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(de) FDA-IFA, Gai Dao #61 - Wahrheit gibt's nicht - das kann doch wohl nicht wahr sein! -- Eine Kritik des universitären Relativismus Von: Gruppe jimmy boyle / Gruppen gegen Kapital und Nation

Date Thu, 28 Jan 2016 12:47:51 +0200


Die bürgerlichen Geisteswissenschaften: Zugleich gegen Willkür und Objektivität ---- Neben der Hoffnung auf eine bessere Berufsperspektive spielt das wissenschaftliche Interesse für manche angehenden Student*innen eine Rolle für den Gang an die Uni und für die besondere Fachauswahl. Das, was man in der Schule gelernt oder sich privat angeeignet hat, reicht nicht. Man will das Wissen vertiefen, hat offene Fragen, denen man ausführlicher nachgehen will. Manche haben sich schon immer für Geophysik begeistern können und verknüpfen mit ihrem Studium vielleicht auch die Hoffnung, Menschen bei einem Tsunami durch die Entwicklung von Frühwarnsystemen helfen zu können.

Ebenso der*die Antifaschist*in, der*die sich von
dem Studium der Soziologie bessere
Antworten auf die Frage erwartet, warum
faschistisches Gedankengut einfach
nicht aussterben will. Aber auch
diejenigen, die das Fach eben nur aus
Karrieregründen ausgesucht haben oder
schlicht, weil sie in diesem
Wissensgebiet bisher notentechnisch am
besten klar gekommen sind, wissen im
Bekanntenkreis auf Nachfrage einiges
über den gesellschaftlichen Nutzen des
jeweiligen wissenschaftlichen Studiums zu
berichten. Wissen zu vertiefen, sich durch ein
Studium die Gegenstände zu erklären, halten sie
alle für ein wichtiges Mittel, um welche Probleme
auch immer zu lösen.

In den Lehrveranstaltungen und den Hausarbeiten
wird tatsächlich auch fortgeführt, was in der
Oberstufe eingeführt wurde: Ein bloßes
"ich finde dies oder jenes blöd" oder
"ich find' die CDU/SPD uncool" als
Beitrag zu irgendeiner Debatte geht
nicht mehr durch. Dies wäre ja nur ein
subjektiver oder besonderer
Standpunkt und hat in der
wissenschaftlichen Diskussion ohne
weiteres nichts zu suchen. Man muss also
begründen, argumentieren usw.

In den geisteswissenschaftlichen Fächern darf
man allerdings mit der Objektivität auch nicht
übertreiben. Neben der Auseinandersetzung mit
einzelnen Themen und Theorien ist ein Lehrinhalt immer präsent: Der
Anspruch, etwas herauszufinden, ist richtig; zu glauben, dass das ginge,
ist ein Irrtum.

So gut wie alle Bücher von Professor*innen und Doktor*innen,
immerhin Wissenschaftler*innen, die ca. fünf Jahre Studium hinter sich
und dann rund vier Jahre an einem Thema intensiv gearbeitet haben,
betonen in der Einleitung und im Schlussteil, dass alles Wissen auf sehr
wackeligen Füßen steht:

In der Einleitung wird ausführlich dargestellt, dass die Zunft sich in den
zentralen Begriffen völlig uneinig ist. Dies ist dann aber meist nicht der
Auftakt, die sich widersprechenden Ansätze durchzudiskutieren, die
falschen ins Kröpfchen und die richtigen ins Töpfchen zu legen. In der
Regel entscheidet man sich einfach für eine Begriffsdefinition.
„Ich halte mich an den Ansatz von Soundso, weil mir
dieser fruchtbarer erscheint“, ist eine übliche
Überleitung in einer wissenschaftlichen Arbeit und
wird nicht zurückgewiesen mit dem Vorwurf, dass
Wissenschaft keine Frage des Beliebens ist.
Im Schlussteil der Arbeit wird betont, dass die
erarbeiteten Ergebnisse vorläufiger Natur sind, und
prinzipiell ist man aufgefordert, weitere Fragen
aufzuwerfen.

