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(de) fda-ifa gai dao #63 - Gedanken über Rojava: Ein Interview mit Janet Biehl Von: Zanyar Omrani (ROAR-Magazine, 13. Januar 2016) / Übersetzung: madalton & Ben

Date Thu, 17 Mar 2016 18:45:44 +0200


Voller Bewunderung, aber nicht ohne Kritik: Janet Biehl gibt Einblicke in einige ihrer Eindrücke über die Revolution von Rojava nach ihren jüngsten Besuchen in dem Gebiet. ---- In diesem Interview spricht der Independent-Filmemacher und Journalist Zanyar Omrani mit Janet Biehl über ihren verstorbenen Lebensgefährten Murray Bookchin, ihre Reisen nach Rojava und über die wichtige Frage, wie Machtstrukturen von unten nach oben aufgebaut werden können ohne die Umkehr des Vorgangs im Laufe der Zeit zu riskieren. ---- Janet Biehl bereiste Rojava im letzten Jahr zweimal und schrieb umfangreich über ihre Erfahrungen und Beobachtungen, während sie die autonomen Kantone in Nordsyrien besuchte. Sie ist die Autorin des Buchs „Ecology or Catastrophe: The Life of Murray Bookchin“ (1).

Zanyar Omrani besuchte Rojava
mehrere Male, bei denen er das Leben
hinter den Fronten der Kämpfe gegen
ISIS dokumentierte. Seine Dokumen-
tation „Inside Kobane: Keeping Islamic
State at Bay“ (2), wurde von der BBC
ausgestrahlt.

Zanyar Omrani: Erzähl uns von
deiner ersten Begegnung mit der
kurdischen Frage und erläutere,
warum sie deine Aufmerksamkeit
erregt hat!

Janet Biehl: Nach dem Tod von
Bookchin 2006 schickten mir verschie-
dene Leute die überwältigende Würdi-
gung der PKK an ihn, welche besagte,
dass sie sich vornehmen würden
„Bookchin in unserem Kampf lebendig
werden zu lassen“ und „die erste Gesellschaft, die einen konkreten
demokratischen Konföderalismus etabliert“ hervorzubringen.
2011 lud mich der kurdische Öko-Aktivist Ercan Ayboga ein, am
Mesopotamischen Sozialforum in Diyarbakir teilzunehmen, welches er
organisiert hat. Er dachte, die Bewegung und ich hätten sich gegenseitig
Dinge zu sagen. Er lag richtig.

Beim Mesopotamischen Sozialforum fand ich eine voll entwickelte
soziale Bewegung in Gange, die von Aktivismus und Vorstellungen von
Ökologie und Geschlechtergerechtigkeit und vielem anderen über-
schäumte. Ich sah ältere patriarchal-aussehende Männer, die dasaßen
und gespannt einer 20-jährigen Frau zuhörten, welche über Ehrenmord-
ausschüsse sprach. Ich dachte, etwas ist hier im Gange.

Seitdem habe ich mitgeholfen zwei Bücher über dieses Thema aus dem
Deutschen ins Englische zu übersetzen: „Demokratische Selbst-
verwaltung in Nordkurdistan“ (3) von
einer Gruppe deutsch-kurdischer Soli-
daritätsaktivist*innen, welche rund
um Bakur (Nordkurdistan) herum-
gereist sind um die gegründeten
Organe der demokratischen Selbst-
verwaltung zu erforschen; und „Revo-
lution in Rojava“ (4), mitverfasst von
Ercan Ayboga, der mich ursprünglich
zum Kongress einlud. Dieses Buch
wird bei Pluto Press irgendwann 2016
erscheinen.

Im Dezember 2014 hatte ich die
Gelegenheit, als Teil einer
akademischen Delegation selbst nach
Rojava zu reisen. Wir waren 10 Tage
lang dort.

Erzähl uns mehr über deine erste
Reise nach Rojava. Wurde die Rea-
lität deinen Erwartungen gerecht?

Ich hatte die deutschsprachigen
Berichte übersetzt, deshalb war ich
vorab ziemlich gut informiert. Jedoch
konnte mich nichts auf den Anblick von 1,65m großen uniformierten
Frauen vorbereiten, die lässig Kalashnikovs hielten – unsere
allgegenwärtige Eskorte. Und nichts konnte mich darauf vorbereiten,
tatsächlich Zeugin einer Revolution zu werden. Zum ersten Mal sah
ich, wie die geballte Macht des kollektiven menschlichen Willens eine
soziale Ordnung in so kurzer Zeit transformieren kann. Und die vielen
Bilder von Öcalan waren hier ganz offen, anders als in der Hütte in
Diyarbakir – sie waren an den Wänden von beinahe jedem Raum.

