen
fertig werden können.

Wir lehnen staatliche Gesetze ab, aber das bedeutet nicht, dass wir an-
dere Menschen einfach schlecht behandeln und uns nicht um sie küm-
mern. Es geht also darum, eine Möglichkeit zu finden, uns miteinander
zu organisieren und uns dabei gegenseitig so zu behandeln, dass wir uns
sicher fühlen können. Dann wurden daraus Safer Spaces, denn du
kannst niemals garantieren, dass es an jedem Ort vollständig sicher für
alle Menschen sein kann. Jede*r hat verschiedene Bedürfnisse, jede*r
bringt eine andere Vergangenheit mit, jede*r hat unterschiedliche Er-
wartungen an Sicherheit. Alles was wir jemals erhoffen können, ist es,
die Bestrebungen sich gegenseitig respektvoll zu behandeln, an dem je-
weiligen Ort zu etablieren und so den Raum sicherer zu machen, als er
anderenfalls sein würde, und sicherer, als wenn wir uns auf den Schutz
der Polizei verlassen würden.

Die AFed, die anarchistische Föderation in Großbritannien, begann vor
zwei Jahren mit den Überlegungen und Ausarbeitungen zur Safer-
Spaces-Policy. Wir würden gerne wissen, wie dieser Prozess ins Rollen
geriet, wie die Föderation aufdie Idee kam, sich über dieses Thema Ge-
danken zu machen und wie es schließlich eingeführt wurde?

Wir fingen an über eine Safer-Spaces-Policy nachzudenken, nachdem
sich ein paar Konflikte und Vorfälle ereignet hatten, mit denen wir zwar
klar gekommen sind, aber wir erkannten, dass wir damit hätten besser
umgehen können, wenn wir eine Methode gehabt hätten, an der wir
uns hätten orientieren können. Denn manchmal, wenn du versuchst ei-
ne schwierige Situation zu bewältigen und die Leute wütend und auf-
gebracht sind, ist das nicht der günstigste Zeitpunkt, um über eine
Lösung nachzudenken. Dann hast du das Gefühl, es wäre gut schon et-
was griffbereit zu haben, in dem du nachschlagen kannst, das dich an-
leiten kann, die Situation zu beruhigen. Und ich arbeitete zu diesem
Zeitpukt gerade an einer Safer-Spaces-Policy zusammen mit dem „Next
to Nowhere“, meinem lokalen sozialen Zentrum in Liverpool. Wir hat-
ten als Gruppe eine ziemlich detaillierte Strategie entwickelt. Es hat ei-
nigen Widerstand gegen diese Richtlinien gegeben, es kamen viele
Fragen auf, wofür wir eine solche Strategie bräuchten. „Wird sie Pro-
bleme machen?, Wird sie zu autoritär sein? Werden wir bestimmte
Leute davon abhalten, sich uns anzuschließen?“

Also verbrachten wir einige Zeit damit, über diese Fragen nachzuden-
ken, diese Fragen zu beantworten und zu erklären, warum wir eine Sa-
fer-Spaces-Policy benötigen und wofür die einzelnen Bestandteile nötig
waren. Am Ende hatten wir eine ziemlich detaillierte Strategie für das
„Next to Nowhere“ formuliert. Darin beschrieben/erklärten wir für je-
des Verhalten, das wir als übergriffig bezeichneten, genau, was wir
meinen und was wir nicht meinen, damit sie weniger missbraucht oder
fehlinterpretiert werden kann.