Es ist eine Sache, dass einige Gegenstände wirklich
schwer zu erklären sind. Weder ist es unnormal, dass
man über bestimmte Gegenstände länger als zehn Jahre
nachdenken muss, noch ist es unnormal, dass man Hilfe
bei anderen Wissenschaftlern beantragt, nach dem
Motto: "Ich hab' hier ein Problem, dabei komme
ich nicht weiter, jemand anderes vielleicht?"
Man kann auch durchaus bei
verschiedenen Autoren zugleich gute
und mangelhafte Argumente finden.
Wenn aber alle Ergebnisse unter
Vorbehalt stehen, dann kann man
sich zu Recht fragen, was von dem
Anliegen, durch ein Studium Hilfe zur
Lösung von Problemen zu bekommen, übrig
bleibt. Oder banaler gefragt: Was soll das
Ganze eigentlich?

Weiter fällt auf, dass dieser Pluralismus von
Theorien, die alle prinzipiell unter Vorbehalt stehen,
vor allem für die geisteswissenschaftlichen Fächer
reserviert ist. Die Lehrbücher der Naturwissenschaften
enthalten nicht durchgängig den Hinweis auf die Vorläufigkeit ihrer
Ergebnisse. Sicher, auch hier gibt es offene Fragen, mit denen sich
Wissenschaftler weiter beschäftigen, aber nicht alle Gesetze der Physik
werden mit dem Vorwort "alles ganz schön unsicher" versehen.

Ich weiß, dass ich nichts weiß

In der Wissenschaftstheorie wird die Unmöglichkeit von Wissen noch
mal getrennt von den einzelnen Wissenschaften "bewiesen". Die
Philosophie "zeigt", dass das Denken nicht hinreicht, um sich Sachen zu
erklären. Die Linguistik hat "bewiesen", dass die Sprache eine
unvollkommene Sache ist. Wegen der daraus folgenden mangelhaften
Kommunikation und des mangelhaften Leseverständnisses
könne sich der Mensch keinen objektiven Begriff der
besprochenen Gegenstände machen.

Diese "Beweise" enthalten einen fundamentalen
Widerspruch, der die ganzen Überlegungen der
Wissenschaftstheorie ad absurdum führt: Sie
behaupten zu wissen, dass Wissen nicht geht.
Und das halten sie für richtig! Auch in der
Linguistik ist derselbe Widerspruch vorhanden:
Viele Vertreter*innen halten die Sprache für eine
reichlich unvollkommene Sache und teilen uns das
in Büchern und Reden vom Professor*innenpult
mit. Auch wenn sich die Linguist*innen in ihren
Büchern über die mangelhafte Sprache
wechselseitig zitieren, kritisieren und loben, drücken
sie in dieser Praxis aus, dass sie davon ausgehen,
verstanden zu werden und die anderen verstanden zu
haben.

Als Grundsatz an den geisteswissenschaftlichen
Fakultäten gilt: Wissen geht nicht. Wer an der Uni auftritt
und sagt, ich habe eine Sache verstanden und kann zeigen,
dass die abweichenden Theorien falsch sind, der macht sich bei
Dozent*innen und Mitstudent*innen ordentlich unbeliebt. Der
Dogmatismusvorwurf folgt auf den Fuß und man wird von der
weiteren Diskussion ausgeschlossen. Von Wissenschaftler*innn wird
Bescheidenheit verlangt und nur auf dieser Grundlage darf man sich
weiterhin mit Verve um offene Fragen streiten.

Man sieht ja, wohin das führt

Die gewünschte Bescheidenheit wird dabei nicht nur wie oben
dargestellt in der Abteilung "Erkenntnistheorie" widersprüchlich
begründet, sondern auch mit dem Hinweis auf die angeblichen
praktischen Konsequenzen eingefordert: So fehlt selten der Hinweis in
der Debatte, dass beispielsweise der Marxismus-Leninismus mit seinem
Wahrheitsanspruch viele Opfer in seinen realexistierenden Systemen
hervorgebracht habe. Linke wie rechte Wissenschaftler*inn versuchen,
unter Verweis auf den Realsozialismus zu zeigen, dass der Anspruch,
objektives Wissen zu haben, in die Barbarei führe.

Es ist aber eine Sache, über die Wirtschaftsweise in der ehemaligen
Sowjetunion, deren Außenpolitik oder den Umgang mit politischen
Gegner*innen inhaltlich zu diskutieren. Diese inhaltliche Diskussion
(die es ja neben dem Dogmatismusvorwurf auch mal gibt) wird aber
mit der obigen Blamagetechnik einfach übergangen. Kritisiert wird so
einfach nur abstrakt, dass der Realsozialismus glatt von den Sachen, die
er gemacht hat, überzeugt war.

