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(de) FDA-IFA, Gai Dao N°62 - Konzeptarbeitspapier zu transformativer Hilfe Von: Communities Organizing for Liberation (LA COiL), Industrial Workers ofthe World (IWW), La Voz de L@s Trabajadores (Workers’ Voice) / Übersetzung: madalton

Date Tue, 8 Mar 2016 09:25:24 +0200


Dieses Konzeptarbeitspapier erscheint in Zusammenhang mit der Artikelreihe zur anarcha-feministischen Konferenz in London, die im Oktober 2014 stattgefunden hat und von der seit April 2015 in jeder Gaidao-Ausgabe ein Veranstaltungsbericht veröffentlicht worden ist. ---- Als ---- Hintergrundtext für das Verständnis von Accountability-Abläufen und transformativer Hilfe hat das nun folgende Konzeptarbeitspapier keinen direkten Bezug zur anarchafeministischen Konferenz 2014, sondern war als eine weiterführende Quelle im Auswertungstext zur „Accoutability-Veranstaltung“ (Übersetzung siehe Gaidao Nummer 60 / Dezember 2015) angegeben. Es erscheint aufgrund der Länge in zwei Teilen. Die Fortsetzung wird in der Gaidao Nummer 63 / März 2016 abgedruckt.

Dieses lange, lange, lange untenstehende Schriftstück stellt unsere
Ausarbeitung dar zur Vorbereitung für die Veranstaltung
„Transformative Hilfe: Unsere Bewegungen und Kämpfe“ am Samstag,
den 7. Juni [2014, Anmerkung der Übersetzung]. Es ist ein Versuch eine
Menge unserer kollektiven Vorstellungen durchzusprechen: Wie damit
vorankommen, dass transformative Hilfe eine vorrangige Stellung bei
der Organisierung des Kampfs gegen Unterdrückung und Ausbeutung
einnimmt. Dieser Versuch steht noch ganz am Anfang. Trotzdem ist die
Dauer nicht abgeschlossen. Mit unserer Besprechung, dem Input und
unserer Zusammenarbeit werden wir unsere Tätigkeit fortsetzen, indem
wir diese Ideen verbreiten und in der Praxis erproben.

ARBEITSDOKUMENT

1. Einleitung

Wir sind Organisationen, die an ein Ende glauben von Vergewaltigung,
sexualisierter Gewalt, das Niedermachen von sich als queer
verstehenden Personen, der jeden Tag stattfindenden winzigen Angriffe
gegen Frauen und Personen außerhalb geschlechtskonformer
Rollenzuschreibungen; der ganzen Strukturen des Patriarchiats und
genderspezifischer Unterdrückungsformen, welche tägliche gewaltsame
Erscheinungsformen davon sind. Ebenfalls wollen wir ein Ende von
Chef*innen und Lohnarbeit erleben – wir wollen den Aufstand der
gesamten organisierten arbeitenden Klasse erleben, die sich selbst durch
eine antikapitalistische Revolution befreit und die Macht übernimmt.
Für uns sind diese Ziele ein und dasselbe, ein grundlegender Teil
desselben revolutionären Prozesses. Unsere Aufgabe ist es geeignete
Möglichkeiten zu finden um diese Ziele aneinanderzufügen bei unserer
täglichen Organisierungsarbeit, auf eine strategische Vorgehensweise,
welche uns auf einen Weg zu der feministischen Revolution der
arbeitenden Klasse führen kann, welche wir unbedingt brauchen.
Es gab eine Menge inspirierender Ausarbeitungen, welche erstellt
worden sind um Beispiele für transformative Hilfe zu schaffen. Wir
verstehen uns selbst als Lernende und dem Beispiel derjenigen
Folgende, welche diese Ausarbeitungen getan haben. Dennoch glauben
wir ebenso, dass wir etwas bei diesen Praxiserfahrungen hinzufügen
müssen. Zu dem, was schon vollbracht worden ist, wollen wir die
Perspektive hinzufügen transformative Hilfe als ein Mittel und eine
Praxis innerhalb des Aufbauprozesses sozialrevolutionärer Bewegungen
zu nutzen, welche (soziale) Geschlechterunterdrückung und
Kapitalismus infrage stellen werden. Wir wollen darüber hinausgehen
transformative Hilfe als etwas zu betrachten, was in kleinen Kollektiven
innerhalb emanzipatorisch-radikaler Kreise verwirklicht wird, hin zu
etwas, was die größtmögliche Anzahl von Leuten beschäftigt durch
Kämpfe am Arbeitsplatz, in communities und an Schulen, und sie in
den Kampf einschaltet den Kapitalismus zu zerstören.