Ich brachte dies in die Anarchistische Föderation ein, als wir darüber
nachdachten, diese Policy zu erstellen. Und es war unsere Vollver-
sammlung der von Gender-Unterdrückung Betroffenen, das entschied,
dass wir die Safer-Spaces-Policy in der Anarchistischen Föderation
umsetzen sollen. Also nahm ich dieses Dokument mit zur Vollver-
sammlung der von Gender-Unterdrückung Betroffenen und wir lasen
es durch, wir sprachen darüber, wir überlegten, wie wir es auf eine un-
sere Organisationsform anpassen könnten. Denn „Next to Nowhere“ ist
ein soziales Zentrum und es dreht sich um einen Raum und darum,
diesen Raum sicher zu machen. Die Anarchistische Föderation ist na-
türlich eine Organisation mit komplexeren politischen Zusammenhän-
gen als ein soziales Zentrum. Sie beschränkt sich auch nicht auf einen
einzigen Ort. Daher gab es einige Dinge, die wir anpassen mussten, wir
ergänzten bspw. einen Abschnitt für politische Beschwerden, was für
das „Next of Nowhere“ nicht relevant war. Im Grunde überarbeiteten
wir die „Next to Nowhere“-Policy für die Anarchistische Föderation,
behielten jedoch eine Menge dieser Einzelheiten, bezüglich was wir
meinen und nicht meinen mit übergriffigen Verhaltensweisen. Wir
schauten uns besonders die Verfahren an und welche Verfahren für uns
funktionieren könnten, wie wir dann tatsächlich damit umgehen, wenn
irgendwer übergriffiges Verhalten meldet. Welche Schritte folgen dann,
wie durchlaufen wir das Verfahren?

Du hast gerade die Vollversammlung der von Gender-Unterdrückung
Betroffenen erwähnt, vermutlich wissen nicht viele Leute, um was es
sich handelt. Kannst du es uns kurz erläutern?

Kurz bevor wir anfingen, uns mit Safer Spaces in der AF zu beschäfti-
gen, hatten wir festgestellt, dass wir unsere feministische Analyse und
Praxis verbessern müssen. Die Frauen und Trans*Menschen - das sind
Trans*Frauen, Trans*Männer und nicht-binäre Personen in der AF – wir
alle wollten uns über
die Themen austau-
schen, die uns als Men-
schen, die keine
Cis-Männer sind, be-
einflussen. Zuerst wur-
de es die Vollversam-
mlung der Frauen ge-
nannt, aber wir er-
kannten, dass dies nicht
der Name für eine Voll-
versammlung sein
konnte, bei der auch
Trans-Männer anwe-
send waren. Deshalb
nennen wir es nun die
Vollversammlung der
von Gender-Unter-
drückung Betroffenen.

Grundsätzlich wurde dies ein sehr wertvoller Raum, eine Möglichkeit
über Dinge zu reden, die viele ungern bei Treffen zur Sprache bringen,
die von Cis-Männern dominiert werden. Wir fühlten uns oft ziemlich
defensiv/zurückhaltend, wenn wir Themen vorbringen mussten, die sich
um Feminismus und Trans-Fragen drehten, während der Raum voll von
Leuten war, die gar nichts über Feminismus wissen oder die diesen The-
men ziemlich abwehrend gegenüber standen, die dachten, es sei ein
Vorwurf, wenn wir feministische Themen ansprachen. Deshalb fühlten
wir uns selbstbewusster, wenn wir diese Themen in einem eigenständi-
gen Raum aufbringen konnten. So schnitten wir auch erstmals das The-
ma der Safer Spaces an. Es bleibt noch zu sagen, dieses Gremium ist
keine Form des Separatismus darstellt. Es geht nicht darum, dass wir
darüber überhaupt nicht mit Cis-Männern sprechen können. Sie bietet
uns lediglich eine Möglichkeit dar, an einem Ort untereinander zu dis-
kutieren, wo wir uns selbstbewusster fühlen, um die Themen anschlie-
ßend in der gesamten Föderation zur Sprache bringen, was wir dann
auch taten und was wirklich konstruktiv war und eine Menge guter
Anstöße bewirkt hat.

Bevor wir auf Einzelheiten eingehen, was die Safer-Spaces-Policy bein-
haltet, möchte ich gerne etwas von den Kritikpunkten wissen, die aufka-
men. Du hast zuvor Vorbehalte erwähnt. Kannst du diese kurz erläutern
und vielleicht auch daraufantworten?

