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(de) Über den Tellerrand geschaut Teil 2: Rund ums Casa Volnitza Von: Popov

Date Fri, 8 Jul 2016 10:29:05 +0300


Der folgende Bericht soll eine kleine Zusammenfassung dessensein, was wir in Santiago de Chile erlebt haben und für berichtenswert halten. ---- Da wäre zuerst das Casa Volnitza, welches uns freundlich aufgenommen hat und in dem wir für einige Zeit untergekommen sind. Es befindet sich im Zentrum von Santiago de Chile, ungefähr zehn Minuten von der Moneda (dem Präsidentenpalast) entfernt, in einem großzügigen, unsanierten Altbau. Seit zehn Jahren genutzt versteht es sich selbst als ,,centro social" und bietet mit zwei Veranstaltungsräumen, einer großen Küche und einem Archiv/Werkstattraum Platz für unterschiedlichste Veranstaltungen. Zudem gibt es noch die zwei Räume der Stammcrew mit Küche, Bad und einem Gästezimmer sowie dem obligatorischen Lagerraum alias Fahrradwerkstatt, in dem sich alles ansammelt, was gerade so rumliegt.

Ein kleiner, überdachter Innenhof mit vielen Pflanzen rundet das Ganze ab und
macht das Casa Volnitza zu einem Ort, an dem mensch ohne Not mehrere Regentage
verbringen kann, ohne die Außenwelt zu betreten. Regentage sind sogar
besonders spannend, denn dann kann mensch Töpfe aufstellen, um
eindringendes Wasser aufzufangen und gemeinsam herausfinden,
warum der Strom schon wieder weg ist. Und wenn die Kühlschränke
dann eh gerade aus sind, bietet es sich doch an, von ihnen ausgehend
mal wieder richtig Ordnung ohne Herrschaft in der Gemein-
schaftsküche zu schaffen. Die gesamte Zeit über gab es viele
Veranstaltungen, von manchen wurden wir als Gäste geradezu
überrascht, da unsere Fragen an den verbleibenden Bewohner nicht
selten mit ,,keine Ahnung" und ,,weiß nicht" beantwortet wurden. Doch
bis auf das Öffnen der Türen gab es für uns nie was zu tun, da alle
Gruppen sich selbst kümmern und danach den Veranstaltungsbereich
besenrein verlassen. Neben der ,,Cocina Comunitaria" und dem
Anarchosyndikat SOV, welche die Räume regelmäßig nutzen, gab es in
der Zeit hier mehrere Konzerte mit Bar, Buchvorstellungen, Videodrehs,
einen feministischen Selbstverteidigungskurs und eine zwei
Abende umfassende Antirepressions-veranstaltung.

Die ,,Cocina Comunitaria" (,,Gemeinschafts-
küche") möchte ich nun etwas näher
vorstellen. Es handelt sich um eine
Gruppe, welche zurzeit einmal pro
Woche einen selbstorganisierten und
unkommerziellen Essensbringdienst
betreibt. Viele Menschen haben zu
wenig Zeit, um sich eine gesunde,
warme Mahlzeit zu kochen, zudem
sind die Preise für Lebensmittel
gemessen am Einkommen vieler
Menschen hoch. Die ,,Cocina Comunitaria" möchte genau dieses
Problem lösen. Die Mitglieder bringen sich je nach Möglichkeit
(idealerweise einmal pro Monat plus X) in die Gruppe ein, indem sie
einkaufen, kochen oder das Essen per Fahrrad verteilen. Die
Lebensmittel werden bis zum Nachmittag frisch eingekauft und zur
Küche gebracht. Dort werden sie ab 18 Uhr zu so vielen Mahlzeiten
verkocht, wie die Mitglieder für den Tag bestellt haben. Ab 21 Uhr
holen die Verteiler*innen das Essen, welches in wiederverwendbaren
Boxen transportiert wird, ab und bringen es je nach Wunsch nach
Hause, auf die Arbeit oder in die Universität. Des Weiteren kann
mensch auch zum Essen ins Casa Volnitza kommen. Die Kosten
belaufen sich auf 500 Pesos (ca. 65 Cent) pro Mahlzeit und alle
Mahlzeiten sind frei von tierischen Produkten. Über die Auswahl der
Gerichte wird im Vorfeld abgestimmt. Das organisatorische Prozedere
versucht die Gruppe größtenteils über elektronische Kanäle zu klären,
um mehr Zeit für wesentliche Dinge zu haben. Um optimale Lösungen
für ihre Gruppe zu finden, nutzen sie zudem statistische Aus-
wertungsprogramme. ,,Cocina Comunitaria" existiert nun seit etwa
einem Jahr und zählt um die 40 Mitglieder. Unsere Beobachtungen
bestätigen ihr Konzept, jede Woche sehen wir andere Menschen in der
Küche, die verschiedenste, vollwertige Gerichte zubereiten. In einem
Gespräch sagte uns ein Mitglied, es sehe das Potenzial, dass die Gruppe
in den nächsten Jahren auf 3000 Personen anwachse bzw. sich in
Santiago de Chile weitere ,,Cocinas" gründen würden. Allerdings
äußerte er auch Bedenken, was die weitere Entwicklung der Gruppe
betrifft. Die Grundprinzipien der Gruppe seien zwar durch und durch
anarchistisch, allerdings kommt in ihnen das Wort Anarchie nicht
explizit vor, um mehr Menschen ansprechen zu können. Dies berge
allerdings die Gefahr in sich, dass die Gruppe ihre
emanzipatorische Ausrichtung verlieren könnte und
die Menschen nur ihre ungenügenden
Lebensbedingungen verwalten, anstatt zu
bekämpfen, was sie unterdrückt.

