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(de) FdA-IFA, Gai Dào N°66 ­- Der anarchistischen Bewegung ein Gedächtnis geben ­ Ein Interview mit zwei Genossen vom AnArchiv in Neustadt an der Weinstraße. Das Interview wurde von Toni geführt.

Date Wed, 15 Jun 2016 19:23:34 +0300


In der Selbstbeschreibung des AnArchivs heißt es: „Es ist ein Gedächtnis der Bewegung, denn Anarchismus findet normalerweise in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Platz, und dieser Erfahrungsschatz wäre wahrscheinlich für alle Zeiten verloren, wenn es solche Archive nicht gäbe. Ziel des AnArchivs ist es, Publikationen zur anarchistischen Praxis und Theorie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ ---- Beschreibt doch mal im Allgemeinen, was das AnArchiv ist und was es dort so gibt. ---- Das AnArchiv wurde von Horst Stowasser im Jahre 1971 in Wetzlar gegründet, wo es in seinen Anfängen Anarchistisches Dokumentationszentrum (ADZ) hieß. Es gibt Bücher, Zeitungen, Schriftwechsel, Tonaufnahmen, Bilddokumente sowie Filmaufnahmen. ---- Neben einer großen Anzahl deutschsprachiger anarchistischer Publikationen, welche den Schwerpunkt bilden, gibt es auch viele internationale Dokumente, zum Beispiel auch japanische oder arabische
anarchistische Zeitungen und Bücher. Das AnArchiv beinhaltet
vornehmlich Historisches, teilweise reichen die Dokumente bis in die
heutige Zeit. Ein wichtiger Bestandteil sind außerdem Unterlagen,
Dokumente und Protokolle der neuen anarchistischen Bewegung ab
1968. Weiterhin gibt es eine fast komplette Dokumentation der FAUD
und der FAU, außerdem ist es zum Beispiel möglich, den Schriftwechsel
der Föderation freiheitlicher Sozialisten FFS (deutschsprachige
anarchosyndikalistische Organisation von 1945 bis 1960 aus ehemaligen
Mitgliedern der FAUD, anm. d. In.) einzusehen, in welchem sie sich
über die damalige politische Lage, Perspektiven der anarchistischen
Bewegung, aber auch private Dinge, wie zum Beispiel den Hinweis,
dass Rudolf Rocker demnächst Geburtstag habe, man dürfe nicht
vergessen, ihm zu gratulieren, austauschen.

Um ein paar Zahlen zu nennen: Es gibt ca. 2000 Bücher und Broschüren
mit direktem libertären Bezug, ca.100 katalogisierte spanische
Presseerzeugnisse mit anarchistischem Bezug, unzählige
anderssprachige anarchistische Presseerzeugnisse, Schriftverkehr,
persönliche Unterlagen, dokumentarische Dossiers von deutsch-
sprachigen Anarchist*innen in ca. 100 Ordnern, Sammlungen von ver-
storbenen Anarchist*innen (z.B. Augustin Souchy), wissenschaftliche
Arbeiten, unveröffentlichte Dissertationen und anderes. Das AnArchiv
soll mithelfen die Geschichte des Anarchismus festzuhalten, denn diese
Geschichte müssen wir selbst schreiben, das macht niemand anderes.

Neuerdings seid ihr umgezogen. Wie ist es dazu gekommen und
wo befindet sich das AnArchiv jetzt?

Der Beginn des AnArchiv geht, wie oben schon erwähnt, zurück ins
Jahr 1971, nach Wetzlar, wo Horst Stowasser und sein Bruder Klaus
begonnen haben, anarchistische Publikationen aller Art zu
sammeln.1987 zog Horst Stowasser im Rahmen des Projekt A nach
Neustadt an der Weinstraße, wo er seine Sammlung in seiner WG und
später in seiner Wohnung unterbrachte. [Kleine Anekdote: In
ausgerechnet diesem Haus ist die schwarz-rot-goldene Fahne für das
Hambacher Fest genäht worden]. Mit dem Scheitern des Projektes A in
Neustadt zog sich Horst aus der aktiven Arbeit zurück, er schrieb auch
nicht mehr, sammelte und archivierte aber fleißig weiter. Es dauerte bis
Oktober 2004, bis sich Horst dazu entschloss, zusammen mit einer
Gruppe von Menschen, das AnArchiv wieder öffentlich zugänglich zu
machen. Geschehen sollte dies unter dem Namen Max-Nettlau-Institut.
Wegen massiver gesundheitlicher Probleme (seine Kinderlähmung
machte ihm wieder schwer zu schaffen) musste er Ende 2004 zuerst
seinen Beruf und dann seine Wohnung aufgeben. Der Plan war nun, das
Archiv in dem damals gerade entstehenden Wohnprojekt Eilhardshof in
Neustadt unterzubringen. Da es jedoch akut aus der Wohnung in der
Neustadter Hauptstraße raus musste, wurde es in einer Lagerhalle ca. 10
Kilometer von Neustadt gebracht, wo es die nächste drei Jahre für
niemanden einsehbar gelagert wurde. Als Horst im August
2009 plötzlich verstarb, fanden sich einige Freund*innen
und Genoss*innen zusammen und belebten das Max-
Nettlau-Institut neu, benannten es aber, Horst zu Ehren, in
„Horst-Stowasser-Institut“ um. Ein Genosse aus Speyer bot
an, das AnArchiv ein paar Jahre bei sich im Haus
unterzubringen. Dort konnten die Sachen ausgepackt
werden und es gab auch wieder für Besucher*innen die
Möglichkeit das AnArchiv zu besichtigen und dort zu
forschen und zu arbeiten. Nachdem das AnArchiv nun für
ein paar Jahre in Speyer war, bekamen wir Ende letzten
Jahres vom Ökohof in Neustadt, der dem Verein WESPE e.V.
(„Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“),
quasi dem Restbestand des Projekts A, gehört, das Angebot,
das Anarchiv dort unterzubringen. Also „back to the roots“
sozusagen. Seit März 2016 ist das AnArchiv nun wieder in
Neustadt an der Weinstraße.