Ich traf Menschen, die vom bisherigen Regime eingesperrt und gefoltert
worden sind und trotz alledem mit ihren Tätigkeiten weitermachten bis
sie dieses Projekt verwirklicht hatten. Meine Delegationen sprachen mit
Organisierenden von Tev-Dem und Yekîtiya Star; die Revolutionäre
hatten so viel getan, um die Räte und andere Institutionen aufzubauen.
Als Murray noch lebte, hatte ich revolutionäre Geschichte studiert und
ihm geholfen, Bücher darüber zu schreiben. Aber vor meinen eigenen
Augen solch einen Vorgang zu sehen war außergewöhnlich.

Kommunen, Tev-Dem, 22 Kantonsministerien, Kommunal-
verwaltungen, Gerichte – all diese Institutionen setzen die Ideen in
die Praxis um, welche zuvor nur auf dem Papier existierten. In
welchem Ausmaß hat das, was du in Rojava gesehen hast, mit
Bookchins Denken übereingestimmt?

Mit den zwei Delegationsreisen (die zweite war im Oktober 2015), hielt
ich mich insgesamt 13 Tage in Rojava auf und die Leute, die mit uns
sprachen, gehörten der politischen Klasse an. Deshalb, musst du wissen,
basiert alles, was ich zu sagen habe auf dem, was mir erzählt worden
ist, von Leuten, die wussten, indem sie zu unserer Gruppe von
angereisten Außenstehenden sprachen, dass sie mit der Welt
kommunizierten.

Beinahe jede*r erwähnte, dass das Rojava-Projekt über keinen Staat ver-
fügt und gegen den Staat gerichtet ist. Das Assad-Regime hatte die
Region wirtschaftlich unterentwickelt gehalten, während der Kapitalis-
mus also gegenwärtig ist, hat er die Gesellschaft nicht gestaltet und die
politische Klasse verschreibt sich dem Entwickeln einer kooperativen
Wirtschaftsweise. Vom Regime aufgegebene Ackerflächen wurden in
landwirtschaftliche Kooperativen umgewandelt. Darüber hinaus ist die
Gesellschaft der drei Kantone kommunalistisch, erläuterten die Leute,
sowohl in der Praxis als auch ideologisch und eben nicht
individualistisch wie die Vereinigten Staaten.

Die Institutionen der demokratischen Selbstverwaltung, welche die
Leute beschrieben, entsprachen in vielem, was Bookchin sich vorgestellt
hatte (unter dem Begriff libertärer Munizipalismus). An der Basis des
demokratischen Konföderalismus steht die Versammlung der Bür-
ger*innen (bei Bookchin) oder Kommune (in Rojava). Die Kommune
entsendet Delegierte zum konföderativen Rat auf der Ebene der
Nachbarschaften und der Nachbarschaftsrat schickt Delegierte zum
Kreis und der Kreis zum Kanton. In dieser mehrstufigen Struktur fließt
die Macht von unten nach oben, wie Bookchin es beschrieben hat.

Wurde die Vision Wirklichkeit? Im Dezember 2014 wurde ich Zeugin
einer Kommuneversammlung in Qamislo. Im Oktober 2015 fuhr meine
Delegation nach Amude, dem Sitz der kantonalen Stufe der demokra-
tischen Selbstverwaltung, wo wir Hakam Khello trafen, dem
Vorsitzenden des legislativen Rates. Ich fragte ihn wie viele Kommunen
es gibt. Er antwortete mir, es gäbe 4000 in den befreiten Gebieten, inklu-
sive arabischer Dörfer und aller anderen Ethnien.

Manche Dinge waren nicht wie bei Bookchins Denken. Am auffallend-
sten räumte Bookchin Frauen nicht die Priorität ein, wie Öcalan es
getan hat. Bookchin war gegen jegliche Hierarchien, Öcalan jedoch
verleiht der Unterdrückung der Frauen herausragendes Gewicht und er
schreibt Frauen eine eigene oder sogar Vorreiterrolle zu. Bookchin
schrieb Frauen solch eine Rolle nicht zu oder rief zu 40%-
Geschlechterquoten auf oder doppelt besetzte Leitungspositionen.