Die Kritik richtet sich auch nicht gegen den "Dialektischen
Materialismus" (Diamat), mit dem die Realsozialist*innen sich eine
Weltanschauung zusammengebastelt haben, die für sie vor jeder
wissenschaftlichen Diskussion einzunehmen sei. Dass die Geschichte
unaufhaltsam zum Sozialismus bzw. Kommunismus drängen würde "ein
Resultat der Anwendung des Diamat auf die Geschichte " stand für sie
vor jeder weiteren Diskussion fest. Sie haben ein Vorurteil zur Pflicht
jeder weiteren Wissenschaft und gesellschaftlichem Diskussion
gemacht, was tatsächlich antiwissenschaftlich ist. Das aber
ist nicht gemeint, wenn den ehemaligen und heutigen
Resten von Marxist*innen-Leninist*innen der
Dogmatismusvorwurf gemacht wird. Dass sie sich
überhaupt sicher waren, was für die UdSSR
richtig gewesen sei, das ist den bürgerlichen
Kritiker*innen ein Dorn im Auge. So erklären sich
die bürgerlichen Kritiker*innen die Gewalt des
Sowjetstaates gegen seine Bürger*innen.

Wenn man aber davon ausgehen würde, dass
objektives Wissen über den Diskussionsgegenstand
die notwendige Voraussetzung für vernünftiges
Handeln sei, dann folge aus dieser Überzeugung gerade
kein gewaltsames Vorgehen gegen jene, die über den
Gegenstand anders denken. Denn wenn es um das
richtige Argument ginge, stünde eine inhaltliche
Auseinandersetzung mit abweichenden Urteilen an,
nicht ihre gewaltsame Unterdrückung. Mit Gewalt
widerlegt man kein Argument.

Die Postmoderne: Skeptizismus als Aufklärung

Zu bestreiten, dass Wissen überhaupt möglich sei, ist
eigentümlicherweise gerade in kritischen Wissenschaftskreisen beliebt.
Die cultural studies haben gegen die Versuche in der Biologie oder
Medizin, mittels spekulativer Analogieschlüsse allerlei soziales
Verhalten in der Natur des Menschen zu begründen, einiges
einzuwenden. Die mittlerweile wieder salonfähige Idee, Intelligenz
habe was mit Rassen zu tun, die angeblich heutzutage mittels Wissens
über Gene wissenschaftlich sauber bestimmt werden könne, halten die
Kritiker zu Recht für eine Ideologie. Ihr Angriff auf die Biologisierung
von Sozialem bleibt aber nicht dabei stehen, den mit Vorurteilen
gespickten Aufbau der Experimente oder ihre weitreichenden
fehlerhaften Schlüsse aus dem dürftigen Wissen über Gene zu
kritisieren. Ihr "Angriff" auf das falsche Bewusstsein nicht nur in den
Naturwissenschaften, sondern auf das in der Gesellschaft überhaupt, ist
viel fundamentaler. An den Vorurteilen kritisieren sie nicht die falschen
Urteile, sondern behaupten glatt, das Urteilen selber, sich über
irgendeine Sache sicher zu sein, sei das zentrale Problem. Es wird
"dekonstruiert", was das Zeug hält. Keine Vorstellung hat Bestand, kein
Faktum kann als gegeben unterstellt werden. Den Skeptizismus, das
prinzipielle Zweifeln an allem, halten sie für ein wissenschaftlich
aufklärerisches Programm 1.

Dagegen ist für diejenigen, die tatsächlich noch was ändern wollen,
festzuhalten: Handeln, das nicht auf Wissen beruht, führt bestenfalls zu
nichts. Wenn eine größere Brücke gebaut werden soll und kein Wissen
von den Gesetzen der Statik vorhanden ist, dann setzen sich die
Naturgesetze gegen die Brückenbauer durch - die Brücke bricht
zusammen. Gleiches gilt für politisches Handeln. Wer keinen Begriff
von „Rechtsextremismus“ hat, die Gedanken von Faschist*innen
gründlich analysiert hat und deswegen um deren gesellschaftliche
Grundlagen weiß, wird höchstens Symptome bekämpfen, aber eben
keinen Beitrag dazu leisten, den Scheiß aufzuhalten. Und wer gleich
meint, dass man politisches Handeln sein lassen sollte von wegen alles
ungewiss, der wird weiterhin zugucken müssen, wie Staat und Kapital
ihre Zwecke durchsetzen.

