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(de) fda-ifa gai dao #63 - Wir lassen uns für Rassismus nicht instrumentalisieren – Gegen sexualisierte Gewalt & Rassismus! Von: Libertäres Bündnis Ludwigsburg

Date Wed, 23 Mar 2016 12:11:26 +0200


Mit diesem Text wollen wir Folgendes klarstellen: ---- • Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt ---- • Wir positionieren uns gegen Rassismus und die Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt ---- • Wir fordern eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung über Sexismus und sexualisierte Gewalt ---- • Wir fordern die Umsetzung angemessener Präventions- und Interventionsmöglichkeiten ---- 1. Solidarität mit den Betroffenen ---- In der Silvesternacht auf 2016 waren in Köln und anderen deutschen Städten viele Frauen sexualisierter Gewalt an öffentlichen Plätzen ausgesetzt. Wir erkennen das schreckliche Ausmaß dieser Gewalttaten an und solidarisieren uns mit den Betroffenen der Silvesternacht. Ebenso stehen wir zu allen weiteren Betroffenen, die sexualisierte Gewalt erfahren oder erfahren haben.

Das Erleben sexualisierter Gewalt kann für Betroffene
gravierende Auswirkungen haben: Für viele wird das
Vertrauen in Sicherheit und zwischenmenschliche Beziehungen er-
schüttert. Ein sexueller Übergriff ist eine massive Verletzung der körper-
lichen und sexuellen Integrität. Wir fordern, dass den Betroffenen jetzt
alle Unterstützung und Hilfe zukommt, die sie benötigen.

2. Instrumentalisierung und Rassismus

Konsequentes Handeln gegen sexualisierte Gewalt ist notwendig und
unabdingbar. Wenn aber feministische Anliegen dazu instrumentalisiert
werden, rassistische Ressentiments zu schüren und die Asylgesetz-
gebung zu verschärfen, schaden die Debatten einer weiterführenden
emanzipatorischen Praxis. Genau das passiert leider gerade in den
öffentlichen Auseinandersetzungen und Forderungen nach der Silves-
ternacht in Köln und anderen Städten.

Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die
Täter keine weißen, „deutschen“ Männer sind. Sie darf auch nicht nur
dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Betroffenen (vermeintlich)
weiße Frauen sind. Das Problem der aktuellen Auseinandersetzungen
ist die Fokussierung über die vermeintlichen Herkunftsländer und Kul-
turzugehörigkeiten der Täter, anstatt auf das Erlebte der Betroffenen,
nämlich die sexualisierte Gewalt einzugehen. So entsteht der Eindruck,
dass „nichtdeutsche“ junge Männer das Problem und die Urheber sexua-
lisierter Gewalt seien. Forderungen zur Verschärfung des Asylrechts
und des Bleiberechts werden laut, die Erhöhung und Anpassung des
lückenhaften Strafrechts bei sexualisierter Gewalt bleibt ungefordert. Es
werden viele Menschen, denen ein anderes Herkunftsland zugesprochen
wird, unter Pauschalverdacht gestellt. Im gleichen Zug sprechen sich
die Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft von Sexismus frei.
Das hieße die vermeintlich „anderen“ bringen geschlechtsspezifische
Gewalt und Frauenverachtung mit sich, die es so in Deutschland nicht
gibt und auch nicht mit den Werten in Deutschland oder gar Europa
vereinbar ist. Ähnlich verhält es sich aus diesem verzerrten Blickwinkel
mit anderen Ausgrenzungs- und Diskriminierungsformen: Als gäbe es
hier keine Anfeindungen gegen Homosexuelle, Juden und Jüdinnen.

Betrachten wir aber die Äußerungen, die außerhalb der Debatte um
Silvester in Köln und anderen Städten, von der AfD, den „Besorgten
Eltern“, der NPD, weiteren rechtspopulistischen Organisationen und
Gruppierungen und des Öfteren auch Vertreter*innen der renommierten
bürgerlichen Parteien getätigt werden, kommen wir zu einem anderen
Schluss (siehe Abschnitt 3.): Es geht in weiten Teilen der aktuellen
öffentlichen Auseinandersetzung nicht in erster Linie darum, dass
Phänomene menschenverachtender Einstellungen wie Sexismus,
Homophobie oder Antisemitismus aktiv kritisiert, analysiert und
angegangen werden müssen. Es geht weniger um den Inhalt einer
Äußerung oder einer Tat, als um die Frage danach, welche Person mit
welchem angenommenen Backround selbige verübt hat. Das sind für
uns deutliche Anzeichen von Rassismus und Nationalismus.

