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(de) fda-ifa gai dao #63 - Anarchist*innen und die verflixten Wissenschaften... Von: Simone

Date Mon, 21 Mar 2016 14:49:45 +0200


- eine Kritik ausgehend von Martin Loeffelholz' Artikel „Alles Schall und Rauch? Eine
Kritik an der akademisch-linken Sprachkultur“ (Gai Dao 60) ---- Ausgangspunkte ---- Den Artikel von Martin Loeffelholz in der letzten Ausgabe der Gai Dao fand ich insofern spannend, da er ein Thema behandelt, welches in anarchistischen Zusammenhängen meiner Wahrnehmung nach immer wieder mal auftaucht, aber selten wirklich etwas ausgiebiger diskutiert wird: Das Verhältnis von Anarchismus und Wissenschaft. ---- Moment... ging es in Martins Beitrag nicht um eine „Kritik an der akademisch-linken Sprachkultur“? Ich denke hier wird der eigene Anspruch überdehnt und zielt eben nicht darauf ab, was die Überschrift verheißt. Anstatt die Kritik an akademischer Sprache wirklich konsequent zu Ende zu denken, macht sich Martin zuletzt einfach nur Gedanken darüber, wie mit Akademiker*innen „umgegangen werden sollte“.

Seiner Meinung nach
„sollte man [... sie
prinzipiell] einfach ig-
norieren“. Weitere
Zeilen, die von Re-
ssentiments strotzen,
lohnt es sich hier nicht
weiter zu zitieren. Sie
offenbaren meiner
Ansicht nach ein äu-
ßerst seltsames, selbst-
bezügliches und stra-
tegisch fatales Ver-
ständnis davon, was
Wissenschaften, der
akademische Betrieb
und sein menschliches Umfeld sind und wie mit ihnen umzugehen ist.
Dies ist äußerst schade, denn mit einer derart verkürzten Haltung
verspielen sich Anarchist*innen (zumindest die, die etwas mit Uni-
Strukturen oder dergleichen zu tun haben) die Chance, darauf Einfluss
zu nehmen, ihre Ressourcen und auch ihre vernünftigen Erkenntnisse
für die eigene Sache zu nutzen.

Alles eine Frage der Milieus?

Vor allem zeigt sich in Martins Perspektive eine Arroganz, die für die
anarchistische Bewegung problematisch ist, wenn er beispielsweise
schreibt: „Die wohl beste Möglichkeit ist, sie in den Strukturen der
Bewegung zu akzeptieren und ihnen damit eine Brücke zur Realität zu
ermöglichen, analog zu Psychotiker*innen, für die der Aufenthalt unter
Menschen oft eine heilsame Wirkung hat“. Er tut so, als wenn
Akademiker*innen beziehungsweise solche, welche sich selbst so ver-
stehen (oder die Martin in sein Klischee von ihnen presst) eine
einheitlich bestimmbare Gruppe wären, die er deswegen von oben
herab kritisieren könnte. Solche identitären Schachzüge sollten Anar-
chist*innen nicht nötig haben, sondern einen Blick dafür gewinnen, mit
wem sie es im Einzelnen zu tun haben. Natürlich nervt das überheb-
liche „Geschwätz“ bestimmter Wissenschaftler*innen. Genauso stimmt
aber auch, dass es kritische Akademiker*innen gibt, die sich viele Ge-
danken darüber machen, was ihre oder andere Forschungen für einen
praktischen Nutzen, auch für emanzipatorische Bewegungen, haben
können.

