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(de) FdA-IFA, Gai Dào N°66 ­- Einige Gedanken zu den Anarchistischen Tagen in Jena 17.­22. Mai Von: ein Mensch der Orga-Gruppe

Date Tue, 21 Jun 2016 12:55:46 +0300


Seit dem libertären Tag 2011 fand in Jena kein offenes anarchistisches Treffen für Vernetzung und inhaltlichen Austausch mehr statt. Insofern organisierten wir mit den Anarchistischen Tagen eine Reihe von Veranstaltungen, die in der politischen Landschaft hier etwas Seltenes darstellen. ---- Auch wenn wir selbstverständlich ab und an einzeln Vorträge organisiert oder selbst Diskussionen geleitet haben. Uns war es wichtig, in unserem eigenen Gruppenprozess mit den verschiedenen politischen Tätigkeiten, denen wir jeweils nachgehen, ein größeres und zugänglicheres Ereignis zu schaffen, als es bei uns einzelnen, verstreuten Anarch@s oftmals üblich ist. Es schien uns naheliegend mit anderen Menschen, hier vor Ort und auch aus anderen Städten, ins Gespräch zu kommen. Wir wollten uns darüber austauschen, was Anarchismus heute für uns bedeutet, ob und wie wir uns als Anarchist*innen bezeichnen sollten oder nicht und wo die kleine und vielfältige anarchistische Bewegung steht.

Die Auswertung unseres Organisationsprozesses, der gleichzeitig zu
Teilen wohl auch ein Gruppenbildungsprozess war, steht noch aus.
Darum schreibe ich diese Zeilen als Einzelperson und nicht für alle
Beteiligten. Darin zeigt sich schon eine unserer wesentlichen
Feststellungen aus unseren bisherigen Erfahrungen: Wir sind sehr
unterschiedliche Menschen, verkörpern verschiedene anarchistische
Perspektiven und tragen sie zusammen. Die Frage, wie damit sinnvoll
umzugehen ist, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden.
Pluralität, sowohl von Charakteren als auch von unterschiedlichen
politischen Vorstellungen her, ist oftmals sehr anstrengend. Gleichzeitig
ist es aber auch erforderlich, damit wir uns nicht dogmatisch Ideologien
unterwerfen oder interne Hierarchien aufbauen - anders gesagt, von
beiden tatsächlich freier zu werden und damit bei uns selbst zu
beginnen.

Das geplante Wochenende wollten wir nicht komplett voll packen,
sondern viel Raum für informellen Austausch lassen. Deswegen hörten
wir zum Auftakt am Dienstag einen Vortrag über Horst Stowassers
„Projekt A“, über das ausgiebig diskutiert wurde, sahen am Mittwoch
den Film „Lucio Urtubia – Maurer und Anarchist“ und gaben am
Donnerstag einen Einführungsworkshop. Dann begann das
Wochenende mit einigen Gästen aus anderen Städten. Wir starteten mit
zwei Workshops zu Anarchosyndikalismus und „Anarchismus und
Identität“ und hatten abends eine Podiumsdiskussion über „Soziale
Kämpfe in Jena aus einer anarchistischen Perspektive“. Am Sonnabend
gab es einen Workshop zur „praktischen Herrschaftskritik“ und am
Nachmittag tauschten wir uns locker auf einem „Schwarzmarkt der
Möglichkeiten“ aus, bei dem verschiedene Gruppen ihre jeweiligen
Projekte und Ansätze vorstellten. Abends diskutierten wir in der großen
Gruppe über „unsere anarchistischen Perspektiven“. Fragen waren unter
anderem unser Anarchismus-Verständnis, wie mit dem Label
„Anarchismus“ umgegangen werden kann und sollte und wie wir als
Bewegung zusammenfinden und zusammenarbeiten können. An beiden
Abenden saßen wir gemütlich bei Getränken zusammen und es fanden
noch viele nette Gespräche statt. Sonntag nutzten wir auch die
Gelegenheit, uns in vertrauterer Atmosphäre stärker zu vernetzen.

