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(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Über die Manipulationsthese – eine Replik Von: Peter Grau

Date Sun, 31 Jan 2016 16:19:51 +0200


In dieser Replik soll es zum einen um das Thema der „Manipulation“ gehen, zum anderen um den für den Anarchismus so zentralen Begriff der „Selbstbestimmung“. ---- Contradictios Artikel versucht zu belegen, dass es so etwas wie Manipulation gar nicht gibt. Denn, so heißt es im Text, diese bezwecke „die Fixierung eines Willens auf einen bestimmten Inhalt unter Umgehung des Willens“. Anders gesagt: Eine Person soll ohne (oder gar gegen) ihren Willen zu einer konkreten Handlung veranlasst werden. Da eine solche Manipulation jedoch nur dann für die Betroffenen Wirkung zeige, wenn diese „sich die gedanklichen Inhalte einleuchten lassen“, ergo sie willentlich der Beeinflussung zustimmen müssten, schließe sich die Möglichkeit einer Manipulation quasi von selbst aus.

Der manipulierte Wille

Bereits das Milgram-Experiment1 zeigt allerdings, auf welch schwachen
Füßen die Annahme steht, Menschen würden allein oder vorrangig
ihrem Willen folgen. Das mag in einer unbeeinflussten Situation so sein,
aber die Welt um uns herum ist voller Versuche, Einfluss auf uns zu
nehmen. Nicht alle davon werden wirksam, aber einige eben doch.

Zurück zum Milgram-Experiment: Obgleich im Zentrum dieses
Versuchsaufbaus nicht Manipulation im Sinne von Werbung stand, so
wurden die Versuchspersonen mithilfe des Instruments der Autorität
(nicht durch Zwang!) dazu manipuliert, Handlungen durchzuführen,
die ihrem Gewissen widersprachen. In der Wikipedia wird der
Freiburger Psychologe Joachim Bauer mit den Worten zitiert, „dass
dieses Experiment die betroffenen Personen gegen ihre eigene Intuition,
gegen ihre natürlichen mitmenschlichen Instinkte [...] dazu gebracht
hat, hier der Autorität zu folgen“ 2.

Es sind hier also Kräfte am Wirken, die wir von klein auf anerzogen
bekommen haben, die Teil unserer persönlichen Struktur und unseres
Habitus geworden sind – und die auf die Aufrechterhaltung einer
autoritären, ausbeuterischen Gesellschaft ausgerichtet sind. Ob diese
Denkmuster nun natürlich sind oder nicht, spielt letztendlich keine
Rolle – aus einem anarchistisch-ethischen Verständnis heraus sind das
Dinge, die wir überwinden möchten. Wären wir wahrhaftig
selbstbestimmte Menschen (sprich: lebten wir in einer Umgebung, die
ein solches selbstbestimmtes Verhalten fördern und ermöglichen
würde), würden wir diese Denkmuster ablegen, so meine These.

Wie spielt Manipulation da mit hinein?

Erziehung im Sinne dieser Gesellschaft sorgt dafür, dass wir für
Manipulation in bestimmte Richtungen empfänglicher sind als für
andere. Entsprechend kann schwerlich davon die Rede sein, dass wir
nur von uns für gut geheißene Beeinflussung erlauben. Bedingt durch
die uns prägenden gesellschaftlichen Normen und Strukturen im
kapitalistischen Alltag sind selbst „überzeugte Anarchist*innen“ anfällig
für Einflussnahmen, die komplett gegen ihren „rationalen“ Strich
gebürstet sind. Anders gesagt: Wir werden zuweilen auch zu
Handlungen verleitet, die wir rational betrachtet ablehnen würden
(siehe das Extrembeispiel mit dem Experiment oben). Das Ganze gibt es
aber natürlich tagtäglich in kleinerem Ausmaß und mit weniger
schlimmen Folgen.

Es gibt zwei Phänomene, die eindrücklich belegen, dass Menschen es
meisterlich verstehen, Situationen umzudeuten und im Nachhinein eine
Rationalisierung von objektiv für sie negativen Entscheidungen und
Realitäten zu leisten: das sogenannte Stockholm-Syndrom3 und die
Post-purchase rationalisation 4.

Beide Phänomene betreffen unterschiedliche Dinge. Das Stockholm-
Syndrom ist offensichtlich ein Selbstschutzmechanismus, der den
Willen der betroffenen Person umgeht, die angesichts des kompletten
Kontrollverlustes, in der sie sich befindet, keinen anderen Ausweg
findet. Ähnliches kommt auch bei Sektenmitgliedern zu tragen, die
obgleich eine rationale Betrachtung ihrer Situation in vielen Fällen
ergeben würde, dass sie außerhalb der geschlossenen Gemeinschaft
glücklicher wären, sie jedoch faktisch keine Möglichkeit zum Verlassen
derselben sehen – und ihr Unterbewusstsein sie mit einem
Rettungsanker versorgt.

Die „Nach-Kauf-Rationalisierung“ übertüncht die Wahrnehmung von
Werbemanipulation in dem Sinne, dass praktisch niemand ein Interesse
hat, sich einzugestehen, dass er*sie eine fehlerhafte oder unwillentliche
(Kauf-)Entscheidung getroffen hat. Und dank der Rationalisierung
besteht auch gar nicht die Notwendigkeit, sich mit der vorhandenen
kognitiven Dissonanz 5 auseinanderzusetzen.