Um ganz genau zu wissen, ob die Macht von unten nach oben fließt,
würde ich den Entscheidungsprozess miterleben müssen, der in einem
Kommunetreffen vonstatten ging, ihn dann zum Nachbarschaftsrat
mitverfolgen, dann den Kreisrat und auf Kantonebene. Leider verfügte
ich aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse nicht über diesen Zugang,
deshalb werde ich für solche Informationen von den Rechercheleuten
abhängig sein müssen.

Können deiner Meinung nach die gesetzgebenden und ausfüh-
renden Institutionen in Rojava neben der Vorherrschaft der Partei
der Demokratischen Union handlungsfähig sein?

Meine Delegation vom Oktober 2015 traf sich auch mit dem
Premierminister des Kantons Cizre, dem Anwalt Akram Hesso. Ich
fragte ihn, ob die Macht in diesem System von unten nach oben fließt
oder von oben nach unten. „Wir übernehmen die Vorstellungen und
Bedürfnisse, die uns die Leute an der Basis geben“, sagte er durch eine
dolmetschende Person, „und wir untersuchen diese Ansichten um zu
sehen, ob es möglich ist, sie in einem Gesetz zu verabschieden, die
Vorstellungen der Leute in praktikable Gesetze und Entscheidungen zu
übertragen.“ Ich kam nicht umhin, festzustellen, dass dies nicht wirklich
dasselbe darstellt wie die Ausführung der Grundsatzentscheidungen der
Basis.

Deshalb fragte ich, wie ihr die Vorstellungen der Leute erhaltet? „Wir
haben kleine Kommunen in den Nachbarschaften“, sagte er.

„Ortsansässige Institutionen, eine Volksvertretung, einen exekutiven
Rat. Die Menschen drücken ihre Bedürfnisse aus, Schritt für Schritt
aufwärts in einer Pyramide.“

Werden bald Wahlen abgehalten?, fuhr ich fort. „Wir hatten dieses Jahr
Wahlen in den Gemeinden“, antwortete er, „aber Parlamentswahlen
werden aufgeschoben wegen der Angriffe des IS in Kobane und überall
sonst.“

Werden die Wahlen abgehalten laut der Duhok-Vereinbarung von Ende
2014? fragte ich, indem ich mich auf die Vereinbarung bezog, in welcher
die in der PYD zusammengeschlossenen Parteien und die in dem Kurdi-
schen Nationalrat (ENKS) (5) zusammengeschlossenen Parteien zuge-
stimmt haben, die gleiche Menge Sitze im Parlament zu teilen. „Das
Duhok-Abkommen bezieht sich nur auf die kurdischen Parteien. Wir
unterstützen dieses Abkommen, wir haben kein Problem damit.“

Beinhaltet dieses Exekutivgremium, von welchem du geleitet wirst,
auch nicht-PYD-Parteien?, fragte ich. „Die Kurd*innen haben zwölf
Parteien innerhalb der Selbstregierung. Die demokratische Selbstver-
waltung ist für alle Parteien offen. Ich bin Mitglied von ENKS.“

Mir war dies nicht bekannt und ich hielt einen Moment inne um die
Überraschung zu erfassen. Später fand ich diese Beschreibung (6) wie
Hesso Premierminister geworden ist: Vor acht Monaten, erläuterte er
einem IPS-Berichterstatter, „wir hielten einige Versammlungen ab bis
ein Ausschuss von 98 Mitgliedern, welche die verschiedenen
Gemeinschaften repräsentieren, gebildet worden ist. Sie waren
verantwortlich für die Wahl der 25 von uns, welche die heutige
Regierung bilden.“ Wie jene Gemeinschaft der 98 ausgewählt wurde ist
unklar. Aber lass uns zurück zu Amude kommen.