Was wir in diesem Schriftstück entwickelt haben ist nicht die eine
Antwort. Es ist kein Vorbild. Es stellt lediglich den aufgeschriebenen
Verlauf dar, wie wir uns selbst Fragen gestellt haben. Das beste, was wir
uns erhoffen, ist, dass dies uns den Weg weisen wird für etwas Besseres,
was sich in der Zukunft ereignen wird. Was wir in diesem Dokument
aktuell haben ist ein sehr, sehr grober Entwurf, der sich immer noch im
Wandel und Herausbilden befindet. Und es fehlt gerade eine Menge
Inhalt, welchen wir immer noch durchsprechen (oder wahrscheinlich
genauer, er fehlt gerade, weil wir langsame Schreiber*innen sind). Wir
freuen uns auf Kritik und kritischen Auseinandersetzungen mit diesem
Schreiben, damit es klarer und offener wird.

Dieses Schriftstück richtet sich hauptsächlich auf patriarchale Gewalt
und dem Kampf gegen genderspezifische Unterdrückung, weil diese die
besonderen Fragen und Umstände waren, mit denen wir es zu tun
hatten, als wir diese Ausarbeitung zusammen begonnen haben.
Allerdings glauben wir nicht, dass der Kampf gegen genderspezifische
Unterdrückung wichtiger ist als der Kampf gegen jede andere
Unterdrückungsstruktur, noch glauben wir, dass sie tatsächlich von
einzelnen Kämpfen getrennt werden kann. Wir finden, dass die in
dieser Ausarbeitung diskutierten Strategien und Werkzeuge über dem
Kampf gegen genderspezifische Unterdrückung hinaus angewendet
werden können und müssen – jedoch finden wir, dass sie Werkzeuge
sind, welche innerhalb der arbeitenden Klasse eingeschränkt nutzbar
sind. Wir glauben diese Annäherung an transformative Hilfe kann
verwendet werden um beispielsweise rassistisches oder rechtsradikales
Verhalten infrage zu stellen. Obwohl die besonderen Dynamiken sich
teilweise erheblich unterscheiden von den begrenzten Umständen,
welche wir während unserer Diskussion dieser Ausarbeitung
untersucht haben.

1A) Was ist genderspezifische Unterdrückung? Warum stellt sie ein systematisches Problem dar?

Genderspezifische Unterdrückung und gar genderspezifische Gewalt sind keine „individuellen“ oder „persönlichen“ Probleme. Vielmehr stellt genderspezifische Unterdrückung die systematische soziale, politische und wirtschaftliche Entmachtung und Ausgrenzung von Frauen und nicht genderkonformen Leuten dar. In diesem Schriftstück verwenden wir den Ausdruck „genderspezifische Unterdrückung“ als ein weit gefasster Begriff, welcher einige halb-ausgeprägte Erscheinungen von Unterdrückung beinhaltet aufgrund von verschiedenen Gender-Identitäten. Beispielsweise rechnen wir zu genderspezifischer Unterdrückung das Patriarchat mit ein, welches das institutionelle und kulturelle Sexismusverhalten darstellt; ebenso rechnen wir Transphobie hinzu, welches die systematische Ent-machtung und Aus-grenzung von Trans-menschen bedeutet. Genderspezifische Un-terdrückung – und ihre
Begleiterscheinung
genderspezifische Ge-
walt – sind grundle-
gend für den Kapita-
lismus: Um kapitalis-
tische Machtbeziehun-
gen zu rechtfertigen
und zu reproduzieren;
und um die
Quintessenz des Kapi-
talismus sicherzustel-
len – Profit.
Genderspezifische
Unterdrückung wird
auf einer Vielzahl von
Ebenen reproduziert.
Und falls alle Stränge
reißen wird sie mithilfe


von Gewalt durchgesetzt – alles von alltäglichen sexistischen oder transphoben Kleinstaggressionen über Misshandlung der*des Partnerin*Partners bis hin zu sexualisierten Übergriffen und dem
genderspezifischem Charakter, wenn Leistungen gekürzt werden und wenn Austerität sogar zum Sexhandel kommt. Wir können jedoch nicht angemessen jede dieser einzigartigen Erscheinungsformen von genderspezifischer Gewalt angehen ohne die systembedingten Fragen anzugehen, welche das Auftreten von Gewalt fördert und ermöglicht. Genderspezifische Unterdrückung wirkt ebenso nicht in Abgeschiedenheit. Sie ist zusammengesetzt aus Unterdrückung, welche auf race, Sexualität, (körperlicher, geistiger und seelischer)

Unversehrtheit, Staatsbürgerstatus, und so weiter basiert. Die Analyse von jeder einzelnen dieser Unterdrückungsformen alleine für sich ist unzureichend; jede untermauert und verstärkt die andere.

