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(de) FDA-IFA Gai Dà N°67 07.2016 - SOLIDARITY -- Privilegien infrage stellen: Über Solidarität und Selbstreflexion Von: Dilar Dirik / Übersetzung: madalton

Date Sun, 17 Jul 2016 12:31:45 +0300


Solidarität ist kein einseitiges Wohltätigkeitsprojekt von privilegierten Aktivist*innen, sondern ein multidimensionaler Prozess, der zur Emanzipation aller Beteiligten beiträgt. ---- Ein Mann aus Deutschland ist von dem demokratischen Graswurzel-projekt in Rojava nicht beeindruckt, weil er etwas Ähnliches schon vor Jahrzehnten in Lateinamerika gesehen hat. Eine Frau aus Frankreich wirft Frauen aus Kurdistan eine mangelnde Vorbereitung auf ihren Besuch vor, weil sie nicht so organisiert sind wie die Frauen aus Afghanistan, die sie in den 1970ern beobachtet hat. Eine Person geht bereits nach einer einwöchigen Reise und ohne Zugang zu Medien und Literatur in irgendeiner Sprache des Nahen Ostens als revolutionäre*r Kenner*in Rojavas durch und seine*ihre Ansicht wird für legitimer und authentischer gehalten als die der kämpfenden Menschen. Was haben die Erfahrungen dieser Menschen gemeinsam?

Sie alle zeigen echtes Interesse und Zuwendung und ihre Bemühungen
verdienen gebührende Anerkennung. Aber es offenbart noch etwas:
Und zwar jene Komponente, die einem System unterliegt, welches es
Menschen überhaupt ermöglicht, ihre Checkliste des revolutionären
Tourismus zu vervollständigen – wie er im vergangenen Jahrzehnt
besonders in Palästina und Chiapas, aktuell in Rojava stattfindet. Diese
Komponente ist etwas, was Revolutionär*innen aktiv problematisieren
müssen: Privilegien.

Um es von Beginn an klarzustellen: Als eine Person, die hauptsächlich
für eine internationale Zielgruppe schreibt, die Kommunikation unter-
stützt und Delegationen nach Kurdistan bestärkt, gehöre ich zu den
Leuten, welche solche Austauschprozesse und Arbeiten grundlegend
schätzen. Aber Menschen, die Solidarität verkünden und die sich
(gleichzeitig) in einer privilegierten Position befinden, welche es ihnen
ermöglicht, zu reisen und gehört zu werden, haben eine moralische
Verpflichtung, dieses Privileg für Verbesserungen zu nutzen. Die
Absicht dieses Artikels ist es, zu einem Austausch über die Probleme
beizutragen, die auftreten, wenn hierarchische Beziehungen im Namen
der Solidarität etabliert werden.

Privilegien infrage stellen

In einer Welt kapitalistischer, patriarchaler Nationalstaaten stellt es
einen Akt des offenen Ungehorsams dar, sich selbst als Weltbürger*in zu
betrachten und Vorstellungen von Nationen und Staaten abzulehnen.
Dennoch, auch wenn mensch sich als internationale*r Revolutionär*in
versteht, löscht dies nicht ungleiche Voraussetzungen und Privilegien.
Mensch muss weiter gehen.

Zunächst gibt es eine Reihe materieller Privilegien und Ressourcen, von
denen mensch profitiert: Pässe von Staaten zur Verfügung zu haben, die
helfen, fast überall hin zu reisen; internationale Sprachen zu sprechen
und einen theoretischen Wortschatz zu besitzen, der es ermöglicht,
einen Diskurs zu beschreiben und zu gestalten; intellektuelle Werkzeuge
infolge einer Grundbildung erlernt zu haben; genauso wie genügend
Zeit, Sicherheit und Geld, um sich mit den meisten dieser Dinge
versorgen zu können. Die Abwesenheit von Krieg, Tod, Zerstörung,
Vertreibung, Hungersnöten und Traumata ermöglicht es, sicher und
bequem Nachforschungen zu betreiben, langfristige Entscheidungen
und Pläne zu treffen und ohne große Beeinträchtigungen prinzipientreu
zu leben.

Schon die Tatsache, dass mensch in der Lage ist, sich mit einem Kaffee
hinzusetzen, sich mithilfe von Quellen, die in einer westlich-zentrierten
Geschichtsschreibung, Theorie, Sprache und Wissenschaftslehre ge-
schrieben sind, in ein Thema einzulesen, stellt ein Privileg dar, welches
der überwiegenden Mehrheit der people of color und Arbeitenden nicht
zur Verfügung steht. Und sogar wenn sie es haben, fehlt ihnen oftmals
eine politisch sichere Umgebung, um in der Lage zu sein, ihre Erkennt-
nisse zu diskutieren.

