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(de) FdA/IFA: gai dao #72 - Warum mir die Gender­Schreibweise nicht gefällt Von: JosefSwoboda

Date Sun, 25 Dec 2016 11:06:22 +0200


Anmerkung: Es ist in der Gai Dào üblich, Personenbezeichnungen mit * zu gendern. Der Autor dieses Artikels hat für die Gai Dào eine Rezension geschrieben und dabei statt der Sternchen-Schreibweise abwechselnd weibliche und männliche Formen verwendet. Dies wurde von Menschen aus der Redaktion jedoch kritisiert. Daraus entstand eine Diskussion, zu der der folgende Text ein Beitrag ist. ---- Ziel unserer Bemühungen in Bezug auf die Geschlechterfrage sollte es sein, dass das Geschlecht bzw. die sexuelle Orientierung einer Person für deren gesellschaftliche Rolle komplett irrelevant wird. Dass man also nicht länger zuerst als Frau, Mann, Lesbe usw. wahrgenommen, in bestimmte Schubladen gesteckt und dadurch in seinen Handlungsmöglichkeiten festgelegt und eingeschränkt wird. So würde wirkliche Individualität überhaupt erst ermöglicht.

Wenn man die heutige Situation mit der vor 50 oder 100 Jahren
vergleicht, sind die westlichen Gesellschaften diesem Ziel schon ein
Stück näher gekommen - wenn es auch noch lange nicht erreicht ist.
Wahrscheinlich kann es auch ohne die Überwindung des Kapitalismus
und der Herrschaft allgemein gar nicht erreicht werden. Jedenfalls
scheint mir die in der Gai Dào und in anderen Szenepublikationen
verwendete Gender-Schreibweise kein sinnvolles Mittel zu sein, um
diesem Ziel - der Überwindung von Einschränkungen der individuellen
Handlungsmöglichkeiten aufgrund des Geschlechts - näher zu
kommen.

Verewigung von Identitäten

Erstens missfällt mir an der Gender-Schreibweise, dass sie
geschlechtliche Identitäten betont und hervorhebt, was deren
Überwindung entgegen zu wirken scheint. In bestimmten Kontexten
kann eine solche Hervorhebung sinnvoll sein. Wenn z.B. eine
Wissenschaftlerin in einem Krankenhaus einen Vortrag hält und diesen
mit "liebe Ärztinnen und Ärzte" beginnt, so stellt sie damit klar, dass in
einem in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch als "männlich"
gesehenen Berufsstand auch viele Frauen arbeiten und dass sie sich
selbstverständlich an alle Anwesenden wendet. Wenn sie aber nun im
weiteren Fortgang ihrer Rede bei jeder Erwähnung der
Berufsbezeichnung durch entsprechende Gender-Formulierungen
herausstellt, dass es davon männliche und weibliche Vertreter und auch
solche gibt, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, dann kippt die
anfängliche Intention ins Gegenteil. In dem Vortrag geht es ja um
medizinische Fachfragen, für die das Geschlecht überhaupt keine Rolle
spielt. Anstatt zur Abschaffung trägt man so eher zur
Aufrechterhaltung der Geschlechterdifferenz bei. Noch deutlicher wird
diese Tendenz bei in letzter Zeit modischen Begriffen wie "FLTI" oder
"LGBT". Für letztere - "lesbians, gays, bisexuals, transgender" - gab es
früher das schöne Wort "queer": Hier war jeder angesprochen, der, aus
welchen Gründen auch immer, nicht in das vorherrschende
heterosexuelle Raster passte. Aus irgendwelchen Gründen wurde diese
Bezeichnung aber durch dieses sperrige Kürzel ersetzt, welches
anscheinend sicher stellen soll, dass jede Sonderidentität auch als solche
gewürdigt wird. Anstatt der Abschaffung des Schubladendenkens
haben wir es hier also mit einer Multiplikation der Schubladen zu tun!