Obwohl genderspezifische Unterdrückung sicherlich älter als der Kapitalismus ist, ist sie keineswegs ewig während. Vielmehr ist sie ein Mittel um die Gesellschaft zu ordnen, welches einen historischen Anfang und – so hoffen wir – ein Ende hat. Unterdrückende

Verhaltensweisen sind Teil einer unterdrückenden Kultur sowie
Ideologie, welche am besten in der Klassengesellschaft aufrecht
erhalten werden kann, nämlich eine Gesellschaft, welche eine
grundlegende Ausbeutungsstruktur besitzt, die von der Reproduktion
und Nährung der alltäglichen Unterdrückungsgewalt profitiert.

Dies bedeutet auch, obwohl genderspezifische Unterdrückung ein Teil
des Alltagslebens innerhalb der Gesellschaft geworden ist, dass jede*r
von uns daran beteiligt ist und niemand von uns in der arbeitenden
Klasse davon profitiert. Die arbeitende Klasse brachte die Ideologien
und Strukturen von Sexismus und Transphobie nicht hervor. Indessen
nahm die arbeitende Klasse und sogar unterdrückte communities jene
an und verinnerlichten sie. Mit dem Patriarchat fallen eine Menge
persönlicher Begünstigungen denjenigen Männern zu, welche es fertig
bringen sich in ihre vorgegebene Geschlechterrolle einzupassen –
beispielsweise höhere Gehälter, Gewähr der persönlichen Sicher-heit,
und so weiter. Aber im Großen und Ganzen haben Männer der
arbeitenden Klasse eine Menge zu gewinnen, indem sie sich den
feministischen Kämpfen gegen
genderspezifischer Un-
terdrückung anschlie-
ßen und die
unterdrückenden Ge-
schlechterrollen zerstö-
ren, in welche sie
reingezwungen wer-
den (was am Ende
bedeuten würde:
höhere Gehälter und
größere persönliche
Sicherheit für alle ohne
Rücksicht auf das
(soziale) Geschlecht).
Das Patriarchat ist es
einfach nicht wert für
jede einzelne Person in
der arbeitenden Klasse. Deshalb müssen wir alle uns dem Kampf gegen
Unterdrückung anschließen!

2. Was bedeutet transformative Hilfe?

Für uns bedeutet transformative Hilfe Gerechtigkeit der arbeitenden
Klasse. Es stellt eine Strategie und ein Ablauf dar, welcher durch unsere
Erfahrungen von Betroffenheit und des alltäglichen Kampfes entwickelt
worden ist. Ansatzweise wenden wir transformative Hilfe schon als ein
Verfahren und Werkzeug in unserem Kampf gegen Unterdrückung an:
Vom Ansprechen alltäglicher Kleinstangriffe wie beispielsweise
Männer, welche über Frauen bei Treffen reden zum Umgang mit
wesentlichen traumatischen Ereignissen wie sexualisierte Übergriffe,
indem wir kollektive Leistungsfähigkeit sowie Bewusstsein aufbauen
um die weitreichenderen Unterdrückungsstrukturen angehen. Es gibt
auch reichlich Erfahrungen, welche von unserem intimeren Leben
herkommen, in welchen unsere Familien sich besonderen Personen
zuwenden (oftmals Frauen) um die Familie zusammen zu bringen,
damit eine sinnvolle Art gesucht wird ernsthafte gewalttätige Ereignisse
anzusprechen. Indem transformative Hilfe auf beabsichtigte Weise
angewendet wird, ermöglicht es jeder*m von uns sowie der Bewegung
unsere Leistungsfähigkeit und Praxis Dinge selbstverwaltet zu betreiben
und alternative, doppelte Machtstrukturen zu denjenigen, welche vom
Staat aufgezwungen sind, aufzubauen.