Die Tatsache, dass ich diesen Text schreibe, deutet auf das Privileg einer
Person hin, die zu einer unterdrückten und marginalisierten Gruppe
gehört, die aber – im Vergleich zu meinen Leuten – Zugang zu einigen
Ressourcen und Vorteilen hat. Immer dort, wo es Privilegien gibt, gibt
es eine dazugehörige Verantwortung, diese Privilegien infrage zu
stellen. Das bloße Vorhandensein von Privilegien ist nicht so sehr das
Problem, sondern vielmehr sind es die Erzeugung von hierarchischen
Beziehungen sowie von – unbeabsichtigt – bevormundendem und ver-
einnahmendem Verhalten bei der Solidaritätsarbeit, welche das gegen-
seitige Verständnis und die gegenseitige Entwicklung stören.

Einige Leute äußerten ihre Verwunderung über die Unkenntnis der
ansässigen Menschen, was die Kämpfe betrifft, die den ihren ähnlich
auf der anderen Seite des Globus stattfinden. Und sie versuchten den
Diskurs von Betroffenen abzuschwächen, weil deren Lebenswirklichkeit
für empfindliche, westliche Ohren zu viel wäre, um es zu ertragen.
Andere verweigerten sich jeglicher Art von Selbstreflexion, wenn sie
dafür kritisiert wurden, den Diskurs über die Kämpfe zu verzerren, in-
dem sie Erzählungen auf eine Weise aufzwingen, die verfremdend für
die betreffenden Leute ist. Stattdessen deuteten sie an, dass unter-
drückte Menschen doch froh darüber sein sollten, irgendwelche Auf-
merksamkeit zu erhalten.

Das Problem liegt in der Leichtigkeit einer privilegierten Person, sich
berechtigt zu fühlen, mit der sie ganze Bücher über eine gesamte Region
schreiben kann, ohne jemals die Gegend besucht zu haben.
Es ist das männliche Weißsein ganzer “radikaler”
Konferenzgremien über Kämpfe, die von people of
color geführt werden. Es ist die wohlbekannte
Mitleidsbekundung weißer Leute für eine
Sache, die ihren Anhänger*innen Bescheid
gibt, auf den Zug aufzuspringen. Es ist die
Geschwindigkeit, mit der Prozesse, die
Kämpfe auf Leben und Tod betreffen, fallen
gelassen werden wie eine heiße Kartoffel,
wenn sie komplizierter erscheinen, als zuvor
angenommen wurde.

Wie bequem für eine*n Revolutionär*in, in der
Lage zu sein, Verantwortung und Identität ohne
weitere Erschwernisse abzustreifen! Solange viele Linke
aus privilegierten Ländern oftmals kämpferisch betonen,
dass sie keinen Staat, keine Armee, Regierung oder
Kultur repräsentieren, können sie problemlos Millionen
von Menschen als einen gigantischen, nahtlosen Block
darstellen. Indem sie ihre eigenen Kontexte löschen, er-
lauben sie sich oftmals eine individualistische, komplexe
Handlungsfähigkeit und fühlen sich daher ziemlich
großzügig und wohltätig, wenn sie unter sich diskutieren, wer ihre
Unterstützung “verdient”, während das Andere zu irgendeiner ab-
strakten Identität unkenntlich gemacht wird.

Bedeutungsvolle Verbundenheit in der kältesten Nacht

Die Art und Weise, in der Solidarität heutzutage für den westlichen
Blick ausgelegt ist, hat einen weiteren verheerenden Effekt auf Be-
wegungen: Den Wettbewerb zwischen kämpfenden Menschen um Auf-
merksamkeit und Ressourcen. Anstatt solidarische Bande untereinander
aufzubauen, werden kämpfende Menschen gezwungen, zuerst um die
Zuwendung von westlichen Linken zu kämpfen, was Gemeinschaften
gegeneinander ausspielt und zerstörerisch für den Internationalismus
ist. Wie Umar Lateef Misgar, ein*e Aktivist*in aus Kashmir, betont: Es
ist wie eine weiterentwickelte Form vom kolonialistischen teile und
herrsche1 .

Besonders der weiße, gebildete Mann besitzt den Luxus und das
Privileg, in der Lage zu sein, jeden Revolutionsstandort zu besuchen,
ihn sich anzueignen, wie es ihm beliebt, und dann seine Kritik daran
abzugeben, ohne weitere Verpflichtungen und ohne jemals die Not-
wendigkeit zu verspüren, vor seiner eigenen Haustür nachzusehen.
Oftmals mit einem Gefühl der Teilhabe ohne Verantwortlichkeit kann er
sich international anschließen, sich von der lokalen Ebene loslösen und
umgekehrt.