Diese kamen teilweise vom „Next to Nowhere“-Kollektiv und teilweise
von der Anarchistischen Föderation. Diese spezielle Strategie wurde
mittlerweile von ziemlich vielen Organisationen übernommen, die Kri-
tik kommt also nicht von nur einem bestimmten Ort. Aber ziemlich oft,
wenn wir die Idee von Safer Spaces zur Sprache bringen oder die
Richtlinien, wie wir miteinander umgehen sollten, besonders dann,
wenn es im Kern um Feminismus geht, bekommt mensch ziemlich ab-
wehrende Reaktionen – im Speziellen von einer bestimmten demogra-
fischen Gruppe, die tendenziell weiße, heterosexuelle Cis-Männer
umfasst, die denken, es sei eine Art Verschwörung gegen sie oder dass
wir versuchen sie aus
radikalen Räumen aus-
zuschließen oder dass
wir sie wegen irgend-
was anklagen werden.
Die Leute werden
ziemlich abwehrend.
Wir verbringen eine
Menge Zeit mit Erklä-
rungen, es ist ziemlich
stressig und ziemlich
anstrengend. Wir müs-
sen es immer und im-
mer wieder erklären.
Wenn wir unsere
Strukturen wirklich än-
dern wollen, wenn wir
Anarchist*innen sind,
wenn wir an eine bes-
sere Welt glauben, wenn wir daran glauben, dass wir die Menschen
auch ohne Autoritäten respektvoll behandeln werden, dann müssen wir
in der Lage sein, Kritik anzunehmen und wir müssen erkennen, dass
wir nicht perfekt sind. Wir kommen aus einer Gesellschaft, in der Patri-
archat, Rassismus, das weiße Überlegenheitsgefühl, Cis-Normativität
oder Heteronormativität vorherrschen. Und diese Dinge verschwinden
nicht, weil wir uns entscheiden radikal zu sein, anarchistisch zu sein.
Wir bringen all diese Dinge mit in unsere radikalen Räume. Wir können
diese Dinge nur aus unseren Räumen und der Gesellschaft heraus be-
fördern, wenn wir anerkennen, dass es sie gibt.

Also zuerst haben die Leute eine Menge Einwände gegen die Safer-
Spaces-Policy, da sie denken „Ihr braucht uns nicht erzählen, wie wir
uns zu verhalten haben. Wir sind vernünftigte Menschen, wir sind gute
Menschen. Wir werden Probleme schon irgendwie klären, wenn sie auf-
tauchen.“

Aber im Laufe der Zeit wurde in der Praxis deutlich, dass wir dazu
nicht in der Lage sind. Denn wenn ein Problem auftaucht und du je-
mandem sagst, „Schau mal, was du gesagt oder getan hast, war sexis-
tisch, das hat eine andere Person verletzt“ oder „die Art, wie du
versucht hast freundlich zu sein und geflirtet hast, hat jemand anderes
als Belästigung erlebt und es hat die Person sehr verunsichert“, dann
werden die Leute sehr abwehrend. Und wenn jene übergriffigen Verhal-
tensweisen nicht vorab definiert worden sind und du nicht erklärt hast,
warum wir so nicht miteinander umgehen, dann, anstatt zu überdenken
und daraus zu lernen, wenn Leute bestimmte Verhaltensweisen kritisie-
ren, sagen sie nur „Ich habs nicht so gemeint, deshalb ist das kein Pro-
blem.“

Ja, es ist mit einer Menge Bildungsarbeit verbunden. Das Gute an der
Umsetzung einer Safer-Spaces-Policy ist, dass alle einbezogen werden
bei der Entwicklung oder bei den Diskussionen und Entscheidungspro-
zessen, was jene Verhaltensweisen sind, welche wir von einander er-
warten und welche wir anstreben. Und diese Bildungsarbeit zu Konsens
und zu Feminismus und zu Antirassismus ist ein Teil des Weges, diese
Policy zusammenzusetzten.

Was sind die Kernpunkte der Safer-Spaces-Policy?

Als erstes haben wir definiert, was wir als übergriffige Verhaltenswei-
sen verstehen. Wir haben diese derzeit in zwei Kategorien eingeteilt: Es
gibt körperliche und psychische Misshandlungen.