Der Begriff „transformative Hilfe“ (welcher sich manchmal mit
„restorative justice“ überlagert) kam zum ersten Mal in den 1990ern auf
im Kampf gegen die rasche Ausbreitung des Gefängnis-
industriekomplexes. Mit Betroffenen, People of color sowie
communities der arbeitenden Klasse, welche durch ein
Strafjustizsystem gescheitert sind, welches nur Re-Traumatisierung für
Betroffene und Strafhandlungen für Tatpersonen anbietet, entwickelten
Organisationen für Betroffene von körperlichen und sexualisierten
Misshandlungen transformative Hilfe als eine echte, lebendige
Alternative um den Gefängnisindustriekomplex infrage zu stellen. Es
stellt eine Alternative dar, welche anstrebt die Betroffenen zu
unterstützen und Misshandlung unmittelbar aufzuhalten, indem – als
ein Teil dieses Verfahrens – die Zustände umgestaltet werden, welche
ursprünglich zu Misshandlung geführt haben. Dieser gesamte Ablauf ist
etwas, was in und durch die community geschieht, durch umwandeln,
unterstützen und heilen jeder beteiligten Person, nicht einfach der
betroffenen Personen sowie der Tatpersonen.

Einige der Organisationen, welche diese Konzepte entwickelt haben und
die wir versuchen aufzubauen sind Gruppen wie beispielsweise
INCITE! Frauen of color gegen Gewalt, eine überregionale Organisation
radikaler Feminist*innen of color; Generation 5, eine Gruppe, welche
Betroffenen und Tatpersonen sexueller Kindesmisshandlung mit dem
Ziel unterstützt, Kindesmisshandlung innerhalb fünf Generationen zu
beenden; Philly Stands Up, die mit Tatpersonen sexualisierter Übergriffe
in emanzipatorischen Räumen arbeiten; sowie Philly Survivor
Collective, das Betroffene sexualisierter Gewalt bei der Steuerung ihrer
eigenen Heilung unterstützt.

Die Sprache, welche jetzt im Allgemeinen verwendet wird um
transformative Hilfe und restorative justice zu beschreiben, spiegelt
zum Großteil die Kultur der non-profit-Industrie wider. Es liegt einfach
in der Natur von wohltätigen Stiftungen Schlagworte zu finden, welche
aus sozialen Bewegungen kommen, und sie sich anzueignen im
Wettbewerb um gemeinnützige Gelder. Wir haben ebenfalls verstanden,
dass der Begriff so weit wiederverwendet worden ist, dass sogar Obama
den Begriff „restorative justice“ benutzt um einige seiner inländischen
Regierungsprogramme zu definieren. Seitdem wir wissen, dass weder
gemeinnützige Organisationen noch die Obama-Regierung oder jede
andere kapitalistische Regierung jemals Vorgehensweisen einrichten
werden, welche den Staat infrage stellen oder auseinander nehmen
würden, verfolgen wir jene Bestrebungen mit Misstrauen. Deshalb
lohnt es sich zu betonen, dass immer wenn transformative Hilfe aus
dem Zusammenhang sozialer Bewegungen herausgenommen wird, ein
Verlust ihres revolutionären, antikapitalistischen Potential einhergeht.

Bei der Beschreibung der Herangehensweise der Suche auf Betroffene
ausgerichteter Hilfe glauben wir, dass es notwendig ist Bezugssysteme
zu verwenden, welche von den Erfahrungen der alltäglichen Kämpfe
herrühren. Dies bedeutet kritisch gegenüber einer Sprache zu sein,
welche andere Interessen als diejenigen unserer Klasse widerspiegelt
über die Professionalisierung und Trivialisierung von Dingen, die wir
schon betreiben oder lernen zu verstehen. Deshalb glauben wir, dass die
Sprache, welche am besten transformative Hilfe beschreibt, von
Arbeitenden kommt, welche am meisten von genderspezifischer
Unterdrückung betroffen sind – nicht von politischen
Entscheidungsträger*innen, Jurist*innen, Expertenkommissionen,
Stiftungen oder vom veräußerlichten Standpunkt lediglich Betroffenen
zu dienen.

Ungeachtet der Vorbehalte, auf die wir mit der non-profit-Ausrichtung
von einer Menge der vorhandenen Tätigkeiten rund um transformative
Hilfe gestoßen sind, finden wir es immer noch sinnvoll einige jener
bestehenden Begriffserklärungen als einen Ausgangspunkt zu
verwenden. Eine der prägnantesten Beschreibungen der vorhandenen
transformativen Hilfe kommt von der Gruppe Generation 5:

„Transformative Hilfe reagiert auf den Mangel von – und der
entscheidenden Notwendigkeit nach – einer befreienden
Vorgehensweise in Bezug auf Gewalt. Eine befreiende Vorgehensweise
will Sicherheit und Verantwortlichkeit erlangen ohne sich auf
Distanzierung, Bestrafung oder staatliche und körperliche Gewalt zu
stützen, einschließlich Inhaftierung und Überwachung... Transformative
Hilfe strebt ebenfalls an Ungleichheit und Machtmissbrauch innerhalb
von communities umzugestalten. Durch das Bilden von Belastbarkeit
der communities um Gerechtigkeit intern zu erhöhen, strebt
transformative Hilfe an kollektive Handlungen in Richtung größere
Fragen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu unterstützen“