Für uns auffallend war, dass sich
sowohl in Gruppen als auch an
Veranstaltungen unterschiedlichste
Menschen jeden Alters und
Geschlechts beteiligten und die
Verhältnisse zumeist ausgeglichen
waren. Häufiger waren eher mehr
Frauen als Männer wahrnehmbar.

Positiv überrascht waren wir auch vom Umgang mit Straßenhunden.
Hier im Haus lebt ,,Perra Chica", eine Hündin, welche sich vollkommen
frei bewegt, ab und zu mit uns spazieren geht, wenn sie Lust hat und
am Wochenende zumeist für mehrere Tage unterwegs ist, da sie weder
Lärm noch Trubel mag. Ansonsten findet mensch auf den Straßen von
Santiago de Chile alle Arten von Promenadenmischungen. Von klein bis
groß streunern sie allein oder im Rudel durch die Stadt oder chillen an
ruhigen Orten herum. Dabei sind sie zumeist entspannt und scheinen
nach der Devise ,,je niedlicher ich bin, desto mehr Futter bekomme ich"
zu leben. Als es letzte Woche kälter wurde, tauchten plötzlich
Straßenständler*innen mit Hundedecken auf und in den darauf-
folgenden Tagen sahen wir einige Hunde, welche mit denselben
bekleidet durch die Gegend liefen. Ein Rüde soll während der
Studierendenproteste 2011 sogar als ,,negro Matapacos" (in etwa
,,schwarzer Copkiller") zu solcher Berühmtheit gelangt sein, dass einige
Menschen eine Dokumentation über ihn drehten. 1

Die Studierenden- und Schüler*innenproteste dauern seit fünf Jahren
an. Die Kernforderungen, welche uns im Anschluss an eine
Demonstration mit 100.000 Teilnehmer*innen genannt wurden, lauten:
freie Bildung für alle und Verbesserung der Qualität. Studieren in Chile
sei sehr teuer und die Reformen der Regierung seien nicht weitgreifend
genug und werden als Versuch gewertet, die Protestierenden zu spalten.
Insgesamt liegt das Verhältnis von privaten zu öffentlichen Ausgaben
für Bildung bei 80 zu 20 Prozent. Kein Wunder also, dass es nach der
Demonstration zu Auseinandersetzungen mit den mit Wasserwerfern
(,,Guanaco" - Spucklama) und Räumpanzern (,,Zorrillo" - Stinktier) aus-
gestatteten Carabiñerxs 2 (,,Pacos" - Cops) kam.

Am 1. Mai versammelten sich in Santiago de Chile viele Menschen in
zwei verschiedenen Demonstrationszügen, welche vom nahezu gleichen
Startpunkt aus in entgegengesetzte Richtungen liefen. Neben dem
Marcha Clasista y Combativa, welchem wir uns zusammen mit 40.000
Menschen anschlossen und den mensch als ,,klassenkämpferisch"
bezeichnen kann, gab es noch den ,,offiziellen" Marsch der CUT
(Central Unitaria de Trabajadores de Chile), der der sozialistischen
Regierungspartei nahe steht und als ,,reformistisch" angesehen wird.
Am Marcha Clasista y Combativa beteiligten sich verschiedenste linke

Parteien und revolutionäre Organisationen wie Trotzkist*innen,
Guevarist*innen, Kommunist*innen, Gewerkschaften sowie unter-
schiedliche anarchistische Gruppen. Wir umgingen geübt die Vor-
kontrollen und tauchten im bunten Trubel unter. Am Treffpunkt hatten
sich natürlich schon die obligatorischen Straßenhändler*innen einge-
funden, welche neben Essen und Getränken heute auch Fahnen im
Angebot hatten.

Die unterschiedlichen Organisationen nutzten die Wartezeit, um ihre
Flyer und Pamphlete untereinander auszutauschen, die Sambagruppen
trugen Schminke auf und trommelten sich warm. Ein paar Menschen
gaben Interviews und es wurden viele Fotos gemacht. Während des
Marsches, welcher keine direkte Polizeibegleitung hatte (die Ge-
rätschaften standen aber natürlich schon hinter jeder Straßenecke
bereit), gab es revolutionäre Parolen, Tanz, Musik, Feuerwerk und
Menschen, welche die anliegenden Gebäude mit Plakaten und Spray-
dosen politisierten. Lebendig war auch die Erinnerung an die Opfer der
Diktatur und die Opfer von Minenunglücken. Außer den revolutionären
Massen und den Carabiñerxs war allerdings kaum ein Mensch auf den
Straßen unterwegs. Nach anderthalb Stunden erreichte die
Demonstration den Ort der Abschlusskundgebung. Dort angekommen
befolgten wir schon nach kurzer Zeit den Rat eines Genossen: ,,Wenn
ihr den ersten Wasserwerfer in Bewegung seht, habt ihr noch eine halbe
Stunde, um zu gehen!", und gingen, da wir eine Konfrontation auf jeden
Fall vermeiden wollten. Ausländern ist es nämlich verboten, sich an
politischen Veranstaltungen zu beteiligen. Wegen Verstoßes wurden
schon Menschen in ihr Herkunftsland abgeschoben.

Das ist Demokratie 2016 in Chile. Oder wie hier an viele Wände getaggt
wurde: 1984 is now.

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Weitere Infos

casavolnitza.wordpress.com (Spanisch)
cocinacomunitaria.org (Spanisch)
Video über die Cocina Comunitaria (Spanisch):
www.youtube.com/watch?v=t5-cAJ7KxlU

[1] Die Dokumentation (Spanisch) und weitere Infos auf: gamba.cl/2012/09/homenaje-al-negro-matapacos-el-perro-anarquista-amigo-del-pueblo
[2] Das x steht fuer o und a und ist im Spanischen die unaussprechliche Gendervariante.
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