Um dies weiterzuverfolgen fragte ich, „Leute sagen, die PYD ist beherr-
schend und unterdrückend. Was meinst du dazu?“ Er antwortete: „Die
PYD ist eine kurdische Partei wie jede andere Partei hier. Sie verfügt
über Sitze im Parlament, sie ist sehr beliebt, aber sie herrscht nicht.“

„Warum gibt es hier an der Wand kein Bild von Öcalan?“, fragte eine*r
meiner Gefährt*innen der Delegation, indem er*sie sich auf das
kantonale Regierungsgebäude bezog. „In der demokratischen Selbst-
regierung repräsentieren wir alle Menschen,“ sagte Hesso, „alle Fachbe-
reiche und Anführer*innen, viele Schulen, keine Bilder. Die demokra-
tische Selbstregierung respektiert die Vorstellungen aller, einschließlich
der ENKS. Die Menschen können Fotos von Öcalan in ihrem Zuhause
haben, aber nicht in Regierungsgebäuden.“

Am nächsten Tag, als Hesso den New-World-Gipfel in Derik
thematisierte, sprach
er mit voller Hingabe
von der Revolution:
„Unsere Revolution ist
von Hingabe und
Widerstand gekenn-
zeichnet. Hier haben
wir die Gleichberech-
tigung der Frauen, in
der demokratischen
Selbstregierung und in
den Frauenaus-
schüssen. Unsere Re-
volution ist für die
gesamte Menschheit.
Wir haben Ausschüsse
für Menschenrechte
und Religion. Eine
neue Gesellschaft
wird auf dem Blut unserer Märtyrer*innen erbaut. Die demokratische
Selbstregierung verlässt sich auf die YPG, YPJ, Sotoro Asayis – sie alle
schützen Rojava.“

Welche Strategien hast du um solche Macht zu verringern? Mit
anderen Worten: Welche demokratischen Garantien können die
Impfung der Beschlüsse, die von oben herab erfolgen, verhindern?

Die Menschen in Rojava scheinen sich der Gefahr sehr bewusst, dass
ein von unten nach oben organisiertes System sich in ein von oben nach
unten organisiertes System umwandeln kann. Dies passierte doch in
Russland. 1917 sollte das mehrstufige Rätesystem, oder die Gremien, in
ganz Russland ursprünglich die Macht von der Basis zum Gipfel tragen.
Aber sobald die Bolschewiki an die Macht kamen, waren sie in der
Lage, jene Institutionen als Verbindungen für Macht von oben nach
unten zu benutzen, tatsächlich für totalitäre Herrschaft.

Du fragtest nach Garantien – mein lieber, wir sprechen über
menschliche Gesellschaften, nicht über Gesetze oder Physik. Es gibt
keine Garantien. Es gibt keine mathematische Formel, die besagt, falls
diese Bedingungen zutreffen, dann ist die Demokratie in all ihrer
Reinheit sichergestellt anzudauern.

Bookchin dachte eine Menge über dieses Problem nach und eines seiner
beharrlichsten Argumente war, dass die Gesellschaft die Trennung von
Politik und Verwaltung sicherstellen muss. Einzig die Bürger*innen in
Versammlungen könnten Entscheidungen zu politischen Fragen treffen.
Die Rolle der föderativen Räte ist lediglich, jene Beschlüsse zu verwal-
ten und auszuführen. Sobald die Räte anfangen, Beschlüsse zu fassen,
gibt es keinen Machtstrom von unten nach oben mehr.

Zweitens müssen Delegierte zu den föderalen Räten mandatiert und ab-
berufbar sein. Ihre einzige Funktion ist die, politischen Beschlüsse, die
von den Bürgerversammlungen gefasst worden sind, an die höheren
Stufen zu übermitteln. Falls sie dies nicht tun, können die Menschen sie
abberufen. Falls es den Delegierten erlaubt wird über ihr Mandat hin-
aus zu gehen, dann verlieren wir den Machtstrom von unten nach oben.
Als in Amude meine
Delegation mit Hakan
Khello sprach, dem
PYD-Vorsitzenden des
kantonalen gesetzge-
benden Rates, betrach-
teten wir es von einem
praktischen Gesichts-
punkt. Angenommen
die verschiedenen Ge-
meinden in einer
Nachbarschaft stim-
men einer bestimmten
Frage nicht zu, fragte
jemand aus meiner
Gruppe, und ihre
unterschiedlichen De-
legierten im Nach-
barschaftsrat reflektie-
ren diese Uneinigkeit und diesen Konflikt. Wie würde die Frage gelöst
werden?