Habt ihr Sachen, von denen ihr sagt, die sind eine
besondere Erwähnung wert und was sind so die
ältesten Sachen, die ihr habt?

Im AnArchiv gibt es zum Beispiel den Nachlass von Augustin Souchy
und eine Fotosammlung von seinem Aufenthalt in Kuba, die er selbst
gemacht hat. Außerdem eine Sammlung von Bänden über Geografie,
die Elisée Reclus verfasst hat. Horst Stowasser hat die von einem
Genossen aus Spanien zugeschickt bekommen. Dieser hatte die
Umschläge abgerissen, damit der Versand nicht so teuer ist. Die Bücher
wurden dann neu gebunden, nachdem sie hier waren. Außerdem
interessant, wie oben schon erwähnt, die Korrespondenz der Föderation
freiheitlicher Sozialisten von 1947 bis 1953.

Es gibt Schriften von Richard Wagner, der in seiner Jugend Anarchist
und mit Michael Bakunin befreundet war. Richard Wagner hatte solche
Sachen geschrieben, als er in Dresden mit Bakunin auf den Barrikaden
stand. Außerdem gibt es viele alte Zeitungen aus den 1890er Jahren
oder zum Beispiel Exemplare, teilweise sogar ganze Jahrgänge, der
Zeitung „Morgenröte“ von Gustav Landauer oder „Fanal“ von Erich
Mühsam. Aus den 1920er Jahren sind viele Ausgaben der Zeitung „Der
Syndikalist“ vorhanden sowie unter anderem Flugblätter der FAUD und
einzelnen Syndikaten wie dem Syndikat der Binnenschiffer, damals eine
wichtige Gewerkschaft.

Bekommt ihr heute noch Sachen geschickt, bzw. archiviert ihr
auch heute erscheinende Publikationen?

Nein, heute bekommen wir im Gegensatz zu früher keine Sachen mehr
zugeschickt. Wenn wir außerdem anfangen würden, alles zu
archivieren, hätten wir ganz schnell ein Raumproblem. Ist das
überhaupt sinnvoll? Bei der Gai Dao zum Beispiel ist es ja so, dass es sie
auch im Internet zu lesen gibt. Im Moment liegt unser Hauptaugenmerk
darauf, alte Sachen zu vervollständigen und schon vorhandene Sachen
zu digitalisieren. Erstens sind die Materialien dann ja auch geschützter
und zweitens ist es einfacher, übers Internet darauf zu zugreifen und
Interessierte müssen nicht extra nach Neustadt kommen, wobei das
Flair, von solchen historischen Dokumenten umgeben zu sein und diese
zu sichten natürlich auch was besonderes ist. Wie gesagt, wollen wir im
Moment alles digitalisieren, verschlagworten und auf eine angemessene
Archivierung achten. Es wäre super, besseres Archivierungsmaterial zu
haben, um beispielsweise Dinge wie alte Zeitungen betrachten zu
können, ohne sie anfassen zu müssen. Faktoren wie beispielsweise die
richtige Helligkeit, Feuchtigkeit müssen beachtet werden, um die
Sachen noch lange erhalten zu können.

Was hat es mit Horst Stowasser, Projektanarchismus und
Neustadt an derWeinstraße aufsich?