Seine Identität überschreitet Ethnizität, Nationalität, Gender, Klasse,
Sexualität, Körperlichkeit und Ideologie, weil er der Inbegriff des
Standards ist, der status quo – kaum lebt oder kennt er die Bedeutung
von Abweichung. Er weiß nicht, dass die meisten Kämpfe mit einem
Verlangen nach Anerkennung beginnen, nach einem Platz
in der Geschichte, weil er derjenige ist, der sie
schreibt. Dadurch kann er oftmals revolutionäre
Beweggründe nicht über die Theorie hinaus
begreifen.
Deshalb erlaubt es ihm die ideologische
Reinheit, seine Solidarität mit Kämpfen so
einfach aufzugeben, was vielleicht eines der
größten Auswüchse seiner Privilegien dar-
stellt: Er kann es sich leisten, dogmatisch
und ideologisch rein zu sein; er kann
theoretische Konsequenz predigen, weil seine
Teilhabe an einem Kampf keine Frage des
Überlebens ist, sondern eine von bloßem Interesse
seinerseits. Er muss sich nicht die Hände schmutzig
machen. Er kann seine Augen über Leute verdrehen,
die um ihr (Über-)Leben kämpfen, weil er nicht
derjenige ist, welcher seine Ideale gegen alle Formen
von Geopolitik, sozio-ökonomische Gegebenheiten,
ethnische und religiöse Konflikte, Gewalt, Krieg,
Tradition, Trauma und Armut abwägen muss.

Und deshalb können die Menschen einen Kampf
genauso schnell verwerfen, wie sie ihn angenommen haben, denn die
Fehler, Defizite und Hürden zu beheben, auf die Revolutionen
zwangsläufig stoßen, würde einen Einsatz erfordern, den sie nicht
gewillt sind einzugehen – theoretische Diskussionen oder Treffen mit
Kaffee und Kuchen sind bequemere Orte für radikale Schimpftiraden
als die Hölle namens Mesopotamien.

Wenn die Menschen bei realen Kämpfen nicht die sofortige Be-
friedigung erfahren, nach der ihre verinnerlichte, kapitalistische Denk-
weise verlangt, können sie historische Revolutionsmomente schnell
wieder aufgeben. Die Möglichkeit aufzuhören, aus einen Kampf auszu-
steigen, wenn der anfängliche, romantische Charme dahingegangen ist
und die Rauheit hervorkommt, ist schlichtweg nicht vorhanden für
Menschen, die um Leben und Tod kämpfen. Wahre Verbundenheit wird
im Grunde nicht bei Sonnenschein, sondern in der kältesten Nacht
bedeutsam.

Legitimierte Kämpfe werden auf die Probe gestellt

Vor einer Weile schrieben Leute aus der Linksradikalen reihenweise
Artikel über Rojava auf eine Weise, die weit entfernt war von der
Realität vor Ort, basierend auf Annahmen und Inhalten, die kein Thema
für die betroffenen Menschen waren. Binnen kurzem verwandelte es
sich in eine ausschließlich innerwestliche und stark orientalistische
linke Debatte, wo ein weißer Mann zu einem anderen sprach 2 , wobei er
weder in der betroffenen Region gewesen war oder mehr als die
Meinungen anderer weißer Männer online gelesen hatte – Rojava
diente dabei einfach als das Dritte-Welt-Symbol, auf das alle Ideologien
und Mutmaßungen projiziert werden konnten.

Natürlich sind internationale kritische Analysen und Perspektiven sehr
wichtig für revolutionäre Prozesse, aber Dogmatismus, Chauvinismus
und Arroganz dienen einem gegenteiligen Zweck. Vergessen wir einfach
die Tatsache, dass diese Leute weit davon entfernt waren, Revolutionen
an ihren eigenen Standorten zu organisieren. Dennoch fühlten sie sich
in der Position, maßgeblich zu beurteilen, was eine Revolution aus-
macht und Handlungsvorgaben an Leute zu richten, die autonome
Frauenkommunen bilden, während sie gleichzeitig gegen den IS
kämpfen.

Gewissermaßen sind solche Fehlinterpretationen und Verzerrungen
notwendig, um orientalistische Bilder und kolonialistisches Eingreifen
zu legitimieren. Wie Sitharthan Sriharan, ein*e Aktivist*in aus Tamil,
näher ausführt: “Privilegierte Linke helfen oftmals, eben jene Macht-
verhältnisse zu erzeugen und zu reproduzieren, von denen sie bei ihren
Aktionen behaupten, dagegen zu sein.”