Bürgerliche Wissenschaft - bescheiden und entschieden für die
Herrschaft

Bei all dem Infragestellen ihrer Ergebnisse schreiben sich die
Geisteswissenschaftler in der Regel trotzdem zu, dass sie "näher an der
Wahrheit dran sind" als alle anderen, die sich nicht so intensiv mit
ihren Gegenständen beschäftigen. Trotzdem machen die
gesellschaftlichen Regeln andere: die Politik. Da fällt schon auf, dass
diese gar nicht damit zögert, praktische Konsequenzen aus ihren
Überlegungen zu ziehen.

Offenbar gelten für Wissenschaft und Politik zwei unterschiedliche
Maßstäbe: Die einen suchen die Wahrheit, ohne sich anzumaßen,
Ergebnisse als richtig anzuerkennen und damit Konsequenzen
einzufordern. Die anderen handeln und ziehen Konsequenzen, ohne die
Wahrheit wissen zu müssen. Wenn ein*e Kanzler*in seine*ihre
Einschätzung der Lage und die daraus folgenden politischen
Konsequenzen mit einem "ich meine" einleitet, hat die Meinung auch
eine ganz andere Bedeutung. Da gibt jemand, mit exekutiven
Vollmachten ausgestattet, allen anderen die neue Linie vor, entlang
derer sie ihre Einwände und Wünsche vortragen müssen, wenn sie noch
irgendwie berücksichtigt werden wollen - von Bescheidenheit also
keine Spur.

Indem man in den Geisteswissenschaften die Praxis des Relativismus
pflegt, bejaht man dieses Verhältnis. Für die meisten
Wissenschaftler*innen ist dieses Verhältnis auch schlicht der Grund
ihres Relativismus. Sie sind bescheiden, weil sie diese Arbeitsteilung der
demokratischen Herrschaft gut finden. Die Wissenschaftler*innen
schreiben weiter ihre Kritiken und (de-)konstruktiven Vorschläge im so
genannten Elfenbeinturm getrennt von der Politik oder auf Einladung
der Politik in Expert*innenkommissionen. Die Politik sucht sich dann
die wissenschaftlichen "Ergebnisse" heraus, von denen sie glaubt, dass
sie den Standort voranbringen. Und so produzieren die Demokratien
ihre armen Leute und Kriege, aber das ist ja verzeihlich - schließlich
kann auch ein*e Politiker*in nicht alles wissen...

In eigener Sache

Jimmy Boyle hat die Wahrheit leider auch nicht gepachtet. Aber das,
was in diesem oder anderen Flugblättern zu Uni, Sozialstaat,
Lohnarbeit, Krieg usw. steht, halten wir durchaus für richtig. Zumindest
hat uns bislang noch niemand einsichtige Gegenargumente vorgelegt.
Wenn wir also bei einem Thema auf dem Holzweg sein sollten, hoffen
wir natürlich immer darauf, dass irgendjemand uns von ihm abbringt,
durch die Kritik. Ansonsten bleiben wir natürlich so unbescheiden und
vertreten unsere Positionen und Argumente in der Hoffnung, dass
andere auch keine Lust aufDemut, sondern Interesse an der Erklärung
und Abschaffung von Armut und sonstigem Elend haben.

Fußnoten

1 Diese linke Wissenschaftsgeschichte ist ihren Verfechter*innen
durchaus bekannt: Hartmut Winkler referiert in seinem Buch über
Diskursökonomie sehr gut die Ausgangsfrage und den Weg der Cultural
Studies: 1. Sich wundern, warum das Volk nicht für linke Ideen offen ist.

2. Meinen, dass es an den verfestigten Grundvorstellungen liegt, die den
Menschen natürlich erscheinen. 3. Dagegen dann Wissenschafts- und
Sprachtheorie betreiben, die zeigen soll, dass jedes Zeichen historischer
Natur ist. F.a.M. 2004, S. 210.
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