Darüber hinaus haben sie ergänzt:

„Die Ziele von transformativer Hilfe als eine Reaktion auf alle Arten
von Gewalt sind:

-Die Sicherheit von Betroffenen, ihre Heilung und Handlungsmacht
-Verantwortlichkeit (accountability) und Transformation derjenigen,
welche misshandelt haben

-Reaktionen und Verantwortlichkeit (accountability) der community
-Transformation der community und sozialen Zustände, welche Gewalt
erzeugen und aufrechterhalten, zum Beispiel Unterdrückungsmethoden,
Ausbeutung, Herrschaft und Staatsgewalt

2A) Was hat es damit auf sich & warum ist es wichtig eine auf die
Betroffenen ausgerichtete Vorgehensweise zu haben?

Zunächst: Was wird unter „betroffenen Person“ verstanden und warum
verwenden wir diesen Begriff?

Betroffene sind Personen, welche geschlechtsspezifische Gewalt erlebt
haben. Die meisten von uns sind auf die eine oder andere Art und
Weise Betroffene. Und unterdrückende Praktiken betreffen jede*n
innerhalb eines organisierten Raums auf einigen Ebenen besonders,
weil sie die community als Ganzes schädigen und traumatisieren. Wenn
wir jedoch von eine „auf Betroffene ausgerichtete Vorgehensweise“
reden, meinen wir, dass wir die Bedürfnisse der betroffenen Person(en)
einer bestimmten Unterdrückungshandlung in den Mittelpunkt stellen.
Wir verwenden den Begriff „betroffene Person“ um an die Geschichte
von transformativer Hilfe anzuknüpfen, welche dieses Vorhaben prägt.
Philly's Pissed, eine Organisation, welche großartig mitgewirkt hat eine
Übersicht über transformative Hilfe auszuarbeiten, erklären auf
folgende Weise ihre Verwendung des Begriffs „betroffene Person“: „Wir
verwenden das Wort betroffene Person anstelle von Opfer, weil Opfer
jemanden dadurch definiert was jemand anderes ihm*ihr angetan hat.

Betroffene Person bestimmt eine Person genauer dadurch wie sie sich
zu der Erfahrung geäußert hat.“

Wir glauben an eine Herangehensweise, welche so weit wie möglich
auf die Bedürfnisse, Erfahrungen und Wünsche der Betroffenen
ausgerichtet ist. Dies bedeutet, dass die Bedürfnisse der betroffenen
Person(en) immer über denjenigen der Tatperson(en) stehen. Und die
kontinuierliche Teilnahme der betroffenen Person(en) haben natürlich
Vorrang vor jedem Bemühen die Teilhabe der Tatperson(en)
sicherzustellen.

Dies mag nach gesundem Menschenverstand klingen, aber viele von
uns finden, dass wenn Bewegungen mit Fällen von
geschlechtsspezifischer Gewalt konfrontiert werden, es das Gegenteil
ist, was tatsächlich geschieht. Betroffene werden enorm in ihrer
Fähigkeit benachteiligt bei kollektiven Reak-tionen mitzubestimmen
und diese zu beein-flussen. Gerade die Wirklichkeit ihrer Er-fahrungen
alleine führt tendenziell zu einer Selbstisolierung. Oder die an der
Bewegung Teilnehmenden lassen sie spüren, dass sie gemie-den werden.
Ihre Fähigkeiten sich selbst zu verteidigen sind schon tief betroffen. Und
allzu oft sind die Tatpersonen tiefer in den organisierten Räumen
verwurzelt oder werden
als unverzichtbarer
gesehen als diejenigen,
welche durch die
Handlungen
beeinträchtigt worden
sind. Zuzüglich reagieren
Tatpersonen oftmals auf
Anschuldigungen von
unterdrückenden
Verhaltensweisen, indem
sie organisierte Räume so
weit sie können
untergraben und spalten.
Das Ergebnis all dieser
Dynamiken? Falls sie
sich überhaupt um ihre
eigene psychische Gesundheit kümmern, werden Betroffene
rausgedrängt, während Tatpersonen ihren Aufenthalt erreichen.
Deshalb ist es erforderlich, dass wir als Organisierende eine bewusste,
kollektive Ausrichtung zum Gegenteil haben um diese Dynamik zu
vermeiden. Und dass wir Organisationspraktiken integrieren, welche
direkt auf die entgegenstehenden unterdrückenden Dynamiken,
Haltungen und Praktiken auf ideologischer, politischer und
wirtschaftlicher Ebene gezielt sind.