Bürokratismus

Zweitens erinnern mich Texte mit Gender-Schreibweise immer ein
wenig an Formulare, wie man sie auf Ämtern bekommt. Das Gendern
verkompliziert die Formulierung, ist im Schriftbild unschön und in der
gesprochenen Sprache holprig. Um zuverlässig auszuschließen, dass
sich an irgendeiner Stelle jemand ausgeschlossen fühlt, wird auf
Flüssigkeit und sprachliche Eleganz verzichtet. Bürokratische Texte vom
Jobcenter, der Krankenkasse etc. sind so formuliert, damit spitzfindige
Advokaten in ihnen keine Lücken entdecken, durch die sie die Intention
des Textes aushebeln und Vorteile für ihren Mandanten herausschlagen
können. Ich denke, unsere Vorstellung von Emanzipation sollte nicht die
der Rechtsanwälte sein. Lasst uns andere Wege finden, um klar zu
machen, dass wir niemanden aufgrund des Geschlechts ausschließen
oder diskriminieren wollen.

Vereinheitlichung und Anti-Individualismus

Wenn das Gendern in einer Zeitschrift zur verbindlichen Norm erhoben
wird, werden dadurch alle Texte in gewisser Weise stilistisch
vereinheitlicht. Die Autorinnen und Autoren müssen sich dieser Regel
unterordnen und ihr gegebenenfalls einen Teil ihrer individuellen
Ausdrucksweise opfern. Ich finde, dass eine solche Vorgehensweise dem
Geist einer anarchistischen Zeitung widerspricht. Es sollten
verschiedene sprachliche Umgangsweisen mit dem Geschlechter-
Problem zugelassen werden und man sollte Beiträge eher danach
beurteilen, ob sie inhaltlich der Befreiung des Individuums von aller
geschlechtlichen und sonstigen Beschränkung dienlich sind oder nicht.

Was nun?

Wodurch soll aber die Gender-Schreibweise ersetzt werden? Tja, so
genau weiß ich das auch nicht. Im Prinzip finde ich es gut, dass es eine
allgemeine, geschlechtsneutrale Form gibt, die man verwenden kann,
wenn das Geschlecht in dem betreffenden Kontext nicht relevant ist.
Nur dummerweise ist diese allgemeine Form im Deutschen zugleich die
männliche. Ich habe keinen guten Vorschlag, wie man mit diesem
Problem umgehen soll. In meinen eigenen Texten verwende ich
normalerweise die männliche/allgemeine Form, darauf hoffend, dass es
der Leserin durch den Kontext klar wird, dass hier Frauen und
geschlechtlich nicht festgelegte Leute mit gemeint sind. Manchmal
streue ich weibliche Formen ein, z.B. bei Aufzählungen: "Die Bewegung
setzt sich aus Arbeiterinnen und Bauern, Schülern und Studentinnen
zusammen". Wirklich abwechselnd weibliche und männliche Formen zu
verwenden, wie ich es in der Crimethinc-Rezension gemacht habe, ist
im Grunde auch schon wieder zu pedantisch und umständlich. Ich habe
dies als Annäherung an eure Gender-Schreibweise so gemacht, in der
Hoffnung, dass der Artikel unbeanstandet durchgeht. Es war ein fauler
Kompromiss, der viele der von mir oben ausgeführten Mängel teilt und
den ihr natürlich sofort erkannt und beanstandet habt.

Letztendlich ist die Überwindung der vorherrschenden
Geschlechterkategorien nicht primär eine sprachliche, sondern vor
allem eine praktische Frage. Es braucht eine allgemeine
gesellschaftliche Umwälzung, in der sich, zugleich mit allen anderen
menschlichen Beziehungen, auch die Verhältnisse der Geschlechter
freier und vernünftiger gestalten werden. Im Zuge dieser Umwälzung
werden sicher auch neue sprachliche Ausdrucksformen entstehen, die
den neuen Verhältnissen angemessen sein werden. Solange es diese
Umwälzung oder auch nur eine ernsthafte Bewegung zu ihrer
Vorbereitung nicht gibt, bleibt uns wahrscheinlich nur die Wahl, einen
Knoten in die Zunge zu bekommen oder sich den Vorwurf gefallen zu
lassen, ein wenig patriarchal daher zu reden. Angesichts dieses
Dilemmas werbe ich für etwas mehr Toleranz und spreche mich
dagegen aus, allgemein verbindliche Sprachregelungen aufzustellen.
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