3. Über den Erhalt der Geschlechterungleichheit und
geschlechtsspezifischer Gewalt

Die Aufrechterhaltung der zugesprochenen Rollen und
Verhaltensmuster für Männer und Frauen mitsamt den
altherkömmlichen Familienhierarchien, der ungleichen Arbeitsauf-
teilung, Repräsentation in der Öffentlichkeit und der Mitbestimmung ist
eine Erhaltung und Fortsetzung von Ungleichheit, von Macht und Ohn-
macht. Kurz und bündig: Die Reproduktion von Patriarchat und
Sexismus, wobei sexualisierte Gewalt eine besonders widerwärtige
Erscheinungsform dieser Unterdrückung darstellt. Sexualisierte Gewalt
hat viele Gesichter und ist allgegenwärtig. Durch anzügliche Blicke,
sexistische Werbung, verbale Äußerungen, Witze, Aufdrängen in der S-
Bahn, Vergewaltigungsszenen sexy eingebettet in die Filmstory, sexuelle
Belästigung, Angrapschen, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.

Statistiken zufolge sind in über 95% der Fälle Männer die Täter bei
sexualisierter Gewalt. Sexualisierte Gewalt lässt sich demnach auf ent-
sprechende gesellschaftliche Rollenmuster zurückführen und auf die
damit verbundene Durchsetzung von Macht zum Erhalt der Ungleich-
heit in den Geschlechterverhältnissen. Bildung und sozialer Status der
Täter sind laut Studien nicht ausschlaggebend, auch die Herkunft spielt
eine untergeordnete Rolle. Besonders häufig von sexualisierter Gewalt
betroffen sind Asylbewerberinnen, inhaftierte Frauen, Prostituierte und
Frauen mit Behinderungserfahrungen. Das sind diejenigen Frauen, die
neben Sexismus weiteren Diskriminierungsformen ausgesetzt sind. Die
entweder nicht dieselben Rechte und Möglichkeiten haben und dadurch
schnell in Abhängigkeit geraten können (gesetzliche Diskriminierung,
kein Zugang zum Hilfesystem, Verständigungsprobleme), risikoreichen
Situationen ausgesetzt sind (Pflegebedürftigkeit, Inhaftierung, Flucht,
Ungenügender Schutz in Sammelunterkünften, Zwangsprostitution)
oder die gesellschaftlich ausgegrenzt und nicht anerkannt sind.

Dass sexualisierte Gewalt seit Jahren nicht mal im Ansatz zur Genüge
thematisiert und angegangen wurde, beweisen die bisher erhobenen
Statistiken: 2014 ergab eine Erhebung der Agentur der Europäischen
Union für Grundrechte (FRA), dass mehr als die Hälfte aller Frauen
bereits sexuell belästigt wurde und ein Drittel sexualisierte und/oder
physische Gewalt erlebte. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist jähr-
lich mehr als 7.300 angezeigte Vergewaltigungen und sexuelle Nöti-
gungen in Deutschland aus, das sind zwanzig jeden Tag.

Die größte Gefahr bei geschlechtsspezifischer Gewalt besteht für Frauen
in ihren „eigenen vier Wänden“. Ein Großteil der Täter sind Beziehungs-
partner, Bekannte und Familienangehörige. Die Dunkelziffer ist um ein
Vielfaches höher als die Daten der Polizeistatistiken. Hier sind wir wie-
der bei den Schuldzuweisungen nach außen: Es ist notwendig zu begrei-
fen, dass sexualisierte Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.
Dabei sind Übergriffe in der Öffentlichkeit wie an Silvester seltener. Am
häufigsten findet die Gewalt im privaten Umfeld statt, wo sie viel zu oft
verschwiegen, hingenommen (von Bekannten, in der Familie), klein-
geredet, die Schuld der Frau gegeben, geleugnet und nicht angezeigt
wird. Hierfür gibt es sicherlich mehrere Gründe. Einer davon ist, dass
diese häusliche Ausübung der Gewalt nicht in das bekannte Schema,
das in der Gesellschaft weit verbreitet ist, passt: Dunkler Park, ein
fremder vermummter Mann, viel physische Gewalt, Vergewaltigung.
Das sind Mythen, die Frauen daran hindern sich Unterstützung zu
holen.