Also wie stellen wir sicher, dass wir Betroffene unterstützen und uns an
ihnen ausrichten??

Für den Anfang, als Grundsatz, glauben wir immer den betroffenen
Personen.

Dies geht zumeist wider unserer Vernunft. „Wo ist die 'rechtliche
Anhörung' und was ist mit einem 'fairen Gerichtsverfahren'? Werden
einige einwenden.

Wir zielen nicht darauf ab ein Gericht oder Gerichtsprozess
einzuführen, Tatsachen zu ermitteln oder im Wettstreit stehende
Darstellungen gleich zu gewichten. Und wir sind ausdrücklich nicht an
jedem kleinsten Detail bei jedem Fall interessiert. Vielmehr glauben wir
an die „Stimmung“ der Berichte der Betroffenen und wir würdigen ihre
Bezeugung der verursachten Verletzung. Wir verstehen, dass alles in
unserer Gesellschaft gegen Betroffene lastet, welche mit ihren
Erfahrungen herausrücken. Wir werden unseren Bewegungen und
Organisationen nicht ermöglichen Räume zu sein, welche die
Gepflogenheiten des Zweifelns, Erniedrigens, des Schuldzuweisens und
der Nichtbeachtung der Betroffenen wiederholen.

Darüber hinaus erkennen wir, dass eine der am grundlegendsten
Aufgaben jeglicher transformativer Hilfe die Kontrolle und
Handlungsfähigkeit wieder an die Betroffenen zurückzugeben ist – was
allerdings genau die gegenteilige Funktion des Strafjustizsystems
darstellt. Dies bedeutet, dass sie diejenigen sein müssen um die Fristen
und Zeitleisten für ihr Engagement sogar beim „Erreichen von Gerech-
tigkeit“ im einzelnen Fall zu setzen. Und ihre Auswahlmöglichkeiten
sollten, im größtmög-lichen Umfang, respekt-iert und unterstützt
werden, sogar falls sie nicht die Auswahlmög-lichkeiten sein sollten,
welche wir befürworten würden – beispielsweise die Abgabe eines
Strafantrags oder das
Gesuch eine
Angelegenheit mithilfe
von Gerichtsprozessen zu
lösen oder durch das
Schwinden der Teilnahme
bei accountability-
Tätigkeiten.

Keine der
Wahlmöglichkeiten, die
wir als Bewegung bei der
Reaktion auf die
Situationen treffen,
sollten diese Regelung
untergraben.

2B) Warum sich mit Tatpersonen beschäftigen & auf welche Weise?

Wir sind alle mehr oder minder Produkte einer unterdrückenden
Gesellschaft. Es geht nicht bloß um die Leute, die öffentlich als
Täter*innen ausgerufen werden, deren Verhalten infrage gestellt werden
muss. Wir müssen erkennen, dass jede*r von uns sich andauernd
infrage stellen muss und wir uns gegenseitig antreiben müssen unsere
eigenen sozialisierten unterdrückenden Verhaltensweisen besser
anzugehen. Daher können wir nicht eine falsche Aufteilung in „gute“
und böse“ Revolutionär*innen entwerfen. Uns selbst beruhigen, indem
wir mit unserem Finger auf Täter*innen zeigen, während wir denken,
dass uns dies sicher auf die gute Seite bringt. Angesichts dieser
Tatsache, genauso wie die Notwendigkeit die Massen der arbeitenden
Klasse zu organisieren, glauben wir, dass wir nicht automatisch Leute
ablehnen oder ausschließen sollten, deren Verhalten unterdrückend ist.
Wir sollten uns statt dessen mit ihnen beschäftigen und mit ihnen
arbeiten um ihr Verhalten zu transformieren.

Einige von denjenigen, die eine einzig ausschließendeGai Dào
Herangehensweise erproben und verfolgen um mit Täter*innen
geschlechtsspezifischer Gewalt umzugehen – indem sie verlangen, dass
diejenigen, welche für unterdrückendes Verhalten ausgerufen worden
sind, für immer aus den Räumlichkeiten vollkommen ausgeschlossen
werden – scheinen zumindest teilweise von dem Ziel „safe spaces“ zu
erschaffen motiviert zu sein. Ein safe space ist ein Raum, welcher frei
von unterdrückenden Verhaltensweisen und Einstellungen ist.