Unter körperliche Misshandlungen fallen Kämpfe, körperliche Angriffe,
sexualisierte Übergriffe, Vergewaltigungen und sexuelle Belästigungen.
Wir beziehen sexuelle Belästigung bei körperlichen Misshandlungen
mit ein, auch wenn sie verbal sind, weil sie eine Androhung körperli-
cher Gewalt darstellen.

Unter psychische Misshandlungen fassen wir Beschimpfungen, wozu
Anschreien und verbale Angriffe zählen, nicht bloß allgemeines An-
schreien, sondern Anschreien auf eine aggressive und beleidigende
Weise. Außerdem fällt darunter unterdrückende Sprache, also eine se-
xistische, rassistische, homophobe, transphobe Ausdrucksweise, wobei
es oftmals etwas Bildungsarbeit benötigt, um diese zu erkennen. Es ist
kein sofortiger Ausschlussgrund, wenn du eine solche Sprache verwen-
dest, du solltest nur offen sein, Kritik anzunehmen, offen sein, deine
Ausdrucksweise zu ändern, wenn dir jemand sagt, dass deine Sprache
sie unterdrückt.

Dann haben wir emotionale und psychologische Misshandlung: Dinge
wie Mobbing, in den Wahnsinn treiben und eine Menge verschiedener
einschüchternder Verhaltensweisen, die wir darunter festlegen.

Und dann haben wir noch schriftliche Misshandlung, also alle anderen
nicht-körperlichen Misshandlungen, aber in geschriebener Form: Onli-
ne-Kommunikation, in sozialen Netzwerken, auf Mailinglisten.

Nachdem wir jene Verhaltensweisen definiert hatten, haben wir eine
Zusammenstellung von häufig gestellten Fragen eingefügt, die vor al-
lem die Themen beinhalten, die bei der Umsetzung der Policy aufkamen
und die Einwände, welche die Leute gehabt haben, und wie wir auf je-
ne Fragen geantwortet haben.

Und dann folgen die Verfahren, die nicht so kompliziert sind, wie sie
aussehen. Zunächst haben wir einige Flussdiagramme, wir haben Er-
klärungen zu jedem Schritt der Diagramme. Wir haben dies so erarbei-
tet, denn wenn etwas passiert ist, was Leute wütend oder ängstlich
gemacht hat, solltest du an diesem Punkt nicht lange darüber nachden-
ken müssen, wie du mit der Situation fertig wirst. Es ist dann gut etwas
Detailliertes zur Hand zu haben, dass dir Schritt für Schritt erklärt, wie
du vorgehen kannst. Das heißt aber nicht, dass es zwingend genau so
durchgeführt werden muss und du es nicht auf andere Weise machen
kannst. Aber dieser Leitfaden hilft dabei, sicherzustellen, dass du an al-
les gedacht hast und keine Fehler machst, die die Situation viel schlim-
mer werden lassen.

Und was passiert, falls diese Verfahren versagen?

Eines der Verfahren, handelt tatsächlich davon, was wir nach einem ge-
scheiterten Verlauf tun, und es stellt sicher, dass wir Dinge nicht unter
den Teppich kehren. Was wir tun, wenn ein Verfahren, z.B. ein Konflik-
bewältigungsverfahren, daran gescheitert ist, das Problem zwischen den
betroffenen Personen zu lösen... Nun normalerweise hat das zur Folge,
dass eine Person das Verfahren verlässt und eventuell aus der Organisa-
tion austritt, oftmals weil sie nicht wirklich das Problem mit der ande-
ren Person lösen will, sie will weglaufen, sie will nichts mehr damit zu
tun haben. Deshalb stellen wir sicher, dass dies in solchen Fällen nicht
das Ende der Streitfrage ist. Nur weil jemand gegangen ist, löst sich das
Problem nicht in Luft auf. Wir hinterfragen, was das eigentliche Pro-
blem war, und falls es ein problematisches Verhalten gegeben hat, dann
befassen wir uns als Organisation immer noch damit, auch wenn die
beteiligte Einzelperson gegangen ist. Als eine Organisation wollen wir
sicherstellen, dass wir unsere Mitglieder und Gäste nicht gefährden und
dass wir diesen Vorfall trotzdem besprechen und dem etwas entgegen-
stellen.