Es ist interessant zu sehen, wie Kämpfe, die im Laufe von Jahrzehnten
von tausenden, darin beteiligten Personen legitimiert worden sind, nun
linken Bewährungsproben unterstellt werden, die einem westlichen
Urteil standhalten müssen, bevor sie sich für eine Zuwendung qualifi-
zieren. Solche Voraussetzungen schädigen Befreiungsbewegungen in
dem Sinne, dass sie ihnen die angebrachte Aufmerksamkeit und eine
richtige Darstellung verweigern; sie können sogar erheblichen
politischen, sozialen, ökonomischen und emotionalen
Schaden verursachen, Fehlinformationen fortbe-
stehen lassen und ganze Kämpfe durch die Be-
herrschung des Diskurses von unbeteiligten
Gruppen delegitimieren.

Diese Haltungen haben ihre Ursache im
Wesentlichen in eurozentristischen
Ideologien, die ihren kulturellen
Imperialismus durch Kolonia-
lismus, modernistische Dog-
mas und Kapitalismus er-
richtet haben. Die sym-
bolische Gewalt, die die
westliche Geschichte als
modern und universell
darstellt, manifestiert sich
in Form von Oriental-
ismus in den heutigen Sozialwissenschaften und beeinflusst die Art,
wie umfassende Bereiche der westlichen Linken Solidarität verstehen.

Überprüfe deine Privilegien

Die Annahme, dass Solidarität eine Einbahnstraße ist, etwas, das eine
Seite “gibt” und die andere “nimmt”, ist von Grund auf fehlerhaft. Soli-
darität wird heute, besonders im Informationszeitalter und der Ära der
digitalen Technologien, auf eine Art geäußert, die ein zweigeteiltes Ver-
hältnis zum Ausdruck bringt zwischen einem aktiven, denkenden
Subjekt, das Solidarität mit einem Kampf und einer Gruppe “anbietet”,
die wiederum nur als ein passives Objekt reagieren kann, ohne das
Recht kritisches Feedback darüber geben zu dürfen, welche Art von
Solidarität erforderlich ist.

Die Solidarität Gebenden können aus dem Nichts in Erscheinung treten,
ihre eigenen Zusammenhänge löschen und sich selbst berechtigen, den
Diskurs zu beherrschen. Ihnen wird eine beobachtende Vogelper-
spektive eingeräumt, die sie zu distanzierten, analytischen Perspektiven
und Autorität befähigt, da sie angeblich “objektiv” seien. Dies erzeugt
unmittelbar eine Hierarchie und die Erwartung, dass die Gruppe,
welche Solidarität erhält, Dankbarkeit und Ehrerbietung gegenüber den
Solidarität Gebenden zeigen sollte, wodurch die Gruppe, die Solidarität
“erhält”, dem Mitleid der Person überlassen wird, die Hilfe gewährt.
Dies kennzeichnet oftmals das Ende von Solidarität und den Beginn
von Wohltätigkeit.

Unterdrückte Gruppen sind allerdings in keiner Weise dazu verpflichtet
oder zuständig, irgendetwas zurückzugeben. Wie mein*e gute*r
Freund*in Hawzhin Azeez aus Kobane betont: “Wir sollten privile-
gierten Leuten nicht dafür danken, dass sie ihre Privilegien prüfen und
das Richtige tun. Wir sollten von ihnen sogar nicht weniger erwarten,
weil dies die zugrunde liegende, unausgesprochene Voraussetzung für
“Solidarität” ist."

Menschen, die einen Verbündetenstatus beanspruchen, müssen geneigt
sein, die Bürde der harten Arbeit auf sich zu nehmen. Sie sollten sich an
ihre Privilegien erinnern und sie ständig infrage stellen und entwirren,
um als Werkzeug fungieren zu können, das die Stimmen und Grund-
sätze derjenigen Bewegungen verstärkt, zu denen sie, wie sie be-
haupten, in Solidarität stehen – anstatt selbst die Stimme oder die Ver-
körperung dieses Kampfes zu werden. Sie sollten keinen Dank und
Ehrenmedaillen dafür erwarten, ethisch zu sein, schon gar nicht von
marginalisierten Personen, die einfach froh sind, wenn eine Person über
ihren Überlebenskampf spricht.