Unserer Meinung nach gibt es keinen safe space geben. Die Tatsache,
dass unsere Bewegungen und sogar unsere revolutionären
Organisationen keine Inseln sind, die vom Rest der Gesellschaft
abgetrennt sind, bedeutet, dass sie niemals vollständig frei von
Auswirkungen geschlechtsspezifischer Unterdrückungsformen oder
übrigens auch jeder anderen Art von Unterdrückung sein werden. All
die in der Gesellschaft vorhandenen Unterdrückungsformen kommen in
unsere Bewegungen, besonders dann, wenn wir wirklich Massen von
Leuten zum ersten Mal in Kämpfe einbeziehen wollen. Die
Bemühungen reine safe spaces zu erproben und aufzubauen geht die
Gefahr ein, dass wir uns zurückziehen in den Aufbau bequemer
radikaler Subkulturen anstatt nach außen zu drängen um offene
Massenbewegungen zu bilden und Unterdrückung zu dekonstruieren.
Und als zusätzlichen Gesichtspunkt glauben wir, dass der Kampf gegen
Unterdrückung innerhalb der Bewegung dasselbe ist wie der Kampf
gegen Unterdrückung in unserer Klasse als Ganzes und sollte mit
denselben Werkzeugen und Strategien durchgeführt werden.

Wie sollen wir uns also mit Täter*innen beschäftigen, mit Leuten, die
unterdrückende Verhaltensweisen oder geschlechtsspezifische
Gewalttaten begangen haben? Wir haben ein bisschen darüber
geschrieben, warum wir denken, dass dies notwendig ist um sexistische
Verhaltensweisen infrage zu stellen und eine Bewegung gegen
Unterdrückung und Ausbeutung aufzubauen. Wir verstehen jedoch,
dass dies mit einer Menge praktischer Beschränkungen einhergeht.
Beispielsweise ist es notwendiger die unmittelbare Sicherheit der
Betroffenen zu schützen, als sich mit den Tatpersonen
auseinanderzusetzen. Ohne dieses zuerst etablierte – ohne ehrliche
Verpflichtungen für die Täter*innen und aktive
Unterstützungsstrukturen – kann nicht viel nach Art von
transformativer Hilfe geschehen.

In der Realität kann es sehr schwer sein überhaupt zu diesem
grundlegenden Startpunkt zu gelangen. Was können wir tun um besser
zu dem Punkt zu gelangen, an dem es realistischerweise möglich ist sich
mit Täter*innen zu beschäftigen?
Viele Abläufe transformativer Hilfe
wurden mit der Annahme
ausgearbeitet, dass es eine Art
„community“ gibt, welche von der
Tatperson und der betroffenen Person
gemeinsam geteilt wird. Aber diese
communities sind gewöhnlich so
vage, dass sie meist bedeutungslos
sind – Netzwerke von Aktivist*innen,
politische Subkulturen, die „Linke“,
usw. Dies sind Szenen, in welchen die
meisten Leute Beziehungen abbrechen
können und beim ersten Anzeichen von Infragestellung aufgrund ihres
unterdrückendes Verhalten davonlaufen. Indem wir Bewegungen
aufbauen, welche mehr im alltäglichen Leben und den Bedürfnissen der
Leute verwurzelt sind ist eines der wichtigsten Dinge, welche wir tun
können um Situationen zu verändern, wo es leichter für Leute ist
wegzugehen und Verantwortung bei Situationen zu vermeiden, wo es
echte, grundlegende Gründe für Leute gibt zu bleiben und
verantwortlich zu sein. Dies ist ein Grund warum wir an die
Anwendung von transformativer Hilfe als ein Werkzeug um soziale
Bewegungen aufzubauen glauben, bei Kämpfen, welche in Schulen, an
Arbeitsplätzen und in Nachbarschaften begründet sind.