Der Nachbarschaftsrat würde entscheiden müssen, erklärte Khello, aber
die endgültige Entscheidung könnte auf der Ebene des Kantons
getroffen werden. Welche Kriterien um eine Entscheidung zu treffen?,
fragten wir. „Die Entscheidung muss in Einklang mit dem Gesell-
schaftsvertrag stehen“, antwortete er, und verwies auf schriftliche
Verfassung (7), durch welche die Gesellschaft geregelt ist. Beispiels-
weise „die Freiheit der Frauen stellt hier ein maßgebliches Grundrecht
dar“, sagte er, und dasselbe gilt für die Ökologie. „Wir beziehen uns
auch auf die internationalen Menschenrechtskonventionen und
Kinderrechtskonventionen. Diese gestalten unser Leben.“

Ich fand dies beruhigend – die grundlegenden Prinzipien der
Gesellschaft schwarz auf weiß zur Hand zu haben, als Empfehlung bei
der Entscheidungsfindung. Welche anderen Mittel probiert ihr um das
von-unten-nach-oben vor dem Wandel in ein von-oben-nach-unten zu
bewahren?, fragte ich Khello. „Die örtlichen Gemeinden befassen sich
nur mit lokalen Fragen“, antwortete er. „Der gesetzgebende Rat
diskutiert Fragen, welche mit allen Menschen im Kanton in Beziehung
stehen.“

Ja, ich habe andere in Rojava ebenfalls diese Prinzipien aussprechen
gehört: Diese Beschlüsse zu einer Frage werden auf der ortsnächsten
Ebene gemacht, die zuständig ist es zu behandeln. Wenn eine Gemeinde
zuständig ist, eine Frage zu behandeln, beispielsweise ausfindig zu
machen wo eine Schule gebaut werden soll oder wie lange und an
welchen Stunden der Strom laufen soll, dann macht die Gemeinde es so.
Und die höheren Ebenen sollten sich nicht einmischen. So werden die
Institutionen nahe an den Leuten gehalten, so behalten die Leute die
Kontrolle über die Fragen, die sie am unmittelbarsten betreffen und es
hält die Entwicklung von Bürokratie ab. Es stellt eine Form dar, damit
eine Demokratie für die Menschen ansprechbar bleibt. (Es erinnert mich
ein wenig an das Prinzip der „Subsidiarität“ in der katholischen sozialen
Denkweise.)

Aber kann dieser lokale Blickwinkel wirklich effektiv sein die Macht
von unten nach oben zu halten?, frage ich mich. Im Grunde genommen
sollten die Menschen, die sich in den Gemeinden treffen, genauso eine
Stimme in kantonweiten Angelegenheiten haben. Fragen über Krieg
und Frieden betreffen beispielsweise alle – warum sollten die Straßen-
und Nachbarschaftsversammlungen keine Stimme haben? Mich beun-
ruhigt dies, wenn alle kantonweiten Angelegenheiten den kantonweiten
Räten zugeordnet wird, könnte sich die Macht an der Spitze bündeln.

Am Tag nachdem die Delegation sich mit Khello getroffen hat, hielt ich
eine Rede über den libertären Kommunalismus oder demokratischen
Föderalismus auf dem New Word-Gipfel. Und als ich geendet hatte,
erhob sich eine Hand in der ersten Reihe und es war Khello selbst, und
er gab meine eigene Frage an mich und meinen Podiumsgast, Cizres be-
merkenswerte Vizeaußenministerin Amine Osse zurück: Wie kann das
bottom-up-Prinzip (von-unten-nach-oben) vor dem Wandel zum Top-
down (von-oben-nach-unten) bewahrt werden?

Osse sprach über die Wichtigkeit der Selbstverpflichtung auf die Prin-
zipien der Demokratie. Ich stimmte zu und fügte an, was Bookchin oft
gesagt hat: „Es gibt keinen Ersatz für Bewusstsein.“ Die Menschen
müssen sich den Ideen und dem Verlauf verpflichten und beitragen,
dass es funktioniert und sie müssen aufmerksam bleiben. Wenn die
Leute sich nicht verpflichten, wenn sie gleichgültig sind, dann wird
automatisch, im Lauf der Dinge, die Macht von oben nach unten
fließen.

Ich möchte hier eine andere Sache erwähnen, die für die Gewähr-
leistung eines Machtflusses von unten nach oben entscheidend scheint
und transparent ist. Alle Unterlagen und Beschlüsse und Wahlergeb-
nisse müssen öffentlich verfügbar sein, alle ökonomischen und sonstige
Informationen für die Entscheidungsfindung. Alles muss transparent
sein. Wenn die Menschen beginnen, Geheimnisse vor anderen Leuten
zu haben, können die Menschen keine anständigen Entscheidungen
treffen, und wenn andere hinter den Kulissen Entscheidungen treffen,
die auf geheimen Informationen beruhen, dann haben wir keine Ver-
sammlungsdemokratie mehr.