Unsere Auswertung wird, wie erwähnt, noch etwas Zeit in Anspruch
nehmen. Dennoch hatten wir bei den meisten Veranstaltungen ein gutes
Gefühl, was die Anzahl der Menschen und unsere jeweiligen
Diskussionen anging. Wie so oft, schien mir das eher ein Auftakt zu
sein, auf dessen Grundlage weiter diskutiert, vernetzt und gearbeitet
werden kann und gerade diesen haben wir meiner Wahrnehmung nach
machen können. Dabei ist es wichtig, unsere Ansichten gemeinsam zu
reflektieren, weiter zu entwickeln und sie von Zeit zu Zeit auch ganz
offen und selbstbewusst vorzutragen. Logischerweise kommt es immer
ganz auf die Zusammenhänge an, in denen wir jeweils als
Anarchist*innen Position beziehen und was das in unterschiedlichen
Kontexten konkret bedeutet.

So befinden wir uns immer in Spannungsfeldern zwischen sehr
bestimmten Verständnissen, Weltanschauungen und Perspektiven
einerseits und andererseits der Anknüpfung an die sogenannte
„Öffentlichkeit“, deren Teil wir ja auch sind. Das Szenegeklüngel ist
wichtig und unter gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen oft leider
auch notwendig. Trotzdem können wir nicht dabei stehen bleiben,
sondern sollten uns selbst in unserer Exklusivität Fragen stellen, sowie
vielen Menschen Herrschaftskritik und emanzipatorische Gedanken
vermitteln – nicht nur durch Worte, sondern vor allem in konkreten
emanzipatorischen Kämpfen. Entscheidend dafür ist, sich nicht selbst
schon von vorne herein auf der „richtigen“ Seite zu wissen, sondern
inhaltlich, politisch und menschlich weiter zu kommen, sich über die
eigenen Standpunkte bewusst zu werden und sie immer wieder im
gemeinsamen Austausch darüber voran zu bringen. Unsere Positionen
bilden sich nicht allein in Abgrenzung zu rechten Tendenzen, der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, der durch den Staat
strukturierten Herrschaft oder auch der Kritik an linken Politiken
heraus. Vielmehr können wir uns auf den Weg begeben, anarchistische
Grundlagen und emanzipatorische Anknüpfungspunkte zu entdecken
und sie zu aktualisieren.

Dies wollen wir gerade auch in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie
Jena, die dennoch für Thüringen einen ganz wichtigen Bezugspunkt für
emanzipatorische Politik darstellt und eben darum auch wieder
verstärkt von Nazis und Rechtspopulist_innen heimgesucht wird,
erreichen. In einer Situation, wo antifaschistische Aktivitäten uns sehr
stark einnehmen, bleibt es wichtig auch eigene Themen weiter zu
verfolgen und eigene Kämpfe zu führen. Bei uns finden sie sich unter
anderem in feministischen Auseinandersetzungen, der
Antirepressionsarbeit, Arbeitskämpfen, in der Gefangenensolidarität,
Bildungsarbeit oder den Versuchen emanzipatorische Räume
aufzubauen – wofür die Hausbesetzungen 2013 und 2014 Beispiele sind.
In einem Bundesland, wo die Linkspartei den Ministerpräsidenten stellt
und auf ihre Staatstragende Weise die wenigen autonomen sozialen
Kämpfe vereinnahmt oder unterdrückt, haben wir es dabei mit einer
besonderen Konstellation zu tun. Eine kleine Aktion in diesem
Zusammenhang war die Besetzung des Büros der Linkspartei am 11.

Mai, aus Protest gegen die Abschiebepolitik der Landesregierung. So
stellen auch unsere Anarchistischen Tage einen (kleinen) Beitrag für die
Formulierung außerparlamentarischer, emanzipatorischer Positionen
dar, von denen ich mir wünsche, dass wir sie weiter ausbauen und sich
mehr Menschen ermächtigen, gegen die vielfältigen
Herrschaftsverhältnisse aufzubegehren und Beziehungen der
Kooperation und Freiwilligkeit zu verwirklichen.


Falls wir eine Auswertung schreiben, schaut gern auf
unseren Blog zu den Tagen: antje.noblogs.org.
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