Woher also dieser ag-
gressive Unterton, in
einem zunächst seriös
wirkenden Text? Ei-
ner der Gründe ist,
dass die Wissens-
produktion, beispiels-
weise an den Unis,
immer auch die Pro-
duktion von Herr-
schaftswissen ist.
Wenn die Herrschaft
zu kritisieren ist,
dann auch das Herr-
schaftswissen, wel-
ches sich dadurch
auszeichnet, dass es
schon von der Spra-
che her elitär, also nicht für alle verfügbar, ist und dass aus hohlen
pseudo-radikalen, akademischen Phrasen keine praktischen, politischen
Konsequenzen gezogen werden. Sie können auch nicht gezogen werden,
wenn zum reinen „Interesse“ an der Analyse von Herrschaftsstrukturen,
-ideologien usw. nicht auch die Motivation an ihrer wirklichen Über-
windung gekoppelt ist. Dann nämlich bleibt man immer bei den
Analysen stehen und diese sind zudem auch noch falsch, weil sich
„materialistische“ Erkenntnisse lediglich durch Rückkopplung mit der
Realität generieren lassen. Dass aber „alle“ Akademiker*innen sich im
Luftschlösserbauen verlieren würden, ist eine bloße Behauptung. Auch
wenn das bei vielen der Fall ist, gibt es genauso jene, die Herrschaft
kritisch analysieren, Wissen für emanzipatorische Bewegungen
erforschen und in verständlicher Sprache verbreiten. Weil sie genau das
mehr tun sollen, anstatt nur weiter zu „schwätzen“, dürfen sie keinen
Stempel aufgedrückt bekommen und arrogant in Klischees gepresst
werden. Beispielsweise gehen die anarchistischen Theoretiker Richard
J.F. Day 1 und David Graeber 2 oder Peter Seyfarth genau eben der Frage
nach, wie das möglich werden kann. Graeber stellt zudem fest, dass der
Anarchismus in seiner Tradition und auch heutzutage keineswegs anti-
intellektuell wäre, sondern sich nicht wie „der“ Marxismus einfach der
Analyse widmen würde, sondern ein „moralisches Projekt“ darstellen
würde. 3 Vereinfacht gesagt: Die meisten Anarchist*innen, die mit
Wissenschaft zu tun haben, hält es nicht jahrelang in Bibliotheken – sie
bleiben keine Beobachter*innen, sondern sind/werden politische Akti-
vist*innen.

Im Übrigen stimmt es auch nicht, dass alle Menschen, die im aka-
demischen Bereich tätig sind, einen „gutbürgerlichen Hintergrund“
hätten. Gerade Leute, die sich im akademischen Bereich hocharbeiten
und gegen die Hierarchien dort ankämpfen mussten, brachten den
kritischen Wissenschaften neue Erkenntnisse und der kritischen
Literatur neue Ausdrucksformen 4 .

Sicherlich gibt es davon nicht so viele,
da der Zugang zum Studium selbst ja
einen krassen Auswahlprozess dar-
stellt. Daneben gibt es aber viele Studie-
rende, die auch durch das Studium (und
das, was so drumherum möglich ist)
eine kritische Perspektive entwickeln.
Oft hadern sie dementsprechend stark
mit der hierarchischen und staatlichen
Institution der Universität. Sie brechen
ihr Studium ab oder versuchen sich
durchzuquälen, aber machen es sich je-
denfalls nicht leicht damit. Kritisch zu
studieren bedeutet nämlich immer, ge-
gen die Uni zu studieren. Und genau
das sollten wir weiter verbreiten und
weiter fördern, wenn wir als Anar-
chist*innen dieses Thema besprechen.

Selbst wenn Akademiker*innen aber einen privilegierten Hintergrund
haben, bedeutet das keineswegs, dass sie keine kritischen Gedanken ent-
wickeln können, die der anarchistischen Bewegung „nichts bringen“
und dass sie deswegen zu verachten sind. Ganz im Gegenteil, Peter Kro-
potkin war anarchistischer Wissenschaftler aus Überzeugung; ebenso
Elisee Reclus, Marcel Mauss und viele andere. 5 Gustav Landauers wert-
volle anarchistische Schriften wären sicherlich nicht so bedeutend, hätte
er nicht auch studiert 6 und Max Nettlau hätte wahrscheinlich keine
Forschungen über die anarchistische Bewegung selbst betreiben kön-
nen. Dadurch wäre womöglich das Wissen um die historische Bewe-
gung weitestgehend verloren gegangen. Und dies gilt genauso heute,
weil radikales (politisches) Denken eben weder einfach so vom Himmel
fällt, noch einfach so in den realen Kämpfen, der „wirklichen Bewe-
gung“, der „Kritik im Handgemenge“ (um hier einige bewegungsorien-
tierte Begriff von Marx reinzuwerfen) entsteht, sondern entwickelt wer-
den muss. Es wird keinesfalls nur im akademischen Bereich entwickelt.
Aber eben auch in diesem 7 .