Könntest du einige Schritte des Verfahrens hervorheben? Greif ein Bei-
spiel heraus.

Ok, angenommen zwei Mitglieder haben ein persönliches Zerwürfnis
und sie haben einen großen Streit, sie wollen nicht im selben Raum
sein, sie wollen nicht zu den gleichen Treffen gehen oder miteinander
reden. Dann versuchen wir zu vermitteln. Es gibt einige Schritte in dem
Ablauf, die wir durchgehen, um herauszufinden, ob es körperliche
Misshandlungen irgendeiner Art gab, weil falls es diese gab, führt dies
zu einem an dem Betroffenen orientierten Verfahren. Wenn nicht, dann
greift die Konfliktbewältigung. Falls es zu einem Konfliktbewältigungs-
verfahren kommt, dann versuchen wir eine*n Mediator*in anzubieten.
Weil wir eine ziemlich kleine Föderation sind, kann es oftmals sehr
schwierig werden, eine vermittelnde Person zu finden, die nicht am
Streit beteiligt ist oder die nicht irgendwie in enger Freundschaft zu den
beteiligten Personen steht. Dann müssen wir versuchen eine schlichten-
de Person von einer anderen Organisation zu finden. Aber wir werden
in jedem Fall versuchen eine Person zu holen, mit der die beiden strei-
tenden Personen zufrieden sind. Oder wir werden eventuell zwei
schlichtende Personen hinzuziehen, für jede Person eine und danach
sprechen die Mediator*innen miteinander. So beginnen wir erst mal
und das Ziel ist nicht, zu ergründen, was genau passiert ist oder zur ob-
jektiven Wahrheit zu gelangen oder die Beweise zu untersuchen oder
festzulegen, wer im Recht ist und wer Unrecht hat. Es geht darum, her-
auszufinden, welche Verhaltensweisen die Leute dazu brachten, sich
unsicher zu fühlen, und was wir ab jetzt tun können, damit sie sich
wieder sicher fühlen können. Nicht selten nennen die Leute dann ein
Verhalten, wie beispielsweise diese Person hat mich angeschrien oder
hat mich aufgeregt oder nannte mich dies. Wir könnten dann festlegen,
welche Dinge sie nicht mehr tun sollten und wir können fragen: Was
müssten sie tun, dass du dich wieder sicher fühlen kannst und dass das
nicht noch einmal passiert? Willst du, dass sie sich entschuldigt? Mögli-
cherweise waren sie zu diesem Zeitpunkt betrunken und sie verhalten
sich immer so, wenn sie betrunken sind, dann könnten wir raten, sich
auf Treffen nicht mehr zu betrinken. Wir werden versuchen Lösungen
zu finden, die für jeden individuellen Konflikt funktionieren und mit-
hilfe des Mediationsverfahrens hoffen wir, dass sich die Leute darüber
einig werden, was falsch lief, was den Konflikt ausgelöst hat und was
sie tun können um ihn zu überwinden.

Das kann lange Zeit dauern, es passiert nicht auf der Stelle und es ist
nicht leicht und mühelos, es ist eine langfristige Sache. Es braucht eine
Menge Engagement, es kann beschwerlich sein. Aber wenn die beteilig-
ten Personen wirklich an einer Lösung interessiert sind, dann funktio-
niert es normalerweise auch. Wo es dazu neigt nicht zu funktionieren,
ist, wenn eine Person sich nicht an dem Verfahren beteiligt, um die Si-
tuation zu klären, sondern um die andere Person schlecht dastehen zu
lassen. Das Konfliktbewältigungsverfahren betrachtet aber die Verhal-
tensweisen aller beteiligten Personen, deshalb scheitert diese Absicht
meistens, da auch ihr eigenes Verhalten schlecht aussehen wird.

Und in der Safer-Spaces-Policy habt ihr Verfahren für jede Art von
Übergriffigkeit?