Zu demselben Thema bietet mein Freund Zaher Baher schon einen we-
sentlichen Gesichtspunkt. „Die einzige Hoffnung für Rojava ist Tev-
Dem“, erzählte er mir einmal, als er sich auf die Organisation bezog,
welche die verschiedenen Graswurzelzusammenhänge vertritt. Zaher
denkt, dass Tev-Dem das Instrument für die Übermittlung der Wünsche
der lokalen Gruppe an die föderierten Räte sei. Ich denke seine Aussage
ist gut getroffen: Rojava verfügt über viele zivile gesellschaftliche
Zusammenhänge, und ein Großteil der Stärke der demokratischen
Gesellschaft wird in deren Stärke liegen.

Denke ich, dass dieses System in Rojava genauso ist, wie Bookchin es
sich vorgestellt hat? Nicht genauso, aber vielleicht liegt dies hinter den
Fähigkeiten von echten Menschen. Aber die Leute ringen mit den
Problemen der Umsetzung, welche Bookchin, als Theoretiker, niemals
voraussah, und ich denke, dass sogar die Fehler, welche die Menschen
in Rojava machen könnten, relevant für die zukünftige Bedeutung jener
Ideen sind.

Offensichtlich haben die gesetzgebenden und die ausführenden Or-
ganisationen einige Pflichten und freie Wahlen gehören in den
meisten Gebieten dazu. Denkst du nicht, dass es einen Machtfaktor
jenseits gesetzlicher Regelungen gibt mit einer Macht, welche jeg-
liche Beschlüsse blockieren kann, die nicht vereinbar mit ihren
Vorteilen aussehen?

Mit „Machtfaktor jenseits gesetzlicher Regelungen, denke ich, meinst du
die PKK. Natürlich verbrachten viele der politischen Akteur*innen von
Rojava Zeit im Qandil-Gebirge und haben Verbindungen mit der PKK,
aber sie sind sehr bemüht jegliche aktuelle aktive Verbindung zu
vermeiden. Du scheinst mich zu fragen, was hinter den Kulissen
passiert und ich habe sicherlich keine Möglichkeit, es zu wissen.

Der amerikanische Professor der kurdischen Wissenschaften Michael
Gunter schreibt in seinem Buch „Aus heiterem Himmel: Die syrischen
Kurd*innen in Zeiten des Friedens und des Kriegs“, er denke, das
bottom-up-System funkioniert nicht und dass die PKK wirklich alles in
Rojava hinter den Kulissen betreibt. „Tatsächlich sind die Führung der
PKK im Qandil-Gebirge und Abdullah Öcalan in Imrali diejenigen,
welche in Wirklichkeit mittels verschiedener PKK/PYD-Anführer*innen
herrschen, die zuständig für verschiedene Gebiete sind.“ Welchen
Nachweis führt er für solch eine Behauptung an? „Seit September 2013
wurde berichtet, dass Shahin Cello aus Kobane der Oberbefehlshaber
aller militärischer Einheiten der PYD/YPG in Syrien sei. Vorher war er
Mitglied des PKK-Zentralrats und ein führender Funktionär in Europa.“
Ja, die Anwesenheit früherer PKK-Militärs ist zweideutig. Aber die YPG
und YPJ sind Teil des Systems Rojava; sie sind verantwortlich für die
demokratische Selbstregierung und sie funktionieren demokratisch –
ihre Befehlshaber*innen wurden von der Masse gewählt.

Des Arguments wegen lasst uns annehmen, es sei wahr, dass die PKK
den Laden schmeißt. Das würde ein Problem darstellen, weil die Ge-
schichte uns lehrt, dass Krieg mittels einer befehlshabenden Struktur
eine Gesellschaft autoritärer werden lassen kann – gerade auch eine Ge-
sellschaft, die sich zu radikaler Demokratie verpflichtet hat. Militärische
Beschlüsse werden gewiss jeden Tag getroffen. Und auf den höheren
Ebenen der Verwaltung Cizres stehen viele einfallsreiche und erfahrene
Leute wie Co-Ministerpräsident*innen Hadiya Yousef und Sheikh
Jumeydi Denham und der Premierminister Hesso und Ratspräsident
Khello und weitere – die obere Schicht scheint ziemlich zahlreich, ohne
Zweifel wegen des Kriegs. Stellen wir uns vor, dass sie die von unten
nach oben artikulierten Wünsche der Einwohner*innen ausführen, ohne
ihr eigenes Ermessen auszu-
üben? Warum sind dann
talentierte, einfallsreiche
Leute an der Spitze?