Der „Nutzen“ der Wissenschaften für die anarchistische Bewegung

Was „bringt“ denn überhaupt was für die Anarchie oder die Bewegung
zu ihr? Was dem*der selbstbezüglichen Aktivist*in vielleicht im alltäg-
lichen Organisieren und Demofahren etc. so klar scheint, ist tatsäch-
lich eine hochgradig fragwürdige Angelegenheit. Was etwas „bringt“
kann immer nur im Nachhinein beurteilt werden. Wenn sich ein*e Aka-
demiker*in beispielsweise zurückzieht, über ihre*seine Gedanken brütet
und sich versucht an der Welt abzuar-
beiten, kann in diesem Moment wohl
noch nicht darüber geurteilt werden,
ob sie*er nicht vielleicht neue kritische
Gedanken entwickeln wird, die sich
noch als sehr wichtig erweisen
werden.

Die Frage, was für emanzipatorische
Bewegungen „nützlich“ ist, kann im
Grunde genommen eigentlich gar nicht
gestellt werden. Im emanzipatorischen
Sinne ist es die Einzelnen entscheiden
zu lassen, welche Tätigkeiten sie für
„sinnvoll“ halten, welchen Ansatz sie
wählen und in welchen Handlungs-
spielraum sie aktiv sein wollen und
können – was selbstverständlich trotz-
dem kritisiert werden kann. Damit ver-
fällt man noch lange keinem „universitären Relativismus“ 8 . Im Übrigen
sind antiintellektuelle Einstellungen und Ressentiments oft auch mit
Antisemitismus verknüpft, weil die Intellektuellen der Gesellschaft an-
geblich nichts nutzen würden und ebenso komisch und unverstanden
wären wie die Jüd*innen. Daneben sperrten viele totalitäre Herrscher
gerade die Intellektuellen ein und ermordeten sie, weil sie zurecht er-
kannten, dass diese herrschaftskritische Gedanken entwickeln und
jederzeit wieder hervorbringen können. 9

-------------------------------------------------

[1] Richard J.F. Day, Gramsci is Dead, Toronto 2005.
[2] Bspw. David Graeber, Social Theory as Science and Utopie: or, does the prospect ofa general sociological theory still mean anything in an age ofGlobalization?, in: Possibilities. Essays on Hierarchie, Rebellion and Desire, Edingburgh/Oakland 2007, S. 313-328.

[3] David Graeber, Direkte Aktion, Hamburg 2013, S. 29.

[4] Pierre Bourdieu (der selbst nicht Anarchist ist) brachte das kritische Denken in Universitäten unheimlich voran und kritisierte den akademischen Betrieb, seinen Elitismus, seine Herrschaftsfunktionen und die Rolle von Wissenschaftler*innen und ihr „Gehabe“(Habitus) in der Gesellschaft und in radikalen Bewegungen. Das tat er gerade, weil er sich aus sehr armen Verhältnissen durchbeißen musste. Ein anderes Beispiel in der Literatur ist sicherlich der libertäre Schriftsteller Albert Camus, dessen Roman „Der erste Mensch“teilweise autobiografisch von seiner Herkunft erzählt.

[5] Nur einige weitere Wissenschaftler*innen, die für anarchistische Theorien sehr wichtig waren: André Gorz, Herbert Marcuse, Cornelius Castoriadis, Paul Feyerabend, Johannes Agnoli, auch Joachim Hirsch und John Holloway gegen die Martin wettert...

[6] Beispielsweise verstand Landauer den Staat nicht einfach als irgendwelche Herrschaftsinstitution, die man einfach zerschlagen könnte, sondern als ein Verhältnis, das es zu untersuchen und zu verändern gilt: Eine sehr wichtige Erkenntnis zum Verstehen von Herrschaft und deswegen Voraussetzung ihrer Überwindung. Siehe: Die Beiträge von Carolin Kosuch, Jürgen Mümken und Siegbert Wolfin: Peter Seyferth, (Hrsg.), Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse, Baden-Baden 2015.

[7] So las ich kürzlich das Buch von Gabriel Kuhn „Jenseits von Staat und Individuum“(2007), in welchem er mit wissenschaftlichem Hintergrund meiner Ansicht nach sehr zutreffende anarchistische Gedanken formuliert, die mich in der Praxis ziemlich weiterbringen. Andere spannende deutschsprachige anarchistische Theoretiker*innen sind sicherlich Philippe Kellermann, Hendrik Wallat und auch andere. Mit geht es nicht darum, Namen zu droppen, sondern einfach Beispiele zu geben...
Fußnote 8 und 9 siehe nächste Seite unten.