Angesichts der Tatsache, dass es noch immer brutal schwer sein wird
Täter*innen zu überzeugen Verantwortung zu übernehmen und
verantwortlich zu sein, besonders angesichts unseres aktuellen
Zustands, wo – in Abwesenheit einer Bewegung – wir eher eine vage
community sind. Wenn also jemand, der unterdrückende oder
gewalttätige Verhaltensweisen begangen hat, sich weigert
Verantwortung für dieses Verhalten zu übernehmen oder persönliche
Verantwortung annimmt, aber die Forderungen der betroffenen
Personen und Organisationen nicht akzeptiert, dann gibt es nicht sehr
viel, was wir tun können. Ohne den Teilnahmewillen der Tatperson,
wird es oftmals wenig mehr geben als sie anzusprechen abgesehen
davon die Tatperson aus jeglichen für angemessen gehaltene Räume
auszuschließen. Sogar Situationen wie diese, ungeachtet dass es als
komplettes Versagen unserer Organisationen scheint, können
Gelegenheiten für transformative Hilfe sein, wenn der
Unterstützungsvorgang von Betroffenen und die Beschäftigung mit den
Täter*innen mehr Militante politisiert, beschäftigt und transformiert
sich persönlich voll für den Kampf gegen genderspezifische
Unterdrückung zu engagieren. Unsere Verantwortlichkeiten die
Situationen anzugehen sind nicht bloß auf das Engagement mit
Täter*innen und betroffenen Personen begrenzt. Diese Fälle sind
entscheidende Gelegenheiten um die politische Bildung aller in einem
organisierten Raum in Bezug auf Unterdrückungsformen zu vertiefen.
Und die beste Art dies zu tun stellt die offene Diskussion, Bildung und
Aussprache dar, an welchen alle teilnehmen können und wo unsere
Fähigkeit Unterdrückung anzugehen wachsen können.

Eine weitere große Einschränkung: Manchmal werden Situationen
einfach jenseits unserer Fähigkeiten sie zu handhaben sein. Die
Situation könnte deshalb umgehend gefährlich werden, sodass die
einzige verantwortungsvolle Maßnahme ist Ressourcen außerhalb zu
suchen, welche die Sicherheit der Betroffenen besser sicherstellen wird.
Wir müssen in der Lage sein unsere eigene Kontrolle über einen Ablauf
fallen zu lassen, falls es die einzige Sache ist, die sofort Sicherheit
befördern wird. Wir müssen Übersichten und Verbindungen zu
außenstehenden Ressourcen für (direkt) Betroffene und in zweiter Linie
Betroffene erschließen, wie Therapeut*innen, welche eine gute
Herangehensweise bei der Unterstützung von Menschen bei der
Verarbeitung von Traumata haben.

Teil des Anwachsens unserer Fähigkeiten mit heftigen Situationen
genderspezifischer Gewalt umzugehen und Leute verantwortlich zu
halten ist sicherzustellen, dass transformative Hife schon gegenwärtig
und als Ablauf geschätzt ist. Indem transformative Hilfe regelmäßig als
Teil unserer alltäglichen Organisierung genutzt wird um die
andauernden und allgegenwärtigen Belästigungen und Kleinstangriffe
einer unterdrückenden Gesellschaft anzugehen, können wir die
Struktur, Kultur und Erfahrungen für Gruppenverantwortlichkeit
gestalten. Wir können keinesfalls Vorgänge transformativer Hilfe
lediglich für außergewöhnliche Situationen aufsparen. Einander infrage
zu stellen, selbstkritisch zu sein, ehrliche und aufrichtige Diskussionen
zu führen, sich gegenseitig (nach dem Befinden) zu erkundigen – all
dies ist Teil der Logik transformativer Hilfe, welche wir in jeden Aspekt
unserer alltäglichen Organisierung integrieren müssen um eine
Grundlage starker feministischer Praxis zu erzeugen. Dies macht die
Anwendung transformativer Hilfe in außergewöhnlicheren Situationen
realisierbar.

Dies stellt eine Praxis dar, welche wir für soziale Bewegungen genauso
übernehmen müssen wie für unsere eigenen Organisationen. Als ein
Beispiel: Wenn ein Mitglied einer revolutionären, politischen
Organisation (eine Gruppe wie La Voz de l@s Trabajadores, CoiL oder
Black Rose Anarchist Federation), welche stark in studentische
Organisierung an ihrer Universität involviert ist, von dem*der
Partner*in für misshandelndes Verhalten in der Beziehung beschuldigt
wird, glauben wir, dass es wichtig ist nicht zu versuchen die Situation
lediglich innerhalb des kleinen Kreises der vermutlich aufgeklärten
Revolutionär*innen zu bewältigen, welche Teil ihrer politischen
Organisation sind. Es sollte zu der Mitgliederschaft der studentischen
Organisation an der Universität getragen werden und wir sollten uns
mit ihnen zusammenschließen und sie dazu drängen der betroffenen
Person Unterstützung zu leisten und ein transformatives Hilfeverfahren
mit der Tatperson umsetzen.

Der 2. Teil dieses Textes erscheint in der kommenden Gaidao-Ausgabe.
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Quelle
https://transformativejusticela.wordpress.com/2014/06/05/dr
aft-working-document-on-transformative-justice/
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