Aber es ist nichts falsch an
Führung von erfahrenen
Leuten, so lange jene Füh-
rungspersonen der Basis
verantwortlich sind. Wenn
die Basis sie weiterhin wie-
der wählt, dann stellt dies
ebenfalls Demokratie dar.

Und die Geschichte lehrt
uns noch etwas über
Kriegszeiten: Dass es die
Demokratie auch erweitern
kann. Eine Gesellschaft im
Krieg fordert die Menschen
auf für sie zu kämpfen und
möglicherweise zu sterben.
Dies trifft insbesondere auf
Gesellschaften ohne tech-
nisch ausgereifte Militärtechnologie wie Rojava zu, die sich auf be-
waffnete Soldat*innen und eben nicht auf Drohnen oder Kampfjets
stützen. Denke an das antike Athen – die Hopliten, die Armeekämpfer,
waren ebenso die Bürger in der Versammlung, der ekklesia. Und als Mi-
litärruderer für die Marine gebraucht wurden, für die Triremen, wurde
die demokratische Teilhabe auf die unteren Klassen ausgeweitet.

Deshalb gestehen Gesellschaften im Krieg paradoxerweise demo-
kratische Merkmale zu oder erweitern diese. Es stellt eine Art Gesell-
schaftsvertrag dar. Die Tatsache, dass die Gesellschaft der drei Kantone
ihre Leute mobilisieren muss um Krieg gegen den IS zu führen ist aktu-
ell eine Zugkraft zugunsten der Demokratie. Die Menschen müssen
dem Krieg zustimmen, an im teilnehmen, ihn bekämpfen und bereit
sein, ihre Leben oder das ihrer Familienmitglieder dafür zu opfern.

Ungeachtet dessen, ob die PKK hinter den Kulissen militärische und
andere Entscheidungen trifft oder nicht trifft, muss es ein Krieg der
Menschen sein und die Menschen müssen ihn kämpfen mittels ihrer
Selbstregierung. Und „die Menschen“ schließt natürlich Kurd*innen,
Araber*innen, Syrier*innen, Turkmenier*innen und all die anderen
Gruppen mit ein. Wenn für nichts weiteres, um der Mobilisierung
willen muss die Demokratie etwas Realität haben.

Als ich die Berichte deiner letzten Reise las, bemerkte ich in deinem
Schreiben, dass du einige Ängste oder Bedenken über etwas von
den Dingen, die du in Rojava gesehen hast, ausgedrückt hast. Ich
würde mich freuen, wenn du ausdrücklich sagst, was dich so
beunruhigt hat.

Du beziehst dich sicher auf meinen Artikel „Die Paradoxien einer be-
freienden Ideologie“ (8). Ideologie, schrieb ich, stellt eine mächtige Kraft
in Rojava dar und ich denke ein Engagement für Öcalans Ideologie war
eine Hauptkraft bei der Erschaffung der Gesellschaft und dass sie
weiterhin zusammenge-
halten wird, und gleich-
zeitig stärkt die Gesell-
schaft sie.

Rojava ist eine
überschaubare Gesell-
schaft, vom Rest der Welt
durch das Embargo abge-
schnitten, von der türki-
schen Feindschaft und
vom Krieg bedrängt. Der
Grad der kommunalen
Solidarität ist hoch und die
Menschen scheinen die-
selben Bestrebungen zu
teilen. Sie leisten Unter-
stützung und bekämpfen
den Krieg und erreichen
wie die YPG und YPJ Siege,
die Unterstützung muss
bestimmt wachsen. Jene
Siege begründen die De-
mokratie und möglicherweise sichern sie ihre Zukunft.

Aber in jeder Gesellschaft reagieren die Menschen auf unterschiedliche
Weise auf eine regierende Ideologie, wie ich erwähnt habe. Einige sind
sehr enthusiastisch von dem derzeitigen System, andere gehen damit
passiv mit, manche haben keine Meinung dazu und ein paar werden
sogar rebellieren, weil es in ihrer Natur liegt zu rebellieren, und manche
werden echte Probleme aufzeigen mit der Art, wie die Dinge sind.