Deswegen ist also durchaus wichtig, wer sich wie in welchen Kreisen
bewegt: anarchistische Akademiker*innen haben natürlich genauso mit
Menschen zu tun, die was anderes machen und sind genauso politische
Aktivist*innen. Zumindest potenziell. Damit dies mehr geschieht muss
das „akademische Feld“ als Ort der Auseinandersetzung erkannt und
darin auch anarchistisch Position bezogen werden. In den englisch-
sprachigen Ländern sind Anarchist*innen da schon sehr viel weiter. 10
Selbstverständlich gilt es dabei jegliche Avantgarde-Konzeptionen
abzulehnen, nach denen eine Gruppe von „Intellektuellen“ beispiels-
weise die Arbeiter*innenklasse anzuführen und ihnen den richtigen
Weg zur Revolution aufzuzwingen hätte. Bakunin erkannte sehr früh
die Gefahr, welche von den autoritären Sozialist*innen ausging, welche
ihre Machtpolitik mit vermeintlich wissenschaftlichen Wahrheiten be-
gründeten und legitimierten. Deswegen bekämpfte er diese Vor-
stellungen konsequent und völlig zu recht. 11 Das bedeutet aber
wiederum nicht, dass Bakunin an sich wissenschaftsfeindlich gewesen
wäre oder was gegen Akademiker*innen per se gehabt hätte. Gerade da-
rum formulierte er eine bahnbrechende und lesenswerte Wissenschafts-
kritik in seinem Buch „Gott und der Staat“ 12 , während die meisten
Anarchist*innen zu seiner Zeit dem puren Rationalismus und der
Wissenschaftsgläubigkeit im Nachgang der Aufklärung anhingen (was
heute wiederum problematisch gesehen werden muss).

Schlussfolgerungen

Letztendlich darf es also für Anarchist*innen nicht darum gehen, Leute
dafür zu verurteilen, dass sie aus anderen Gruppen oder Milieus kom-
men und beispielsweise einen akademischen Hintergrund haben. Es
stellt sich immer die Frage, was einzelne Leute aus ihren jeweiligen Po-
sitionen heraus tun wollen und können, um anarchistische Prinzipien
und Ansichten zu verbreiten, kritische Erkenntnisse zu gewinnen, diese
in praktische politische Organisation, Direkte Aktionen und so weiter
umzusetzen und funktionierende Alternativen zur herrschenden
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu entwickeln und aufzubauen.
Wenn Wissenschaftler*innen lediglich Herrschaftswissen produzieren,
ist dies aus herrschaftskritischer Perspektive zu bekämpfen. Wenn sie
einen elitären Sprachstil pflegen, meinen, die Weisheit geblickt zu haben
und diese allen anderen erklären zu müssen, können sie ebenso ein-
packen. Wenn es ihnen aber gelingt, kritisches Wissen zu entwickeln
und an Nicht-Akademiker*innen in verständlicher Sprache zu ver-
mitteln, wobei sie gleichzeitig Teil der Bewegung und deswegen auch
Aktivist*innen sind, dann ist es doch völlig egal, ob jemand
Akademiker*in ist oder nicht.