Wie jedoch oben bereits ausgeführt, kommt Manipulation für
gewöhnlich in kleineren Dosen daher und kann üblicherweise nicht mit
Gehirnwäsche gleichgesetzt werden. Eine Person, die in Contradictios
Beispiel eine Abneigung gegen Cola hat, wird auch durch den besten
Werbespot nicht dazu gebracht werden, eine Cola zu kaufen. Was
jedoch, wenn die Person keine klare Abneigung hat, aber sich vorher
vorgenommen hat, nichts im Kino zu kaufen? Ich denke, die meisten
von uns wissen (aus eigener Erfahrung), dass eine solche Entscheidung
ausgehebelt werden kann. Im Kino-Fall meistens wohl zum Popcorn-
Vergnügen, in anderen Kontexten aber auch einfach, um komplett
sinnlose (Kauf-)Entscheidungen zu treffen. Entsprechendes lässt sich
auch auf andere Ebenen übertragen, nämlich die politisch und
gesellschaftliche. Die portionsweise, aber kontinuierliche Darreichung
von Ideen, die der Person eigentlich nicht gefallen, führt oftmals zu
einer schleichenden Veränderung des Willens der betroffenen Person
(man könnte sagen, gegen ihren Willen). Da spielen viele Effekte mit
hinein, die die Manipulation erst möglich machen, nicht zuletzt der
Wunsch, dazuzugehören und mit der eigenen Meinung nicht allein
dazustehen.

Was hat das nun mit dem Anarchismus zu tun?

Sicher, es wäre wünschenswert, wenn alle ihrem Willen folgen könnten
– insoweit sie dies im jeweiligen Augenblick wünschen und auch unter
Berücksichtigung der im Sinne „anarchistischer Pflichten“ 6 gemachten
Selbstbeschränkungen des freien Willens. Leider werden Menschen in
dieser Gesellschaft jedoch nicht dazu erzogen, ihrem freien Willen zu
folgen und diesen zu pflegen. Stattdessen wird Autoritätshörigkeit
gelehrt, und als freier Wille wird uns die „freie“
Entscheidungsmöglichkeit zwischen verschiedenen Waren im
Supermarktregal verkauft.

Wo der Artikel von Contradictio jedoch vollends aus den Fugen gerät,
ist der Punkt, wo es in Bezug auf die „Selbstbestimmung“ heißt:
„(...)'eigen', 'selbst' oder 'autonom' [ist] ebensowenig ein Gütesiegel, wie
'fremd' nichts Negatives bedeuten muss“. Dabei wird Folgendes
übersehen: Selbstbestimmung ist durchaus ein Gütesiegel, was
allerdings keineswegs auch auf den Inhalt der selbstbestimmten
Entscheidung zutreffen muss. Anders gesagt: Selbstbestimmung ist aus
anarchistischer Sicht das A und O einer positiven (erfüllten)
menschlichen Existenz. Dass selbstbestimmte Menschen jedoch nur
(aus ethischer Sicht) als „gut“ angesehene Dinge tun, ist natürlich ein
Trugschluss. Im Umkehrschluss lässt sich Fremdbestimmung auch nicht
dadurch rechtfertigen, dass etwas „Gutes“ dabei herauskommt 7 . Auch
hier geht es um das Prinzip an sich. Im Anarchismus sollen Menschen
nicht fremdbestimmt werden. Selbstverständlich kann jede Person
darauf verzichten, sich zu jedem Sachverhalt zu verhalten und auf diese
Weise Entscheidungen mittragen, die von Anderen getroffen wurden
(in gewisser Weise also „fremdbestimmt“). Ein Verzicht auf die
Selbstbestimmung ist dies jedoch nicht, da diese Person aus
anarchistischer Sicht jederzeit ihre Stimme erheben kann, um doch
einzuschreiten, wenn sie dies für geboten hält.

Fußnoten:

1 Im berühmten Milgram-Experiment von 1961 wurden
Versuchspersonen dazu gebracht, andere Personen, die sich nur als
Versuchspersonen ausgaben, mit Stromstößen zu bestrafen, wenn
bestimmte Aufgaben nicht richtig erledigt wurden – mit steigender
Intensität und Schmerzbekundungen von Seiten der Bestraften. Siehe
auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment

2 http://www.deutschlandfunk.de/warum-menschen-grausam-32
handeln.1148.de.html?dram:article_id=180790

3 Bekannt aus vielen Filmen, sorgt dieses Phänomen auf
psychologischem Weg dafür, dass Menschen, die als Geisel gehalten
werden, ein positives emotionales Verhältnis zu den Entführer*innen
oder Geiselnehmer*innen entwickeln.

4 Mit diesem Rationalisierungsphänomen finden Menschen, die falsche
Kaufentscheidungen getroffen haben, eine (scheinbar) überzeugende
Begründung, warum es doch richtig war.

5 Dieser Begriffbeschreibt das Auseinandergehen von Wahrnehmungen,
Wünschen und Einstellungen, so dass sich bei der betroffenen Person
ein negatives Gefühl einstellt.

6 Siehe Gaidao Nr. 57 zu Contradictios „Kritik der Pflicht“ und einer
Replik darauf, die zu erklären versucht, dass es im Rahmen der „freien
Vereinbarung“ eine „anarchistische Pflicht“ gibt und wie sich diese
begründet.

7 Das Beispiel mit potentiell unmündigen Kindern dient leider keinem
richtigen Zweck, denn ja, sicher, Selbstbestimmung lässt sich erst ab
einem bestimmten Grad an Mündigkeit wirklich in die Tat umsetzen.
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