Von Wohltätigkeit zu Solidarität, von Belehrung zum Lernen

Die kurdische Freiheitsbewegung nutzt “Kritik und Selbstkritik” als
produktive und ethische Mechanismen, um sich selbst, die anderen und
die Gruppe zu verbessern. Sich gegenseitig zu kritisieren, bedeutet auch,
sich selbst kritisieren zu können. Mit Kritik ist nicht gemeint, andere zu
verletzen, sondern sie basiert grundlegend auf Empathie, Aufrichtigkeit
und Problemlösung.

Solidaritätsarbeit macht zweifellos niemensch immun gegen Kritik.
Ganz im Gegenteil, sie braucht Kritik. Sie ist sogar grundlegend darauf
angewiesen, um ethisch zu sein. Aber bislang entbehrt die Solidaritäts-
arbeit der eurozentrischen Linken hauptsächlich dieser Art von Kritik,
nämlich die Stolpersteine in der westlichen Linken aufzuzeigen und ihre
Unfähigkeit, sich zu organisieren oder über die Voraussetzungen von
Graswurzelbewegungen zu diskutieren. Grundsätzlich ist eine wahre
Revolutionär*in, wer den revolutionären Prozess im Inneren beginnt
und mit sich selbst anfängt.

Solidarität ist kein Wohltätigkeitsprojekt, sondern ein horizontaler,
mehrdimensionaler, lehrreicher und multidirektionaler Vorgang, der zur
Emanzipation von jeder beteiligten Person beiträgt. Solidarität bedeutet,
miteinander auf Augenhöhe zu sein, Schulter an Schulter zu stehen. Das
bedeutet, Fähigkeiten, Erfahrungen, Wissen und Ideen auszutauschen,
ohne die Aufrechterhaltung von Beziehungen, die auf Macht beruhen.
Der Unterschied zwischen Wohltätigkeit und Solidarität besteht darin,
dass dich die eine Person “inspirierend” nennt und dich belehren will,
während dich die andere Person “Gefährt*in” nennt und etwas lernen
will.

Um diese Aspekte anzugehen, genügt es nicht, dass sich jede*r Einzelne
bloß selbst reflektiert. Wir brauchen genau genommen ein neues Soli-
daritätsparadigma, in dem wir systematisch Vereinnahmung und
Machtmissbrauch infrage stellen sowie Mechanismen von gegenseitiger
Bildung und Perspektivenaustausch sicherstellen.

Solidarität bedeutet grundlegend unsere gegenseitigen Kämpfe nachzu-
empfinden und anzuerkennen sowie zu verstehen, dass wir auf der-
selben Seite kämpfen, wenn wir uns an einem Prozess gemeinsamer
Selbstbefreiung beteiligen, ohne die verschiedenen Ausgangspunkte,
Vorgeschichten, Identitäten und Kontexte außer Acht zu lassen. Die
größte Belohnung aufrichtiger Solidarität ist, dass alle Beteiligten von-
einander lernen werden, wie mensch sich organisieren kann. Daher
bedeutet, wie Leute aus Chiapas oder Kurdistan betonen, Solidarität
letztlich “die Revolution an deinem eigenen Standort zu starten!”
Identitätspolitik ohne Internationalismus wird immer begrenzt bleiben,
weil sie keine weitreichendere Emanzipation in einem globalen
Unterdrückungs- und Gewaltsystem herbeiführen kann, genauso wie
Internationalismus ohne Achtung vor den lokal verankerten Kämpfen
oberflächlich und erfolglos bleiben wird, weil er nicht die ausgeprägte
Komplexität der verschiedenen Frequenzen der Freiheitsrufe erkennt.

Meine Schulter zu stärken, wird deine ebenfalls stärken – und dies stellt
die einzige Formation dar, in welcher wir gegen die sexistische,
rassistische, imperialistische, kapitalistische und mörderische Welt-
ordnung kämpfen können.

[1] (Anm. d. Red.): Ein Prinzip, bei der zu beherrschende Gruppen in kleinere, leichter kontrollierbare und eroberbare Untergruppen aufgeteilt werden sollen, indem
Unfriede gestiftet wird und die einzelnen Teile gegeneinander ausgespielt werden.

[2] https://libcom.org/blog/dear-cheerleaders-we-need-have-chat-about-imperialism-04042015.

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Dilar Dirik ist eine kurdische Aktivist*in und Doktorand*in
in der Soziologieabteilung der Universität von Cambridge.
Ihre Arbeit untersucht die Rolle der Kämpfe von Frauen in
Bezug auf Artikulierung und Aufbau von Freiheit in
Kurdistan. Sie schreibt regelmäßig über die kurdische
Freiheitsbewegung in verschiedenen, internationalen
Medien.

Quelle
ROAR, 4. Mai 2016
https://roarmag.org/essays/privilege-revolution-rojava-
solidarity/ (Englisch)
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