Rape Culture bezeichnet eine Kultur, die Vergewaltigungen verharmlost
(beispielsweise als»Sex-Attacken«beschreibt), Frauen eine Mitschuld
gibt und Vergewaltiger ermutig. Sie findet sich auch in Deutschland
wieder und muss aktiv bekämpft werden. Sich nicht auf die Seite der
Täter zu stellen liegt in der Verantwortung eines/einer jeden einzelnen –
und zwar immer, ausnahmslos, auf jede Erscheinungform sexualisierter
Gewalt bezogen und nicht nur dann, wenn es um Übergriffe außerhalb
des eigenen sozialen Gefüges (Familie, Freundes- und Kollegenkreis,
Klasse...) geht.

4. Forderungen

Es braucht aufmerksamkeitsstarke Kampagnen im öffentlichen Raum,
die deutlich machen, dass die Grenzen anderer Personen und deren
sexuelle Integrität unantastbar sind. In der Familie, in der Beziehung,
auf der Arbeit, in der Disco, auf dem Volksfest, in der Öffentlichkeit.
Die (potenziellen) Täter haben Verhaltenstipps nötig, nicht die (poten-
tiellen) Betroffenen. Und es bedarf einer gesellschaftlichen Debatte über
das Geschlechterverhältnis. Gebraucht wird Aufklärung und Sensi-
bilisierung, die im Kindergarten beginnt und sich durch alle gesell-
schaftlichen Bereiche zieht. Unterstützungsangebote für Betroffene, wie
Fachberatungsstellen und Frauenhäuser leisten solche Sensibilisierung
seit mehr als 30 Jahren, weitgehend unterbezahlt und prekär. Auch hier
ist die Politik gefordert, die aktuell angemahnte Bekämpfung dieser
Gewalt mit finanziellen Mitteln zu unterlegen. Die Maßnahmen dürfen
sich nicht auf kurzfristige Reaktionen auf gemeldete Übergriffe be-
schränken. Denn sexualisierte Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem
und muss gesamtgesellschaftlich bekämpft werden.

Wir schließen uns #ausnahmslos in den folgenden Abschnitten an:

“Alle Menschen sollen sich von klein auf, unabhängig von ihrer
Ethnie, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder
Lebensweise, sicher fühlen und vor verbalen und körperlichen
Übergriffen geschützt sein: egal ob auf der Straße, zu Hause, bei der
Arbeit oder im Internet. Ausnahmslos. Das sind die Grundlagen
einer freien Gesellschaft.

Für diese politischen Lösungen setzen wir uns ein:

1. Die Arbeit der Beratungsstellen muss gestärkt und ihr Angebot aus-
gebaut werden, einschließlich Therapiemöglichkeiten und besserem,
schnelleren Zugang zu Therapieplätzen. Auch die Arbeit von Frauen-
häusern muss gestärkt und vor allem finanziell ausreichend abgesichert
werden. Alle Beratungsstellen und -angebote müssen barrierefrei sein.

2. Die Gesetzeslage muss angepasst werden: Sexuelle Belästigung ist in
Deutschland immer noch keine eigenständige Straftat. Und ob eine Ver-
gewaltigung als strafbar gilt, wird zum Beispiel auch daran
festgemacht, ob sich die betroffene Person ausreichend zur Wehr setzte.

3. Mehr öffentliche Aufklärungsarbeit hilft, Gewalt zu vermeiden, und
signalisiert den Betroffenen, dass sie sich Hilfe holen und mit
gesellschaftlicher Unterstützung rechnen können. Wir möchten dafür
sensibilisieren, dass die Gefahr, Sexismus und sexualisierte Gewalt zu
erleben, im engen sozialen Umfeld besonders groß ist und in allen
gesellschaftlichen Gruppen vorkommt.