Um zu dieser recht naheliegenden Schlussfolgerung zu gelangen, ist es
jedoch erforderlich, die Ressentiments zu hinterfragen und sie hoffent-
lich auch irgendwann einmal zu überwinden. Nur so wird es in der
Anarchie keine Akademiker*innen (als das von Martin konstruierte und
kritisierte soziale Milieu) und auch keine Unis mehr geben. Stattdessen
wird emanzipatorische Bildung für alle zugänglich und deswegen wei-
ter als heutzutage verbreitet sein. 13 Die Verbreitung von kritischer Bil-
dung wiederum ist umgekehrt die Voraussetzung für emanzipatorische
Prozesse und Kämpfe und deswegen auf jeden Fall auch eine äußerst
wichtige Aufgabe für Anarchist*innen. 14 Dafür braucht es wiederum
keine Unis oder das hierarchische akademische System – wo dieses aber
verschiedene Ressourcen und Wissen bereit stellt, die von Anar-
chist*innen genutzt werden können, sollten sie logischerweise genau
das tun. Entscheidend dafür ist allerdings, „die Akademie“ als ein
Kampffeld zu verstehen, dem wir uns nicht einfach mit billigen Ressen-
timents á la „Akademiker*innen schwätzen nur und kriegen nichts hin“
verweigern können. Das ist natürlich absolut keine Maxime oder Auf-
forderung an alle, sich jetzt irgendwie mit intellektuellem Kram zu
beschäftigen! Lasst die Leute einfach jeweils tun, was sie nun mal aus
verschiedenen Gründen tun, zusammenkommen, wo es möglich ist und
ansonsten in welchem Bereich und mit welchen Mitteln auch immer es
uns möglich ist, anarchistische Prinzipien und Vorstellungen verbreiten.
Es kann nämlich auch keine anarchistische Position sein, über die von
Herrschaft durchzogenen Institutionen einfach blind hinweg zu sehen –
Wenn die Bullen zuschlagen und Anzeigen schreiben, wenn die Lohn-
arbeit nervt und die ideologische Verblendung der Rechtspopulist*innen
uns in den Wahnsinn treibt, können wir schlecht sagen, dass ginge uns
alles nichts an und wir hätten damit nichts zu tun. Wir sind ja nicht
draußen aus der Gesellschaft, sondern, ob wir wollen oder nicht, Teil
von ihr. Genauso müssen auch Unis und der akademische Betrieb kri-
tisiert, wo es geht auch angeeignet und angegriffen werden. Um das
aber auf eine Weise tun zu können, die grundsätzlich etwas verändert
anstatt nur Rebellentum zu sein, braucht es aber Herrschaftsanalysen
und radikale Kritik – die aber entstehen nun mal heute keineswegs nur,
aber eben auch in Unis...

-------------------------------------------------

[1] Richard J.F. Day, Gramsci is Dead, Toronto 2005.
[2] Bspw. David Graeber, Social Theory as Science and Utopie: or, does the prospect ofa general sociological theory still mean anything in
an age ofGlobalization?, in: Possibilities. Essays on Hierarchie, Rebellion and Desire, Edingburgh/Oakland 2007, S. 313-328.
[3] David Graeber, Direkte Aktion, Hamburg 2013, S. 29.
[4] Pierre Bourdieu (der selbst nicht Anarchist ist) brachte das kritische Denken in Universitäten unheimlich voran und kritisierte den akademischen Betrieb, seinen Elitismus, seine
Herrschaftsfunktionen und die Rolle von Wissenschaftler*innen und ihr „Gehabe“(Habitus) in der Gesellschaft und in radikalen Bewegungen. Das tat er gerade, weil er sich aus sehr armen
Verhältnissen durchbeißen musste. Ein anderes Beispiel in der Literatur ist sicherlich der libertäre Schriftsteller Albert Camus, dessen Roman „Der erste Mensch“teilweise autobiografisch von
seiner Herkunft erzählt.
[5] Nur einige weitere Wissenschaftler*innen, die für anarchistische Theorien sehr wichtig waren: André Gorz, Herbert Marcuse, Cornelius Castoriadis, Paul Feyerabend, Johannes Agnoli,
auch Joachim Hirsch und John Holloway gegen die Martin wettert...
[6] Beispielsweise verstand Landauer den Staat nicht einfach als irgendwelche Herrschaftsinstitution, die man einfach zerschlagen könnte, sondern als ein Verhältnis, das es zu untersuchen
und zu verändern gilt: Eine sehr wichtige Erkenntnis zum Verstehen von Herrschaft und deswegen Voraussetzung ihrer Überwindung. Siehe: Die Beiträge von Carolin Kosuch, Jürgen Mümken
und Siegbert Wolfin: Peter Seyferth, (Hrsg.), Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse, Baden-Baden 2015.
[7] So las ich kürzlich das Buch von Gabriel Kuhn „Jenseits von Staat und Individuum“(2007), in welchem er mit wissenschaftlichem Hintergrund meiner Ansicht nach sehr zutreffende
anarchistische Gedanken formuliert, die mich in der Praxis ziemlich weiterbringen. Andere spannende deutschsprachige anarchistische Theoretiker*innen sind sicherlich Philippe Kellermann,
Hendrik Wallat und auch andere. Mit geht es nicht darum, Namen zu droppen, sondern einfach Beispiele zu geben...
Fußnote 8 und 9 siehe nächste Seite unten.
[8] Jimmy boyle, Wahrheit gibt es nicht, das kann doch wohl nicht wahr sein – Kritik des universitären Relativismus, in: Gaidao 61, S.22-24.