Bookchin sagte üblicherweise, dass es in jeder politischen Gruppe oder
jedem System immer eine Linke, eine Rechte und eine Mitte gibt – so-
gar die perfekte Gesellschaft wird diese Bandbreite aufweisen. Es gibt
keinen Punkt zu versuchen darum herum zu kommen, indem andere
Teile des politischen Spektrums abgelehnt werden oder versucht wird,
sie zu beseitigen. Es wird immer Menschen geben, die dem vor-
herrschenden Konsens widersprechen, oder es sollte sie geben und die
Frage ist, was die Gesellschaft gegen sie unternimmt. Ich denke jede
Gesellschaft muss das gesamte politische Spektrum berücksichtigen und
jene, welche Standpunkte haben, müssen fähig sein, ihre Positionen zu
verteidigen.

Ich finde alles paradox, weil Ideologie ist notwendig um die Menschen
zu bilden und zu motivieren eine Revolution durchzuführen, aber sie
darf nicht unterdrückend und werden und Gleichförmigkeit durch-
setzen. Im 20. Jahrhundert hatte die Welt eine Menge Erfahrungen mit
Gesellschaften, die auf Ideologie gründeten. Eine Sache, die wir alle
gelernt haben, ist, dass Widerspruch lebensnotwendig für eine gesunde
politische Ordnung ist. Rojava wird fähig sein müssen, individuelle
Verschiedenheiten handzuhaben, einschließlich politischen Unter-
schiede.

Britische und deutsche Flugzeuge sind mittlerweile am syrischen
Himmel zu sehen. Dieser Stellvertreterkrieg wird von Tag zu Tag
schlimmer. Denkst du, dass die Offiziellen in Rojava bei ihrem
dritten Weg bleiben können, den sie beanspruchen?

Ursprünglich war der dritte Weg „weder Assad noch die freie syrische
Armee/Al-Nusra-IS“. Jetzt, wo Russland sich am syrischen Krieg betei-
ligt, haben wir einen weiteren dritten Weg - „weder die
USA/Großbritannien noch Russland“. Ich denke es ist vernünftig, ins-
besondere seitdem die Kurd*innen wiederholt ihre enorme militärische
Wichtigkeit als Bodenkämpfer*innen gezeigt haben. Dies gibt ihnen für
beide Seiten ein Druckmittel, für die USA und Russland, und sie sollten
es einsetzen.

Wenn Herr Bookchin am Leben wäre, wie würde er deiner
Meinung nach über die Erfahrungen der Leute in Rojava denken?

Ich denke, er würde sooft wie möglich nach Rojava reisen und sich
beteiligen sowie Rat, Inspiration und Mithilfe anbieten. Er würde
versuchen mitzuhelfen, dass die Demokratie funktioniert. Er würde den
Nahen Osten bereisen um die Revolution über die kurdischen Gebiete
hinaus überall in der Region zu verbreiten. Und er würde darüber zur
Außenwelt sprechen, zu jeder Person, die zuhört. Dies zu tun haben
alle, die dort zu Besuch waren, als moralische Pflicht.

Janet Biehl

Janet Biehl war Murray Bookchins Lebensgefährtin und Mitarbeiterin
in den letzten 19 Jahren seines Lebens. Sie ist die Autorin von „Ecology
or Catastrophe: The Life of Murray Bookchin“ (9), veröffentlicht im
Oktober 2015 von Oxford University Press.

Zanyar Omrani

Zanyar Omrani ist ein iranischer Kurde, der als unabhängiger Journalist
und Dokumentarfilmemacher tätig ist. Einige seiner Dokumentationen
finden sich bei seinem youtube-channel (10).

[1] http://www.amazon.com/Ecology-Catastrophe-Life-Murray-Bookchin/dp/0199342482
[2] https://www.youtube.com/watch?v=Vk36pP_yD-Q
[3] http://new-compass.net/publications/democratic-autonomy-north-kurdistan
[4] http://www.rosalux.de/publication/41353/revolution-in-rojava.html
[5] Parteienbündnis, dass der Partei des Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Irak, Masud Barzani, nahesteht.
[6] http://www.ipsnews.net/2014/10/democracy-is-radical-in-northern-syria/
[7] http://peaceinkurdistancampaign.com/charter-of-the-social-contract/
[8] http://www.biehlonbookchin.com/paradoxes-liberatory-ideology/
[9] https://www.facebook.com/bookchinbiography
[10] https://www.youtube.com/channel/UC8dMAQh64J-0k4d3mqOe4nw

Quelle!
https://roarmag.org/essays/janet-biehl-interview/
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