Für körperliche Misshandlung verwenden wir ein an Betroffenen orien-
tiertes Verfahren der Konfliktbewältigung, die ich gerade beschrieben
habe. Wenn eine Person körperlich angegriffen worden ist, gibt es of-
fensichtlich eine viel größere, unmittelbare Gefahr. Wir versuchen
nicht, dass die betroffene Person sich mit einer Person zusammensetzt,
von der sie angegriffen wurde, um sich mit ihr auszusprechen. Und wir
versuchen nicht, ihn*sie in die Position zu versetzen, die eigenen Ver-
haltensweisen verteidigen zu müssen, weil dies offensichtlich sehr trau-
matisierend sein kann. Wenn also eine Person körperlich oder sexuell
misshandelt worden ist, wenden wir einen Betroffenen orientiertes Ver-
fahren an: Die Person, die misshandelt worden ist, bestimmt wie das
Verfahren von da an läuft. Was der*die Täter*in tun müsste, damit sie
sich sicher genug fühlen kann, um wieder Teil der Organisation zu sein.
Das an den Betroffenen orientierte Verfahren führt zu einer sofortigen
Sperrung der übergriffigen Person. Danach geht es um das, was für die
betroffene Person geschehen müsste, damit die übergriffige Person
wieder Teil der Organisation sein könnt. Es kann sein, dass die betrof-
fene Person das auf keinen Fall will, was auch völlig in Ordnung ist.
Aber oftmals gibt es den Versuch, dass diese Person einfach nur mehr
Wissen benötigt oder ihr Verhalten verstehen und ändern müsste und
dass sie mithilfe von Freund*innen daran arbeiten könnte. Ziemlich oft
läuft es hinaus auf transformative Gerechtigkeit hinaus, dass die Person
im Stande ist, ihre Verhaltensweisen zu ändern und zu verstehen, was
sie falsch gemacht hat. Manchmal funktioniert es und manchmal nicht.
Und wenn es scheitert, ist es sichtlich erschütternd für alle Betroffenen.
Was wir jetzt nicht mehr geschehen lassen wollen, was aber früher
schon mal passiert ist, ist dass wir viel Mühe in einen dieser an den Be-
troffenen orientierten Verfahren stecken, um der übergriffigen Person
zu helfen, ihr Verhalten zu verändern und sich alles nur um die über-
griffige Person dreht. Das kann sehr an den Nerven der betroffenen
Person zehren und sie retraumatisieren. Deshalb versuchen wir sicher-
zustellen, wenn wir viel Mühe hinein stecken, dann nur, wenn es eine
gute Chance gibt, dass es funktionieren wird. Wenn diese nicht besteht,
sind wir auch bereit Abstand von dieser Person zu nehmen und wenn
nötig auch andere Organisationen darüber zu informieren, was gesche-
hen ist, zu ihrer eigenen Sicherheit.

Es sind jetzt zwei Jahre vergangen, seit ihr diese Methode eingeführt
habt. Kannst du uns von den gemachten Erfahrungen damit berichten?
Hattet ihr welche?

Wir haben eine ganze Menge Erfahrungen mit dem Verfahren gemacht.
Ich werde nicht auf jeden einzelnen Fall eingehen, weil wir soweit wie
möglich die Diskretion wahren wollen. Wir hatten jedoch einige Kon-
fliktbewältigungen sowie ein oder zwei an Betroffenen orientierte Ver-
fahren. Und das meiste, was ich dir gerade erzählt habe, geht aus jenen
Erfahrungen hervor. Eines möchte ich jedoch anmerken: Wenn wir über
Safer Spaces reden, klingt es oftmals sehr negativ. Es klingt, als ob nur
schreckliche Dinge passiert sind und wir keine Lösung gefunden haben.
Aber die Sache ist die, gerade wenn es nicht zu einer Bewältigung kam,
gerade wenn schreckliche Dinge passiert sind, dann ist es wichtig dar-
über zu sprechen – natürlich nicht die Einzelheiten, aber die notwendi-
gen Informationen, um die Sicherheit der Leute zu gewährleisten.