[9] In der Franco-Diktatur war das der Fall. Die
„Roten Khmer“in Kambodscha ermordeten unter anderem die Intellektuellen (u.a. Lehrer*innen) als ganze Gruppe. Die sogenannte Kritische Theorie der Frankfurter Schule wiederum musste
nicht ohne Grund weitestgehend in die USA emigrieren – die meisten ihrer Theoretiker*innen waren Jüd*innen und kritische Kommunist*innen.
[10] Gerade in der Anthropologie gibt es zahlreiche Wissenschaftler*innen, die sich zum Anarchismus bekennen. Seit den Erfolgen der globalisierungskritischen Bewegung ist nicht mehr
abwegig auch an Universitäten verstärkt Anarchist*innen zu finden. Siehe auch der Sammelband: Amster/DeLeon/Ferandez, contemporary anarchiststudies. An introductory anthropology of
anarchy in the academy, Abingdon/New York 2009.
[11] „Die Verwaltung des Lebens durch die Wissenschaft könnte kein anderes Ergebnis haben als die Verdummung der gesamten Menschheit. Wir revolutionären Anarchisten und Kämpfer für
Bildung, Emanzipation und volle Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens des ganzen Volkes, die wir eben deshalb Feinde des Staates und jeglicher Verstaatlichung sind, behaupten im
Gegensatz zu allen Metaphysikern, Positivisten und allen gelehrten und ungelehrten Anhängern der Göttin Wissenschaft, dass das natürliche und gesellschaftliche Leben immer dem Denken
vorausgeht, welches nur eine seiner Funktionen, nie aber sein Resultat sein wird“, aus: Michael Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie, Ausgewählte Schriften, Bd. 4, Berlin 1999, S. 280 .
[12] https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/7-bakunin-gott-und-der-staat [13] Mit emanzipatorischer Bildung meine ich eben nicht irgendwelche rein
technischen skills oder angehäuftes, abstraktes und entfremdetes Wissen. Es geht um die intellektuellen Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, selbständig, kritisch und sich selbst bewusst
in Kooperation mit anderen ihre Angelegenheiten vernünftig zu regeln und ihre Umwelt sinnvoll zu gestalten. In diesem Sinne würde ich ganz mit dem Marxisten Antonio Gramsci gehen, der
meint das alle Menschen Intellektuelle sind. Damit will er zum Ausdruck bringen, dass prinzipiell alle Menschen ihre Umgebung interpretieren und Expert*innen für ihre jeweilige Lebenswelt
und ihre Angelegenheiten sind. Gerade deswegen sollen sie die auferlegte Dummheit überwinden, sich von der (auch intellektuellen) Abhängigkeit emanzipieren, selbstbestimmt und
selbstorganisiert Veränderungen möglich machen.
[14] Nicht umsonst wollte die Narodniki-Bewegung in Russland gesellschaftliche Veränderungen und den Sturz des Zarenreichs erreichen, indem sie die Bauern bildeten. In Spanien wurde
Francesco Ferrer mit seiner „Modernen Schule“berühmt, um allen Menschen vernünftige (d.h. atheistische und zwanglose) Bildung zukommen zu lassen (weswegen er ermordet wurde). Die
Arbeiterbildungsvereine in der Arbeiterbewegung dienten dazu, Arbeiter*innen Wissen und damit auch einen Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen, die sie sonst nie erhalten würden. Mit
Paolo Freires pädagogischem Ansatz wurde den Armen in Brasilien lesen und schreiben beigebracht und zwar auch darum, damit diese sich nicht einfach immer wieder von den Grundherren
und Politiker*innen verarschen lassen. (Bei diesen Beispielen kann nur Ferrer als Anarchist im engeren Sinne gelten.) Heutzutage werden deswegen ja auch in besetzten Häusern und Sozialen
Zentren kostenlose Sprachkurse für Migrant*innen angeboten und wird skillsharing betrieben.
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