Der Gedanke beim Projektanarchismus ist, ähnlich wie bei Gustav
Landauers Landkommunen, im Hier und Jetzt Projekte zu gründen,
anhand derer Anarchismus „vorgelebt“ werden soll, um Menschen zu
zeigen, wie das praktisch funktioniert und um so die Ideen besser in
die Gesellschaft hinein wirken zu lassen. Solche anarchistischen
Projekte sollten den Anarchismus raus aus einem Ghetto holen. Beim
Projektanarchismus ist der Gedanke auch, diese Projekte in einem
„bürgerlichen Milieu“ , z.B. in einer mittelgroßen Stadt zu gründen. Ein
weiterer Gedanke des Projektanarchismus ist, dass Projekte mitein-
ander zu sogenannten „Doppel-
projekten“ verbunden sind. Also
Projekte, die finanziell gut laufen, z.B.
eine Schreinerei, mit Projekten, die
finanziell nicht gut laufen, z.B. einem
Verlag für anarchistische Literatur.
Horst Stowasser war der Hauptini-
tiatior des Projekt A, und ist deswegen
nach Neustadt an der Weinstraße
gezogen. 1987 ging es los, es wurden in
Neustadt Läden und Kollektivbetriebe
gegründet. Sie hatten außerdem ein
Netzwerk gegründet, WESPE (s. oben),
welches noch heute – in kleinerem
Umfang – existiert. Projekt A
funktioniert zunächst recht erfolg-
reich, nach einiger Zeit gab es mehr
und mehr Probleme, 1994 kam es dann
zum Eklat und das Projekt brach
auseinander. Horst zog sich daraufhin
ins Privatleben zurück, schrieb nicht
mehr, sammelte jedoch weiter
Materialien für das AnArchiv. Ab
Ende 2004 wurde er wieder aktiv, fing wieder an zu schreiben und
Vorträge zu halten. Er schrieb mehrere neue Bücher („Anti-Aging für
die Anarchie“, „Auf den Spuren des Glücks“) und er überarbeitete sein
Hauptwerk „Freiheit pur,“ das dann im März 2007 unter dem neuen Titel
„Anarchie!“ wieder aufgelegt wurde. Geplant hatte er auch eine
dreibändige Aufarbeitung des Projektes A mit Dokumenten, aktuellen
Interviews mit ehemaligen Beteiligten und einem Ausblick. Durch
seinen plötzlichen Tod, der uns alle erschütterte, kam dieses Projekt
aber leider nicht mehr zu Stande.

Gibt es heute noch Kollektive aus der Projekt A Zeit? Gibt es
anarchistische Aktivitäten?

Es gibt in Neustadt noch immer Betriebe, die aus der Projekt A Zeit
stammen. Zum Beispiel den Verein „Wespe“, dem der Ökohof gehört,
einen Naturkostladen, eine Buchhandlung, ein Wirtshaus, den
Kulturverein Wespennest, eine Schreinerei, ein Chemielabor, sowie eine
Ökologistik-Spedition. Diese Betriebe sind teilweise noch
Kollektivbetriebe, die ohne Chef*in arbeiten. Teilweise haben die
Kollektive Angestellte. Es gibt auch noch Anarchist*innen in den
Betrieben. Gerade auf deren Wirken ist das AnArchiv wieder nach
Neustadt gekommen. Die eben genannten Betriebe unterstützen das
AnArchiv zum Beispiel finanziell oder auch, indem Räume zur
Verfügung gestellt werden. Außerdem gibt es in Neustadt noch eine
FAU – Lokalföderation mit einem Allgemeinen und einem
Kultursyndikat. Von 2007 bis 2010 gab es noch den „Tante Emma Laden
– Libertäres Zentrum“, einen Infoladen und Treffpunkt, der von
verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen getragen wurde.

Welche anderen deutschsprachi-
gen Archive mit libertären
Inhalten gibt es noch? Seid ihr
vernetzt?

In Bremen gibt es noch das Institut
für Syndikalismusforschung, außer-
dem das FAU-Archiv in Düsseldorf.
Die Anarchistische Bibliothek Wien
hat uns sehr geholfen, die nötige
Struktur für eine Archivierung der
Materialien aufzubauen. Außerdem
haben wir gemeinsam mit den
Wiener Genoss*innen angefangen,
eine gemeinsame Datenbank zu
erstellen, welche aber noch nicht
fertig gestellt ist. Die Bibliothek in
Wien hat uns auch teilweise
Materialien überlassen.

Was habt ihr für die Zukunft
geplant?

Wir wollen die deutschsprachigen Zeitungen sichten, digitalisieren und
jahrgangsweise erfassen. Außerdem wollen wir Materialien anschaffen,
um die Dokumente gut und sachgerecht archivieren zu können.
Hierfür braucht es nämlich spezielle Materialen, wie z.B.
säurebindendes Zwischenlagenpapier, welche die Papiere noch gut und
möglichst lange erhalten. Hierfür sind wir auf Spenden angewiesen. Ca.
2000 Euro bräuchten wir um die nötigsten Anschaffungen
vorzunehmen. Außerdem soll das AnArchiv auch Raum bieten für
Menschen, die sich libertär vernetzen wollen, Recherche für
wissenschaftliche Arbeiten ermöglichen oder Interessierten die
Gelegenheit geben, anarchistische Geschichte zu erfahren, denn diese
wird nirgendwo sonst festgehalten.

Vielen Dank für das Interview!

Wer uns besuchen möchte erreicht uns über unsere Email Adresse:
info@anarchiv.de
Homepage: www.anarchiv.de
Zu Horst Stowasser:
http://www.dadaweb.de/wiki/Horst_Stowasser_-_Gedenkseite
http://deu.anarchopedia.org/Horst_Stowasser
Wer etwas spenden möchte:
Bankverbindung:
Horst-Stowasser-Institut
Sparkasse Rhein-Haardt
IBAN: DE 5554 6512 4000 0537 9722
BIC: MALADE51DKH
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