Was häufig nicht so bekannt wird, sind die Fälle, bei denen eine Person
ein Safer-Spaces-Verfahren genutzt hat, weil sie gerade Schwierigkeiten
mit einem*einer Gefährt*in hat und es ihre Fähigkeit beeinträchtigte,
zusammen in einer politischen Organisation zu arbeiten. Und daraufhin
gab es eine Mediation und ein Verfahren und sie kamen zu einer Lösung
und es wurde klar, was das Problem war. Und von da an wurde es viel
besser und sie waren wieder in der Lage miteinander zu arbeiten.
Also ja, dies geschieht auch. Es ist auch eine nützliche Methode, um
unsere Konflikte zu lösen und zu lernen, besser zusammenzuarbeiten,
was eine wichtige Sache ist.

Seid ihr mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden? Und arbeitet ihr im-
mer noch daran?

Wir arbeiten ständig daran. Es ist ein lebendiges Dokument und jedes
neue Verfahren, ob erfolgreich oder gescheitert, hilft die Verfahren zu
verbessern. Wir arbeiten ebenso an einigen neuen Leitfäden. Wenn dann
jemand ein Verfahren will, anstatt dann wie zuvor auf die Diagramme
zu verweisen und dann zu mediiren, versuchen wir Handzettel zur Ver-
fügung zu stellen darüber, wie ein solches Verfahren abläuft, was mög-
licherweise dabei herauskommt und was die Personen wahrscheinlich
investieren müssen.

Wir gehen viel mehr ins Detail, wie es mit größerer Wahrscheinlichkeit
funktionieren kann. Und worauf wir inzwischen mehr achten ist, ob ein
Verfahren voraussichtlich nicht erfolgreich verlaufen wird. Denn wenn
es nicht wirklich das ist, was eine Person will - sie mag sehr gute Grün-
de dafür haben, dass sie keine Bewältigung möchte - aber wenn eine
Konfliktbewältigung nicht das ist, was beide Personen wollen, dann
wird das Verfahren nicht erfolgreich sein und sie wollen vielleicht nach
einer anderen Möglichkeiten suchen. Es gibt eine Menge Diskussionen
darüber, ob wir lieber Safer Spaces haben sollten oder direkte Interven-
tionen in Bezug auf sexualisierte Gewalt und meine Antwort darauf ist:
Wir sollten beides haben. Es gibt Situationen, wo das eine angemessen
ist, und es gibt Umstände, wo das andere angemessen ist. Und beide
müssen von den Betroffenen angeleitet sein.

Falls die Leute, die gerade dieses Interview anhören, Interesse haben,
mehr über diese Policy zu erfahren, sie vielleicht herunterladen oder
euch auf irgendeine Weise anschreiben wollen – wie können sie dies
tun?

Okay, ihr könnt die Anarchistische Föderation kontaktieren bzw. wir
haben eine Menge E-Mail-Adressen auf unserer Homepage. Derzeit
könnt ihr mich unter secretary@afed.org.uk kontaktieren, weil ich mo-
mentan die Verantwortliche für die Föderationsangelegenheiten bin,
aber wenn ich es nicht mehr bin, wird die neue Verantwortliche die
Anfrage weiterleiten an die dann verantwortliche Person. Und ja, stellt
auf alle Fälle Fragen. Wenn ihr eine Kopie der Safer-Spaces-Policy
möchtet, gibt es eine Zusammenfassung auf der Homepage. Eine de-
taillierte Fassung findet ihr in unserem Mitgliederhandbuch, das eben-
falls als PDF auf unserer Homepage herunterladbar ist. Werft einen
Blick hinein und teilt uns mit, was ihr darüber denkt.

Vielen Dank!

Quelle und Audio (EN)

http://aradio.blogsport.de/2016/02/26/a-radio-in-english-
feminism-and-conflict-resolution-the-anarchist-federation-
britain-and-its-safer-spaces-policy/

Weitere Infos

https://afed.org.uk/
https://afed.org.uk/about/safer-spaces/
http://aradio.blogsport.de/
Anzeigen
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