4. Auch eine geschlechtersensible Pädagogik kann (sexualisierter) Ge-
walt vorbeugen. Dazu zählt nicht zuletzt die Aufklärung über Ge-
schlechterstereotype und die Bedeutung von Sprache.

5. [...]

Für diese gesellschaftlichen Lösungen setzen wir uns ein:

6. Die Debatte über sexualisierte Gewalt muss offen, kritisch und diffe-
renziert geführt werden. Dazu gehört die Analyse, Aufarbeitung und
Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von
Gewalt. Dringend muss auch über Auswirkungen gesellschaftlicher
Stigmatisierung von Betroffenen sexualisierter Gewalt gesprochen wer-
den.

7. Betroffene sexualisierter Gewalt müssen ernst genommen werden. Es
darf keine Täter_innen-Opfer-Umkehrung, wie in Form von Verhaltens-
regeln für Betroffene, und keine Verharmlosung geben.

8. Sexismus und Rassismus sind nicht Probleme „der Anderen”: Wir alle
sind von struktureller Diskriminierung geprägt und müssen erlernte
Vorurteile erst einmal reflektieren, um sie abzulegen.

9. Wer Zeug_in von sexualisierter Gewalt und Sexismus wird, sollte
nicht wegschauen, sondern eingreifen – von Hilfe und Beistand bei
sexualisierten Übergriffen bis zum Einspruch gegen sexistische Sprüche,
„Witze“ oder Werbung.

Für diese medialen Ansätze setzen wir uns ein:

10. Die mediale Berichterstattung über sexualisierte Gewalt darf die
Opfer nicht verhöhnen und die Taten nicht verschleiern. Täter sollten
nicht als „Sex-Gangster” oder „Sex-Mob” beschrieben – da sexualisierte
Gewalt nichts mit Sex zu tun hat – und häusliche Gewalt nicht als
„Familien-” oder „Beziehungsdrama” verharmlost werden.

11. Sexismus und andere Diskriminierungsformen müssen als Nähr-
boden für sexualisierte Gewalt verstanden und als reale und bestehende
Probleme anerkannt werden. Es muss ernst genommen werden, wie die
mediale Darstellung u.a. weiblicher Körper als Lustobjekte mit sexua-
lisierter Gewalt verknüpft ist. Sexismus darf weder im Alltag noch in
der Werbung und in den Medien Platz haben.

12. Das Problem des Sexismus und der sexualisierten Gewalt darf nicht
„islamisiert“ und damit pauschal einer Religion und ihren – häufig ver-
meintlichen – Angehörigen zugeschrieben werden. Damit werden min-
destens 5 Millionen Menschen in Deutschland unter Generalverdacht
gestellt. Redaktionen sollen reißerische und stigmatisierende Deutungen
vermeiden, denn diese ziehen konkrete negative Folgen für Mitglieder
unserer Gesellschaft nach sich.

13. Die Bildsprache ist frei von rassistischen und sexistischen Klischees
zu halten. Bilder wirken unterbewusst und können selbst eine differen-
zierte Berichterstattung torpedieren.

14. Redaktionen müssen vielfältiger werden. Nach wie vor sind nur ein
Bruchteil der Journalist_innen in Deutschland nicht-deutscher Herkunft
und Berufswege stehen vor allem Menschen mit formal hoher Bildung
offen. Männlich, heterosexuell und weiß dominierte Chefredaktionen
tragen dazu bei, dass Themen, die andere Geschlechter, Ethnien und
Minderheiten betreffen, nicht mit ausreichend Raum und Kompetenz
behandelt werden."

15. Für diesen Text herangezogene Quellen und Seiten zum Weiter-
lesen:
• frauen-gegen-gewalt.de: Stellungnahme zu den Übergriffen in der
Silvesternacht
• ausnahmslos.org/
• lka.tumblr.com/: Beitrag zur Debatte um die sexuellen und
sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht
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